Krieg in Mirandão von Fernando Molica

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Notícias do Mirandão, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Edition Nautilus.
Ort & Zeit der Handlung: Brasilien / Rio de Janeiro, 1990 - 2009.

  • Rio de Janeiro: Ed. Record, 2002 unter dem Titel Notícias do Mirandão. 220 Seiten.
  • Hamburg: Edition Nautilus, 2006. Übersetzt von Michael Kegler. Mit einem Glossar und einem Interview mit dem Autor. 192 Seiten.

'Krieg in Mirandão' ist erschienen als

In Kürze:

Mirandão ist eine Favela in Rio de Janeiro. Hier herrschen das organisierte Verbrechen, Drogenhandel und Aussichtslosigkeit. In den Augen einer Gruppe linksradikaler Studenten der ideale Nährboden für eine soziale Revolution im Sinne Che Guevaras. Der »Conexão Revolucionária« gelingt es tatsächlich, ihre theoretischen Debatten in die Praxis umzusetzen. Auf Vermittlung eines engagierten Geistlichen entsteht ein gewagtes Zweckbündnis zwischen dem Drogenboss des »Morro« und der »Conexão Revolucionária«. Was diese mit allerlei theoretischen Verrenkungen als den Beginn einer revolutionären Bewegung versteht, ist für »Marra«, den Drogenboss, schlicht eine Möglichkeit, seine Macht auszubauen. Den Pistoleros der Drogengang ist es einerlei, ob sie nun Teil der revolutionären Streitkräfte sind und statt Schutzgeldern nun Revolutionssteuern erheben, die zu einem Teil in die Infrastruktur der Favela investiert werden. Doch in einem Punkt gehen die Revolutionäre entschieden zu weit: Im Viertel herrscht plötzlich Ruhe. Die Verbrechensrate tendiert gegen Null, und die Polizei gerät in erheblichen Erklärungsnotstand. Der zuständige Polizeiboss schmiedet seinerseits ein Kartell, um die gewohnte Un-Ordnung wieder herzustellen.Mittendrin ein Journalist, der von all dem höchstens die Hälfte versteht. Eine liebevoll ironische Karikatur der Zunft, der der Autor selbst angehört. Eine scharfsinnige und daher notwendigerweise auch ironische Betrachtung der politischen und gesellschaftlichen Situation in Brasilien.

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine der hochwertigsten Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt 2006« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Oft prangen auf Bücher kleine Aufkleber von den Verlagen: »Thriller des Monats«, »Bestseller«, »Unbedingt lesen«. All das prangt auf Büchern, die vom Inhalt her in vielen Fällen nur Massenware bieten. Den Phantasien der Verlage sind bei solchen Aufklebern oder aber auch bei Untertiteln keine Grenzen gesetzt. Ein Untertitel wie »Krimi aus Rio« muss sich also auch nicht unbedingt mit dem Inhalt decken, jedenfalls nicht mit dem, was man üblicherweise unter der Genre-Bezeichnung »Krimi« erwartet.

Der Krieg in Mirandao des Brasilianers Fernando Molica ist im engen Sinne eigentlich kein typischer Kriminalroman, obwohl er kriminelle Handlungen en masse schildert. Erzählt wird vom Schulterschluss des reaktionären Arms einer sozialistischen Partei (der CR) mit dem finanziellen (und kriminellen) Rückgrat eines Favelas – dem Drogenbaron in einem Elendsvorort von Rio de Janeiro. Die so entstandene Guerilla krempelt das Leben im Favela um. So bietet der Roman vielschichtige Einblicke in das Leben in einer der größten und schillerndsten Metropolen Südamerikas. Eine Welt, in der das soziale Gefüge nach anderen Gesetzen funktioniert oder eben nicht funktioniert, als wir das in unserem verhältnismäßig gemütlichen Europa kennen. Und diese Vielschichtigkeit macht den mit knapp 170 Seiten (plus 10 Seiten Interview mit dem Autor und 4 Seiten Glossar) relativ kurzen Roman zu einem wahren Juwel.

Protagonisten des rauen Alltags

Es gibt gleich eine Vielzahl von Charakteren, deren Portraits diesen Roman ausmachen:

  • Celio ist ein junger, fanatischer und anfangs hitziger Aktivist in den Reihen des CR, der der Partei beweisen will, dass nur eine Revolution zu einer besseren und gerechteren Gesellschaft führen kann. Er hat jedoch ein Glaubwürdigkeitsproblem, ist ein Weißer, der nicht mit Armut und Hunger aufwachsen musste. Zudem muss er in der Partei beweisen, dass er nun ein echter Sozialist ist und nicht aufgrund seiner katholischen Erziehung zwangsläufig auch konservative Gedanken hegt.
  • Pillar ist die graue Eminenz in den Reihen der CR. Mit Wehmut denkt er an die missglückten Guerillaaktionen in den 70er Jahren. Er lenkt die Aktionen im Favela aus sicherer Entfernung, hat den Revolutionsplan entwickelt und heimst das Lob und die Bewunderung seiner Genossen ein. Mit der Zeit muss aber auch er erkennen, dass in der Realität nicht alles so gut klappt wie auf dem Papier.
  • Maromba ist in Mirandao aufgewachsen und Prediger einer katholischen Gemeinde im Favela. Sein Kampf für Gerechtigkeit im Viertel, seine über die Medien verbreiteten sozialistischen Ansichten und sein Einfluss in Mirandao machen ihn zum ersten Ansprechpartner der Bewegung. Er lässt sich, obwohl er keiner politischen Partei angehört, in den politischen Kampf einbinden, da er gerne im Mittelpunkt steht und sich von den geplanten Projekten im Viertel Vorteile für alle Bewohner Mirandaos verspricht.
  • Marra ist seit seiner Jugend in der Bande eines Drogenbarons gewesen. Inzwischen steht er selber am Kopf dieser Bande und kontrolliert mit seinen bewaffneten Truppen den Drogenhandel im Viertel. Er lässt sich in die Revolution einbinden, da er sich Vorteile für seine illegalen Geschäfte verspricht. Seine Bande wird zur Exekutive im Viertel, treibt von benachbarten Händlern Schutzgelder ein und stellt im Gegenzug die Kriminalität ein. Aber je länger die Revolution dauert, desto mehr fürchtet Marra um seine Macht im Viertel.
  • Joana leitet die Arbeit einer NGO (Non-Government Organisation) in Mirandao, die berufliche Schulungen und soziale Projekte veranstaltet. Nebenbei ist sie aber als Aktivistin der CR wichtiger Ideengeber für Pillar und Celio. Ihre NGO bietet der CR den Tarnmantel, die Revolution unbemerkt im Viertel zu verbreiten. Sie ist Schwarze, ist in einem Favela geboren und kämpft deshalb in erster Linie ums eigene Überleben. Partei und Ideologie sind dabei nur Mittel zum Zweck und eigentlich zweitrangig.
  • Jairo ist der zuständige Sergeante in dem Bezirk, zu dem auch Mirandao gehört. Als unterbezahlter Polizist steht er machtlos der täglichen Gewalt in den Favelas gegenüber. Aber genauso kennt er auch die Profite, die »Private Sicherheitsdienste« aus dieser Gewalt ziehen. Der immense Rückgang der Kriminalität ist ihm unerklärlich, aber da er öffentlich belobigt wird, unternimmt er zunächst auch nichts, um die Entwicklungen zu hinterfragen.
  • Fontoura ist Journalist. Ein ziemlich erfolgloser, der von seinem Chef immer wieder auf Morde und Gemetzel angesetzt wird. Standardberichte, Satzhüllen, in denen nur die Zahlen der Opfer und Verletzten abgeändert werden müssen. Deshalb kennt er auch die Verhältnisse in Mirandao und traut den Entwicklungen nicht. Er hört von Verbrechen, die in keinem Polizeibericht auftauchen und ist der erste, der den Vorgängen in dem Favela auf die Schliche kommt.

Der Autor springt in den kurzen, sehr dicht erzählten Kapiteln, immer wieder zwischen diesen Protagonisten hin und her. Er erzählt die Sicht des Lebens aus der Perspektive jedes einzelnen. Jeder hat andere Visionen und Träume, jeder hat andere Perspektiven im Leben. Es ist diese Vielzahl von glaubwürdig agierenden, unterschiedlichen Charakteren, die die besondere Qualität dieses Romans ausmacht. Nur dadurch gelingt es dem Autor, die komplexe soziale Realität zu würdigen: den Bankrott eines Staatssystems, in dem Gewalt und Angst nicht mehr durch die Organe des Rechtsstaats kontrolliert werden. Ebenso zeigt er, wie verwurzelt bereits die strukturelle Armut im Lebensalltag der Menschen ist und wie sie die Spaltung der Gesellschaft forciert.

Der romantische Traum von sozialer Gerechtigkeit scheitert nicht an den Mitteln des Staates, sondern an den Menschen, die sich mit der existierenden sozialen Ungerechtigkeit arrangiert haben. Das ist die tragische Erkenntnis, die diesen politisch geprägten Roman färbt. Krieg in Mirandao ist eine anspruchsvolle Lektüre, eine der hochwertigsten Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt 2006.

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