Engelsschuld von Emelie Schepp

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Prio ett , deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 3 der Jana-Berzelius-Serie.

  • Stockholm: Wahlström & Widstrand, 2016 unter dem Titel Prio ett . 355 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2017. Übersetzt von Annika Krummacher. ISBN: 978-3734104695. 447 Seiten.

'Engelsschuld' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Grausame Morde erschüttern die schwedische Stadt Norrköping. Dreimal wird der Sanitäter Philip Engström zu den Tatorten gerufen, dreimal kann er nichts mehr für die entsetzlich entstellten Opfer tun. Er erkennt, dass er den Ermordeten schon einmal begegnet ist und er selbst das nächste Opfer sein könnte. Doch eine schwere Schuld in seiner Vergangenheit lässt ihn schweigen. Staatsanwältin Jana Berzelius nimmt sich des Falls an. Erst spät merkt sie, dass Privates und Berufliches in dieser Mordserie eng miteinander verknüpft sind. Denn Jana hat ihre ganz eigene Rechnung mit dem Mörder offen.

Das meint krimi-couch.de: Das Leben an sich ist eines der härtesten 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Staatsanwältin Jana Berzelius und die Polizei von Norrköping haben es mit einer brutalen Mordserie zu tun. Eine Krankenschwester wird getötet, indem ihr die Hände abgehackt werden. Die Polizei sucht fieberhaft nach einem Motiv, landet mit ihren Ermittlungen aber immer wieder in Sackgassen. Dann wird einer Rettungssanitäterin die Zunge heraus geschnitten, sie verblutet. Als schließlich dem dritten Opfer die Beine abgesägt werden, ist den Ermittlern klar, dass sie es mit einem Serientäter zu tun haben, der Körperteile entfernt, um eine Botschaft zu senden.

Die Zusammenhänge werden aber erst deutlich, als sich der Sanitäter Philip Engström klar darüber wird, dass er alle Ermordeten kannte – und er selbst das nächste Opfer sein könnte. Doch seine Vergangenheit lässt ihn zunächst schweigen. Staatsanwältin Jana Berzelius hat derweil ganz eigene Probleme. Sie wird von einem entflohenen Verbrecher erpresst, der Tagebücher aus ihrer Zeit als Kindersoldatin hat. Er will, dass sie ihm zur Flucht verhilft. Jana steckt in einer kaum auflösbaren Zwickmühle – und findet dann auch noch heraus, dass sie mit dem Serienkiller selbst eine Rechnung offen hat.

Viele Menschen haben es ungemein schwer in ihrem Leben

Emelie Schepp brachte im Selbstverlag ihren ersten Thriller »Nebelkind« auf den Markt, der sich zum Kassenschlager entwickelte. Das Buch wurde, ebenso wie der zweite Band »Weißer Schlaf«, von den Lesern der Krimi-Couch hoch bewertet. 2016 bekam Schepp dann den Crimetime Specsavers Award – und wurde damit zur besten Spannungsautorin Schwedens gekürt. Engelsschuld ist der dritte Teil der Jana-Berzelius-Reihe, für mich war es der Einstieg. Das ist jedoch kein Problem, Vorwissen aus den ersten zwei Bänden ist hier nicht wirklich notwendig. Es ist oft die Rede davon, dass skandinavische Kriminalromane in aller Regel düster und von schwermütiger Gesamtstimmung sind. Ein solches Urteil über die Spannungsliteratur aus Skandinavien findet ich persönlich sehr schwierig, wenn nicht sogar anmaßend. Dafür sind mir die Unterschiede zwischen den Autoren aus den verschiedenen Ländern zu groß. Dennoch gibt es solche Romane mit einer düsteren und problembeladenen Grundstimmung – »Engelsschuld« ist in meinen Augen ein solches Werk. Der Grundtenor macht deutlich, dass es viele Menschen ungemein schwer haben in ihrem Leben. Diese Art Romane muss man nicht mögen – mir hat diese schwere Kost außerordentlich gut gefallen.

Jana Berzelius ist eine mehr als gewöhnungsbedürftige Protagonistin

Die pessimistische Grundstimmung wird von den einzelnen Protagonisten erzeugt und befördert. Emelie Schepp hat hier Charaktere ins Rennen geschickt, die sie ausführlich beschreibt und zu Wort kommen lässt. Die Autorin braucht so einige Seiten, um ihre Geschichte zu entwickeln und die Handlung ins Rollen zu bringen. Dennoch ist von Beginn an der Spannungsbogen da, weil der Plot fesselnd und faszinierend ist. Mit Philip Engström wird gleich eine Anti-Figur ins Rennen geschickt. Er bekommt wenig bis nichts auf die Kette, ist von seinen Tabletten abhängig, und sammelt mit seiner Gleichgültigkeit gegenüber Mitmenschen und deren Schicksalen reichlich Minuspunkte. Neben einer permanenten Selbsttäuschung schafft er es auch, seine Freundin und seine Kollegen nachhaltig gegen sich aufzubringen. Jana Berzelius ist eine mehr als gewöhnungsbedürftige Protagonistin. Die Staatsanwältin zeigt nach außen eine Distanziertheit und Kälte, die sie bei ihren Kollegen im Ermittlungsteam nicht wirklich beliebt macht. Sie ist scheinbar auf ihre Arbeit und ihre Karriere fokussiert, aber der Leser bekommt darüber hinaus tiefe Einblicke in ihre persönlichen Probleme. Und die weichen von den üblichen Mustern in Kriminalromanen ab. Hier geht es nicht um Alkoholismus oder andere Abhängigkeiten, auch nicht um Familien- oder Beziehungsprobleme. Berzelius hat eine – vorsichtig ausgedrückt – problematische Vergangenheit. Ihre Tagebücher aus der Zeit als Kindersoldatin müssen ein echter Hammer sein, wenn man miterlebt, was sie auf sich nimmt, um diese Unterlagen wieder in die Hand zu bekommen. Sie hat nicht nur Ecken und Kanten, sondern Schrammen an jeder Stelle ihrer Seele, das wird bei der Lektüre deutlich. Allerdings geht sie entschlossen damit um, versucht auf ungewöhnliche Art und Weise, die Dämonen der Vergangenheit zu bezwingen.

Faszinierende Nebengeschichte um Jana und den entlaufenen Verbrecher

Emilie Schepp ist eine gute Geschichten-Erzählerin. Mit ihrem Schreibstil vermag sie den Leser zu fesseln. Sie braucht zwar einige Seiten, um ihr Personal-Tableau und der Grundgerüst der Geschichte zu entwickeln, aber dennoch reizt der Plot dabei schon zum Weiterlesen. Phasenweise denkt man, das Buch sei kein Thriller, aber dann streut die Autorin wieder überraschende Passagen ein, die den Spannungsbogen erhöhen. Dennoch kann man sicher darüber streiten, ob die Kennzeichnung »Thriller« wirklich passend ist, aber durch die phasenweise ausufernde Schwermut wird das Buch keineswegs langweilig. Die Genre-Bezeichnung ist also durchaus in Ordnung. Die Dialoge sind authentisch, kurz und knackig, was die Lesbarkeit des Romans erhöht. Dazu tragen auch die verschiedenen Perspektiven bei, die neben der Hauptgeschichte auch noch die kleine Story um Jana und den entlaufenen Verbrecher vermitteln. Dramaturgisch gut gemacht, teilweise verblüffend, aber mehr kann ich nicht verraten, ohne zu spoilern. »Engelsschuld« ist ein lesenswertes, spannendes und unterhaltsames Buch, das für den Leser einige Überraschungen bereit hält, die ich so nicht erwartet hätte. Herrliche Lektüre für verregnete Herbstabende.

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