Die siamesischen Zwillinge von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 1935 .

  • : Goldmann, 1935. Übersetzt von Hans Herdegen. 158 Seiten.

'Die siamesischen Zwillinge' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Detektiv Ellery Queen und sein Vater Richard stranden in einer einsamen Villa auf der Spitze eines hohen Berges. Der Hausherr bastelt in seinem Labor schauerliche Kreaturen. Als er einem profanen Mord zum Opfer fällt, erwacht in den Queens kriminalistischer Ehrgeiz, der eine Fortsetzung der Mordserie freilich nicht verhindern kann ... – Ein ungewöhnlicher Ellery Queen-Thriller, der sich der in den frühen 1930er Jahren aktuellen Stimmung der »Universal«-Horrorfilme bedient. Trotz des an »Frankenstein« erinnernden Ambientes werden die Regeln des Genres elegant verbogen, aber nicht gebrochen: Das Böse ist ganz von dieser Welt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Meisterwerk für den Anhänger des klassischen Kriminalromans« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Die Rückfahrt von einer gemeinsamen Kanada-Reise endet für den Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen und seinen Vater Richard, Inspektor bei der Kriminalpolizei von New York, in einer Katastrophe. In den Bergen unweit des Städtchens Osquewa verirren sie sich und geraten in einen Waldbrand. In letzter Sekunden können sie den Arrow Mountain hinauf flüchten. Auf dem Gipfel finden sie ein großes, einsames Haus: Arrow Head, Sitz der Familie Xavier.

John, der Hausherr, ist ein berühmter Chirurg, der sich in die Einsamkeit zurückgezogen hat, um hier geheimnisvollen medizinischen Experimenten nachzugehen. Sein Bruder Mark, ein Rechtsanwalt, gehört neben der Schwägerin Sarah zur Familie. Darüber hinaus halten sich momentan Dr. Percifal Holmes, Johns Assistent, und die berühmte Lebedame Marie Carreau mit ihrer Sekretärin im Haus auf. Butler Bones und Mr. Wheatley, die Haushälterin, vervollständigen die Anwesenheitsliste.

Das Feuer schließt den gesamten Berg ein; die Bewohner von Arrow Head sind abgeschnitten. Die Stimmung ist eigentümlich, seltsame Dinge gehen vor. Inspektor Queen wird des Nachts von einer krabbenähnlichen Kreatur erschreckt, die sich als siamesisches Zwillingspaar entpuppt: Marie Carreaus vor der Welt geheimgehaltene Söhne Francis und Julian.

Der Urlaub der Queens ist vorüber, als am Morgen nach ihrer Ankunft John Xavier erschossen in seinem Arbeitszimmer aufgefunden wird. In seiner verkrampften Hand hält er eine zerrissene Spielkarte: ein Hinweis auf den Mörder? Der muss sich unter den Hausgästen befinden, denn inzwischen hat das Feuer den Arrow Mountain vollständig eingeschlossen und frisst sich die Hänge hinauf. Niemand kann hinauf oder hinab. Den Feuertod erwartend, führen Ellery und Richard Queen die Ermittlungen – und auch der Mörder lässt sich nicht abhalten sein Werk fortzusetzen …


Als Kammerspiel mit begrenzter Darstellerzahl lassen sich die meisten klassischen Kriminalromane bezeichnen. Ist der Rahmen abgesteckt, arbeitet der Verfasser mit den vorgestellten Instrumenten. Der Leser kennt sie und kann quasi an der Seite des Detektivs ermitteln.

So die Theorie, aber natürlich ist es der Ehrgeiz wohl jeden Schriftstellers, sein Publikum dennoch auf den letzten Seiten zu verblüffen. In der Regel erfährt man deshalb den Namen des Täters und die Erklärung seines Vorgehens gemeinsam mit den zum großen Finale in der Bibliothek oder einem anderen großen Raum zusammengerufenen Zeugen des stattgefundenen Dramas.

Ganz sicher trifft dies auf »Die siamesischen Zwillinge« zu. Beim besten Willen ist es fast unmöglich zu erraten was in »Arrow Head« vor sich geht. Gar zu verzwickt konstruieren die Vettern Dannay & Lee (die sich hinter dem Pseudonym »Ellery Queen« verstecken) dieses Mal den Plot. Man nimmt es ihnen nicht übel, denn die Geschichte ist wirklich spannend: ein Krimi mit Zügen des zeitgenössischen Horrorfilms à la »Frankenstein« (1931), »Die Insel des Dr. Moreau« (1933) und natürlich »Freaks« (1932), wo ebenfalls ein Paar siamesischer Zwillinge auftritt.

Dazu kommt mehr als ein Schuss Abenteuer-Dramatik. Die Spannung wird buchstäblich geschürt durch das große Feuer, das sich unaufhaltsam auf den Ort des Geschehens zufrisst. Als es das Haus erreicht – ein für den klassischen Krimi unüblich nervenzerrender Höhepunkt -, ist auch der Moment gekommen, in dem Ellery Queen das Mordrätsel löst. Nervenaufreibender kann es sicherlich nicht zugehen – und das Geschehen wirft ein bezeichnendes Licht auf unseren Detektiv, der selbst im Angesicht des eigenen Todes vom Ermitteln nicht lassen kann.

Ellery Queen ist außerhalb von New York an der frischen Luft des amerikanischen Nordostens wie ausgewechselt – ein handfester junger Mann, der zwar immer noch kopfstark und manchmal affektiert seinen kriminalistischen Ermittlungen nachgeht – die beiläufige Erwähnung entscheidender Fakten, die zum Unmut der Anwesenden im Moment der Wahrheit abgebrochen und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird, scheint eine Berufskrankheit berühmter Meisterdetektive zu sein -, sich aber mutig zwischendurch in einen dichten Wald stürzt, um dort ein Feuer zu bekämpfen. Ansonsten lernen wir, dass Ellery recht gut betucht sein muss. Er fährt einen Luxuswagen (s. u.) und reiste kürzlich nach Florenz, wo er u. a. einen teuren Ring erwarb, der in dieser Geschichte eine entscheidende Rolle spielt.

Inspektor Richard Queen ist in dieser Geschichte nicht der knurrige Cop im Hintergrund, sondern eine echte Hauptperson. Vater und Sohn als Team ergänzen sich gut. Richard ist der hart arbeitende Polizist, Ellery hat die Geistesblitze. Verhaftet oder geschossen wird von Richard, sein Sohn erhält sich auf diese Weise den Nimbus des kriminalistischen Meisterhirns, das über schnöde polizeiliche Alltagsarbeit erhaben ist.

Die Bewohner von Arrow Head passen gut in die düstere und abweisende Gegend. Sie haben alle etwas zu verbergen. Sehr verdächtig wirkt noch nach seinem Tod Dr. Xavier, in dessen Labor die Queens wahrlich Schauerliches entdecken. Sehr gelungen ist ein ironischer Zug in der Geschichte: Ausgerechnet die siamesischen Zwillinge, die den Dreh- und Angelpunkt der Geheimnistuerei bilden, stellen sich ihrer bizarren Gestalt zum Trotz als freundliche und liebenswürdige Zeitgenossen heraus. Die »Freaks« sind hier ausgerechnet die »normalen« Menschen.

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Michael Drewniok zu »Ellery Queen: Die siamesischen Zwillinge« 15.11.2010
Kuckuck, ich war das! Vermutlich ist mein Name technischen Schwierigkeiten zum Opfer gefallen. ### Dass Deutschland nach dem Ende der DuMont-Krimi-Klassiker (das ich wohl nie verwinden werde) wieder Queen-freie Zone ist, finde ich ebenfalls traurig. Zumindest der 'frühe' Queen hatte alles, das einen Whodunit-Meister auszeichnet.
RolfW zu »Ellery Queen: Die siamesischen Zwillinge« 15.11.2010
Man muss dem (hier seltsamerweise namenlosen) KC-Rezensenten zustimmen: EIN MEISTERWERK ! Dazu ein Rätselkrimi, der in fast 80 Jahren kaum gealtert ist.Der Autor Ellery Queen ist auf dem deutschen Krimi-Markt nie so richtig und dauerhaft präsent gewesen. Ein Wanderer durch die Verlage, sozusagen, und nicht nur durch die guten. Man denke nur an die Kürzungen bis zu 50 % der Ursprungstexte in den Ullstein-Ausgaben. Die "Zwillinge" aber, noch vor dem 2. Weltkrieg bei Goldmann auf Deutsch erschienen und später in den Taschenbüchern nachgedruckt, haben Glück gehabt. Die Übersetzung hat die Zeit gut überstanden und ist vor allem ungekürzt. Und mit Hilfe des Internets ist dieses vergriffene Juwel relativ leicht und preiswert aufzutreiben.
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