Die trennende Tür von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1937 unter dem Titel The Door between, deutsche Ausgabe erstmals 1938 bei Deutscher Verlag.

  • New York: Stokes, 1937 unter dem Titel The Door between. 318 Seiten.
  • Berlin: Deutscher Verlag, 1938 Besuch am letzten Tag. Übersetzt von Werner Illing. 236 Seiten.
  • Bern; Suttgart; Wien: Scherz, 1961. Übersetzt von Hans M. Tilgen. 192 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1972. Übersetzt von Hans M. Tilgen. 156 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1979. Übersetzt von Werner Illing. ISBN: 3-502-50696-5. 156 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1997. Übersetzt von Werner Illing. ISBN: 3-502-79106-6. 156 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1998. Übersetzt von Werner Illing. ISBN: 3-502-51661-8. 156 Seiten.

'Die trennende Tür' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eine junge Frau gerät unter Mordverdacht, den sie durch ungeschicktes Verhalten so verstärkt, dass nur Detektiv Ellery Queen sie vor dem Gefängnis bewahren kann und dabei eine Familientragödie aufdeckt … – Während die Geschichte als »Locked-Room-Mystery« ausgezeichnet funktioniert, nervt die Weinerlichkeit der lebensuntüchtigen ´Heldin´, die ständig von Männern ´gerettet´ werden muss: eine unglückliche Mischung aus gutem Krimi und übler Schnulze.

Das meint Krimi-Couch.de: »Kluger Detektiv rettet dumme Frau« 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Den MacClures aus New York City scheint in diesem Jahr 1937 eine Doppelhochzeit ins Haus zu stehen: Vater John, ein berühmter Arzt, wurde von der erfolgreichen Schriftstellerin Karen Leigh erhört, während Kollege Dr. Richard Barr Scott erfolgreich um MacClures Adoptivtochter Eva warb. Bevor die Feierlichkeiten beginnen, begibt sich der kränkelnde MacClure zur Erholung auf eine Europa-Reise.

Als Eva Karen besuchen möchte, findet sie die Autorin mit durchschnittener Kehle in ihrem Schlafzimmer. Unbedacht nimmt Eva das Mordwerkzeug – die Hälfte einer zerbrochenen Schere – in die Hand und hinterlässt darauf ihre Fingerabdrücke. Diese Panik-Reaktion wird ihr zum Verhängnis, denn Inspektor Richard Queen, dem der Fall übertragen wurde, will sie als Mörderin festnehmen.

Auf dem Schiff, das ihn in die USA zurückbringt, lernt Dr. MacClure Queens Sohn kennen: Ellery Queen ist nicht nur ein bekannter Verfasser von Kriminalromanen, sondern auch ein fähiger Privatdetektiv. Natürlich kann er nicht widerstehen, sich in den Fall einzumischen, der ihm längst nicht so eindeutig scheint wie seinem misstrauischen Vater. In der Tat stößt Ellery auf eine bizarre Familientragödie: Vor vielen Jahren erschoss Esther, Karens Schwester, ihren Gatten, MacClures Bruder Floyd. Der tragische Unfall raubte ihr den Verstand und trieb sie in den Selbstmord.

Allerdings mehren sich die Hinweise darauf, dass Esther stattdessen von Karen im Dachgeschoss ihres Hauses quasi gefangen gehalten wurde, wo sie jene Romane schrieb, für die ihre Schwester den Ruhm beanspruchte. Hat Esther sich endlich befreit und gerächt, oder ist doch Eva die Mörderin, nachdem sie mit der Geschichte ihrer wahren Herkunft konfrontiert wurde …?

Eine Rettung, die verdrießt

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gehörten die Ellery-Queen-Krimis der Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee zu den Bestsellern des Genres. Das geschäftstüchtige Autorenduo suchte jedoch nach Möglichkeiten, den Erfolg auszuweiten. Das Frauen-Magazin »Cosmopolitan« interessierte sich für den Vorabdruck neuer Queen-Krimis. Aufgrund der enormen Auflagenzahl war dies ein Angebot, dem Dannay & Lee nicht widerstehen konnten.

Allerdings gab es eine Bedingung: Ellery Queen musste frauenaffiner nach »Cosmo«-Standards werden. Bisher löste er klassische Kriminal-Rätsel und dabei gern ´unmögliche´ Morde in von innen fest verschlossenen Räumen. Die Spurenlage wurde spannend verwirbelt, um anschließend akribisch rekonstruiert zu werden. Im Vordergrund standen die Indizien, während die in den Fall verwickelten Figuren eher notdürftig charakterisierte Statisten blieben.

Damit ließen sich die Leserinnen von »Cosmo« & Co. nicht zufriedenstellen. Sie forderten Gefühlstiefe. Aus Figuren sollten Menschen werden – allerdings keine realistischen Menschen. Die Frau wird nicht nur vom Detektiv aus Krimi-Not gerettet, sondern findet bei dieser Gelegenheit gleich Mr. Right. Das Ergebnis bildete erwartungsgemäß ein wüstes Klischee-Gemenge, das anders als der »Whodunit«-Krimi nicht nur alltagsfern, sondern zusätzlich kitschig und verlogen war.

Erdolcht die Heldin, nicht das Opfer!

In Die trennende Tür muss Ellery Queen immer wieder aus der Handlung weichen, die stattdessen aus der Sicht Eva MacClures geschildert wird. Diese ´Heldin´, die ganz klassisch in einen falschen Verdacht gerät, gehört zu den ärgerlichsten Figuren, die sich Dannay & Lee jemals aus den Hirnen gewrungen haben. Sie allein rechtfertigt den seltenen Rezensenten-Ratschlag, in Deutschland lieber zur gekürzten Neuauflage dieses Romans als zur ungekürzten Erstausgabe zu greifen, da den Kürzungen die schlimmsten Kitsch-Ergüsse zugunsten des Krimi-Geschehens zum Opfer fallen.

Sollte Eva MacClure die ´typische´ Frau des US-Jahres 1937 darstellen, hat die Menschheit in der Überwindung eines schauerlichen Frauenbildes tatsächlich Entwicklungsfortschritte erzielt. Zwanzig Jahre ist dieses »Mädchen« zum Zeitpunkt des Geschehens – angeblich, denn in Wort und Tat wirkt sie jederzeit wie eine Halbwüchsige. Jegliche Aufregung – man könnte auch sagen: das wahre Leben – blieb ihr als Tochter einer Upper-Class-Familie bisher erspart. Dies ist sogar erforderlich, um sie ehetauglich zu erhalten, denn nur an der Seite eines Mannes existiert dieses ebenso erbärmliche wie lästige Geschöpf, dessen Schmalspur-Denken ein Arzt perfekt so auf den Punkt bringt: »Besorgen Sie sich für ein paar hundert Dollar neue Kleider und einen Mann, und Sie werden keine Beschwerden mehr haben.« (S. 17)

Eva denkt nicht, für sie wird gedacht. Jede Krise lässt sie in Tränen ausbrechen, worin sie von den Männern in ihrer Umgebung bestärkt wird, statt in den Hintern getreten zu werden. »Wo ist Dick?«, greint sie ständig, statt Inspektor Queen schlicht zu schildern, was sie im Schlafzimmer der ermordeten Karen getan hat; wahlweise muss auch Big Daddy sie stützen. Die Zumutung, das eigene Hirn in Gang zu setzen, erschöpft sie entweder oder lässt sie ohnmächtig umsinken. Zwischenzeitlich resigniert Eva und will sich bereitwillig ins Gefängnis werfen lassen, um endlich ihre Ruhe zu haben.

Das unmögliche aber geschehene Verbrechen

Sobald die händeringende und dabei an den Nerven des Lesers zerrende Eva-Gans in den Hintergrund verbannt wird, gewinnt Die trennende Tür an Fahrt und Spannung. Ellery Queen findet zu seinen eigentlichen Qualitäten zurück: Er klärt ein an sich unmögliches Verbrechen auf – eine Prozedur, die trotz der altmodischen Methoden fasziniert. Dannay & Lee stellen sich wieder der typischen »Whodunit«-Herausforderung und kreieren eine Übeltat, die sie in allen Details schildern und dennoch Verwirrung stiften: Karen Leigh stirbt in einem Raum, vor dessen Eingangstür Eva steht, während die zweite Zimmertür eindeutig verschlossen ist. Wir können Inspektor Queen verstehen, der Eva verhaften will, denn der gesunde Menschenverstand gebietet, dass sie die Täterin sein muss.

Nur der Leser und Ellery Queen sind anderer Meinung – der eine hat zwar keine Ahnung, was geschehen ist, aber er vertraut dem anderen, der das Mysterium im großen Finale lösen wird. Bis es soweit ist, gilt es mancher falschen Spur zu folgen, während die Not der Heldin (sogar ungeachtet ihres Quallen-Hirns) immer akuter wird. Außerdem werden ganz nebenbei ´unwichtige´ Details eingestreut, die bei der Klärung selbstverständlich den Ausschlag geben werden.

Nur Ellery Queen verfügt über einen Geist, der sich über die Denkmuster und Konventionen der ebenfalls in den Fall verwickelten Personen erheben kann. Selbst sein Vater folgt stur der Dienstvorschrift. Immer wieder will er Eva festnehmen; er überlässt es dem Gericht zu entscheiden, ob die Beweise eine Verurteilung rechtfertigen.

Alles wird gut – plus Epilog

Doch die hysterische Eva fordert auch von Ellery Queen ihren Tribut. Ihr irrationales Verhalten lässt ihm buchstäblich nicht die Zeit, so sorgfältig wie sonst zu ermitteln. Er kann die Beweise für Schuld oder Unschuld nicht präsentieren, sondern muss sie postulieren; sie werden erst anschließend gesucht und gefunden. Dabei werden die Gesetze der Wahrscheinlichkeit arg gedehnt: Die Rekonstruktion der Mord-Ereignisse ist schlüssig aber eben auch grotesk.

Darüber hinaus muss sich Queen gegen einen zweiten Detektiv behaupten. Die Handlung benötigt diesen übertrieben kernigen Terry Ring nicht, der daher kontraproduktiv wirkt. Des Rätsels Lösung ist simpel: Da Ellery Queen als gattenfreie Projektionsfigur für schwärmerische Leserinnen erhalten bleiben soll, muss Ring einspringen und schließlich Eva heiraten.

Die alte Form beweisen Dannay & Lee, wenn sie die dumme Eva endlich aus dem Geschehen streichen: Nachdem der Tod von Karen Leigh geklärt ist, schließt sich ein ausführlicher Epilog an. Das seltsame Ende der betrügerischen Autorin erfährt eine gänzlich neue Dimension, als Queen der MacClureschen Familientragödie in letzter Sekunde (bzw. auf den letzten Buchseiten) eine gänzlich unerwartete Wende gibt. Für solche Einfälle liebte und liebt man Ellery Queen; hier versöhnt der Twist (zum Teil) mit den schmalzigen Sentimentalitäten, die einem soliden Krimi aufgepfropft wurden.

Michael Drewniok, Juni 2011

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Marlowe56 zu »Ellery Queen: Die trennende Tür« 01.07.2010
Es war bis jetzt das beste Buch was ich von Ellery Queen(Pseudonym von Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee)gelesen habe. Schade das manche noch unübersetzt sind. Ich würde mich freuen wenn sie mal wieder welche übesetzen sollten. Naja was solls ich habe ja noch genug vorrat an anderen Krimis , ich wette aber das die mir nicht so viel spaß machen werden wie ein Ellery Queen Roman
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