Der Giftbecher von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1932 unter dem Titel The Tragedy of Y, deutsche Ausgabe erstmals 1959 bei Desch.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1930 - 1949.
Folge 2 der Drury-Lane-Serie.

  • New York: Viking, 1932 unter dem Titel The Tragedy of Y. 224 Seiten.
  • München, Wien, Basel: Desch, 1959. Übersetzt von Georg Kahn-Ackermann. Mitternachtsbücher Nr. 20. 224 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Ullstein, 1977 Die Tragödie von York. Übersetzt von Martin Lewitt. ISBN: 3-548-01556-5. 188 Seiten.

'Der Giftbecher' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Im großen Haus der Hatters geht ein trickreicher Mörder um. Ein knurriger Polizist und ein tauber Privatdetektiv ermitteln, aber sie erkennen beinahe zu spät, dass sich hinter den Verbrechen eine düstere Familientragödie verbirgt …Klassischer »Whodunit?«-Krimi aus der goldenen Ära dieses Genres, der alle erforderlichen Elemente – das alte und dunkle Haus, der Mord im vom innen verschlossenen Raum usw. – aufweist und durch die bizarre Figurenzeichnung besticht: ein nostalgischer Lektürespaß der Oberklasse.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der taube Detektiv und die irre Familie« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Sie sind reich aber nicht angesehen: Die »mad Hatters« nennt man die schreckliche Familie, die am New Yorker Washington Square residiert: Conrad, Wüstling und Säufer, seine verbitterte Gattin Martha, Mutter zweier grässlicher Kinder, Conrads Schwester Barbara, eine überspannte Dichterin, und Jill, die Jüngste, eine gefühlskalte Nymphomanin. Über allen thront Emily, die alte, bitterböse Matriarchin des Clans, die ihre Teufelsbrut eisern unter ihrem Dach und damit unter ihrer Fuchtel hält.

Seit zwei Monaten ist Emily Witwe: York, ihr seit Jahrzehnten gegängelter Gatte, hat seinem unglücklichen Leben in den Fluten des Atlantiks ein Ende gesetzt, wie ein bei der Leiche entdeckter Abschiedsbrief offenbarte. Kurz darauf muss Inspektor Thumm von der Mordkommission der New Yorker Polizei abermals den Familiensitz aufsuchen, denn es wurde ein Mordanschlag auf Louisa, Emilys Tochter aus erster Ehe, verübt. Sie hätte nicht bemerkt, dass ihr Eierpunsch mit Strychnin versetzt wurde, wäre dieser nicht vom Neffen Jackie ausgetrunken worden, der dies nur knapp überlebt.

Thumm findet keine Spuren, die auf den Täter hinweisen. In seiner Not sucht er Rat bei einem alten Freund: Drury Lane war ein berühmter Theaterschauspieler, bis ihn seine Taubheit zum Rückzug zwang. Nun betätigt er sich gern als Privatdetektiv. Auch er bleibt dieses Mal ratlos, kündigt aber weitere Anschläge an – und behält Recht: Einige Wochen später wird Emily tot in ihrem Bett aufgefunden, gestorben am Schock, nachdem man sie mit einer Mandoline (!) ihres Gatten geschlagen hatte. Einzige Zeugin ist Louisa, die mit der Mutter den Schlafraum teilte. Leider ist Louisa blind, taub und stumm …Was sie dennoch in der Nacht bemerkte, lief durch den Filter ihrer Restsinne und muss quasi entschlüsselt werden – eine Herausforderung, der sich der ebenfalls gehandicapte Lane stellt. Eile ist angesagt, denn der Mörder treibt weiterhin sein Unwesen, legt Feuer und eignet sich aus Yorks altem Versuchslabor eine Auswahl brisanter Gifte an, mit deren Einsatz jederzeit zu rechnen ist …

Der unmögliche Mord: ein Dauerbrenner

In einem von der Außenwelt isolierten Haus mit unzähligen Räumen voller Schatten und geheimen Schlupfwinkeln, bewohnt von einer überschaubaren Schar wenig harmonisierender Zeitgenossen, die sorgfältig diverse private Geheimnisse hüten, ereignet sich ein seltsamer und scheinbar perfekter Mord, in diesem Fall ausgeführt mit einem Musikinstrument, wobei der Tod auch in Gestalt einer vergifteten Birne hätte kommen können.

Hier kann nur ein genialer Privatermittler helfen, denn die Polizei, viel zu stark eingefahrenen Denkmustern verhaftet, bringt nicht die erforderliche Fantasie mit, um den absichtsvoll verschlungenen Pfaden des Mörders folgen zu können. Es läuft auf ein geistiges Duell zwischen Detektiv und Täter hinaus, das im offenen und stets finalen Showdown endet, wenn alle Verdächtigen zusammengeführt werden und der oder die Schuldige in einem Akt voller Dramatik ausgesiebt wird.

Bis es soweit ist, dürfen die Leser in einem langen Mittelteil die Ermittlungen verfolgen und selbst rätseln. Im klassischen »Whodunit?« der Ära zwischen den Weltkriegen fühlten sich die Autoren verpflichtet, mit offenen Karten zu spielen. Wir finden die für die Lösung erforderlichen Indizien gemeinsam mit Drury Lane und Inspektor Thumm. Wie wir sie interpretieren, bleibt uns überlassen; Lane begnügt sich mit bedeutungsschwangeren Andeutungen und sichert sich seinen Informationsvorsprung, ohne den es die Handlung nicht ins genannte Finale schaffen könnte, denn was taugt ein Kriminalroman, dessen Katze zu früh aus dem Sack springt?

Krimi-Klassiker der Sonderklasse

»Der Giftbecher« zeigt das Autorenduo Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee indes auf der Höhe ihrer schöpferischen Kraft. Der Plot ist ausgetüftelt und voller überraschender Wendungen, was die Auflösung erfreulicherweise einschließt. Die Kulisse erfüllt lieb gewordene Erwartungen, spielt aber zum Teil auch mit ihnen – nicht der Mord findet dieses Mal im von innen fest verschlossenen Raum statt, sondern die Beschaffung des Giftes. Die formalen und inhaltlichen Klischees verzeiht man, weil sie noch keine Klischees waren, als dieser Roman entstand. Auch die Atmosphäre ist stimmig – leicht surreal, ein wenig neben der Realität angesiedelt, mit effektvollen Gruselelementen angereichert; ein Meisterstück ist der Prolog, der die Bergung von York Hatters Leiche aus stürmischer See beschreibt. Aus der 'Künstlichkeit’ der Geschichte macht das Autorenduo keinen Hehl – »Der Giftbecher« wird nicht in Kapitel und Unterkapitel gegliedert, sondern wie ein Theaterschauspiel in Akte und Szenen.

Tauber Detektiv mit sechstem Sinn

Wer hätte gedacht, dass Drury Lane es einst an Berühmtheit mit Ellery Queen aufnehmen konnte! Anfang der 1930er Jahre waren die Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee, die seit 1929 unter dem Pseudonym »Ellery Queen« hoch gelobte und eifrig gelesene Krimis schrieben, jung und energisch genug, mit »Barnaby Ross« ein zweites Autoren-Alias aus der Taufe zu heben. Wie geplant rätselte die zeitgenössische Leserschar über die wahre Identität dieses Barnaby Ross’ – und kaufte dessen Romane, was die eigentliche Absicht von Dannay & Lee gewesen sein dürfte.

Den Kenner der klassischen Krimi-Szene wundert es nicht, dass u. a. S. S. van Dine (= Willard Huntington Wright, 1888-1939) hinter dem Pseudonym vermutet wurde, gab es doch gewisse Parallelen zwischen Drury Lane und van Dines schrecklich gescheiten Ermittler Philo Vance. Lane ist als Mann fortgeschrittenen Alters ein ganz anderer Charakter als der junge, bewegliche Ellery Queen. Er hat zudem mit einem persönlichen Handicap zu kämpfen, das ihm die Detektivarbeit einerseits erschwert, aber andererseits erleichtert: Lane ist taub und wird deshalb von seinen Gegnern leicht unterschätzt. Die Fähigkeit des Lippenlesens gleicht in Kombination mit der scharfen Intelligenz des Schauspielers, der hinter die Maske seines Gegenübers zu schauen vermag, die scheinbare Behinderung wieder aus.

Lane ist wie die meisten genialen Ermittler kein zugänglicher Charakter. Deshalb stellen ihm Dannay & Lee den überaus bodenständigen Inspektor Thumm zur Seite. Er ist den prosaischen Seiten des Lebens gegenüber aufgeschlossen und ein vergleichsweise schlichter Geist, mit dem sich der Leser besser identifizieren kann als mit dem ätherischen Lane. Thumm stellt in seiner Vertretung die dummen Fragen, durch deren Beantwortung Lane erst glänzen kann. Er ist der Mann fürs Grobe und leiht Lane die notwendige Autorität, mit der dieser seine unorthodoxen Nachforschungen anstellen kann. In »Der Giftbecher« ist dies von besonderer Wichtigkeit, denn die Hatters ließen Lane ohne die Drohung durch die Polizei sicherlich kaum über ihre Schwelle treten.

Das schreckliche Geheimnis nie beim Namen nennen!

Was für eine schreckliche, gar nicht nette Familie! Mit den Hatters aus New York ist dem Autorenduo Dannay & Lee eine bizarre Dämonensippe gelungen, die dem Leser im Gedächtnis haftet. Ihre Mitglieder stellen den »mad hatter« = den »verrückten Hutmacher« aus Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« – das Wortspiel kommt in der deutschen Sprache leider nicht zur Geltung – leicht in den Schatten. Selbst die Polizei würde die Hatters am liebsten sich selbst überlassen, bis sie sich gegenseitig ausgerottet haben, gäbe es da nicht eine Jungfrau in Not – die arme Louisa, die aufgrund ihrer Dreifachbehinderung schutzlos ihrem Mörder ausgeliefert ist.

Oder sind es »ihre Mörder«? Die 'gesunden’ Hatter-Kinder hassen Louisa, deren Hilflosigkeit sie anwidert. Außerdem sind sie eifersüchtig, denn Emily widmet ihre mütterliche Aufmerksamkeit ausschließlich Louisa. Freilich spielt dabei echte Mutterliebe offensichtlich kaum eine Rolle; Emily liebt es, dass Louisa ihrer absoluten Kontrolle unterworfen ist.

Der Kreis der Verdächtigen ist deshalb groß. Alle Hatters kommen als Attentäter in Frage. Als sich der Verdacht erhärtet, dass Louisa gar nicht das eigentliche Mordziel darstellte, vergrößert sich der Kreis sogar: Praktisch jede Person, die mit den Hatters zu tun hatte, kann genug Gründe auflisten, die Familie zu hassen.

Ein so unbarmherziges Bild der Familie, die doch zu den tragenden Säulen des konservativen Weltbildes gehört, hätte man in einem 'simplen’ Kriminalroman vor allem aus der »guten, alten Zeit« nicht erwartet. Womöglich besitzt der oft geschmähte Krimi ja eine zweite Deutungsebene, symbolisieren die Hatters menschliche Eigenschaften wie Gier, Lüsternheit, Rache, Kontrollzwang, Besessenheit oder Charakterschwäche. Die Familie ist ein Mikrokosmos, der ebenso Bollwerk wie Miniaturhölle sein kann. Frederic Dannay hatte acht Kinder; er dürfte folglich über die Schattenseiten im Bilde gewesen sein …

Spoiler (aber nur ein kleiner ...)

Was ließ die Hatters eigentlich so verrückt werden? Die Antwort ist ebenso logisch wie grausam, und sie ist so 'unanständig', dass sie 1933 auf gar keinen Fall gegeben werden durfte; die wie üblich bigotte Zensur gestattete aber 'Andeutungen', die dem sprichwörtlichen Wink mit dem Zaunpfahl glichen, sodass eigentlich jeder Leser die Lösung gekannt haben dürfte: Die wahre »Tragedy of Y« heißt Syphilis!

Michael Drewniok, April 2008

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Michael Drewniok zu »Ellery Queen: Der Giftbecher« 07.05.2009
Nein, wollte er nicht ... Ihn drängte es, den seltsamen Originaltitel zu erklären. Wundert sich denn sonst niemand darüber oder wünscht Aufklärung? (Die Mindesteingabe von 300 Zeichen zwingt mich zur Ehrlichkeit: Zensur wird m. M. in der Tat durch Bigotterie (u. a. unerfreuliche Beweggründe) charakterisiert. Die Scheu vor dem Wort "Syphilis" bzw. vor dem, wofür es (angeblich) steht, wurde bereits von objektiver denkenden Zeitgenossen als kontraproduktiv kritisiert.
grammofix zu »Ellery Queen: Der Giftbecher« 12.02.2009
Harter Tobak aus dem Jahre 1932! Wahrscheinlich hatte die Auflösung auf die damaligen Leser den selben Schauer-Effekt wie 65 Jahre später eine Mordgeschichte von Elizabeth George. Der Unterschied ist allerdings, dass die Geschichte wesentlich charmanter erzählt wird - und eventuelle Liebesgeschichten auf ein Minimum reduziert sind.
Unbedingt lesenswert!
Übrigens ist der Spoiler der obigen Kritik ein nicht ganz so kleiner :( - aber der Autor wollte wohl unbedingt "die wie üblich bigotte Zensur" unterbringen...
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