Das Geheimnis der weißen Schuhe von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 1931 .

  • New York: Stokes, 1931 The Dutch Shoe Mystery. Übersetzt von Monika Schurr. 305 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 1932 Das zerrissene Schuhband. Übersetzt von Werner Illing. 252 Seiten.
  • Konstanz : Humanitas, 1961 Mörder im Hospital. Übersetzt von Heinz F. Kliem. 157 Seiten.
  • Gütersloh: Signum, 1963 Mörder im Hospital. Übersetzt von Heint F. Kliem. 153 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1975 Würger im Hospital. Übersetzt von Heinz F. Kliem. ISBN: 3-548-01718-5. 126 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2002. Übersetzt von Monika Schurr. ISBN: 3832167048. 311 Seiten.

'Das Geheimnis der weißen Schuhe' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: »ein Miträtsel-Krimi-Klassiker der Oberklasse«

New York City, irgendwann gegen Ende der »Goldenen Zwanziger« des 20. Jahrhunderts: Das »Dutch Memorial Hospital« darf sich stolz zu den modernsten Krankenhäusern der großen Stadt zählen. Fähige Ärzte leisten hier Großartiges, und das können sie, weil eine reiche Frau von einem geradezu unamerikanischen Drang zur Nächstenliebe beseelt wird. Abigail Doorn, schon an die 70, seit einigen Jahren Witwe, aber auf dem Parkett der Börse mindestens ebenso trittfest wie ihr verstorbener Gatte, schaut oft und gern in »ihrem« Hospital nach dem Rechten. Ärzte, Schwestern und Personal bereiten ihr stets ein warmes Willkommen – kurz: Das »Dutch Memorial« liebt seine freundliche Gönnerin, auch wenn sie manchmal ein wenig launisch ist …

Daher ist die allgemeine Bestürzung groß, als Abigail eines Tages ausgerechnet auf der Hospitaltreppe ins Stolpern gerät und nach schwerem Sturz bewusstlos liegen bleibt. Während im großen Operationssaal fieberhaft der rettende Eingriff vorbereitet wird, schlüpft Ellery Queen, Privatermittler und Berater der Kriminalpolizei von New York sowie Verfasser gern gelesener Kriminalromane, in das große Haus, wo er Dr. John Minchen, einen alten Bekannten, eigentlich in einer ganz anderen Angelegenheit um Rate bitten wollte. Minchen möchte ein wenig angeben mit der prominenten Patientin und führt den widerstrebenden Ellery als Ehrengast in den OP. Aus der blutigen Vorstellung wird freilich nichts, denn als Abigail Doorn hineingerollt wird, ist sie bereits tot – erdrosselt mit einem Stück Blumendraht.

Hektik bricht aus, der vom erfahrenen Ellery ein Ende gemacht wird. Er alarmiert seinen Vater, Polizei-Inspector Richard Queen, lässt das Krankenhaus abriegeln und beginnt sogleich mit den Ermittlungen. Rasch wird klar, dass sich der Mörder ausgerechnet in der Operationskleidung des Chefchirurgen Francis Janney unerkannt Einlass ins Doornsche Krankenzimmer verschaffen konnte. Die Schar der Verdächtigen ist groß wie stets, wenn viel Vermögen im Spiel ist. Einige der trauernden Hinterbliebenen könnten bei näherer Betrachtung durchaus froh über Abigails Ableben sein, denn es sichert ihnen ein schönes Erbe, das in z. B. dem nichtsnutzigen, hoch verschuldeten Wüstling Onkel Hendrik sehr zupass käme. Sollte es ausserdem zu denken geben, dass sein ungeduldiger Gläubiger, der gefürchtete Gangsterboss »Big Mike« Cudahy, just als Patient ins »Dutch Memorial« eingeliefert wurde?

Der Kreis der möglichen Täter muss ohnehin auf das Krankenhaus- Personal erweitert werden. Abigail hatte diverse Forschungsprojekte ihrer Ärzte großzügig unterstützt, war aber schließlich doch ungeduldig geworden und hatte gedroht, den Geldhahn zuzudrehen. Dann stellt sich auch noch heraus, dass die alte Dame ihr Testament neu verfasst, aber noch nicht unterschrieben hatte, was nun der Polizei wieder jene verdächtig werden lässt, die mit erheblichen finanziellen Einbußen hätten rechnen müssen. Wie man dreht und wendet: Verdächtig sind sie alle, doch Beweise gibt es nicht, es sei denn, es gelingt Ellery Queen, ein Paar weisser Krankenhausschuhe zum Sprechen zu bringen …


Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 mit »The Roman Hat Mystery« als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch viele, viele weitere folgen sollten. »Das Geheimnis der Weißen Schuhe« ist das dritte der »1. Queen-Periode«, die neun Romane der Jahre 1929 bis 1935 umfasst, welche stets das Wort »Mystery« im (Original-)Titel tragen und als klassische »Wer war es?«-Krimis zum Mitraten konzipiert wurden. »Das Geheimnis der Weißen Schuhe« gilt als einer der besten, weil in seiner Form reinsten dieser Serie. Der Leser weiß stets genauso viel (oder wenig) wie Ellery Queen. Vor dem Schlussakt wird die Handlung tatsächlich durch einen Hinweis unterbrochen, der genau daran noch einmal erinnert und dazu auffordert, die bis dahin ausgelegten Indizien zu prüfen; hat man bei der Lektüre nicht geschlafen, sondern wachsam mitgearbeitet, müsste es möglich sein, zu denselben Schlüssen wie Ellery Queen zu gelangen.

Rührend anachronistisch mutet heute die Aufforderung (oder Zumutung) an, über 250 Druckseiten kleine und kleinste Spuren zu suchen, zu finden und zu verknüpfen, statt sich Täter und Motiv auf dem goldenen Tablett liefern zu lassen. Natürlich gibt’s diesen Service für Denkfaule trotzdem; schon damals machten sich die Verfasser keine Illusionen über ihr Publikum. Aber das schlechte Gewissen ist noch heute da, wenn man sich seine Ratlosigkeit eingestehen muss: Die Kunst des Kniffelns & Knobeln ist offensichtlich irgendwann ausgestorben in den sieben Jahrzehnten, die seit der Auflösung des Schuh- Rätsels verstrichen sind. Ihr Rezensent musste jedenfalls frühzeitig die Waffen strecken; ob man sich beim Lesen Notizen machen sollte?

Die Kapitulation kann allerdings auch darin begründet sein, dass sich der gute Ellery ein wenig zu eng einem alten Dichter-Motto verschrieb, das da lautet: »Reim dich, oder ich leim dich!« Oder anders gesprochen: So ganz kann die zudem in altmodisch-ermüdender Breite dargelegte Auflösung nicht überzeugen. Der Queen-Purist und Verehrer mag ob solcher Lästerung aufheulen, aber bei nüchterner Betrachtung ist dem einfach so – und schlimmer: Da gibt es weitere Einwände, die sich schwer widerlegen lassen.

Selbst ein Miträtsel-Krimi, der zwangsläufig primär im Hinblick auf das Ermittlungsspiel konstruiert werden muss und erst in zweiter Linie auf äusserliche Spannung getrimmt werden kann, darf eines ganz sicher nicht: auf der Stelle treten. Aber »Das Geheimnis des weißen Schuhs« zerfällt definitiv in drei Teile: Der Tatort und die Figuren des sich anspinnenden Dramas werden vorgestellt, ein Mord geschieht (Nr. 1); die Ermittler gehen an die Arbeit und überprüfen diverse Alibis (Nr. 2); dem Unhold wird die Maske vom Gesicht gerissen (Nr. 3).

Teil 1 bereit dem Leser großes Vergnügen. Ein Krankenhaus in der »Steinzeit« der modernen Medizin ist ein Schauplatz, der längst wieder exotisch wirkt. Queen bevölkert es zudem mit recht einprägsamen Gestalten, während er (oder sie – aber wir wollen nicht gar zu beckmesserisch an die Dualität der Queenschen Autorenschaft erinnern) diese geschickt und unauffällig zugleich durch die weiten Säle und Flure des »Dutch Memorial Hospital« wandern lässt, das auf diese Weise den Lesern zum vertrauten Ort wird. (Wem es an entsprechender Vorstellungskraft mangelt, kann auf einen vorsorglich abgedruckten Lageplan schauen.) Der Mord an Abigail Doorn ist der gelungene Höhepunkt dieser turbulenten Auftakt-Kapitel. Dann kehrt freilich Stillstand ein. Viele falsche und echte Spuren müssen überprüft werden. Das geschieht in ermüdender Ausführlichkeit; Queen Sohn & Vater drehen sich im Kreis, immer neue Verdächtige tauchen auf und treten wieder ab, während die Handlung sich nicht weiterentwickelt. So ist die kriminalistische Realität; Ellery wird nicht müde darüber zu jammern, was es in einem Kriminal-R o m a n aber auch nicht spannender macht. Die eigentliche Klärung der Täterschaft – ganz genrekonform werden die möglichen Mörder an einem Ort zusammengeführt, wo sie der Detektiv in einem theatralisch-dramatischen Finale gegeneinander ausspielt und schließlich jene Person entlarvt, auf die man sicherlich zuletzt getippt hätte – kann das nur zum Teil ausgleichen. Statt dessen wird es sehr theoretisch, sehr trocken, während Ellery Queen in Vertretung seiner Leserschaft haarklein beschreibt, wie er bzw. sie auf des Rätsels Lösung gestoßen ist. Auch hier merken wir deutlich, dass wir Unterhaltungsliteratur aus einer versunkenen Welt lesen: Vor siebzig Jahren war der Leser noch bereit, viel Zeit und Grips in einen Kriminalroman zu investieren, statt sich nur passiv thrillen zu lassen, aber er verlangte dann auch genaue Rechenschaft vom Verfasser, der ihm gefälligst nicht die Zeit mit faulen Tricks und doppelten Böden zu stehlen hatte! Damit kann man dem Publikum heute nicht mehr kommen, und seien wir ehrlich: Nach der zähen Lektüre der entsprechenden »Schuh«-Kapitel wissen wir, dass früher nicht automatisch alles besser war.

Genug geklagt, denn selbst ein »mittelmäßiger« Ellery Queen-Krimi ist immer noch ein Mühlstein am Hals moderner Trittbrettfahrer, die dreist die alten Vorbilder kopieren und bräsige Idyllentümelei in Serie fabrizieren. (Fluch in Vertretung anderer Sünder auf den tutigen Inspektor Jury!) Ellery Queen ist in jeder Hinsicht ein Original und muss primär nach den Maßstäben seiner Zeit gemessen werden. Dass er dann auch heute noch leicht bestehen kann, zeichnet den echten Klassiker aus.

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SukRam zu »Ellery Queen: Das Geheimnis der weißen Schuhe« 16.09.2007
Ein Queen-Roman, der mal wieder durch seine Vielfältigkeit der handelnden Personen überzeugt. Nichts ist wie es scheint, die Personen agieren lebhaft und der Mörder ist mal wieder jemand, den keiner verdächtigt hätte. (Für den Leser war es einfach, die Räumlichkeiten zu begreifen, da zusätzlich noch ein Plan beigelegt war.)

Meine Wertung: 94°
Elmar zu »Ellery Queen: Das Geheimnis der weißen Schuhe« 01.07.2004
Die Kommenatatoren dieses Vereins haben keine Ahnung. Von nichts. Dieses Buch ist brillant, Queen ist der Beste der klassichen Whodunit-Autoren. Vgl. übrigens mal die vor Unkenntnis strotzenden Kommentare zu Patricia Highsmith!!!
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