Der namenlose Tag von Friedrich Ani

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 bei Suhrkamp.
Folge 1 der Jakob-Franck-Serie.

  • Berlin: Suhrkamp, 2015. 301 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Osterwold, 2015. Gesprochen von Udo Wachtveitl . ungekürzte Lesung. ISBN: 3869522917.

'Der namenlose Tag' ist erschienen als HörbuchE-Book

In Kürze:

Kommissar Franck: der unkonventionelle Ermittler der neuen Reihe von Friedrich Ani Kriminalhauptkommissar Jakob Franck ist seit zwei Monaten im Ruhestand und glaubt nun, ein Leben jenseits der Toten beginnen zu können. Vor zwanzig Jahren hatte er sieben Stunden, ohne ein Wort zu sagen, der Mutter einer toten Siebzehnjährigen beigestanden. Jetzt wird der Kommissar von dieser Konstellation eingeholt: Ludwig Winther tritt mit ihm in Kontakt; er ist der Vater des jungen Mädchens und Ehemann jener Frau, der Franck so viel Aufmerksamkeit widmete. Zwanzig Jahre sind vergangen, und der Vater glaubt noch immer nicht an den – laut polizeilichem Untersuchungsergebnis eindeutig feststehenden – Selbstmord der Tochter durch Erhängen: Seiner Meinung nach kann es sich nur um Mord handeln. Ex-Kommissar Jakob Franck macht sich also daran, die näheren Umstände ihres Todes aufzuklären, »einen toten Fall zum Leben zu erwecken«. Jakob Franck folgt dabei seiner ureigenen Methode, der »Gedankenfühligkeit«.Diese ist unnachahmlich und unübertroffen bei der Lösung der kompliziertesten und überraschendsten Fälle. Mit diesem Roman startet eine Reihe um Ex-Kommissar Jakob Franck. Friedrich Ani und seine Kunst der Konstruktion gewöhnlich-außergewöhnlicher Kriminalistikrätsel; Friedrich Ani und seine Sprache, die vom Tod auf das Leben melancholisch gelöste Perspektiven wirft – Friedrich Ani und seine Kunst erreichen in seinem neuen Roman unvorhersehbare Dimensionen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Serienstart mit einem Kommissar im Ruhestand« 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Etliche Jahre verbrachte Jakob Franck damit, Angehörigen die schreckliche Mitteilung über den Tod eines geliebten Menschen zu überbringen. In aller Regel waren es gewaltsame Fälle, deren Opfer ihn noch heute heimsuchen. Zwei Monate nach seinem Ruhestand erhält er überraschend Besuch von Ludwig Winther, dessen siebzehnjährige Tochter Esther vor rund zwanzig Jahren aus dem Leben schied. Sie erhängte sich in einem Park, alles sprach für einen Suizid und so wurde der Fall schnell zu den Akten gelegt. Winther glaubt, dass seine Tochter ermordet wurde und zwar von einem Nachbarn, dem Zahnarzt Dr. Paul Jordan, der dafür bekannt war, dass er jüngeren Frauen nachstellte. Dieser taucht in den alten polizeilichen Unterlagen nicht auf, aber Francks Neugier ist geweckt und so verspricht er, sich eine Woche lang den Fall näher anzusehen. Dabei stößt Franck auf verstörende Hinweise, denn Winthers Frau Doris brachte sich nur ein Jahr nach dem Tod ihrer Tochter um, in dem sie sich ebenfalls erhängte. Zudem gab es damals Gerüchte, Winther selbst habe ich seiner Tochter unsittlich genähert …

Eigenwilliger, mitunter etwas sperriger Erzählstil

Zunächst liest sich alles nach einem normalen Fall. Ein Selbstmord, an dem es kaum einen Zweifel geben kann. Doch die Fragen stehen im Raum: Warum sollte sich ein siebzehnjähriges Mädchen, dass sein Leben noch vor sich hat, umbringen? Was ist dran an dem Gerücht, dass sich ihr eigener Vater an ihr vergangen hat? War dies womöglich das Motiv für den Selbstmord der Mutter nur ein Jahr später? Welche Rolle spielt der Zahnarzt, der trotz seiner Neigung für jugendliche Mädchen, einen guten Ruf genießt? Und wer ist das kleine Kind, das sich zu Beginn des Romans hinter einem Sofa versteckt und dabei indirekt erleben muss, wie der Vater die Mutter tötet?

Methode der »Gedankenfühligkeit«

Zudem ist man natürlich gespannt wie sich der neue Protagonist, der Ex-Kommissar Jakob Franck, einführen wird? Schließlich hätte Erfolgsautor Friedrich Ani ja auf Nummer sicher gehen und Tabor Süden erneut ins Rennen schicken können. Die neue Hauptfigur ist ein melancholischer Held. Seit vielen Jahren von seiner Ex-Frau getrennt, lebt er allein und erhält immer wieder ungebetenen Besuch von den zahlreichen Toten, die seinen beruflichen Lebensweg bestimmten. Zudem folgt er der Methode der »Gedankenfühligkeit«, die ebenso irritiert wie mitunter die Sprache des Autors. Wer einen Krimi mit hohem Tempo lesen möchte ist hier gänzlich falsch. Man möchte nicht unbedingt bis tief in die Nacht weiterlesen, eher das Buch mal zur Seite legen, um das Gelesene zu verarbeiten. Anis Sprache ist sehr eigen und teilweise sperrig, aber gleichwohl ein Erlebnis, sofern man sich darauf einlässt. Aber das war schon immer Anis Markenzeichen: Eine Sprache, die sich nur schwer beschreiben lässt und teils verwinkelt daher kommt.

»Was fängst du jetzt mit dem Namen Jordan an?«
»Ich werde mit dem Mann reden.«
»Kann ich dir sagen, wie es ausgeht.«
»Das weiß ich auch, ich will vorher noch ein paar andere Leute befragen.«
»Hast du sonst nichts zu tun? Was treibst du den ganzen Tag? Du siehst blass aus, und mager. Irgendwelche weiblichen Lichtblicke am Horizont?«
»Dieser Fall beschäftigt mich Tag und Nacht.«
»Hast du Alzheimer? Du bist pensioniert...«

In Der namenlose Tag werden mehrere Personen befragt und so findet Franck letztlich heraus, wie es zu Esthers Tod kommen konnte. Bis es soweit ist, werden, ähnlich dem Häuten einer Zwiebel, Schicht um Schicht freigelegt und dabei der Mikrokosmos der Familie Winther schonungslos offengelegt. So wollte Ludwig Winther, der eine schwere Kindheit in einer kleinbürgerlichen Familie hatte, sicherstellen, dass es seiner Tochter einmal besser gehen würde. Doch in seinem engstirnigen Familienbild gefangen, erkannte er nicht, dass Esther eigene Freiheiten genießen wollte. Unterdessen glaubte seine Frau ihrer Tochter unbesehen, dass ihr Vater ihr nachstellte und verzog sich in ihre eigene Gedankenwelt mit verheerendem Ausgang.

Am Ende wird klar, dass man einfach mal offen miteinander hätte reden müssen. So lebt jeder in seinem Irrglauben und wird Opfer des eigenen Schweigens. Bei Der namenlose Tag kommen alle Ani-Fans auf ihre Kosten und dürfen auf den neuen Ermittler gespannt sein. Als Einstieg in Anis Romane wäre aber wohl ein Fall aus der Süden-Reihe vorzuziehen.

Jörg Kijanski, August 2015

Ihre Meinung zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag«

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Peter Faesi zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 27.09.2017
Dass der Ermittler Jakob Franck, der in diesem Roman seinen ersten Fall löst, einsam, verbittert, depressiv und selbstmitleidig ist, mag noch angehen. Dass alle Figuren in diesem Roman, insbesondere das Opfer, unsympathisch, gestört und abweisend sind, kann man auch noch hinnehmen. Dass aber ein Hauptverdächtiger erst auf Seite 262 auftaucht, das geht gar nicht. Und dass alle Beteiligten sich in Schuldgefühlen suhlen, bedeutet eine geradezu ekelerregende Übersättigung des bedauernswerten Lesers, der bis zum Schluss durchhält, wo sich das Ganze mehr oder weniger als Hornberger Schiessen erweist. Einigermassen Glück hat, er die Seiten 137 bis 161 übersprungen hat: So viel sentimentaler Kitsch verstärkt die Übelkeit, die der Roman hervorruft.
Angelo zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 04.04.2017
Nun gut, ein Springinsfeld und Sonnenschein ist der neue Kommissar von Anis Gnaden wirklich nicht. Und es stimmt, was CC hier weiter vorne schreibt: Das ist eigentlich ebenso wenig Krimi wie die Tabor Süden-, Fischer- und Vogel-Reihen. Ich habe das alles gelesen.
Und bin nicht satt. Und der Franck ist düster, melancholisch und "gedankenfühlig" und verschwurbelt in seinen exzessiven Gedankengängen. Ich mag Ani, mich fesseln seine atmosphärisch dichten Szenarien, die oft mehr Sozialstudien denn Krimis im üblichen Sinn sind. Auch für Neueinsteiger zu empfehlen!
kritikaster zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 25.09.2016
es ist mir vollkommen schleierhaft, dass anis romane ein solcher kommerzieller erfolg sind. ein meister der sprache ist er wirklich nicht und einen überzeugenden plot bringt er auch nicht zustande.sein neuer exkommissar franck ist eine ebenso traurige figur wie nahezu alle protagonisten in diesem möchtegernpsychothriller. für die hauptfigur esther kann ich überhaupt keine sympathie aufbringen und ich glaube, das will der autor auch nicht. sie ist eine durch und durch selbstsüchtige unreife person, die offenbar nur ihre eigenen wünsche gelten lässt und eltern, freunde und den elfjährigen patrick gnadenlos manipuliert. den eigenen vater des missbrauchs zu beschuldigen, nur weil er ihre konsumwünsche nicht erfüllt, dazu gehört schon eine ganze menge krimineller energie. eam schluss des romans dachte ich: geschah ihr ganz recht!
ani hält sich wohl für ingmar bergmann, gehört aber eher in die kategorie gehobener loreroman.
allerhöchstens 10 punkte, davon 9 für den vorleser wachtveitl
Mara Schroer zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 18.05.2016
Noch nie hatte ich einen Krimi von Friedrich Ani in meiner Hand.
"DER NAMENLOSE TAG" ist ein Geschenk einer Bekannten, ich war gespannt, weil der Klappentext mein Interesse geweckt hatte.
Aber- bei jeder weiteren Seite wurde meine Enttäuschung immer größer, denn selten habe ich ein langweiligeres Buch gelesen.
Eine zähe und unglaubwürdige Handlung!
Friedrich Ani werde ich in Zukunft meiden.
Mag. Eva Wawrik zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 09.02.2016
Als begeisterte Leserin von Krimis wollte ich gerne einen neuen Ermittler und seine Fälle kennenlernen. Doch Jakob Franck ist eine traurige Figur so wie das restliche Sammelsurium von melancholischen bis depressiven Gestalten, die den "Namenlosen Tag" bevölkern. Der Text ist stellenweise sprachlich holprig(z.B. "Spaßsachen" S.199, "Hören Sie auf, Ihr inneres Gebaren für sich zu behalten,.." S.208, "..die Vorstellungen passten nicht immer mit der Wirklichkeit überein" S.261). Auch Unebenheiten im Aufbau gibt es, z.B.Zuerst im Gespräch mit einem Ermittlerkollegen sagt Franck."Du bist .nicht mehr zuständig" Darauf folgt im letzten Absatz dieses Kapitels ohne Überleitung oder Erklärung: "Erklären Sie mir, wieso ich nicht im Zimmer geblieben bin..." S.279. Beim Weiterlesen merkt man dann, dass dieser Absatz in das nächste Kapitel (S.280) passen würde. Wurde da am Lektor gespart? Ani kann Julian Barnes wirklich nicht das Wasser reichen!
puansetija zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 09.02.2016
Kopfkino a la Bergman

wer nichts mit Ingmar Bergmans psychologischen Dramen auf der Leinwand anfangen konnte, sollte wohl auch dieses Buch nicht lesen. Keine leichte Kost, dennn hier hat man keine andere Wahl als viel nachdenken sowie sich erinnern müssen, und diese Gedanken sind nicht gerade leicht. Aber am Ende doch irgendwie verklärend.
Meine erste Bekannschaft mit diesem bildermächtigen Autor wird bestimmt eine Fortsetzung haben. Das Buch bietet nicht wahnsinnig viel Aktion, die ich auch gar nicht vermisst habe; dafür fand ich das Grüberische sehr glaubwürding und die Atmosphäre samt der inneren Spannung - sehr intensiv. Die zweite Parlelle, die sich anbieten würde: Vom Ebde eines Geschichte, von Julian Barnes. Ebenfalls kein "wirklicher" Krimi, dennoch ein starkes Buch.
frankiefuerther zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 29.10.2015
Erster Band einer neuen Reihe um den Ex-Kommissar Jakob Franck. Die Rekonstruktion eines zwanzig Jahre alten Suizidfalles kommt psychologisch und behutsam daher, wird für meinen Geschmack im weiteren Verlauf zunehmend zäher - als gäbe die Geschichte nicht mehr her. Mich erinnert die Atmosphäre dieses Buchs an die tristen, grauen, nasskalten und stummen November-Sonntag-Nachmittage meiner Kindheit. Oder an Episoden des "Kommissars". Sprachlich elaboriert, aber bleischwer und sehr deutsch. Ich kann den Hype (KrimiZeit-Bestenliste, Platz 1) nicht nachvollziehen. Für mich lauwarme Kost.
gerneleserin zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 26.09.2015
Die Auflösung des Falles ist so erstaunlich nicht, jedoch gewinnen die Figuren keine Kontur, keine Persönlichkeit. Alle reden ungefähr gleich flappsig - ob Vater, intelektuellere Schwägerin oder zur Journalisten gewordene Schulfreundin. Die Dialoge wirken nicht, als ob sie gesprochen wären. Ausserdem ergibt die Doppelung der Kindheitserfahrung des Kommissars zum Schulfeund des Opfers mehr Fragezeichen als Erklärung, wahrscheinlich so gewollt, um etwas Mysterie reinzumischen. Mich hat der Roman sehr enttäuscht. Aber ich keine Ani und auch keine Krimi-Leserin.
1 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
CC zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 02.09.2015
Noch weniger Krimi, als mit Süden, Fischer, oder Vogel.

Mehr Aufreihung düsterer Psychogramme defekter Figuren, als klassischer Krimi, dennoch lesenswert.
Vielleicht die Quintessenz dessen, was Anierzählen will.
Die Hörfassung mit Wachtveitl als Leser ist besonders beeindruckend, transportiert gut die zugrundeliegende und notwendige Regionalität.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
subechto zu »Friedrich Ani: Der namenlose Tag« 30.08.2015
Anspruchsvoll langweilig

Um es gleich vorwegzunehmen, die „Tabor Süden“-Reihe von Friedrich Ani hatte ich nicht gelesen. Der Start einer Krimi-Reihe mit neuem Ermittler, wäre daher ideal für Neueinsteiger, dachte ich. Doch „Der namenlose Tag“ konnte meine Erwartungen hinsichtlich eines spannenden literarischen Krimis nicht erfüllen. Worum geht es?
Ex-Kommissar Jakob Franck ist seit zwei Monaten im Ruhestand, geschieden, rat- und ruhelos. Die alten Fälle nehmen in Francks Wohnzimmer Gestalt an. Als Gespenster kehren die Toten von früher wieder, machen es sich an Francks Esstisch bequem und werden von ihm mit Keksen bewirtet, während er ihren Gesprächen lauscht.
Ein skurriler Auftakt für einen Roman, dessen Krimihandlung seinen Lauf nimmt, als es an Francks Tür klingelt. Ein weiteres Gespenst, das Einlass begehrt: Ludwig Winther. Kein Toter, aber seit mehr als zwanzig Jahren aus Francks Leben verschwunden. Damals hatten sich zunächst Winthers siebzehnjährige Tochter Esther und ein Jahr später seine Ehefrau das Leben genommen.
Winther glaubt noch immer nicht an Selbstmord und bittet Franck nachzuforschen…
Schon nach dem 1. Kapitel war ich versucht, das Buch abzubrechen. Denn Friedrich Ani zelebriert über einen Großteil des Textes einen verschrobenen, altmodischen (bayerischen?) Schreibstil.
Auch verliert sich der Autor in langatmigen Erzählungen, in Satzkonstruktionen, die in ihrer Komplexität nerven und in Darstellungen, die zum mehrfachen, genauen Lesen zwingen - ohne dass letztendlich eine brauchbare Information heraus gefiltert werden kann.
Also habe ich nach etwa 50 Seiten aufgegeben. Spannend ist anders, sorry.

Fazit: So gar nicht meins, schade…
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

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