Fliehe weit und schnell von Fred Vargas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Pars vite et reviens tard, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Aufbau.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1990 - 2009.
Folge 4 der Kommissar-Adamsberg-Serie.

  • Paris: Viviane Hamy, 2001 unter dem Titel Pars vite et reviens tard. 399 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2003. Übersetzt von Tobias Scheffel. ISBN: 3-351-02970-5. 399 Seiten.

'Fliehe weit und schnell' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Die Pest in Paris! Das Gerücht hält die Stadt in Atem, seit auf immer mehr Wohnungstüren über Nacht eine seitenverkehrte 4 erscheint und morgens ein Toter auf der Straße liegt – schwarz. Kommissar Adamsberg sitzt in einer kleinen Brasserie in Montparnasse. Im Kopf hat er eine rätselhafte lateinische Formel, die auf jenen Türen stand – und vor sich, am Metroausgang, einen bretonischen Seemann, der anonyme Annoncen verliest. Auch lateinische darunter. Aber wo ist der Zusammenhang zwischen den immer zahlreicheren Toten in der Stadt und den sympathischen kleinen Leuten, die dem Bretonen so gebannt zuhören? Plötzlich hat Adamsberg, der Mann mit der unkontrollierten Phantasie, eine Vision.

Das meint Krimi-Couch.de: »Vargas braucht keinen Vergleich mit großen Namen zu scheuen« 84°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Es dauert eine ganze Weile, bis Fred Vargas zur Sache kommt. Zunächst einmal erzählt sie über den ehemaligen Fischer Joss Le Guern. Nachdem er mit einem maroden Kahn Schiffbruch erlitt, bei dem mehrere Seeleute ums Leben kamen, musste er wegen Körperverletzung für neun Monate ins Gefängnis, weil er seine berechtigte Wut am Reeder ausgelassen hatte. Danach schlug er sich mit verschiedenen Jobs durchs Leben, bis ihm bei einer seiner Sauftouren sein Ururgroßvater erschien, der Nachrichtenausrufer gewesen war. Nach einem längeren fiktiven Dialog mit diesem wurde Joss klar, dass sich auch in der heutigen Zeit mit diesem Beruf durchaus noch Geld verdienen lässt. So stellt er auf einem Platz in Paris einen Kasten auf, in den Nachrichten aller Art zusammen mit fünf Franc eingeworfen werden können. Dreimal täglich verliest Joss dann die Nachrichten. Da werden Katzen zum Verkauf angeboten, Liebesbotschaften übermittelt, Tischlerarbeiten angepriesen, über den Fleischer geschimpft oder was auch immer den Leuten am Herzen liegt. Das Publikum wird gut unterhalten und für Joss springt ein ordentlicher Verdienst dabei heraus.

Seit einiger Zeit hat Joss jedoch einige »spezielle« Nachrichten zu verlesen. Merkwürdige Botschaften, teilweise in altertümlicher Sprache oder mit Latein durchsetzt, die keiner so recht versteht. Nur Joss’ Nachbar Decambrais, den Joss schon in Verdacht hatte, diese Nachrichten selbst zu verbreiten, zeigt sich interessiert daran. Dessen Meinung nach versucht jemand, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Pest wieder in Frankreich Einzug halten wird.

Wiedersehen mit alten Bekannten

Danach lässt die Autorin zwei alte Bekannte miteinander philosophieren. Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg und dessen Mitarbeiter Danglard, die wir bereits aus »Es geht noch eine Zug von der Gare du Nord« kennen. Adamsberg wird von einer Frau aufgesucht, die eine ungewöhnliche Beobachtung gemacht hat: fast alle Türen ihres Hauses sind mit einer seitenverkehrten »4« gekennzeichnet worden. Sie macht sich Sorgen, dass dies ein Verrückter getan haben könnte, der vielleicht zurückkommen wird. Adamsberg misst dem keine große Bedeutung bei und versucht die Frau zu beruhigen. Erst, als nach ein paar Tagen in einem anderen Stadtteil in weiteren Häusern die Türen derart gekennzeichnet werden, wird er hellhörig. Und nun kommen weitere alte Bekannte ins Spiel: die drei Evangelisten, die unter anderem bereits in »Der untröstliche Witwer von Montparnasse« ihren Auftritt hatten, ihres Zeichens Historiker. Von Marc erfährt Adamsberg, dass es sich bei dem Zeichen um ein Abwehrzeichen gegen die Pest handelt. Im Mittelalter malten die Leute dieses Zeichen auf ihre Türen, um von der Krankheit verschont zu bleiben.

Ein Drittel des Buches ist bereits vorüber, als der Krimi endlich an Fahrt gewinnt. Ein Toter wird gefunden in einem Haus, dessen Türen die beschriebene Kennzeichnung aufwiesen. Alle Türen außer der des Opfers. Und der Tote weist schwarze Flecke auf. Die Untersuchung ergibt zwar, dass der Mann erwürgt wurde und die Flecken mit Holzkohle angebracht wurden, doch glaubt die Bevölkerung, was sie glauben will und fürchtet sich vor einer bevorstehenden Pestepidemie.

Von allzu viel Realismus sind die Krimis von Fred Vargas ja gemeinhin nicht geprägt, dafür besitzt die Autorin sehr viel Fantasie und versucht, den gesponnenen Gedanken logisch fortzuführen, was ihr meist auch gut gelingt. Der Plot ist wie immer bis ins kleinste genau konstruiert. Und Adamsberg kennen wir bereits als einen Polizeibeamten, der seine Fälle nicht gerade mit allzu viel Logik löst, sondern völlig unkonventionell und eher durch Intuition. In eine neue Abteilung versetzt hat er jedoch dieses Mal vor allem damit zu tun, sich die Namen seiner Mitarbeiter einzuprägen, was sich so langsam zum »Running Gag« der Story entwickelt. Obwohl er selber private Probleme hat, versucht er die Ruhe und die Übersicht zu behalten, was ihm nicht immer gelingt.

»Die ganze Stadt weiß Bescheid, Kommissar, die Leute haben Schiß, immer mehr Türen tragen eine Vier. Wir wissen nicht mehr, wo uns der Kopf steht.«

»Versuchen Sie nicht mehr, herauszufindet, wo Ihnen der Kopf steht. Lassen Sie sich treiben.«

»Ach so, gut, Kommissar.«

Wie immer leben die Romane von Fred Vargas von den Milieuschilderungen, einem außergewöhnlichen Plot und vor allem von ihren skurrilen Figuren, die sie ausgezeichnet darstellt, und deren verquere Dialoge man gebannt verfolgt. Schräger Humor wechselt mit ernsten Szenen und philosophischen Betrachtungen ab. Auch die historischen Informationen über die Pest waren für mich größtenteils unbekannt. Mit relativ einfachen Mitteln baut die Autorin in der zweiten Hälfte ihres Romans eine kontinuierliche Spannung auf. Dafür sorgt auch schon die Idee, die Menschen mit einer ihrer Urängste zu konfrontieren, nämlich dem Ausbruch einer tödlichen Seuche. Die Auflösung aber ist schließlich viel banaler, als es uns die Autorin zuvor glauben machen wollte.

Vargas schreibt ungewöhnlich, besonders und lässt sich nicht in eine Schublade einordnen

Die Romane der französischen Archäologinin sind sicher nicht leicht zu übersetzen. Daß dies jedoch hervorragend gelungen ist, lässt sich an den deutlichen Formulierungen gut erkennen. Fred Vargas beweist hier wie gewohnt, dass ihre schriftstellerischen Qualitäten keine Vergleiche mit großen Namen zu scheuen brauchen.

Die Werke von Fred Vargas zählen eher zu den besonderen, zu den ungewöhnlichen Krimis und lassen sich nicht in irgendeine Sparte einordnen. Mit »Fliehe weit und schnell« hat sie wieder einen erstklassigen Roman vorgelegt, der gewisse Ähnlichkeiten mit ihrem Buch »Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord« aufweist, diesen aber wegen des komplexeren Aufbaus noch übertrifft.

Das meinen andere:

»Fliehe weit und schnell ist, Genre hin oder her, ein beachtliches Stück Literatur.« (Thomas Wörtche)

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Ilse Haberleitner zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 12.03.2016
Mein erster Vargas-Krimi. Anfangs empfand ich den Roman als mühsam, langweilig, schwerfällig. Die Pest-Idee erschien mir gar so an den Haaren herbeigezogen. Nach etwa 150 Seiten wurde es zunehmend spannender, es kam Action auf und auch der Kommissar und sein Adlatus gewannen meine Sympathie. Es hatte sich gelohnt, das Buch fertig gelesen zu haben, aber weiterempfehlen würde ich es nur mit Einschränkungen. Sicher nicht jedermanns Sache. Trotzdem mindestens noch einen Roman dieser Autorin werde ich versuchen.
jenvo82 zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 20.05.2014
Die Geschichte an sich ist spannend, weil sie die Schrecken einer mittelalterlichen Krankheit als moderne Tötungsmethode thematisiert. Die Umsetzung lässt allerdings zu wünschen übrig: der Schreibstil ist sonderbar fast gewöhnungsbedürftig und der ermittelnde Hauptkommissar eine verschrobene Persönlichkeit mit zahlreichen Macken aber andererseits mit einer schier untrüglichen Intuition. Die ersten zwei Drittel des Buches lesen sich schleppend, man könnte es ebenso gut bei Seite legen. Erst nachdem der mutmaßliche Täter in U-Haft sitzt, kommt Bewegung in die Handlung. Auf wundersame Weise wird es nun doch noch ein guter Kriminalroman, wenn auch kein Meisterwerk. Dies war mein erstes Buch der Autorin, ein zweites werde ich noch lesen, um mir ein genaueres Bild zu machen.
Claudia zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 25.04.2014
Dies war mein erster Fred Vargas-Roman.
Er wird immer und überall nur gelobt. Die Roman-Idee ist toll, das Ende unerwartet. Von daher verdient der Roman eine positive Kritik.
Die Sprache/Übersetzung ist eine Kastastrophe. Schwer zu lesen, vieles wird nicht verdeutlich.
Ob ich noch weitere Roman von Fred Varags lese, ist im Augenblick eher negativ zu beurteilen.
helene zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 27.11.2012
Das erste Mal, dass ich für einen (Kriminal-)roman 100% vergeben habe. Mittlerweile habe ich alle Fred Vargas Romane gelesen aber keiner hat mich so in den Bann gezogen wie dieser und keines ihrer Bücher habe ich so oft empfohlen oder verschenkt.
Fred Vargas ist für mich in diesem Roman auf dem Höhepunkt ihrer Erzählkunst, sie erzeugt magische und zugleich zeitlose Bilder - der Ausrufer ist nur eines davon.
Leider - und diese Bemerkung kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen - verflacht ihre Ikonographie in den letzen beiden Romanen zusehends. Vielleicht sollte sie mal wieder die drei Evangelisten zu Wort kommen lassen, Adamsberg und sind langsam zu klischeehaft.
Volker Busch zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 26.09.2012
In meinen 1. Vargas habe ich mich intensiv einlesen müssen, um die Stimmung und das Flair zu verstehen, die diesen Roman umgeben.
Dann habe ich genossen, Seite um Seite.
Die Dialoge sind herrlich verschroben und pointiert, die Handlung aussergewöhnlich, die handelnden Personen liebenwürdig und wunderlich in ihren Taten zugleich.
Wer sich geduldig in diese Szenerie begibt, wird nicht enttäuscht werden und ein besonderes, ein schönes Buch erleben.
wolf zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 21.09.2012
Zugegeben, Adamsberg und Danglard: Archetypen. Aber auch wieder nicht, jedenfalls nicht als Kriminalkommissare.Die Pest: Satre lässt grüssen. Aber Eben! Zeitlos. Der Ausrufer, Herrrlich!, und alle restlichen Charaktere sind sehr gut durchgezeichnet.Ja, zum Ende wirkt es etwas zusammengeschustert, aber die Verwirrung im Vordergrund schmälert nicht den Genuss des Lesens (und nicht das Motiv des Täters).
Wunderbar finde ich auch die Durchmischung oder Widerkehr anderer Figuren aus vorangegangenen Geschichten.Mein zweiter Roman von Madame, aber ich bin Ihr verfallen.
PS.: ich hoffe, Christiane34 wohnt weit weg von mir.
Amica65 zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 11.06.2012
‚Fliehe weit und schnell‘ war der erste Roman, den ich von Fred Vargas gelesen habe.
Ich war von Anfang an fasziniert von der wunderbar poetischen Sprache, der unerschöpflichen Phantasie der Autorin, dem Fundus an Skurrilitäten, den verschrobenen aber immer liebenswert gezeichneten Charakteren und nicht zuletzt dem Humor, der oft in den schrägen Dialogen aufblitzt.
Allen Voran Kommissar Adamsberg, ein egozentrischer Kauz, der anstatt logisch und nüchtern eher intuitiv, leidenschaftlich und aus dem Bauch ermittelt.
Originell fand ich die Idee, die Infektion mit einer tödlichen Seuche aus dem Mittelalter, also die Pest, ins Paris des 21. Jahrhundert zu transportieren und damit auch die einhergehende Panik und die menschlichen Urängste zu thematisieren. Daraus ergibt sich eine ungeheure spannende Story mit einem fantastisch konstruiertem Plot. Wenn man sich auf das ‚Vargas-Universum‘ einlässt, entwickelt das Buch bis zum überraschenden, doch einigermaßen überzeugendem Schluss einen Sog.
Fern ab vom Mainstream hat Vargas hier einen herrlich unkonventionellen Krimi geschaffen. Man liebt sie oder kann damit nichts angefangen.
John67 zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 02.08.2010
Ich habe mir das Buch nicht wie Martina aus reiner Verzweifelung sondern aufgrund nicht vorhandener Literatur für eine Reise in der Bahnhofsbuchhandlung gekauft.
Bis die Story richtig in Gang kommt, vergehen leider sehr viele Seiten. Wer den französichen Krimi mag ist hier sicherlich gut bedient mit einem "landestypischen" Polizeiteam und einem passenden Hintergrund. Ein logischer Ablauf und sprachlich auch mal anders, was auch interessant ist.
Da wir über Frankreich sprechen, möchte ich meine Berurteilung auch mit einem Rotwein vergleichen: guter Geschmack, aber es bleibt nichts kleben.
Vielleicht mal wieder F. Vergas, aber kein muss.
Martina Fraatz zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 07.03.2010
Ich habe aus lauter Verzweiflung dieses Buch gekauft, da ich schon lange nichts keinen guten Krimi mehr gelesen habe. Fliehe weit und schnell habe ich gestern nacht in einem Rutsch durchgelesen, dieses Buch kann man wirklich nicht mehr aus der Hand legen. Die schrägen Charaktere der dargestellten Personen sind absolut mein Fall. Der nächste Vargas- vorhin noch erstanden, liegt schon auf meinem Nachttisch, und ich hoffe, ich komme heute Nacht trotzdem zum Schlafen :-)
Tempe zu »Fred Vargas: Fliehe weit und schnell« 19.02.2010
Dies war mein erstes Buch von Fred Vragas und es wird nicht mein letztes sein.
Der Stil ist aussergewöhnlich und geschmacksache, wer es mag der hat glück der andere findet es zeitverschwendung.
Ich für meinen teil habe das Buch als sehr gelungen empfunden, vor allem der Komissar und seine Art haben mich sofort in den Bann gezogen.
Mein Fazit: Fred Vragas muss man probieren, entweder es schmeckt einem oder eben nicht! :))

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