Totengebet von Elisabeth Herrmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Goldmann.
Folge 5 der Joachim-Vernau-Serie.

  • München: Goldmann, 2016. ISBN: 978-3-442-48249-8. 448 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2016. Gesprochen von Thomas M. Meinhardt . ungekürzte Ausgabe. ISBN: 3844519246. 2 CDs.

'Totengebet' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Ein Mord, eine geheimnisvolle junge Frau in Tel Aviv und Anwalt Joachim Vernau im Visier eines gnadenlosen Killers.

Berlin, 2015. Anwalt Vernau erwacht im Krankenhaus und kann sich an nichts mehr erinnern. Dafür ist er der Held von Berlin: In einer U-Bahnstation hat er mehrere Männer in die Flucht geschlagen, die einen älteren Herrn bedrängt haben. Aber wer ist die junge Frau mit dem Davidstern, die seitdem durch seine Erinnerung geistert? Und was hat sie mit den schrecklichen Morden zu tun, die sich wenig später ereignen? Als Vernau der schönen Unbekannten zu nahe kommt, wendet sich das Blatt: plötzlich steht er unter Mordverdacht. In letzter Sekunde kann er das Land verlassen, sein Ziel: Tel Aviv. In der brodelnden Metropole am Mittelmeer sucht er nach dem einzigen Menschen, der ihn entlasten kann – und wird hinabgezogen in den Strudel eines vergessenen Verbrechens, das sich vor über dreißig Jahren in einem Kibbuz in Israel ereignet hat …

Das meint Krimi-Couch.de: »Verworrene Wege« 75°

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Viele Menschen schwelgen oft und gerne in Jugenderinnerungen und nicht selten nimmt eine besondere Person – die Jugendliebe – eine verklärte Rolle in diesen Erinnerungen ein. Der Berliner Rechtsanwalt Joachim Vernau sieht sich plötzlich in diese »goldenen« Zeiten zurückversetzt, als sich bei ihm eine junge Frau meldet, die seiner Jugendliebe Rebecca wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Nichts ist aber so golden wie die Erinnerung und so muss auch Vernau erfahren, dass das Auftauchen der unbekannten Schönen in erster Linie einen Haufen Ärger beinhaltet. So schnell wie sie auftauchte, ist sie auch wieder verschwunden und keine Spur verweist auf ihre Existenz. Dafür aber sieht sich Vernau plötzlich mit Mordvorwürfen konfrontiert und zweifelt sogar an seinem Gesundheitszustand, denn außer ihm scheint niemand von dem seltsamen Phantom heimgesucht worden zu sein.

In ihrem fünften Buch um die Ermittlungen des Rechtsanwalts Joachim Vernau steigt Elisabeth Herrmann unvermittelt in die Folgen eines Verbrechens ein. Ein Versprechen kann nicht eingelöst werden, eine junge unverheiratete Frau sieht sich schwanger von ihrem Geliebten in Stich gelassen und droht zu verzweifeln. Nach diesem furiosen Auftakt folgt ein Zeitsprung von 29 Jahren und die neuen Untersuchungen um die damaligen Ereignisse setzen eine Kette von Ereignissen frei. Herrmann zieht hier verschiedene Strippen, die den Auftakt dieses Krimis zunächst verworren und unentschlossen darstellen. Hier beschleicht den Leser gelegentlich das Gefühl, dass sich die Autorin zunächst auch nicht schlüssig war, wohin ihre Reise führen sollte. Da sind einerseits Verwicklungen über Verbrechen mit einem möglichen rechtsradikalen Hintergrund, da sind Hinweise, die darauf deuten, dass offensichtlich jemand von »recht weit oben« bestrebt ist, Hintergründe zu verschleiern und da ist andererseits auch die Suche einer oft halsstarrig auftretenden, häufig aber auch eiskalt wirkenden Tochter nach ihrem Vater. Diese Mehrschichtigkeit führt nicht dazu, dass der Leser gespannt den verschieden Fährten folgt, sondern die oft lieblos fallen gelassenen gelegten Spuren verlangsamen das Tempo.

Spannung kommt mit der endgültigen Festlegung der Marschrichtung auf. Hier geht es um ein ungeklärtes Verschwinden mitsamt der Verwirrung und der Tragik, die ein solcher Vorgang nach sich zieht. Herrmann beschreibt hier gelungen die Suche nach dem de facto »verlorenen Sohn« und die Fragen, die ein Verlust nach sich zieht. Nicht ganz zweifelsfrei geklärt ist nach Auffassung dieser Autorin die Beweisführung, die in einem Handlungsstrang eine Großmutter und eine bis dahin nicht bekannte Enkelin zusammenführt. Mag es möglicherweise Institute geben, die nach kürzester Zeit Abstammungs-Untersuchungen nur nach einer Frage des Preises liefern können, so erscheint es hier doch fraglich anhand welcher Körperproben, ein Abstammungstext geführt wurde. Ein Test zwischen Großmutter und Enkelin dürfte daher kaum eine Vaterschaft belegen – wohl aber eine nahe Verwandtschaft. Dennoch wäre mit diesem Ergebnis kaum die deklarierte fast hundertprozentige Gewissheit erreicht.

Gut erzählt sind die Momente, in denen Elisabeth Herrmann sich an die Erzählmethoden Agatha Christies anlehnt. Personen, die zur Aufklärung rätselhafter Fälle beitragen könnten, können vor ihrem Ableben nur noch ein kurzes , kryptisches »Statement« von sich geben, Zeugen, denen plötzlich bedeutsame Umstände bewusst werden, haben auch nicht mehr viel Zeit, um diese Gewissheit zu genießen. Diese Stilmittel gehören sicherlich zum althergebrachten Handwerkszeug eines guten Krimis, dennoch tragen sie auch hier zur Spannung bei. Generell spielen die Zeugen der vergangenen Zeiten eine wichtige Rolle in diesem Buch. Anhand ihrer Person wird gezeigt, wie Lebenspläne, die auf Idealismus und großen Träumen basierten, an der Wirklichkeit scheiterten. Auch bei diesen Handlungssträngen sind Herrmann interessante Einblicke gelungen, auch wenn sich diese Einblicke teilweise desillusionierend auswirken. So mancher mag sich noch daran erinnern, dass er selbst oder Freunde als »Volunteer« in einem israelischen Kibbuz Dienst leisteten und hat diesen Einsatz sicherlich bewundert. Ernüchternd ist dann die Einschätzung der damaligen Kibbuzniks, die die »Volunteers« doch offensichtlich häufig als reine »Spaß-Touristen« bewerten.

Neben diesen gut erzählten Strängen werfen die Charaktere und nicht zuletzt das Hauptmotiv des Buches aber auch einige Fragen auf: Unglaubwürdig stellt sich beispielsweise die besondere Rolle des Helden Joachim Vernau dar, der – obwohl er bei einer Schlägerei krankenhausreif geprügelt und auch noch in einen schweren Autounfall involviert war – sich von solchen »Kinkerlitzchen« nicht beeindrucken lässt und fröhlich durch die Gegen stromert. Die weibliche Heldin Rachel ist zwar nicht so unzerstörbar, reagiert aber abschnittsweise abwechselnd mehr als unbeherrscht und im nächsten Moment so berechnend eiskalt, dass es auch schwer fällt, ihr diese Attitüden abzunehmen. Andere Fragen werfen die Entwicklungen auf, die in der Neuzeit eintraten. Ob die Verstrickungen der Vergangenheit, die möglicherweise juristisch gesehen verjährt waren, tatsächlich eine neue Spirale der Gewalt nach sich ziehen können oder – wie hier sogar – müssen, das wäre tatsächlich einmal eine Überlegung wert.

Doch auch wenn diese Aspekte sicherlich die eine oder andere Augenbraue nach oben bewegen, ist Herrmann doch insgesamt ein lesenswertes Buch gelungen. Die besonderen Stärken liegen hier aber neben einigen – sicherlich gelungenen – Krimisträngen in der Vermittlung der Melancholie, die einerseits auf einer verlorenen Liebe oder aber auch dem Fehlen der Liebe an sich geschuldet ist. Die Autorin vermittelt hier die Schwermut der leeren Zimmer mit einfühlenden Bildern, die sicherlich einige kleine Mankos entschuldigen und den Leser bis zur Auflösung des Krimis begleiten.

Sabine Bongenberg, März 2016

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walli007 zu »Elisabeth Herrmann: Totengebet« 22.07.2016
Dein Kind

Joachim Vernau erwacht in einem Krankenbett. Offensichtlich ist er in eine Schlägerei geraten. Aber wirklich an die Ereignisse erinnern kann er sich nicht. Nur das Gesicht einer jungen Frau erscheint vor seinen Augen, das ihm irgendwie bekannt vorkommt. Vernau wollte seinem alten Kumpel Rudi Scholl helfen, der von Jugendlichen angegriffen wurde. Scholl, mit der er damals die Zeit im Kibbuz verbracht hat. Die jungen Männer allerdings drehen den Spieß um und behaupten, Vernau habe Scholl angegriffen. Natürlich will Joachim Vernau die Sache aufklären, doch als Scholl vom Balkon stürzt gerät Vernau sogar unter Mordverdacht. Eine Katastrophe für einen Anwalt. Vernau macht sich auf den Weg nach Israel, wo er die Antwort auf seine Fragen zu finden hofft.

Wie war Vernau als junger Mann? Mit wenig Geld und dem Willen anzupacken, konnte man in den 1980ern etwas erleben. Man ging in den Kibbuz und bestenfalls öffnete man sich der Kultur und dem Leben dort. Und natürlich auch den Menschen. Vielleicht mochten es die Einheimischen nicht, wenn die Kontakte zu intensiv wurden. Doch wie will man die Völkerverständigung zwischen jungen Menschen verhindern. Als Eltern kann man da nur scheitern. Doch Vernaus Zeit in Israel endet abrupt und für einen aus ihrer Runde mit ungewissem Ausgang. Das Geheimnis aus den vergangenen Tagen muss gelüftet werden. Nur so kann Vernau seinen Ruf wieder herstellen und vielleicht etwas für die Kinder der Kinder von damals erreichen.

Auf ein spannendes Terrain begibt sich Elisabeth Herrmann mit ihrem neuen Roman um Joachim Vernau und seine Weggefährten, die allerdings dem Aufenthalt in Israel geschuldet, etwas kürzer kommen als gewohnt. Das leichte Bedauern hierüber wird allerdings mehr als wett gemacht durch die verwickelte Geschichte, die sich in Vernaus Vergangenheit verbirgt. Gebannt verfolgt man seinem Weg auch zu sich selbst. Nicht immer ist die Jugend leicht und die Folgen mancher Dummheit sind alles andere als absehbar. Manchmal ist die nachfolgende Generation leidtragend und versucht, die eigene Seele zu heilen, ohne absehen zu können, welche Wirkung sie erzielt.

Mit ruhigen und doch akzentuierten Worten bringt der Vorleser dem Hörer die eindringlichen und nachdenklichen Worte der Autorin nahe. So wie die Spannung langsam ansteigt, so steigert auch Thomas M. Meinhardt seine Intonation. Eine sehr gelungene Interpretation eines sehr gelungenen Buches.
pebbie229 zu »Elisabeth Herrmann: Totengebet« 08.06.2016
Auch ich habe bisher die Romane von E. Herrmann sehr gerne und mit Spannung gelesen.
In diesem Buch greift sie aber so viele Handlungsstränge auf und überfrachtet es mit eher unergiebigen Dialogen, dass ich mich nur unwillig voran "arbeite".
Vernau als mehrmals schwer gebeutelter Actionheld, der sich um schwere Verletzungen nicht kümmert, wirkt auch nicht sehr glaubwürdig. Seine Partnerin verkommt zur Stichwortgeberin.
E. Herrmann hat ein interessantes Thema aufgegriffen, die Umsetzung bleibt aber verfahren und kann einen ebenso wie die Personen nicht wirklich packen.
Anja Schade zu »Elisabeth Herrmann: Totengebet« 23.04.2016
Normalerweise mag ich die Krimis (die für Erwachsene, es gibt von ihr auch noch eine Reihe Krimis für Jugendlich, die -verständlicherweise- nicht mehr mein Geschmack sind) von Frau Herrmann sehr, das "Kindermädchen" war ganz große Klasse. so habe ich mich auf dieses neue Buch gefreut.
aber leider ist dieses hier streckenweise ganz schön dröge, und auch der Witz von Joachim Vernau fehlt.
Edith Sprunck zu »Elisabeth Herrmann: Totengebet« 02.03.2016
Elisabeth Herrmann ist es wieder einmal gelungen, einen Krimi zu erschaffen, der Spannung von der ersten bis zur letzten Seite erzeugt. Es geschehen mehrere, zusammenhängende Morde, deren Motiv weit in der Vergangenheit liegt. Dementsprechend spielt sich der Krimi nicht nur in zwei Welten -Berlin und Israel- ab, sondern auch auf zwei Zeitschienen. Diese Welten und Zeitunterschiede gehen fließend ineinander über. Joachim Vernau, der in das Mordgeschehen involviert ist, arbeitete vor ca. 30 Jahren als Volontär in einem israelischen Kibbuz. Dort liegt die Wurzel für die aktuellen Morde. Vernau begibt sich nach Israel, ermittelt dort auf eigene Faust und gerät in große Gefahr. Von Berlin aus wird er tatkräftig unterstützt von seiner früheren Kanzleikollegin Marie-Luise Hoffmann. Das aktuelle Zeitgeschehen, das damalige Leben im Kibbuz und was davon übrig blieb, erlebt man durch die talentierte Darstellungskunst von Elisabeth Herrmann hautnah mit. Genauso werden verschiedene Lebenswege mit zahlreichen seelischen Verletzungen atmospärisch dicht vor Augen geführt. Es gelingt der Autorin auch, dass man sich selbst sowohl ins pulsierende Großstadtleben in Israel als auch auf das dortige karge Land hinein versetzt fühlt. Vor allem wird überdeutlich aufgezeigt, dass gewisse Sünden der Vergangenheit (hier Jugend) ihr Eigenleben entwickeln und nicht wieder gut zu machenden Schaden anrichten können.
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