Die Liebermann-Papiere von Frank Tallis

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Mortal Mischief, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: , 1890 - 1909.
Folge 1 der Liebermann-Serie.

  • London: Century, 2005 unter dem Titel Mortal Mischief. 512 Seiten.
  • München: btb, 2006. Übersetzt von Holger Wolandt, Lotta Rüegger. ISBN: 978-3-442-73463-4. 512 Seiten.
  • München: btb, 2008. Übersetzt von Holger Wolandt, Lotta Rüegger. ISBN: 978-3-442-73771-0. 512 Seiten.

'Die Liebermann-Papiere' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Wien, Anfang des 20. Jahrhunderts: Der Tod des jungen Mediums Charlotte Löwenstein gibt Rätsel auf. Es gibt keine Spuren von Gewalt, ein Abschiedsbrief deutet auf Selbstmord hin. Der Polizist Reinhardt glaubt weder daran noch an übersinnliche Kräfte und bittet den jungen Arzt und Psychoanalytiker Max Liebermann um Hilfe. Der ist bekannt für seinen kühlen Verstand. Und für seine unkonventionellen Methoden …

Das meint Krimi-Couch.de: »Mit Akribie und Geistesblitz« 82°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Sigmund Freud verkündet gerade seine revolutionären Erkenntnisse der Psychoanalyse. Von vielen verachtet und geschmäht, aber von einer kleinen Schar von Ärzten, zu denen auch Doktor Max Liebermann gehört, ob seiner neuen, spektakulären Ansichten verehrt. Denn nicht mehr das Bekämpfen von seelischen Krankheiten mit Elektroschocks soll zum ärztlichen Alltag gehören, sondern das Eingehen auf die Lebensumstände des Erkrankten und die Suche nach den Ursachen im eigenen Erleben.

Davon ist Inspektor Rheinhardt von der Wiener Polizei allerdings weit entfernt, als er in die Wohnung der jungen und hübschen Charlotte Löwenstein gerufen wird. Madame Löwenstein hatte sich einen Zirkel von Menschen aufgebaut, die in ihr ein Medium sahen und mit den Toten rege Zwiesprache hielten. Doch jetzt ist sie wie eine Puppe aufgebahrt auf ihrer Couch und ein Abschiedsbrief liegt daneben. Rheinhardt kann aber an die Theorie eines Suizids nicht glauben. Denn der Raum, in dem die junge Frau dahinschied, war von innen verschlossen. Das Loch in ihrer Brust stammt zweifellos von einem Schuss, aber nirgendwo findet sich eine Waffe. Und wie der Gerichtsmediziner zweifelsfrei feststellt, findet sich im leblosen Leib der Toten weder ein Austrittsloch für eine Kugeln, noch das Projektil selbst.

Nur gut, dass Rheinhardt mit Max Liebermann befreundet ist, mit dem er des Öfteren musikalische Entspannungsübungen abhält und sich den Werken Schuberts widmet. Max Liebermann kombiniert messerscharf. Gegen ihn sind Sherlock Holmes und Nick Knatterton absolute Waisenknaben. Durch seine Fähigkeiten als Psychoanalytiker und Gesprächen mit der Näherin des Opfers wird ihm schnell klar: die Tote muss schwanger gewesen sein. Und der Mörder aus dem Umfeld der Leiche muss davon gewusst haben …

Wenn ein Autor nebenbei Arzt und praktizierender klinischer Psychologe ist, dann liegt es ziemlich nahe, dass auch einer seiner Romanhelden dem Ruf Doktor Freuds Folge leistet. Und dabei bewegt sich Frank Tallis mit »Die Liebermann-Papiere« in bester Gesellschaft, denn in jüngster Vergangenheit haben sich auch Dr. Hans-Otto Thomashoff mit Die Notizen des Dr. Freud und Dr. Eva Rossmann in Freudsche Verbrechen dem kriminellen Trend zum Schauplatz Wien und dem Erbe Sigmund Freuds schreiberisch hingegeben. Von Frank Tallis soll es allerdings noch mehr über Max Liebermann und die Zeit nach der vorigen Jahrhundertwende im mörderischen Genre zu lesen geben, denn die über 500 Seiten starken Liebermann-Papiere sind nach Auskunft des btb-Verlages den Anfang einer Trilogie. Und da erhebt sich die Frage für den Leser: Lohnt sich das?

Und das kann man mit gutem Gewissen mit einem deutlichen Ja beantworten. Max Liebermann ist nicht nur eine sehr gut stilisierte Mischung aus Arzt und Kriminalist, er wirkt auch überaus sympathisch und hat durch seine beruflichen Kontakte die Möglichkeit sich seinem nicht ganz einfachen Liebesleben zu widmen. Solcherart lässt sich das gesamte Ambiente der frühen Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts an Hand der Person Max Liebermann und der Nebenfiguren sehr gut darstellen und das ist dem Autor auch hervorragend gelungen.

Aber es ist nicht nur die Atmosphäre dieser Epoche, die den Leser fesseln kann, sondern auch ein gut gestrickter Kriminalfall, bei dem bis zum Ende der Täter nicht vorhersehbar ist, denn der Autor präsentiert einige Personen, die sowohl Motiv, als auch Möglichkeit zur Ausführung der Tat gehabt hätten.

Die Spannungskurve ist allerdings eher mäßig. Wenig spektakulär, aber dafür mit Akribie und Geistesblitz löst der medizinische Ermittler seinen Fall und das macht diesen Krimi zu einem vergnüglichen Leseabenteuer, bei dem man sich jetzt schon auf die Fortsetzung freut.

Ihre Meinung zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere«

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Alex zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 13.01.2016
Als Wienerin mit Vorliebe für Romane und Dokumentationen aus der Zeit der (vor)letzten Jahrhundertwende, war der Griff zu den Büchern von Frank Tallis ein sehr neugieriger.

Ich war überrascht, wie atmosphärisch dicht Frank Tallis seine Figuren in die damalige Zeit einbettete und wie gut teilweise recherchiert wurde. Die örtlichen Gegebenheiten, aber auch die beschriebenen Gewohnheiten der Wiener kenne ich noch gut aus den Erzählungen meiner eigenen Großeltern.

Was mich die weiteren Bücher aber nur noch im Original kaufen ließ, war die deutsche Übersetzung. Die beiden Übersetzer waren offensichtlich noch nie in Wien, was auf fast jeder Seite spürbar wird. Nicht nur, dass die Ortsbezeichnungen immer wieder falsch übersetzt werden, findet man sich auch sprachlich eher in Norddeutschland als in Österreich wieder: Droschke statt Fiaker, Hörnchen statt Kipferl oder Trambahn statt Tramway sind Begriffe, die in ganz Österreich nicht üblich sind. Die Übersetzer haben kaum einen möglichen Fauxpas aussgelassen.

Dieses Wienbuch kann ich unbedingt empfehlen, aber nur in Originalsprache.
tedesca zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 21.03.2012
"Mortal Mischief" ist der erste Teil der Liebermann-Reihe, die in Wien kurz nach 1900 spielt. Dr. Max Liebermann ist Arzt und Psychologe, auch wenn diese Berufsbezeichnung damals noch nicht bekannt war. Als Freund und Schüler Freuds wendet er ungewöhnliche Methoden zur Behandlung der Frauenkrankheit Hysterie an und gefährdet damit stets aufs neue seine Karriere. Sein engster Freund ist Kriminalinspektor Oskar Reinhardt, der ihn immer wieder zu Rate zieht, wenn er mit seinen herkömmlichen Beobachtungs- und Verhörmethoden am Ende ist. Gemeinsam lösen die beiden auch das Rätsel um den Mord an einer jungen Hellseherin, die in einem geschlossenen Raum erschossen wurde, von der Kugel fehlt jede Spur.

Liebevoll gezeichnete Figuren und durchaus amüsante Dialoge machen den besonderen Charme dieses Buches aus. Die bis zum Schluss spannende Handlung macht es zu einem Krimi, an dem sich alle freuen werden, denen es nicht um Blut und Brutalität geht, sondern um Lokalkolorit, eine feine Sprache und das ganz besonderes Flair der Wiener Stadt zur Zeit des Jugendstils.

Richard Burnip liest das Hörbuch im Original ganz hervorragend, besonders charmant ist natürlich der Akzent bei der Aussprache der deutschen Wörter.
O. Urban zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 11.12.2010
Spiegelt die Atmosphäre von Wien um 1900 recht gut wider. Die Beziehung zwischen den Freunden aus verschiedenen Kulturkreisen (Polizei, Ärzte, Beamte etc.), die sich in den Kaffeehäusern Wiens treffen, wird recht überzeugend geschildert. Exkurse zum leiblichen Wohl (Mehlspeisen etc.) könnten etwas kürzer ausfallen.
Im Großen und Ganzen recht lesenswert - die Kriminalgeschichte steht eher im Hintergrund.
Georg zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 14.05.2008
Unterhaltsam, intelligent und auf mehreren Ebenen spannend. Sicher das beste von Tallis. Für Wien-Fans, Hobby-Psychoanalytiker und Krimifans. Perfekte Urlaubslektüre.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Achim P. zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 18.01.2008
Die Liebermann-Papiere haben mich leider enttäuscht und gelangweilt.

Die kurzen Kapitel kommen dem Lesrhythmus zwar entgegen, aber jedesmal wird ein Handlungsfaden abgerissen und ein anderer wieder aufgenommen.

Zu viele überflüssige Nebenhandlungen kommen sich in die Quere. Den Roman hätte man gut und gerne um ein Drittel kürzen können.

Die Lösung am Ende ist die größte Enttäuschung. Weder ist die Identität des Mörders noch die Umstände seiner Entlarvung besonders spektakulär.

Besonders schwach ist die Aufdeckung des Geheimnisses um das verschlossene Zimmer sowie die fehlende Kugel, der man ja 400 Seiten lang entgegengefiebert hat (ich zumindest).

Einzige Pluspunkte: die Atmosphäre aus dem Wien der Jahrhundertwende kommt gut rüber und die Personenzeichnung ist gelungen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ellen2 zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 26.07.2007
Ich habe das bch jetzt zur Hälfte gelesen und werde mich pflichtschuldig bis zum Ende weiterkämpfen. ich schließe mich dem Komentar von Ellen an, und warte hoffnungsvoll auf etwas Spannung.
Ich finde das Buch flach, wenig anspruchsvoll und wenig appetitmachend auf weitere Geschichten um Herrn Liebermann.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Dani Meienberg zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 02.04.2007
Für Fans von Wien und dem Fin de siecle ein Muss! Der Spannungsaufbau ist wirklich mässig. Was stört, ist das künstliche Aufrechterhalten-Wollen der Spannung, indem der Leser vom Erzähler informiert wird, das der Protagonist eine neue Erkenntnis hat, der Leser sich aber noch durch ein Kapitel eines Nebenstranges hindurchkämpfen muss, bis er endlich die neue Erkenntnis vorgelegt bekommt. Nichtsdestrotrotz freue ich mich auf den zweiten Teil! Liebermann ist mir sehr sympathisch, erinnert mich aber auch sehr an ein Buch von Mahrendorff "Und sie rührten am Schlaf der Welt", das auch in Wien um die Jahrhundertwende spielt.
Ellen Walter zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 31.03.2007
Ich mußte zwei Anläufe nehmen, um das Buch zu lesen, beim ersten Mal kam ich nur bis zum zweiten Kapitel und habe es enttäuscht weggelegt. Jetzt habe ich es wieder zur Hand genommen und fand es tatsächlich sehr unterhaltsam. Der Wiener Schmäh und die damaligen Umgangsformen sind wirklich gut getroffen. Das Buch ist nicht sonderlich spannend, obwohl der Fall gut konstruiert ist. Aber es ist angenehme Unterhaltung, mit sympathischen und lebendigen Personen. Außerdem ist das Buch, soweit ich es beurteilen kann, gut recherchiert und - leider nicht selbstverständlich - gut übersetzt. Hervorragend geeignet um es entspannt auf der Terrasse bei einem guten Kaffee zu genießen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Christoph Fischer zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 21.02.2007
Amüsant, witzig, spannend und gut erzählt - auch ich hoffe schnell auf die Übersetzung des 2. Bandes. Neben dem Krimi-Plot finde ich vor allem die Nebenhandlung mit der engl. Patientin Liebermanns äußerst lesenswert - ein Einblick in die Fallstricke der frühen Psychoanalyse und ihrem Kampf mit dem medizinischen Establishment. Ein kleiner Schwachpunkt, wobei ich nicht weiß, ob es an der Übersetzung liegt, sind einige Dialoge, die etwas hölzern wirken.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Sandra M. zu »Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere« 18.07.2006
Sehr unterhaltsamer, intelligenter und exzellent recherchierter Krimi. Wer eine realitätsnahe und in ihrer historischen Bedeutung gewachsene Einführung in die Psychoanalyse möchte, bekommt diese ganz nebenbei.
Ich habe mich prächig amüsiert! Und kann dieses Buch nur jedem empfehlen.
Hoffentlich ist der 2. Band von F. Tallis bald übersetzt !
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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