Der vierzehnte Stein von Fred Vargas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Sous les vents de Neptune, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Aufbau.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris , Kanada / Ottawa, 1990 - 2009.

  • Paris: Viviane Hamy, 2004 unter dem Titel Sous les vents de Neptune. 479 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2005. Übersetzt von Julia Schoch. ISBN: 3-351-03030-4. 479 Seiten.

'Der vierzehnte Stein' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Kommissar Adamsberg, der Schweiger, Träumer, der kühle Beobachter mit den frappierenden Lösungen – in diesem neuen Roman gerät er selbst unter Mordverdacht. Bei dem Versuch, einen drei Jahrzehnte zurückliegenden Fall zu klären, in den auch sein seitdem verschollener Bruder Raphael verwickelt war, wird Adamsberg über Nacht vom Jäger zum Gejagten …

Fred Vargas über Der vierzehnte Stein:

Adamsberg und ich sind sehr, sehr, sehr verschieden. Er ist das Gegenteil von mir. Er ist unfähig zu plaudern und eine tiefere Beziehung einzugehen. Genauso ist er unfähig, anderen zu vertrauen oder sich helfen zu lassen. Diese Art Einsamkeit kenne ich nicht. Deshalb wollte ich ihn in meinem neuen Buch in die Scheiße rein reiten – mit voller Absicht. Adamsberg fing langsam an, mir auf die Nerven zu gehen. Ich dachte, wenn es so weiter geht, wird sich der Typ bald als Held aufspielen. [...] Deshalb hatte ich mir vorgenommen, ihn in meinem letzten Buch Der vierzehnte Stein auf die Schnauze fallen zu lassen. Mitten hinein in die Angst. Er sollte gezwungen sein, die anderen wahrzunehmen.

Fred Vargas im Gespräch mit Rebecca Partouche, Deutschlandradio, 25.04.2006

Das meint Krimi-Couch.de: »Tote morden nicht« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Krimi-Couch-Volltreffer Juli 2005

Ein »Wolkenschaufler« ist er, dieser eigenbrötlerische Womanizer, dieser sich vor allem auf sein Bauchgefühl verlassende Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg. Doch jetzt, im kühlen Pariser Herbst, spielt ihm sein Bauch einen Streich: Urplötzlich hat Adamsberg Panik-Attacken, die ihn an den Rand des körperlichen Zusammenbruchs führen. Nur weshalb? Und ausgerechnet jetzt, wo die Heizung im Kommissariat ausgefallen ist, die Kollegen mit dicken Pudelmützen ihren Dienst verrichten und die Weiterbildungsreise zu den kanadischen Kollegen in Quebec ansteht?

Adamsberg kann sich aber auch in eigener Sache auf seinen Bauch verlassen. Drei Einstiche auf einer Linie – freilich in einem menschlichen Körper. Das dreht ihm den Magen um. Und schaufelt ihn in einen ganz persönlichen Fall, den er eigentlich schon als ungelöst geistig zu den Akten gelegt hatte. Denn diese Einstiche erinnern ihn an den ersten Mord, den er miterleben musste.

Der Richter mit dem Dreizack

Damals, in seinem kleinen Heimatdorf fand man mit eben diesen Wunden die Freundin seines Bruders tot in der Pampas. Sein Bruder konnte sich an nichts erinnern, war aber dringend tatverdächtig. Hätte es da nicht diesen Richter Fulgence gegeben, diesen schönen wie zurückgezogen lebenden Mann, der keinen an sich heranlässt. Von der Unschuld seines Bruders und der Schuld des Richters überzeugt, vertuscht der junge Adamsberg die familiäre Beteiligung. Doch weder er noch sein Bruder können den Mord verkraften. Sein Bruder flieht, zieht sich zurück. Und Adamsberg verfolgt über jahrzehnte hinweg den Mörder mit dem Dreizack. Allein, im Stillen und ohne jeglichen Beweis eines Zusammenhangs zwischen den Morden.

Und nun also schon wieder. Wieder ein Mord mit den frappierenden drei Einstichen, wieder ist ein Tatverdächtiger äußerst schnell gefasst, wieder kann sich dieser an nichts erinnern und wieder will Adamsberg keiner Glauben schenken, dass es die Tat eines Serienmörders gewesen sein soll. Wie auch? Adamsberg Hauptverdächtiger, Richter Fulgence, liegt seit Jahren in seinem Sarg. Tote morden nicht. Akte geschlossen.

Auf zu Schumms und Coches

Szenenwechsel: das winterliche Kanada. Die bäuerlich wirkenden Kollegen aus Ottawa geben den wiederum altmodisch-eingebildet scheinenden Franzosen Nachhilfe in Sachen genetischer Fingerabdruck. Unpassend nur, dass Adamsberg Verflossene überraschenderweise nur ein paar Kilometer entfernt (für nordamerikanische Verhältnisse) mitterlerweile lebt und das offenbar nicht allein. Zeit für einen ordentlichen Absturz. Auch wenn sonst in dem verschlafenen Nestchen nichts los ist, gelingt dies Adamsberg vortrefflich. Zu gut sogar. Denn er hat einen richtigen Filmriss. Wie ist er über den Waldweg nach Hause gekommen? Und warum so blutverschmiert?

Kaum zurück in Paris wird Adamsberg direkt wieder nach Kanada beordert. Diesmal ist er allerdings nicht Ermittler, sondern mir nichts dir nichts Tatverdächtiger. Denn gerade in besagter Nacht, wo ihm ein paar Stündchen fehlen, ist eine junge Frau umgebracht worden. Drei Einstiche im Bauch. Und die Kollegen aus Quebec sind sich sicher: der genetische Fingerabdruck legt den Eindruck mehr als nahe, dass Adamsberg der Mörder ist. Wäre er doch bei Pipetten und Strichcodes geblieben, hätte er doch einmal den Reizen der Frauen widerstanden!

Der Jäger wird zum Gejagten

So sieht sich Adamsberg mit einer komplett neuen Situation konfrontiert. Er jagt nicht mehr den Richter mit dem Dreizack, sondern er wird als der Mörder mit dem Dreizack gejagt. Und ab diesem Zeitpunkt trumpft Autorin Fred Vargas richtig auf. Bestach der »Vierzehnte Stein« bis dahin vor allem durch die prächtig gezeichneten Charaktere und Adamsberg »Wolkenschaufeln«, beweist die Französin eindrucksvoll, dass sie auch einen temporeichen, gewieften Krimiplot zusammenzimmern kann.

Und in diesem Roman stimmt alles. Die sorgfältige Komposition, die Spannungssteigerung, die Auflösung, die kongeniale Übersetzung des Franko-Kanadischen. Dazu kommt: Fred Vargas schreibt auf eine ungemein lebendige Art und Weise, wo für die man die Französin knuffen möchte.

Adamsberg Kollege Danglard, der sich aufgrund seiner Flugangst nur noch mit einer Weißwein-Flasche gerüstet zum Dienst traut. Lieutnant Violette Retancourt, ein Berg von Frau, deren Cleverness selbst Adamsberg überzeugt. Der kanadische Kommissar Laliberté, der kumpelhafte Bär mit den zwei Gesichtern. Die rüstige Rentnerin, die sich als ausgezeichneter Computer-Hacker entpuppt. Der eigenartige Urfisch, der seit Ewigkeiten sein Dasein in einem rosa schimmernden See fristet. Und natürlich Adamsberg selbst, wie er sich selbst nicht mehr trauen kann, wie er Wortfetzen seiner Gesprächspartner in bildhafte Gedankenspiele einpflechtet – man stelle sich einen sich aufplusternden Drachen im Straßburger Münster vor!

Im Olymp europäischer Krimi-Autoren

Wenn man einen Kriminalroman als »schön« bezeichnen kann, dann diesen. Herrlich skurille Figuren, gewitzt gestreute Anekdötchen, eine intelligente und einleuchtende Handlung – das alles muss kein Gegensatz zum abgedroschenen Serialkiller-Thema sein. Um im Bild des Dreizack-bewaffneten griechischen Gott des Meeres zu bleiben: Fred Vargas hat sich mit diesem Roman einen Platz im Olymp europäischer Krimi-Autoren gesichert!

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detno zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 19.11.2010
Durch Realismus zeichnet sich dieser Krimi nicht aus.

Aber erwartet das jemand von Kommissar Adamsberg und seiner Brigade? Oder gar von den Mitstreitern im Hintergrund, zum Beispiel der genialen Josette, einer alten Dame mit Kostüm und Turnschuhen, die als Hackerin alle "Wohn- und Geschäftsräume" besuchen kann.

Das Werk ist sehr spannend aufgebaut und bleibt auch bis zur letzten Zeile fesselnd.

Letztlich die Sprache. Nach einigen derben, ja zum Teil schon extrem vulgären Krimis endlich wieder ein Buch, dessen Sprache mich begeistert.

Als Hörbuchfan muss ich an dieser Stelle auch klar sagen, dass die Bücher von Fred Vargas allemal besser sind als die jeweiligen Hörbücher.

95° für den selbst gejagten Jäger Adamsberg und dem Dreizack.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Samoa zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 27.07.2010
Wie bei Vargas üblich, so bevölkert auch diesmal ausnehmend
schrulliges Personal die intelligent konstruierte Krimihandlung.
Einziger Wermutstropfen: die reichlich verhunzte Übersetzung der franko-kanadischen Passagen.

Sieht man darüber hinweg, so durchliest und durchleidet man mit dem realitätsfernen "Wolkenschaufler Adamsberg" ein unlösbar scheinendes Rätsel um einen Serienmörder und wird dabei immer wieder Zeuge völlig abstrus wirkender Dialoge, die an skurrilem Humor kaum zu überbieten sind.

Vargas zeichnet ihre liebenswert-absonderlichen Charaktere mit einer beispiellosen Leichtigkeit, in einer unnachahmlich charmanten, launig-verspielten Sprache, gepaart mit einem ausgesucht eigenwilligen, bizarr anmutenden Humor, eingebettet in eine spannend-gefällige Rahmenhandlung.

Am Ende des verblüffend-genial gelösten Falles blieb nur eine Frage offen: Wie mag es wohl dem verliebten Eichhörnchen ergangen sein?

'Le Monde' schrieb einmal sinngemäss: Vargas ist Magie. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer - 98°!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Jo zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 18.02.2010
Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen, ich habe es mit 95 Grad bewertet. Die Handlung ist originell, und Adamsberg sowieso ein absolutes Highlight. Einige phantasievolle Abschweifungen machen den Roman nur interessanter, ich will ja keinen Polizeibericht lesen. Solange die Handlung und ihre Auflösung einigermaßen plausibel sind, bin ich zufrieden.
JaneM. zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 22.05.2009
Ein guter Vargas, aber aus meiner Sicht nicht das Highlight. Wieder charmante, herrlich skurille Charaktere; nette liebeswürdige Kleinigkeiten am Rande (das Eichhörnchen vom Dienst mit Liebeskummer) und eine etwas andere Krimihandlung. Allerdings war diese Krimihandlung für meinen Geschmack diesmal etwas zu verquer. Ich möchte auch gar nicht zu sehr ins Detail gehen, weil ich ansonsten zuviel verraten würde. Aber oft hat Vargas die bizarren Ideen und Handlungswindungen übertrieben. Orginalität muss nicht um jeden Preis sein. Etwas weniger wäre mehr gewesen.
mylo zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 08.05.2009
Es war mein dritter Vargas-Roman und ich war an sich wieder gut unterhalten. Eine etwas ungewöhnlich konstruierte Geschichte, aber mit interessanten Wendungen. Die Übersetzungen von Scheffel haben sich besser gelesen, das Kanadisch-französische war gewöhnungsbedürftig übersetzt.
Tat aber insgesamt dem Buch keinen so großen Abbruch.
Gebe dem Lesevergnügen 75 Punkte.
killbill zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 04.05.2009
Das war mein erster Roman von Fred Vargas, es hat Spaß gemacht ihn zu lesen!
Kurzweilig, interessant, humorvoll, menschlich und mal was anderes! Die Übersetzung kann ich nicht beurteilen, aber einige kleine Holprigkeiten in der Sprache sind schon vorhanden. Skurile, muffelige Kommisare gibt es ja zu Hauf, aber wo findet man einen alleinerziehenden Ermittler von 5 Kindern?! (Danglard).
Herrlich!
7blu zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 15.09.2008
sehr konstuierter Plot, der die Geschichte zwar spannend aber am Ende nicht sonderlich plausibel macht. Die Mahjong-Auflösung ist ein Witz! Das Motiv des Dreizacks unglaubwürdig. Irritierender Stil, der das Lesen nicht einfacher macht. Zwischendrin unnötige Längen, dann am Ende vieles auf zu wenigen Seiten. M. E. insgesamt überbewertet
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
deva zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 28.08.2008
ich bin sehr froh, dass mein gefühl hier bestätigt wird. von mehreren seiten wurde mir fred vargas empfohlen, und ich habe mit dem "der vierzehnte stein" begonnen.
ich war irritiert und entsetzt über den stil, der mich dermaßen störte, dass ich der geschichte nicht mit genuss folgen konnte. eigentlich dachte ich, das wäre damit auch mein letzter vargas-roman geworden, aber ich werde mir dann wohl doch noch einen von tobias scheffel übersetzten zu gemüte führen.
Ray zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 04.08.2008
Nachdem ich im Urlaub "Fliehe weit und schnell " entdeckt und genossen hatte, habe ich nun auch die anderen Adamsberg-Krimis durch und bin speziell bei diesem sehr enttäuscht von der Übersetzung. Auch wenn ich das "französische" und das kanadische Franzosisch nur eingeschränkt verstehe (meine Eltern lebten 15 Jahre in der Provinz Quebec, sowohl in Montreal als auch auf dem "Lande")...warum muß man das SO übersetzen? Während einige Worte (carosse = Kutsche/Karre = Auto) prima passen, hat man meist das Gefühl, die Übersetzerin denkt sich für die Kanadier ein Phantasiedeutsch aus. Dabei wäre es sicherlich leicht gewesen, dem Kultur"gefälle" durch "ungehobelteres" Deutsch eine Entsprechung zu geben.

Schade, so wurden die kanadischen Teile doch ziemlich "unlesbar" für mich. Inwiefern auch die anderen Teile des Originals von Frau Vargas unter der Übersetzung gelitten haben, vermag ich nicht recht zu beurteilen. Die Story fand ich ähnlich spannend wie in den anderen Büchern, Highlights wie den Dialog zwischen Camille und Danglard über Gottes Leistungen, als er sie schuf (aus Fliehe weit und schnell) habe ich leider vermisst...
Federfrau zu »Fred Vargas: Der vierzehnte Stein« 27.07.2008
Adamsberg muss sich nicht nur mit Mordfällen auseinandersetzen, die für alle anderen längst aufgeklärt sind, schlimmer noch ist die Auferstehung eines alten Schreckens und die Unsicherheit, ob nicht auch im eigenen Innern ein Monster verborgen ist.
Fred Vargas schafft es in diesem Roman nicht nur, einen Serienmörder zu entlarven, sondern auch die innere Veränderung, die im Verlaufe der Handlung bei Adamsberg stattfindet, in wunderbaren Bildern dazustellen.
Dazu kommen liebevoll beschriebene Charaktere und witzige Dialoge - was wünscht man sich mehr?

Ob die Übersetzung des kanadischen französich gelungen ist, kann wohl nur jemand beurteilen, der alle drei Sprachen beherrscht ( also deutsch, französisch und kanadisches französich ) - auf alle Fälle löst die für "Mutterlands" Franzosen oft unverständliche Sprache auch dort häufig Heiterkeitsanfälle aus.
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