Verbrechen von Ferdinand von Schirach

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, München und anderswo, 1990 - 2009.

  • München; Zürich: Piper, 2009. ISBN: 978-3-492-05362-4. 205 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2010. ISBN: 978-3-492-25966-8. 205 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2011. ISBN: 978-3-492-27243-8. 208 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2011. Gesprochen von Burghart Klaußner. ISBN: 3837108767. 3 CDs.

'Verbrechen' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Ferdinand von Schirach hat es in seinem Beruf alltäglich mit Menschen zu tun, die Extremes getan oder erlebt haben. Das Ungeheuerliche ist bei ihm der Normalfall. Er vertritt Unschuldige, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, ebenso wie Schwerstkriminelle. Deren Geschichten erzählt er ...Ein angesehener, freundlicher Herr, Doktor der Medizin, erschlägt nach vierzig Ehejahren seine Frau mit einer Axt. Er zerlegt sie förmlich, bevor er schließlich die Polizei informiert. Sein Geständnis ist ebenso außergewöhnlich wie seine Strafe. Ein Mann raubt eine Bank aus, und so unglaublich das klingt: er hat seine Gründe. Gegen jede Wahrscheinlichkeit wird er von der deutschen Justiz an Leib und Seele gerettet. Eine junge Frau tötet ihren Bruder. Aus Liebe. Lauter unglaubliche Geschichten, doch sie sind wahr.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der tiefgründige Blick eines blinden Mädchens« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Ein ungewöhnlicher Autor, ein ungewöhnliches Buch. Ferdinand von Schirach ist nicht nur der Enkel des ehemaligen NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach (wofür er natürlich nichts kann), sondern auch erfolgreicher Rechtsanwalt in Berlin.

»Stories« steht lapidar unter seinem ersten belletristischen Werk Verbrechen. Elf Geschichten zwischen 14 und 32 Seiten, die auf realen Fällen aus von Schirachs Kanzlei beruhen.  Knappe, lakonische Fallbeschreibungen, die darauf hinaus laufen, dass der Anwalt von Schirach engagiert wird  – in einem Fall, der Böse endet, auch wieder entlassen wird – und es zu einem überraschenden Finale kommt. So verbindet das erzählende Anwalts-Ich die kurzen Episoden, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Es finden sich ein:

 – ein menschenfreundlicher Arzt, der sich auf radikale und tödliche Weise von seinem Ehejoch befreit, da er ein gegebenes Versprechen nicht brechen will.
 – eine Teeschale, die mehrere Menschenleben wert ist. Zumindest für ihren Besitzer und seine Vorstellung von kulturellem Vermächtnis.
 – familiäre Kälte, die auch durch die Kraft der Musik nicht gebrochen werden kann. Stattdessen sämtliche Familienmitglieder bricht.
 – ein Underachiever, der Vorurteile gegen die Justiz ausspielt.
 – ein tödlicher Herzinfarkt, der direkt ins Schlachthaus bedingungsloser Liebe führt.
 – die Tücken der Zeitumstellung.
 – zwei Skinheads, die sich mit dem Falschen anlegen.
 – Zahlen, Farben, bedrohliche Schafe und der kurze Weg zwischen einem verstohlenen Liebestrip und Lynchjustiz im Herzen.
 – die Hölle des Alltäglichen. Ein Vergessener auf seiner Mission, den Stachel im versteinerten Fleisch zu finden.
 – der verführerische Geschmack von Menschenfleisch. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Liebesbiss und einem Lieblingshappen.
 – Hoffnung und Glück, die in Äthiopien wohnen.

Soll man erschrecken oder zustimmen, wenn einer Kritikerin des WDR nichts anderes einfällt als: »Boah!«; wenn in Foren gerätselt wird, WELCHER Fall sich GENAU hinter den jeweiligen Geschichten verbirgt. Die Fallgrube liegt nahe: mit der Wirklichkeit hausieren gehen, wie der Redakteur eines Privatsenders, der ein neues Konzept für eine sensationelle Reality Show sucht. Da endet die Bewerberin für Germanys Next Top Model eben nicht auf dem Laufsteg, sondern mit eingeschlagenem Schädel auf einem Hotelbett; das Casting für das Supertalent bringt nicht nur eine Siegerin, sondern auch Sterbehilfe und zwei Selbstmorde hervor, und »Bankräuber sucht Frau« endet hoffnungsvoll im Herzen Afrikas. Ganz kann Verbrechen dieser Gefahr, zu einer Peepshow realitätsäquivalenter Begebenheiten zu mutieren, nicht entgehen. Das liegt aber weniger an den kurzen Erzählungen selbst, als an der Dauerpräsenz des abseitigen Alltags im jederzeit krawallig aufgestellten und ausgerichteten Medienparcours.

In seinen besten Geschichten gelingt es von Schirach tatsächlich, einen tiefschürfenden Blick auf menschliche Befindlichkeiten zu werfen, und über das erste Erschrecken, welche Abgründe in unserer kultivierten Zivilisation lauern, hinaus zu weisen. Manche Geschichte mag wie der Rohentwurf eines noch auszuarbeitenden Drehbuchs wirken, aber in seiner distanzierten, scheinbar emotional unberührten Art,  offenbart sich eine analytische Nachdenklichkeit, die andere Autoren in weitschweifigen Romanen nicht erreichen. Leider unterminiert das erzählende Ich die Poesie einer möglichen Wahrheit durch seine relativierende, altkluge Haltung. Paradebeispiel ist die ansonsten stärkste Geschichte des Bandes »Notwehr«. Eigentlich eine rasiermesserscharfe Umkehrung von Ernest Hemingways berühmter »The Killers«-Story, wird die Geschichte durch ihren moralinsauren und wie angeklebt wirkenden Schluss auf ordentliches Mittelmaß zurück geschraubt. Anstatt in einer Studie niederer Instinkte und kühler Berechnung, endet das Ganze mit dem Epilog eines modernen Pontius Pilatus: ich mache mir die Hände nicht schmutzig, wenn ich das Hemd wegwerfe, das ich während der Verhandlung trug (bzw. verliehen habe). Was natürlich auf eine ganz andere, eigenwillige Art und Weise wieder erhellend ist. Freispruch erwirkt und trotzdem schlechtes Gewissen dabei. So sorgt Verbrechen für viel Nachdenkenswertes. Und es lässt sich verdammt gut und – viel zu – schnell lesen.

Nicht alle Geschichten sind gleich gelungen; die längste läuft auf eine allzu vorhersehbare Pointe hinaus. Hat mit ihrem ambivalenten Schluss aber immerhin einen kleinen Widerhaken zu bieten. Die eigentlich treffende Studie eines angehenden Kannibalen verliert durch ihren »ich hab’s ja gewusst« Duktus etwas an Wirkung. »Der Igel« ist eine nette Eulenspiegel-Tirade für zwischendurch, und der rührselige »Äthiopier« ist reinstes Bollywood, auch wenn kaum getanzt wird. Ohne Augenzwinkern als Abschluss präsentiert: Respekt!

Dass es nebenbei noch ein wenig über das deutsche Rechtssystem zu lernen gibt, wird gerne in Kauf genommen.

Eine letzte spannende Frage bleibt indes, ob Verbrechen einen Nachfolger erhalten wird; oder ob wir nur Zeuge eines einmaligen, wenn auch lesenswerten, egozentrischen Ausbruchs geworden sind.

Jochen König, Januar 2010

Ihre Meinung zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen«

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CSIler zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 13.04.2011
Ein sehr interessantes u. lesenswertes Buch.
Es ist im klassischen Sinne kein Krimi, sondern gehört ehr zur Sorte "True Crime" u. ist aber nicht von einen Rechtsmediziner,Arzt o. Polizist geschrieben (was ehr typisch ist), sondern von einen Rechtsanwalt.
Durch die vielen kleinen Geschichten kann man das Buch sehr schnell durchlesen.
anyways zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 09.03.2011
Herr von Schirach plaudert als Anwalt und Strafverteidiger aus dem Nähkästchen. Unterhaltsam erzählt er die interessantesten und skurillsten Geschichten aus seinem Alltag. Storys, die nachdenklich machen und lange in Erinnerung bleiben. Am bewegendsten war für mich die Geschichte des Äthiopiers. Ein Mann, nicht klug aber geschickt mit den Händen, den die Gesellschaft ausschloss. Er ist so verzweifelt und begeht, recht tollpatschig, einen Banküberfall mit einer Plastikpistole. Danach flieht er nach Addis Abeba, in der Hoffnung in Asien zu landen. Über einige Umwege gelangt er schließlich in ein Kaffeedorf und wird von der dortigen Gemeinschaft aufgenommen. Die Akzeptanz, Aufmerksamkeit, Toleranz und Liebe die er dort erfährt sind so neu und einmalig, das er sich revanchiert und einen Teil seiner Dankbarkeit ausdrückt, indem er den Kaffeeanbau, Transport und Verkauf revolutioniert. Dank seines handwerklichen Könnens kommen die Einwohner des Dorfes zu einem bescheidenen Reichtum. Aber selbst in dieses kleine Kaffeedorf reicht der Arm der deutschen Justiz…

An dieser Geschichte zeigt sich sehr deutlich wie eingeschränkt wir sind in unserem Streben nach Macht, Intelligenz und Schönheit, dass wir alle die „anders“ sind verachten und ihnen kaum Chancen einräumen mit und nicht am Rande der Gesellschaft zu leben.

Die zweite Story die mich ebenfalls sehr nachdenklich stimmte war „Liebe“. Hier zeigt sich, das die anwaltliche Schweigepflicht auch sehr viele Nachteile in sich birgt.



Fazit: Ein sehr gelungenes Buch von einem begnadeten Erzähler. Kurz und knackig vermittelt Schirach seine Geschichten und würzt sie mit etwas Zynismus. Sie sind absolut lesens- und empfehlenswert.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
koepper zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 13.01.2011
Ferdinand von Schirach „Verbrechen“.
Zwar kein Krimi, aber ein lesenswertes Buch. Der Autor ist Strafverteidiger und berichtet von Verbrechen, die sich tatsächlich zugetragen haben und in die er z.T. als Rechtsanwalt selbst involviert war. Er beschreibt kühl, sachlich, scheinbar emotionslos und mehr aus der Perspektive der Täter, als aus der der Opfer. Der Autor entwickelt die Geschichten gut. Der Leser erfährt viel über die Hintergründe und Motive der Täter, die ihr Handeln in manchen Geschichten nachvollziehbar macht. Fast alle der kurzen Geschichten sind ungewöhnlich und böten Stoff für einen Kriminalroman.
Lesen!
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
MaMa zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 06.01.2011
Kurze Stories eines Anwaltes mit hoher Erzählqualität. Wenn sie wahr sind, und davon gehe ich aus, ist es wieder eine Bestätigung dafür dass das Leben manchmal verrückter ist, als es in einem fiktiven Krimi erfunden werden kann.
Von Schirach hat einen sauberen, trockenen und fairen Schreibstil. Er schont weder Verbrecher noch die Juristen (auch nicht sich selbst) noch den normalen Stino-Bürger.
Trotzdem gerät man immer wieder ins Staunen wie stark die Vorgeschichte eines Menschen die Verbrechenstat beeinflusst, bzw. wie unterschiedlich und differenziert die Urteilsfindung ausfallen kann, wenn diese Vorgeschichte bekannt sind oder auch nicht.
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
detno zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 07.04.2010
Ich habe "Verbrechen" als Hörbuch genossen, das von Burghart Klaußner hervorragend vorgetragen wurden.

Grundsätzlich stört es mich, wenn bei der Berichterstattung über Verbrechen zu wenig auf die Opfer eingegangen wird, dafür aber der Täter alle Aufmerksamkeit erntet.

Bei diesen wahren Geschichten ist immer der Straftäter die zentrale Person, da Ferdinand von Schirach als Strafverteidiger eben genau diese Gesetzesbrecher vor Gericht vertritt.

Da es ausgesuchte Fälle sind, kann man sich das starke Mitgefühl selbst für einen Mörder nicht verkneifen. Im Gegenteil, es entsteht auch noch Verständnis für die blutige Tat. Auch ein (mutmasslicher) Berufskiller findet volle Sympathie, wenn er in einer Notwehrsituation eiskalt zwei Rechtsextremisten ins Jenseits befördert.

Nach diesem Hörbuch muss man eine Pause einlegen, um das Gehörte richtig verdauen zu können.

Fazit:
Ein Klasse-Hörbuch.
92°
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
dubh zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 10.01.2010
Nach zahlreichen guten bis hymnischen Rezensionen zu diesem Buch hatte ich doch Interesse es zu lesen.
Zugegebenermaßen fand ich die Neuerscheinung vor einigen Monaten eher etwas fragwürdig: da muss der Staranwalt, der auf mich leicht exzentrisch wirkt(e) und den ein oder anderen ominösen Beschuldigten vertreten hat, auch noch ein Buch schreiben... Aber nun gut, es ist irgendwie auch ganz schön doof, sich ein Buch zu verkneifen nur weil man meint, der Autor hätte es weder nötig noch könnte er sonderlich gut schreiben, sondern leide wohl eher an einem besonders ausgeprägten Fall der Selbstdarstellung.
Nun bin ich aber doch noch zu diesem Buch gekommen - und es freut mich richtig!

Ferdinand von Schirach schreibt nüchtern, zusammenfassend in relativ kurzen Sätzen, von allen möglichen Leuten, die aus unterschiedlichsten Gründen straffällig geworden sind. Es sind Bestandsaufnahmen der jeweiligen Personen, Beschreibungen ihres 'Werdegangs', in denen teilweise schon erste Anzeichen für ihre späteren Taten deutlich werden. Der Stil, in dem die Verbrechen selbst geschildert sind, ist sehr sachlich und hinterlies mich nur in einem Punkt ratlos: ob diese Fälle tatsächlich so geschehen sind. Ferdinand von Schirach deutet dies ja an, indem er auch immer wieder sich und seine Verbindung zu den Tätern ins Spiel bringt.
Auch wenn von Schirach nicht der literarischste Schriftsteller dieser Tage ist, so finde ich eines bemerkenswert: seine Geschichten bleiben hängen, machen nachdenklich. So habe ich mehr als einmal die auslösenden Emotionen der späteren Täter nachvollziehen können, wenn auch nicht die teilweise wirklich eruptionsartig ausbrechende Gewalt, die ihnen folgt.

Fazit: Mir hat das Buch gut gefallen und ich bin sehr froh, dass ich mich nicht von den Vorurteilen zu Beginn von der Lektüre habe abhalten lassen. Die Stories unterhalten auf einer sehr sachlichen Ebene gut und machen mehr als einmal nachdenklich. Einziges Minuspünktchen ist, dass von Schirach sich doch immer wieder gerne selbst ins Spiel bringt, seine Rolle als Verteidiger darstellt. Wenn ihn dies aber noch einen Schritt weiterführt und ihn ein, zwei Gedanken zu unserem Rechtsystem ausführen lässt, dann wirkt er brillant.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
subechto zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 07.01.2010
Verbrechen ist eine Sammlung von 11 "Stories", die Ferdinand von Schirach, ein bekannter Rechtsanwalt und Strafverteidiger, in sehr sachlichem Ton, mit kurzen Sätzen und treffenden Worten erzählt.

Unter anderem, die des angesehenen Doktors der Medizin, Friedhelm Fähner, der nach vierzig Ehejahren seine Frau Ingrid mit einer Axt erschlägt. Er hat sie im wahrsten Sinne des Wortes "klein" gemacht, bevor er die Polizei ruft. Sein Geständnis ist ebenso außergewöhnlich wie seine Strafe.

11 unglaubliche, aber wahre Geschichten, vom Autor lakonisch aus Sicht der Täter erzählt, die - wie so oft - jahrelang selber Opfer waren. Für meinen Geschmack, vielleicht etwas zu einseitig. Manchmal konnte ich es gar nicht glauben... bei Bettelbriefen steht am Anfang auch immer, dass es "wahr" ist.

Eigentlich mag ich keine Kurzgeschichten. Aber diese "Stories" haben mich einfach umgehauen und selbst danach nicht mehr losgelassen...

Sehr empfehlenswert!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Dani@Leseratte zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 31.12.2009
Unglaublich...aber wahr. Dieses Buch hat mich von der ersten Seite absolut gepackt. Story für Story hat er mich immer mehr in seinen Bann gezogen und am Ende noch lange in meinen Gedanken gearbeitet.

Herr Schirach hat unglaubliche Dinge erlebt in seiner Laufbahn als Strafverteidiger und ich bin mir nicht sicher, wodurch mir seine Erfahrungen so unter die Haut gegangen sind. An sich ist es nicht wie ein Krimi, der durch blutige detaillreiche Szenen auftrumpfen kann oder einen durch abgedrehte kranke Serienmörder nicht mehr aus den Gedanken geht. Ich glaube es ist eher die Tatsache, dass es eben nicht nur aus dem Hirn eines Schreibers entsprungen ist, sondern dass sie unfassbar wahr sind. Und erschwerend kommt noch hinzu, dass es nachvollziehbar und teilweise verständlich ist.

Ich glaube dieses Buch hat den Effekt, dass man unwillkürlich bei einem Unfall auf der Straße nicht wegschauen kann, nicht ohne Grund entsteht auf der gegenüberliegenden Fahrbahn Stau wegen Gaffern. Dieses Buch lässt einen auch nicht wegschauen, es zieht einen in seinen Bann, da es der Wirklichkeit entspricht und so hart sie auch sein mag, so fair ist sie auch das eine oder andere Mal.

Fazit: Absolut lesenswert!!!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
cabriofahrerin zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 23.11.2009
"Stories" - Geschichten, die das Leben schreibt

Ferdinand von Schirach hat ein Buch mit elf Geschichten veröffentlicht, die er selbst erlebt hat - als Verteidiger in Strafprozessen. Gebunden an seine Schweigepflicht, wird er die Ereignisse verändert haben, um den Schutz der realen Personen zu wahren. Als Verteidiger ist er parteiisch und steht auf der Seite seines Mandanten. Als Erzähler ist er frei.
Von Schirach hat mit seiner Auswahl für den Leser ein Kaleidoskop unterschiedlichster Straffälle ausgewählt. Wir lesen von einer Ehe mit tödlichem Ende, von dem Diebstahl einer wertvollen Teeschale, einem Kannibalen, Kriminalität im Drogen- und Prostituiertenmilieu und anderen Taten.
Gemeinsamkeiten aller dargestellten Fälle sind ihre absolut unerwarteten Verläufe, die psychischen Veränderungen der handelnden Personen und eine unbeschreibliche Brutalität.
Manche Fälle verlaufen "im Sande". So entlastet ein Mann seinen angeklagten kriminellen Mitbruder durch eine geschickte Zeugenaussage. Ein anderer Mann mit eindeutigem Hang zum Kannibalismus entzieht von Schirach sein Mandat.
Während man die meisten Geschichten mit Distanz lesen kann, sind andere dabei, denen man sich gefühlsmäßig nicht entziehen kann. Das Leid ist manchmal so stark, dass man es selbst spüren kann.
Wir erleben die nach außen hin intakte Ehe eines anerkannten Mediziners, der nach 48 Jahren physischer und psychischer Demütigung seinen Lebenszustand nicht mehr aushält und seine "geliebte" Ingrid umbringt. Da von Schirach gemächlich und präsise beschreibt, wie es zu der Tat kommen konnte, wird sie zu einer zwingenden, nicht mehr abwendbaren Konsequenz. Auch diese überzeugende Erzählweise ist allen beschriebenen Fällen zu eigen.
Furchtbar zu lesen ist, wie zwei Kinder in einer mutterlosen Familie aufwachsen: Ein liebloser, strenger Vater verlangt von ihnen bedingungslose Disziplin und Verzicht. Obwohl Vermögen vorhanden ist, müssen die Kinder sich ihr Taschengeld erarbeiten, z. B. indem sie Löwenzahn ausstechen.
An manchen Stellen klärt von Schirach den Leser sehr kurz, aber ausreichend informativ über das deutsche Rechtssystem, insbesondere den Prozessverlauf auf.
Auch die immer wieder diskutierte Frage nach dem Sinn von "Strafe" spricht er an und erörtert das rechtsphilosophische Problem (vgl. S. 17).
Das Buch liest sich sehr schnell. Von Schirachs Sprachstil ist klar; seine Sätze sind meist kurz und einfach.
Sicher lesen wir tagtäglich von neuen kriminellen Geschehnissen, aber so stark, wie von Schirach seine Erzählungen aufbereitet hat, indem er uns ins Innerste der Handelnden schauen lässt, bleibt Nachdenkenswertes hängen. Sind wir parteiisch geworden? Stehen wir mehr auf der Seite des Kriminellen als auf der der Opfer?
Bilden Sie sich selbst ein Urteil, indem Sie dieses Buch lesen.
Marius zu »Ferdinand von Schirach: Verbrechen« 13.11.2009
Nichts ist härter als die Realität

Diese These sah ich durch die Lektüre von „Verbrechen“ des Münchner Anwalts Ferdinand von Schirach einmal mehr bestätigt. Die Fälle, mit denen sich der Strafverteidiger im Laufe seiner Karriere befassen musste, sind manchmal kurios, traurig oder einfach grausam. Für sein Erstlingswerk gibt er nun Einblick in seinen Alltag als Anwalt und erzählt seine größten Fälle quasi aus dem Nähkästchen. Um seine Geschichten vorzutragen hat er die Gattung „Kurzgeschichte“ gewählt, was dem vorliegenden Band sehr guttut, da er wegen der Kürze der Geschichten gleich auf den Punkt kommt. Lange Schilderungen sind Schirachs Sache nicht und er schafft es, komplexeste Fälle auf 20 Seiten zu schildern, ohne dass man das Gefühl hat, es würden wichtige Komponenten fehlen.
Der Strafverteidiger erzählt nun unter anderem von einem Geschwisterpaar, bei dem die Schwester ihren Bruder aus Liebe tötet oder er beschreibt im Fall „Tanatas Teeschale“ die Story eines Einbruchs, bei dem die titeltragende Teeschale entwendet wurde, und welche grausame Rache die an dem Einbruch Beteiligten ereilt. In „Äthiopien“ gibt er dann die Geschichte eines Bankräubers zum Besten, dessen Schicksal sehr bewegend ist und der dann am Ende des Verfahrens zu seinem Lebensglück findet. All diese unfassbaren Verbrechen, 11 an der Zahl, erzählt Schirach aber sehr distanziert und lakonisch. Der Jurist schafft es, menschliche Schicksale und Geschichten in teils kürzesten Abschnitten zu entwerfen, was ich so von noch nicht vielen Kriminalautoren gelesen habe. Wie er in Interviews betont, gelingt im diese Authentizität schlicht und ergreifend dadurch, dass es nicht mehr und nicht weniger als die Wahrheit ist, die er in leicht abgeänderter Form niedergeschrieben hat.
Positiv ist zudem, dass Schirach nicht den Fehler begeht, seine Rolle angesichts der Fälle besonders herauskehren zu wollen, sondern er bleibt absolut sachlich und erwähnt die Rolle, die er während der Fälle spielte, nur in wenigen Sätzen. Man merkt ganz klar, dass es ihm nicht um seine eigene Person sondern um die titelgebenden Verbrechen geht.
Fazit: Selten hat mir ein Klappentext so aus der Seele gesprochen! Das Buch ist aufgrund seiner Kürze und seinem lakonischen Erzählstil sehr gelungen und bleibt mir nachdrücklich im Gedächtnis. Es ist wieder ein Beweis dafür, dass die spannendsten Geschichten noch immer das Leben schreibt!
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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