Der Mann zwischen den Wänden von Emma Ångström

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Mannen mellan väggarna, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Arctis.

  • Stockholm: Piratförlaget, 2016 unter dem Titel Mannen mellan väggarna. 308 Seiten.
  • Hamburg: Arctis, 2017. Übersetzt von Annika Ernst. ISBN: 978-3038800057. 336 Seiten.

'Der Mann zwischen den Wänden' ist erschienen als Hardcover

Das meint Krimi-Couch.de: Männlich, ledig, ohne Mutter …sucht Anschluss 76°

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Die schwedische Autorin Emma Ångström legt mit »Der Mann zwischen den Wänden« ihren zweiten Roman vor. Sie ist Architektin und arbeitet vier Tage die Woche als Kommunikationsleiterin bei ETTELVA Arkitekter. Den Mittwoch hält sie sich zum Schreiben frei.

Ångströms eine Hauptfigur ist die neunjährige Alva, die gerade aus einer Villa in Ludvika mit ihrer Mutter Vanja und ihren zwei Schwestern Sanna und Ebba in ein Stockholmer Mehrfamilienhaus in der Tégnergatan umgezogen ist. Alva fühlt sich zum Übernatürlichen hingezogen und besitzt ein »Lexikon der paranormalen Phänomene«. Sie hat Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen und möchte gerne mit ihrer toten Großmutter und ihrem abwesenden Vater kommunizieren.

Die Mieter des Hauses merken, dass seltsame Dinge geschehen, sprechen jedoch nicht darüber. Sie wissen nicht, dass sie einen älteren Nachbarn haben, W, der Jahre damit zugebracht hat, das Haus mit einem Labyrinth von Geheimgängen zu durchziehen. Seit dem Tod seiner Mutter, die Eigentümerin des Hauses war, lebt er zwischen den Wänden, belauscht die Nachbarn der 32 Wohnungen und beschafft sich, wenn die Mieter schlafen oder außer Haus sind, Lebensmittel aus deren Beständen.

Manchmal schläft er nachts auch unter einem der Betten und erzeugt so eine eigenartige Form von Nähe. Da er seine Grenzen nach und nach verschiebt, geht er irgendwann Risiken ein. Eines Tages verschwindet Lily, die Ehefrau von Jens, spurlos, bis zwei Wochen später plötzlich ihre Leiche im Wohnungsflur liegt. Die Polizei verdächtigt Jens des Mordes.

Mobber wird kurzerhand mit einem Fluch belegt

Alva spürt die Gegenwart Ws, die sie anfangs mit der ihrer Großmutter verwechselt. Die Handlung wird erweitert in den Bereich des Okkultismus. Alva belegt den üblen Mitschüler Charlie mit einem Fluch, weil der sie in der Schule mobbt und demütigt. Charlie wird kurz darauf bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt.

Henry Johnson, ein Mann von 66 Jahren, der unter seiner Einsamkeit leidet, kauft zu einem lächerlichen Preis das Mietshaus, welches keine weiteren Interessenten findet, weil die 90-jährige Vorbesitzerin darin im Zustand der Verwesung gefunden wurde und es Tatort eines Mordes ist. Henry stellt sich der Mieterin Dagny vor und bemerkt, dass die Wohnung kleiner sein muss als in den Bauunterlagen angegeben. Seine Recherche ergibt, dass die tatsächlichen Wohnungsgrößen mit den Planangaben nicht übereinstimmen. So kommt er bald W auf die Spur.

Autorin beschreibt vor allem das Verhalten ihrer Protagonisten

Ångström ist nicht in erster Linie interessiert an ihrem Kriminalfall und der Frage nach dem Täter. Das Verhalten von Menschen ist ihr Thema, von Menschen, die durch ihr Lebensumfeld beeinflusst werden.

Zu Beginn werden die Leserinnen behutsam herangeführt an W und sein Wirken. Die Nachbarn Kristina und Peter haben ein Baby, auf dessen Decke im Bettchen ein schwarzer Handabdruck zu sehen ist. Nachbarin Dagny lebt mit ihrem Cockerspaniel Daisy zusammen, bemerkt wiederholt, dass Lebensmittel und Haushaltsartikel fehlen, weshalb sie sich für verwirrt hält, auch weil sie nicht mehr weiß, wie viele Brotlaibe sie gebacken oder was genau sie eingekauft hat. Mieterin Anita hat Alpträume, in denen sie ein Gesicht sieht.

Die Überschriften der vier Buchteile deuten den narrativen Pfad und seine Schwerpunkte an: »Das Okkulte«, »Die Verwesung«, »Das Labyrinth« und »Die Geheimtür«. Allein diese Überschriften lassen vermuten, der Roman sei dem Mystery- oder Horrorgenre zuzuordnen. Diese Annahme wird gestützt dadurch, dass Alva sich mit der Welt des Übernatürlichen beschäftigt, drei Bilder ihrer Großmutter im Kinderzimmer hat, die von Mutter Vanja dem Zyklus »Malereien des siebten Sinns« zugeordnet werden.

So wie die Großmutter früher Séancen veranstaltete, um mit der Geisterwelt in Verbindung zu treten, macht dies nun Alva. Auch ist ein Zusammenhang möglich zwischen Alvas Voodoo-Maßnahme und Charlies Unfall. Alvas Vater Thomas hält Vanja für eine Hexe, ohne dass geklärt würde, in welchem Sinn er dies meint. Sein Schicksal, für das Vanja verantwortlich scheint, wenigstens aus Alvas Sicht, trägt stark zur Entfremdung zwischen Mutter und Tochter bei.

Gebäude spielt wichtige Rolle in der Erzählung

Das Mietshaus selbst kann als eine Hauptfigur in der Erzählung betrachtet werden. Wie ein Bau schützt es vor der äußeren Welt und bildet folglich eine als sicher wahrgenommene Sphäre. Es ist als unbelebte Substanz architektonischer Schutzraum und intimes Umfeld. Im Horrorgenre ist das Haus ein beliebter Topos, mal als beseelte Architektur mit Geheimnis und persönlicher Agenda, mal als Container böser Kräfte. Der Mann zwischen den Wänden hebt die Funktion des Hauses als Schutzraum auf und verletzt insbesondere permanent die Privatsphäre. Er sorgt für erhebliche Irritationen bei einigen Mietern, bis hin zum Zweifel am eigenen Verstand.

Die Autorin zitiert reichlich – bis hin zu zwei Seiten am Stück – aus Texten, die Alva liest. Einmal erzählt Alva ihren Schwestern die »Geschichte von dem Irrenhaus«, in der ein Mann unter dem Bett eines Mädchens liegt, wodurch eine Parallelkonstruktion geschaffen wird, die auf W verweist, den Mann zwischen den Wänden. Als Alva und W sich gegenüberstehen, entsteht eine tiefe spontane Verbindung, die den weiteren Handlungsverlauf bestimmt und in eine für einen Kriminalroman unerwartete Richtung führt, Leserinnen von Horrorliteratur jedoch kaum überraschen dürfte.

Der Roman wird nur auf der Sekundärebene zum Krimi

Zwar werden in »Der Mann zwischen den Wänden« Verbrechen verschiedener Qualität und strafrechtlicher Relevanz begangen. Aber dadurch wird der Roman nur auf der Sekundärebene zum Krimi. Primär geht es der Autorin darum, ein soziales Beziehungsgefüge zu entwickeln, weshalb die Handlung in einem Mehrparteienhaus spielt. Im Zentrum dieses Gefüges stehen die neuen Mieter, Vanja und ihre Töchter. Insbesondere über W und Alva werden Verzweigungen zu anderen Mietparteien geschaffen.

Man ist anderen Menschen nahe, kann aber so gut wie keine Beziehungen aufbauen. Der Blick in einige Wohnungen zeigt, dass das Problem bereits im Kleineren auftritt, in manchen Paarbeziehungen und Familien. Im Extrem sucht W die Nähe zu Menschen und kann doch nichts mit ihnen anfangen – übrigens auch nichts mit Lilys Leiche, die er zwei Wochen in seinem geheimen Bereich liegen hat.

Die Handlung geht in unaufgeregtem Vortrag überwiegend deskriptiv ihren Weg, ohne Spannungsbögen, mit einer sich nur in den Szenenwechseln bemerkbar machenden Dramaturgie. Das mögen manche Leserinnen als gepflegte Langeweile empfinden, andere als literarisch. Wie auch immer, es schadet der Erzählung nicht. Angenehm ist, dass die Autorin nicht gefühlt alle vier Seiten einen Cliffhanger erzeugt, sondern ihre langsam dahingleitende Erzählung in der Lage ist, die Leserin mitgleiten lassen zu wollen.

Nicht nur die Familie Alvas ist dysfunktional. Auch manche Paarbeziehungen. Angström spricht in ihrem Buch explizit den Fall Josef Fritzl an. Fritzl hielt im österreichischen Amstetten seine Tochter 24 Jahre lang in einem vor der Öffentlichkeit verborgenen Wohnkeller bis 2008 gefangen.

Manche Motive Ångströms finden sich in den Filmen »Haus der Vergessenen« (Regie: Wes Craven, 1991) und »Walled In« (Regie: Gilles Paquet-Brenner, 2009), außerdem in der TV-Serie American Horror Story: Hotel (2015).

Emma Ångström erzählt in ihrem zweiten Roman, »Der Mann zwischen den Wänden«, von den Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen, durchsetzt dies mit Morden, Mystery und einen Ausflug in die Welt der Paranormalität, um die Handlung auf eine Ebene zu überführen, die manchen Leserinnen befremdlich erscheinen dürfte. Die brutale Klimax wird in einen offenen Romanschluss überführt.

Almut Oetjen, September 2017

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