Das Netz von Fredrik T. Olsson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Ett vakande öga, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Piper.
Folge 1 der William-Sandberg-Serie.

  • Stockholm: Wahlström & Widstrand, 20016 unter dem Titel Ett vakande öga. 672 Seiten.
  • München: Piper, 2016. Übersetzt von Kerstin Schöps, Annika Ernst. ISBN: 978-3-492-05748-6. 672 Seiten.

'Das Netz' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Blackout, eine ganze Nacht steht in Stockholm alles still. Es herrschen Dunkelheit und Chaos. Die Regierung macht den Cyber-Experten William Sandberg dafür verantwortlich und nimmt ihn fest. Aber William ist ein gebrochener Mann: Seine Tochter ist spurlos verschwunden, und seine obsessive Suche nach ihr droht seine Ehe zu zerstören. Kurz vor dem Blackout erhielt er die mysteriöse E-Mail eines Unbekannten William begreift sofort, dass er fliehen und den Absender dieser Nachricht finden muss, um seine Unschuld zu beweisen. Doch sein Gegner scheint ihm immer einen Schritt voraus …

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Kryptologe und die neuronalen Verknüpfungen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

William Sandberg hat viele Jahre als führender Kryptologe bei der schwedischen Armee gearbeitet. Als er jetzt eine mysteriöse Nachricht zu einem Treffen mit einem Unbekannten am Bahnhof von Stockholm bekommt, behält er das für sich. Die Aktion geht allerdings völlig schief, statt des Absenders der Nachricht tauchen Sicherheitskräfte auf und wollen William verhaften. Sandberg wird nach einem vergeblichen Fluchtversuch verhört – als plötzlich in weiten Teilen von Schweden der Strom ausfällt. Polizei, Armee und Geheimdienst sind in höchstem Maße alarmiert.

William kann die Fragen der Geheimdienstler, unter ihnen auch eine Engländerin, nicht beantworten. Während in Schweden das Verhör stattfindet, wird in Polen nach einem verschwundenen Wissenschaftler gesucht. William wird in die komplizierten Ermittlungen eingebunden, aber es dauert lange, bis er die verwirrenden Rätsel schrittweise entflechten kann. Der Weg führt ihn schließlich nach Polen, wo er bei einem Kongreß weitere Beteiligte kennengelernt hatte. Bis zur unglaublichen Lösung des Problems mit dem Stromausfall sterben einige Menschen – und auch William gerät in Lebensgefahr.

Der Plot und die überraschende Auflösung sind überaus gelungen

Frederik T. Olsson hat mich schon mit seinem ersten Thriller Der Code begeistert – und mit seinem zweiten Roman ist ihm das ebenfalls gelungen. Der Autor hat einen fesselnden Plot entwickelt, und erzählt seine spannende Geschichte auf durchaus ungewöhnliche, aber dennoch gut lesbare Weise. Cliffhanger, Perspektivwechsel mitten im Kapitel – man muss schon sehr aufmerksam lesen und mitdenken, um der rasanten Entwicklung folgen zu können. Olsson lässt den Leser bei einigen Dingen lange rätseln – etwa bei dem unbekannten Mann aus dem dramatischen Prolog, dessen Identität erst spät komplett enthüllt wird.

Aber das macht in meinen Augen einen guten Thriller auch aus, und der Autor versteht es wirklich, mit seiner zunächst äußerst verwirrenden Geschichte zu fesseln. Über den Realitätsgehalt muss sich jeder eine eigene Meinung bilden. Ich finde den gesamten Plot und auch die für viele Leser sicher mehr als überraschende Auflösung überaus gelungen – und nicht so unrealistisch, wie wohl viele Mitleser. Um nicht zu viel zu verraten, kann ich darauf nicht näher eingehen, aber wer sich mal intensiv mit den wissenschaftlichen Hintergründen befasst, wird überraschende Theorien dazu finden. Und in Filmen hat es solche steilen Thesen schon öfter gegeben – wahrscheinlich auch in Büchern.

Wendungen und immer neue Figuren sorgen für Dynamik

Wer schon den ersten Roman um William Sandberg gelesen hat, kennt ihn schon als nachdenkliche, eigenbrötlerische Figur. In der Besprechung zu Der Code habe ich geschrieben, Sandberg erscheine eher lebensuntüchtig – diesen Eindruck erweckt der Autor auch im neuen Roman von seiner Hauptfigur. Sandbergs Trennung von seiner Frau und die Drogensucht seiner obdachlosen Tochter machen ihm schwer zu schaffen – und beides spielt auch eine wichtige Rolle für diese Geschichte. Christina Sandberg stellt als Journalistin natürlich eigene Ermittlungen an – zuweilen in eine scheinbar skurrile Richtung. Aber diese Passagen sollte man aufmerksam lesen.

Olsson entwickelt seine Geschichte in aller Ruhe, streut nur ab und zu etwas Action ein. Dafür sind die größeren Zusammenhänge, die er darstellt, überaus faszinierend. Die Wendungen und immer mal wieder neuen Figuren sorgen für Dynamik. Dennoch sind über 650 Seiten ein dicker Brocken – 100 Seiten weniger hätten es auch getan, und der Geschichte nichts genommen. Manche ausschweifende Beschreibung ist verzichtbar, aber das schmälert meine Bewertung nicht, der eine oder andere Leser wird das ohnehin anders sehen.

Eine perfekte Mischung aus Techno- und Polit-Thriller

Es geht um ungewöhnliches menschliches Verhalten in diesem Roman, um Sicherung des Wohlstands, um Hegemonie, und um vieles mehr. Und es geht um die noch zu definierende Rolle der künstlichen Intelligenz in der Gesellschaft der Zukunft – soviel sei hier dann doch verraten. Das ebenso dramatische wie drastische Ende wird so manchen Leser vielleicht etwas verstören oder irritieren, aber ich fand es der gesamten Geschichte angemessen.

Nachdenklich macht dieser Roman auf jeden Fall, und es lohnt sich, zu dem Thema dann mal selbst weiter zu recherchieren. Das Buch ist eine in meinen Augen perfekte Mischung aus Techno- und Polit-Thriller. Gut zu lesen, fesselnd, mit einer interessanten Haupt- und passenden Nebenfiguren. Olsson festigt damit in meinen Augen seinen Platz in der Riege der beachtenswerten Thriller-Autoren.

Andreas Kurth, Dezember 2016

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BELSL zu »Fredrik T. Olsson: Das Netz« 27.05.2016
Noch nie war ich mir so unschlüssig bei der Bewertung eines Buches.
Olsson neuestes Buch hat sehr gute Passagen, sehr lebendige Schilderungen der Protagonisten und es ist teilweise sehr spannend wenn es auch für mein Empfinden Längen hat, einige Verfolgungsjagden hätte der Autor sich sparen können, an anderer Stelle hingegen hätte ich mir mehr Details gewünscht. Und Olsson besitzt eine unglaubliche Phantasie.

Ich könnte auf viel mehr noch eingehen, aber das würde den anderen Lesern die Spannung nehmen, die Grundidee hätte sorgfältiger ausgeführt werden müssen, aus ihr hätte man viel mehr machen können und so ist das Resultat ein Spannungsroman mit einigen Längen. Schade.
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