Chinesische Mandarinen von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1934 unter dem Titel The Chinese Orange Mystery. A Problem in Deduction, deutsche Ausgabe erstmals 1935 bei Goldmann.

  • New York: Stokes, 1934 unter dem Titel The Chinese Orange Mystery. A Problem in Deduction. 300 Seiten.
  • Leipzig: Goldmann, 1935. Übersetzt von Hans Herdegen. 225 Seiten.
  • München: Goldmann, 1951. Übersetzt von Hans Herdegen. 216 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1981. Übersetzt von Sabine Hammer. ISBN: 3-548-10104-6. 155 Seiten.

'Chinesische Mandarinen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein bizarrer und eigentlich unmöglicher Mord in einem verschlossenen Raum mitten in New York ruft Meisterdetektiv Ellery Queen auf den Plan. Wie hat es der Täter geschafft – und wieso hat er sich solche Mühe gegeben, dem Opfer die Kleidung verkehrt herum anzuziehen und im Mordzimmer alle Einrichtungsgegenstände gegen die Wände zu drehen? Steckt hinter der Untat ein Chinese, da die Vertreter dieses exotischen Volkes bekanntlich alles anders machen als der zivilisierte Abendländer? Oder versucht jemand genau diesen Eindruck nur zu erwecken? Queen enthüllt eine sensationelle dritte Lösungsvariante …

Das meint Krimi-Couch.de: »Krimi-Klassik pur, dazu spannend und witzig«

Standesgemäß residiert sie im 22. Stock des Nobelhotels »Chancellor«: die Familie Kirk, welche zum gesellschaftlichen Adel der Stadt New York zählt. Vater Hugh – jetzt ein alter und kranker Mann – gilt als renommierter Philologe. Sohn Donald ist ein bekannter Sammler kostbarer Briefmarken und Edelsteine. Außerdem führt er zusammen mit seinem Geschäftspartner Felix Berne den »Mandarin«-Verlag, der sich auf die Herausgabe teurer Kunstbücher spezialisiert hat. Schwester Marcella ist einfach nur eine Zierde ihres Geschlechts, wird aber bald den smarten und reichen Glenn Macgowan heiraten und somit ihre Familienpflicht erfüllen.

Als sich eines Tages ein unbekannter älterer Herr Donald Kirks Privatsekretär James Osborne vorstellt, weil er seinen Dienstherrn sprechen möchte, wundert dieser sich nicht, hält er ihn doch für einen Sammler oder Verkäufer. Er setzt ihn in einen Warteraum, und als Kirk in das Hotel zurückkehrt, informiert er ihn. Doch zu beider Verblüffung finden sie besagten Raum von innen fest verschlossen. Als die Tür endlich geöffnet werden kann, liegt der Fremde tot vor ihnen, erschlagen mit einem Schürhaken.

Seltsamerweise wurde ihm die Kleidung aus- und dann verkehrt herum wieder angezogen. Zwei afrikanische Speere – dem Raumschmuck entliehen – hat man durch Hosenbeine und Rock bis zum Kragen geschoben. Im Zimmer selbst wurden sämtliche Möbel, Bilder und Einrichtungsgegenstände zur Wand gedreht oder verkehrt herum aufgestellt. Gestohlen wurde nichts.

Zufällig wird Donald Kirk von einem alten Freund begleitet. Ellery Queen, der bekannte Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv, soll angeblich für den »Mandarin-Verlag« abgeworden werden. Queen selbst vermutet allerdings, dass man Kirk bedroht und er etwas für ihn überprüfen soll. Den mysteriösen Mord übernimmt er sogleich mit dem Einverständnis seines Vaters, des Inspektors Richard Queen von der Kriminalpolizei von New York.

Zur Schar der Verdächtigen gesellen sich noch drei Frauen: Mary Diversey, Dr. Kirks Krankenschwester; Jo Temple, eine Schriftstellerin, die mit Kirk jr. und Berne ins Geschäft zu kommen hofft; Irene Llewes, eine europäische Lebedame, die sich für Donald zu interessieren scheint.

Sie alle haben etwas zu verbergen, wie Queen im Laufe seiner Ermittlungen herausfindet. Der Lösung bringt ihm die Aufdeckung peinlicher privater Geheimnisse leider nicht weiter. Wer war der Tote, was wollte er, warum hat man ihn so zugerichtet? Dies muss etwas zu bedeuten haben, doch bis Queen des Rätsels erstaunliche Lösung findet, gibt es noch viele Turbulenzen …

Klassischer geht’s sicherlich nicht: An einem recht isolierten Ort ereignet sich ein eigentlich unmöglich zu realisierender Mord; die Zahl der Verdächtigen ist überschaubar, und eine/r muss es gewesen sein. Ein typischer Rätsel-Krimi aus der guten, alten Zeit also – aus der »Goldenen Ära« des Genres, die den Zweiten Weltkrieg nicht lange überleben sollte.

Die grundsätzlichen Konstanten (siehe oben) stehen fest, nun kommt es auf das Talent des Verfassers an, die Handlung so zu variieren, dass sie trotzdem das Interesse des Publikums findet. Ellery Queen bedient sich der üblichen Methode: Er reichert das Geschehen durch möglichst groteske Elemente an.

Da ist natürlich vor allem der Mord selbst. Dass es in einem Raum stattfindet, der von innen verriegelt wurde, ist quasi eine Selbstverständlichkeit. Es reicht aber noch nicht – im Zimmer selbst geht es reichlich seltsam zu. Man darf sich keineswegs an der Unwahrscheinlichkeit der Konstellation stören. Sie gehört zum »Whodunit« und schließt die schnöde Realität des Alltags vorsätzlich aus.

Der Spaß am schönen Mord steht im Mittelpunkt. Dabei bleiben die Autoren der »Goldenen Ära« stets fair. Auch Queen macht da keine Ausnahme: Er legt alle Indizien pflichtgetreu seinen Lesern vor. Sie haben folglich theoretisch die Chance, gemeinsam mit dem Detektiv den Fall zu lösen oder ihn womöglich sogar zu übertrumpfen.

Praktisch wird das allerdings wohl nicht eintreffen. Queen müsste es als Niederlage werten von seinem Publikum »geschlagen« zu werden, das eigentlich lieber überrascht werden möchte. Dafür ist jeder Trick recht & billig. Also konstruiert Queen hier ein puzzliges Mordkomplott, das zwar höchst unterhaltsam, aber hochkompliziert und letztlich schwer nachvollziehbar ist. Es wird gelöst, doch man muss da in Sachen Logik schon recht große Zugeständnisse machen.

Die Riege der Darsteller gliedert sich in drei Gruppen. Da haben wir zunächst den genialen Detektiv und seinen treuen Gehilfen. Ellery Queen ist ein dandyhafter, lebenslustiger Sherlock Holmes, sein Vater Richard allerdings nur bedingt Dr. Watson. Zwar überlässt er seinem Sohn die Initiative, aber er hält ihn doch an der langen Leine, bleibt selbst aktiv und vermittelt zwischen Detektiv und Polizei.

Gruppe Zwei umfasst natürlich die Verdächtigen. Sie sind uns aus anderen Krimis ihrer Art ebenfalls längst bekannt: scheinbar normale Zeitgenossen, die indes düstere oder peinliche Geheimnisse hüten, doppelte Identitäten offenbaren und sämtlich irgendwie miteinander verbandelt oder verfeindet sind.

Außerdem haben wir noch das typische Krimi-Fußvolk. Das sind hier Inspektor Queens Untergebenen, die für ihn und Ellery die polizeiliche Drecksarbeit leisten, die notwendig aber nicht unbedingt unterhaltsam für die Leser ist, sowie im Haushalt der Kirks allerlei Butler, Köche und Diener, die ebenfalls recht anonym ihren diversen Tätigkeiten nachgehen und ihren Auftritt jeweils haben, wenn es gewisse Tatbestände zu klären gilt.

»The Chinese Orange Mystery« wurde bereits 1937 unter dem Titel »The Mandarin Mystery« verfilmt. Unter der Regie des Routiniers Ralph Staub (1899-1969) entstand ein typisches B-Movie, das in den Kinos vor dem eigentlichen Hauptfilm lief: professionell, aber kostengünstig und meist in Serie heruntergekurbelt, selten viel länger als eine Stunde laufend. Eddie Quillan (1907-1993) spielt Ellery Queen und gilt als fürchterliche Fehlbesetzung. Auch sonst hält die Kritik wenig von diesem Streifen, der von den Columbia-Studios um des Profits willen auf »witzig« getrimmt wurde. (Interessante Entdeckung am Rande: Wade Boteler, der den Inspektor Richard Queen mimt, starb 1943 im Alter von 55 Jahren an einer Herzattacke, was nicht wundert, listet sein Lebenslauf doch 419 Filme auf, in denen er in 25 Jahren mitgespielt hat!)

»Chinesische Mandarinen« gehört zu den Ellery Queen-Romanen, die bisher noch keine aktuelle Neuauflage in der »Kriminal-Bibliothek« des DuMont-Verlags erfuhren. Bis dies (hoffentlich) geschieht, sollte der Krimifreund auf die Ausgabe/n des Goldmann-Verlags zurückgreifen. Diese ist – keine Selbstverständlich auf dem deutschen Krimi-Buchmarkt der Vergangenheit – ungekürzt und die Übersetzung, obwohl schon tüchtig angejahrt, erstaunlich lesbar geraten. Die jüngere Ullstein-Ausgabe stützt sich hingegen auf eine Neuübersetzung, aber die deutliche Differenz in der Seitenzahl deutet darauf hin, dass hier wieder einmal das Original zusammengestutzt wurde.

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krimifan24 zu »Ellery Queen: Chinesische Mandarinen« 25.06.2009
Ich kann mich der Begeisterung über dieses Buch nicht anschließen, meines Erachtens handelt es sich bestenfalls um einen mittelmäßigen Queen-Roman.
Er beginnt mit zwar mit einer spannenden und vielversprechenden Exposition: Darstellung der Hauptfiguren und Entdeckung der Leiche an einem rätselhaft "verfremdeten" Tatort. Dann folgen die Ermittlungen, begleitet von den genretypischen Verwicklungen, welche in diesem Fall doch ziemlich künstlich und konstruiert anmuten und aufgrund des Mangels an "echter" Handlung eher Langeweile als Rätselfieber aufkommen lassen. Als erfahrener Krimileser ahnt man, dass all die Nebenhandlungen wenig mit dem Verbrechen selbst zu tun haben, und wartet bereits lange vor dem Ende auf das entscheidende "As" aus Ellery Queens Ärmel - doch die Lösung, die er letztendlich präsentiert und als "einzig mögliche Deduktion aus den Fakten" darstellt, erscheint mir völlig an den Haaren herbeigezogen und absolut nicht überzeugend. Immerhin ist die Idee originell und das Autorenduo beweist auch in diesem Roman seine Gabe für die Konstruktion ausgefallener, phantasievoller Tathergänge.
RolfWamers zu »Ellery Queen: Chinesische Mandarinen« 18.11.2006
Einer der besten Queen-Romane und ein Klassiker des Golden Age. Dessen Autoren wollten (ent)spannende Unterhaltung liefern, und den besten ist das mit fast zeitlosen Geschichten , wie dieser hier, hervorragend gelungen. Da pfeife ich auf die 20 Programme der Glotze, mache es mir im Sessel nahe der Heizung gemütlich, der Hund liegt auf meinen Füßen und schläft, und folge interessiert Mr. Queens Geistesblitzen.
Shellingford zu »Ellery Queen: Chinesische Mandarinen« 12.09.2006
Ein wirklich gelungener Ellery-Queen-Roman! Leider hatte ich nur die Möglichkeit, die Ullstein-Ausgabe zu lesen, bin aber doch mit der Geschichte zufrieden. Wie immer war das Ende unerwartet, jedoch anstrengend zu lesen, da leider keine Skizze beigefügt war. Lieber Leser, konzentriere dich von Anfang an!
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