Bei Einbruch der Nacht von Fred Vargas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel L'homme à l'envers, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Aufbau.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 2 der Kommissar-Adamsberg-Serie.

  • Paris: Viviane Hamy, 1999 unter dem Titel L'homme à l'envers. 336 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2000. Übersetzt von Tobias Scheffel. ISBN: 3-351-02886-5. 336 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2002. Übersetzt von Tobias Scheffel. ISBN: 3-7466-1513-5. 336 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2005. Übersetzt von Tobias Scheffel. ISBN: 3-7466-2158-5. 336 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: DAV, 2009. Gesprochen von Suzanne von Borsody. ISBN: 3898138518. 4 CDs.

'Bei Einbruch der Nacht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Die Komponistin Camille verbringt einen Sommer in den französischen Alpen und wird dort in ein ungeheuerliches Geschehen verwickelt: Ein riesiger Wolf, nein, ein Wolfsmensch, so sagen die Leute, zieht nachts mordend durch die Dörfer, reißt Schafe und tötet schließlich eine Bäuerin. Zusammen mit einigen Dorfbewohnern nimmt Camille die Verfolgung des Ungeheuers auf …

Das meint Krimi-Couch.de: »Selbst für Fred Vargas ungewöhnlich« 76°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Ungewöhnliche Krimis ist man von Fred Vargas gewohnt. Ihre Bücher sind ausnahmslos originell und ungewöhnlich. Doch »Bei Einbruch der Nacht« passt selbst in das Schema der übrigen ihrer Romane nicht hinein. Die Autorin hat ein »Rod-Muwie« erschaffen, das eine breite Palette von Themen umfasst.

Zu einem »Rod-Muwie« – wie es der junge Soliman aus dem Begriff »Road-Movie« aufgeschnappt hat – , oder besser gesagt einer »Road-Story« brechen drei Personen auf:

  • die junge Camille, Komponistin für Fernsehserien und passionierte Leserin von Werkzeugkatalogen, die bereits in »Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord« als Freundin von Kommissar Adamsberg einen Auftritt hatte;
  • der Schwarzafrikaner Soliman, der als Baby in einem Korb vor der Kirche eines kleinen französischen Alpendorfs ausgesetzt wurde und von der Schafzüchterin Suzanne Rosselin aufgezogen wurde;
  • und der »Wacher«, der alte Schäfer von Suzanne, der nicht nur über die Schafe wacht.

Gemeinsam machen sich die drei auf die Verfolgung eines Werwolfs. Das glauben zumindest die Bewohner des Dorfes. Für sie ist klar, dass es Massart sein muß, der für die gerissenen Schafe verantwortlich ist, die in der Gegend des Dorfes gefunden wurden und der jetzt auch sein erstes menschliches Opfer gefunden hat: Suzanne Rosselin wurde mit zerrissener Kehle in ihrem Stall aufgefunden und allmählich glaubt man nicht mehr, dass es sich bei der Bestie um einen streunenden Wolf handelt, sondern daß sich Massart für die Taten eines gezähmten Wolfes bedient.

Aufgrund einer Landkarte, die sie in Massarts Wohnung gefunden haben, kennen sie seinen Weg, doch sie kommen immer etwas zu spät.

Fernab vom gewohnten Paris beginnt die Handlung in einem kleinen Alpendorf. Zwischen Schafen und Wölfen hat Fred Vargas ihre wie gewohnt ungewöhnlichen und gut herausgearbeiteten Charaktere angesiedelt. Und wie immer lebt ihre Geschichte von den Dialogen und den ungewöhnlichen Methoden ihrer Ermittler. Erst in der zweiten Hälfte des Buches taucht hier einer der bekannten Figuren der Autorin auf: Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, der aus den Pyrenäen stammt und normalerweise in Paris auf Verbrecherjagd geht.

»So suchte Adamsberg Ideen: er wartete ganz einfach auf sie. Wenn eine von ihnen vor seinen Augen auftauchte wie ein toter Fisch, der an die Wasseroberfläche steigt, dann sammelte er sie ein und untersuchte sie, um zu sehen, ob es sich um etwas Brauchbares handelte, das für ihn von Interesse war. Adamsberg dachte nie nach, er begnügte sich damit, zu träumen und dann die Ernte zu sichten, so wie jene Fischer mit ihren Fangnetzen, die mit schwerer Hand auf dem Grund ihres Netzes inmitten von Steinen, Algen, Muschelschalen und Sand nach der Garnele suchen. Es gab nicht wenig Steine und Algen in Adamsbergs Gedanken, und es kam nicht selten vor, dass er sich darin nicht zurechtfand. Er mußte viel wegwerfen, viel aussortieren. Ihm war bewußt, dass sein Geist ihm eine wirre Zusammenballung verschiedenster Gedanken vorsetzte und daß das nicht unbedingt bei allen anderen Menschen genauso funktionierte. Er hatte bemerkt, dass zwischen seinem Denken und dem seines Stellvertreters Danglard derselbe Unterschied bestand wie zwischen dem Grund eines Fangnetzes voller Plunder und der ordentlichen Auslage eines Fischhändlers. Was konnte er dafür? Schließlich und endlich zog er ja etwas daraus hervor, wenn man die Güte hatte zu warten. Auf diese Weise verwandte Adamsberg sein Hirn wie ein weites, nährendes Meer, in das man sein Vertrauen gesetzt hat, das man aber schon vor langer Zeit zu bändigen aufgegeben hat.«

Lange Zeit geht die Handlung nur schleppend vorwärts. Der Leser weiß nicht recht, was er von diesem noch unorthodoxeren Vargas-Krimi halten soll, denn die Lösung scheint eindeutig zu sein. Obwohl man von Vargas überraschende Auflösungen erwarten kann, fehlen hier fast die Optionen für eine solche, aber Fred Vargas hat sich trotz allem noch Möglichkeiten offen gelassen und es kommt am Ende doch wieder alles anders, als man denkt.

Das meinen andere:

»Phantastisches Märchen, Fabel, Kriminalroman, road story? Es ist vollkommen egal. Denn man kommt von diesem Buch nicht mehr los, sobald man das erste Kapitel aufgeschlagen hat. Diese Einfälle. Diese Wörter. Diese Metaphern. Dieser Sieg des Humors über die Dummheit. Der Phantasie über die Verzweiflung …einfach ein Leseglück!« (Le Monde)

»Ich werde dem Leser nicht das Ende verraten. Wie immer bei Fred Vargas ist es unerwartet, zärtlich, fesselnd, es kommt auf Umwegen und ist grausam und gerecht zugleich.« (Radio 21, Brüssel)

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Ehrlich zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 04.05.2016
Liebe Freunde der Literatur. Ich gebe Herrn Kümmel absolut recht."Bei Einbruch der Nacht" passt für mich nicht zu Fred Vargas. Ich habe mittlerweise 7 Bücher von ihr gelesen und fand alle gut. Aber "Bei Einbruch der Nacht" ist für mich herausragend. Ein echter Hemingway. Hemingway ist für mich einer der größten Schriftsteller, und für mich ist "Bei Einbruch der Nacht" auf seinem Niveau und in seinem Stil. Geradlinig, direkt, jeder Satz ein Volltreffer. Ich habe den Verdacht, das Vargas dieses Buch nicht selber geschrieben hat und würde gern mehr lesen von dem Autor, falls es tatsächlich ein Ghostwriter ist. Oder auch von Vargas, falls sie sich noch einmal zu so einem Kaliber aufschwingen kann. Hat jemand für mich einen Tip? Mein Tip für Freunde von "Bei Einbruch der Nacht": "Henry der Held", von Roddy Doyle. Oder aber selbstredend die Hemingways.
Hexxi zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 11.07.2015
"Bei Einbruch der Nacht" hat mich enttäuscht, nachdem ich "Fliehe weit und schnell" sehr gut fand und von "Die schöne Diva von Saint-Jacques" regelrecht begeistert war. Die Handlung ist schleppend (oft habe ich einfach "quer" gelesen, was ich selten praktiziere), die Dialoge zwischen Camille und Lawrence sind wie "Eh Alta, gehst du U- Bahn?" ... und das über Seiten. Einziger Lichtblick: die Charaktere Suzanne und Soliman. Selbst über den Wacher wünschte man sich mehr Informationen. Gut, dass ich dieses Buch nicht als erstes gelesen habe - ich hätte kein zweites gekauft bzw. in der Bibliothek ausgeliehen.
Benw15 zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 24.07.2014
Ja, ich muss meinem Vorredner in einem Aspekt rechtgeben: Ich wusste bereits ab der Hälfte, wer der Mörder ist.
Dennoch haben mir das Buch, die erzählerische Kunstfertigkeit der Autorin und vor allem die hervorragend skurrile Charakterzeichnung sehr gut gefallen. Auch mag ich die Einbettung der Story ins Mystische und die Aufgreifung des Werwolfsmythos, der hervorragend in die von der Autorin gewählte Szenerie der französischen Berge passt, ohne konstruiert und ZU ausgedacht und weit hergeholt zu wirken.
Ich verstehe vielmehr den Stil der Autorin bezogen auf Camilles Gefühlswelt als Unentschlossenheit und Unsicherheit ihrerseits, die Liebe zu Adamsberg zu gestehen. Deswegen ist der allwissende Erzähler, der durchaus auch personale Elemente aufweist, eher doch auch einer, der Camilles unsichere und ambivalente Gefühle widerspiegelt. Das gefällt mir eben sehr gut und deswegen bekommt Frau Vargas auch 90 Grad. Danke, Frau Vargas!
ProgKrimi zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 12.08.2010
Ich kann die Begeisterung für diesen Krimi aus mehreren Gründen nicht teilen.

1. Der "allwissende Erzähler" bleibt bei der Darstellung des Gefühlswelt von Camille seltsam nebulös. Man begreift zwar ihre Begeisterung fürs Technische, Rationale und Machbare ("Werkzeugkataloge"), versteht jedoch nicht recht ihre Beziehung zu Adamsberg, nachdem er wieder in ihr Leben tritt. Es war ja keine Affäre damals, sondern eine tiefe Liebesbeziehung. Entweder er schafft es, sie wieder in die Welt wahrer Gefühle (zu ihm) hinüberzuretten und sie von ihrer Affinität zu Werkzeugkatalogen zu befreien - oder aber er versagt vollends dabei, was aber unplausibel ist, nachdem sie schon bereitwillig in sein Bett gestiegen ist. Dass sie dann am Ende Adieu zu ihm sagt, weil das ja alles viel einfacher sei ohne ihn (damit könne sie besser leben, wie sie sagt), naja, das überzeugt mich nicht.

2. Wer der wahre Mörder ist, das weiss man viel zu früh, wenn man 1 und 1 zusammenzählt.und zwar in dem Moment, in dem sich 3 Personenen auf die Jagd begeben und einer trotz seiner Liebe zu C. zurückbleibt.
JaneM. zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 31.03.2009
Ein schöner skurriler Roman, der wenig von einem Krimi hat- was aber egal ist. Die wunderbaren Beschreibungen der ungleichen Drei (Camille,Soliman und der "Wacher", samt Hund) auf ihrer Reise im Viehtransporter, der nach "Wollschweiß" riecht. Besonders herrlich die abendlichen Anrufe des Wachers bei seinem Leitschaf. Dabei ist es fast gleichgültig, dass irgendwie nichts geschieht.Die Morde finden weit ab von der Handlung statt. Beim Lesen ist es beinah ärgerlich, dass die köstliche Schilderung kapitelweise durch Exkurse nach Paris (Adamsberg) unterbrochen werden. Aus meiner Sicht dominiert die schön-bizarre Haupthandlung alles andere etwas zu sehr. Der Nebenstrang, der jungen Frau, die Adamsberg nach dem Leben trachtet, bleibt überflüssig. Ihre Motive und auch die Details, die sich bei der Auslösung der Werwolfgeschichte langsam zusammenfügen, verblassen. Einer der wenigen Krimis, bei denen ich das "wer war's und warum" recht uninteressiert überflogen habe.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Dickie_Greenleaf zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 17.02.2009
Dieses Buch ist mein Lieblings-Vargas. Vielleicht, weil es mein erstes Buch dieser großartigen Autorin war und ich mich in ihren Schreibstil verliebte? Vielleicht aber auch, weil es einfach nur gut ist. Endlich bekommt Camille mehr Raum. Und die Geschichte um den Werwolf ist ja wohl absolut genial!!
numerobis zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 14.09.2008
Wieder ein wunderbares Buch von F.V.

Kommissar Adamsberg, "seine" Camille, der Wacher und Soliman, ein „Rod-Muwie“ der besonderen Art.

Ich liebe die Figuren die Vargas in ihren Büchern beschreibt, die skurilen Handlungen und Begebenheiten.

Adamsberg ist mein Vargas-Lieblingsermittler, noch vor den drei Historikern. Obwohl der Mann mit der Kröte...

Ach ich weiß nicht, jeder hat was, die Romane von Vargas sowieso.
Rolf.P zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 12.05.2008
In ihrem typischen knappen und prägnanten Stil beschreibt Vargas eine Mördersuche, die sich durch halb Frankreich zieht.
In diesem Buch geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch um das Verhältnis von Mensch und Tier. Auch alte Mythen und Ängste werden aufgegriffen z.b. die Idee einer fabelhaften, rächenden Bestie. Durch die gelungene Mischung zwischen Fabel und modernem Kriminalstück unterhält Fred Vargas ihre Leser auf die charmante Art.
Fred Vargas springt zeitweise zwischen zwei, drei Schauplätzen hin und her, erzeugt damit zusätzliche Spannung. Der Leser fühlt sich mit an die Schauplätze gezogen und möchte sich mit den Personen verbünden, auf der Suche nach der Bestie. Bis zum Schluss ist der Leser gespannt, wie die Geschichte weitergeht - und die Auflösung ist die letzte Überraschung in einem Buch, das von der ersten bis zur letzten Minute fesselt.
Fred Vargas versteht es, auf spannende Weise mehrere Handlungsstränge unauffällig und Schritt für Schritt miteinander zu verweben. Ihre Charaktere haben Brüche und versuchen sich durch Rituale ein Lebensgerüst zu schaffen, dass sie auf der Verfolgung stark sein lässt und unermüdlich vorantreibt.
Das Buch ist auch eine Charakterisierung einer sehr ursprünglichen und rauen Region Südfrankreichs, in dem der Aberglaube noch einen festen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Wie stets bei Fred Vargas ist die Handlung voller skurriler Wendungen die den Roman erst spannend und somit unterhaltsam machen. Gags gibt es durch das Skurrile der Hauptfiguren noch obendrein, und auch ein Hauch Erotik ist diesmal zu spüren.
Einmal angefangen besteht Suchtgefahr. Schön die fein herausgearbeiteten, mit einem Augenzwinkern bedachten Charaktere - Grund, um neben all der Spannung auch einmal entspannt aufzulachen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Taennsche zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 06.03.2008
Originelle Personen, wie immer beim Lesen von Vargas` Büchern betrachtet man mit kleinem Schmunzeln die Handelnden. Der Plot außergewöhnlich, aber diesmal nicht richtig mitreissend. Was diesen Krimi nicht ganz als Highlight ausmacht? Es war mein erster "Adamsberg", vielleicht fehlen mir deshalb Kauzigkeit und Verschrobenheit, um ihn so richtig genießen zu können?
Gisela Utecht zu »Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht« 18.10.2007
Für mich eines Ihrer besten Bücher, spannend bis zuletzt.
Ein wahnsinniges Buch.
Wo hat die Vargas die Ideen her? Das frage ich mich nicht zum ersten Mal. Leider gibt es viel zu wenige Bücher von Ihr.

Gisela

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