Der verlorene Sohn von Tibet von Eliot Pattison

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Beautiful Ghosts, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Rütten und Loening.
Ort & Zeit der Handlung: Tibet, 1990 - 2009.
Folge 4 der Shan-Serie.

  • New York: St. Martin’s Minotaur, 2004 unter dem Titel Beautiful Ghosts. 360 Seiten.
  • Berlin: Rütten und Loening, 2004. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 3352007144. 520 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2006. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 978-3-7466-2214-9. 522 Seiten.

'Der verlorene Sohn von Tibet' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

In einem geheimen, für seine Kunstschätze bekannten Kloster, feiert Shan mit tibetischen Mön-chen den Geburtstag des Dalai Lama. Das Fest sollte eines der Hoffnung und Freude werden, doch da taucht der Mönch Surya mit Blut an den Händen aus dem Keller auf. Er bezichtigt sich, ein Mörder zu sein. Shan eilt in die Gewölbe, aber eine Leiche findet er nicht. Wenig später wird Surya von chinesischen Soldaten verhaftet. Dabei erfährt Shan, dass in Peking und in Amerika tibetische Kunstgegenstände gestohlen wurden, offensichtlich mit dem Ziel, sie nach Tibet zu-rückzubringen. Shan soll bei der Aufklärung der Diebstähle helfen. Als er sich weigert, lassen ihn die chinesischen Soldaten ihre Macht spüren; nur wenn er bei den Ermittlungen kooperiert, darf er seinen Sohn wiedersehen, der in Tibet im Gefängnis sitzt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Abenteuerliche Suche in der Geschichte und Kultur Tibets« 76°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Bereits drei mal hat uns Eliot Pattison in die karge Bergwelt Tibets entführt, um den Spuren seines Ermittlers Shan zu folgen. Der Autor ein Amerikaner, sein Held ein Chinese, trotzdem wird dem Leser die Stimmung und das Flair Tibets auf einzigartige und sehr bewegende Art nahe gebracht.

Eigentlich will Shan nur mit einigen seiner Mönchsfreunde in den Überresten eines einst mächtigen Klosters in der Nähe von Lhadrung den Geburtstag des Dalai Lamas feiern, bevor er sich zur Meditation für einige Wochen in die Einsamkeit der Berge zurück zieht. Doch bevor das Fest richtig starten kann, geschieht seltsames. Der alte Mönch Surya gerät von Sinnen, behauptet er sei ein Mörder, reißt sein Gewand vom Leib und beschmiert alte Fresken, ehe ein Hubschrauber der Militärpolizei landet und den Alten abholt. Shan entdeckt in den Ruinen zwar Spuren eines Verbrechens, aber keine Leiche. Um seinem Freund zu helfen, pilgert Shan zurück in die Stadt und findet heraus, dass man Surya gar nicht wegen Mordes verhaftet hat. Er diente offensichtlich ranghohen Chinesen bei der Suche nach tibetischen Artefakten, ist ihnen aber nun keine Hilfe mehr, da er offenbar den Verstand verloren hat, nur noch sinnloses Zeug redet und als Bettler durch die Straßen zieht. Shan kehrt zurück in den Dunstkreis von Oberst Tan, der ihn einst aus dem Gefängnis entlassen hat. Der hat seit einigen Wochen Besuch von Direktor Ming vom Nationalmuseum in Peking und Inspector Yao, einem der ranghöchsten Ermittler auf Ministerialebene, sozusagen Shans Nachfolger in Peking. Außerdem sind ein amerikanischer FBI-Mann und eine englische Archäologin und Organisatorin einer Hilfsorganisation zugegen.

Rettung antik-tibetischer Kunst

Tan, Ming und Yao ist das Auftauchen von Shan gerade recht. Sie suchen nach einem Fresko, der aus einem Kaiserwohnhaus in der Verbotenen Stadt in Peking gestohlen wurde. Der FBI-Mann Corbett sucht unterdessen nach einem Briten, der mit dem Raub tibetischer Kunstwerke in Seattle in Verbindung zu stehen scheint. Warum auch immer deuten alle Spuren nach Lhadrung und die Vermutung steht im Raum, dass die Kunstobjekte wieder an ihren ursprünglichen Platz in Klöstern, Höhlen und Grotten zurück gebracht werden sollen. Irgendeine Rolle scheint auch Prinz Kwan Li zu spielen, der vor 200 Jahren für den Kaiser von Peking nach Lhasa reiste und nicht mehr zurückkehrte. Um Shans Hilfe zu gewinnen, ziehen die Chinesen den sentimentalen Joker: sie versprechen ihm, nach langen Jahren seinen Sohn wieder sehen zu dürfen.

Wie auch schon bei allen Vorgängerromanen hat der Leser das Problem, von der ersten Zeile in eine fremdartige, mystische Welt getaucht zu werden, ohne hundertprozentig zu verstehen, was da eigentlich gerade abgeht. Man braucht erst mal knapp hundert Seiten, um sich ein wenig zu orientieren. Dann erst nimmt die Geschichte an Fahrt auf und man verfolgt die weitere Handlung auf Augenhöhe.

Das Gewicht von Mystik und Symbolik des tibetischen Buddhismus ist in diesem Roman besonders hoch. Es geht um antike tibetische Kunst, um Briefe, Statuen, Wandbilder und Altäre. Und solche Kunstgegenstände haben stets einen religiösen Hintergrund, sind mit Schutz- oder Bannzaubern belegt, dienen der Beschwörung von Göttern und Dämonen. Eliot Pattison klagt einmal mehr an, mit welch kühler Konsequenz und Rücksichtslosigkeit der chinesische Machtapparat in Tibet wütet, mit seiner »Kulturrevolution« eine wundervolle, im Keim friedliche Kultur zerstört wird und wie Karrieren im Parteiapparat durch manipulierte Erfolge in der Verbrechensbekämpfung im fernen Tibet Beschleunigung erfahren können.

Kulturzerstörung an phantastisch anmutenden Handlungsorten

Die besondere Stärke Pattisons ist nach wie vor die Beschreibung von Handlungsorten und -schauplätzen. Sei es ein chinesisches Verwaltungsgebäude oder ein alter tibetischer Hof, ein unterirdischer Tempel oder ein hoch im Gebirge gelegenes Künstlerdorf. Sogar die Beschreibungen von Peking und Seattle (ja, Shan verlässt zwischenzeitlich Tibet) wirken plastisch und blühen in der Phantasie des Lesers auf. Allein durch die Schauplätze kann der Autor für einen gewissen Grad an Spannung sorgen.

Mit der Handlung an sich tut er es jedenfalls nicht so unmittelbar. Hier baut die Spannung eigentlich auf zwei Grundfragen auf: Entkommt Shan einer neuerlichen Inhaftierung, obwohl er in unmittelbarer Nähe seiner Widersacher agiert? Und kann er es verhindern, dass immer mehr tibetische Artefakte entweiht und vernichtet werden? Gut und Böse (und Halbgut und Halbböse) sind für Shan und den Leser spätestens nach dem ersten Drittel erkennbar, wie in einer Tragödie indischer Machart der Marke Bollywood verschwimmen jedoch von Zeit zu Zeit die Fronten. Shan kann eigentlich auch in diesem Abenteuer nur seinen Mönchsfreunden trauen, die lassen ihn jedoch weitestgehend auf eigenen Pfaden wandeln und mitunter muss sich der »fremde Tibeter« die Frage stellen, ob er sie und ihre Ideale durch sein Handeln nicht verrät.

Protagonist verliert an Glaubwürdigkeit

Pattison hat zwar gut daran getan, Shan wieder in der Nähe von Lhadrung ermitteln zu lassen. Langsam entsteht jedoch der Eindruck, dass er eigentlich längst nicht mehr so frei rumlaufen dürfte, wie er es tut. Die Tibeter meiden ihn entweder oder reden offen von der Belohnung, die auf seinen Kopf ausgesetzt ist und die chinesischen Beamten drohen immer wieder mit seiner Verhaftung und tun es dann doch nicht. Es entsteht Befremden, dass Shan immer wieder unbescholten davon kommt.

Und noch eines mag nicht so recht einleuchten bzw. ist dem Autor schlichtweg schlecht gelungen: Die Einbindung von Shans Sohn in die Handlung. Die Rolle dieses wortkargen Revoluzzers ist überflüssig wie ein Kropf. Sie bietet bestenfalls sentimentale Oberflächlichkeit. Ebenso das kleine tibetische Mädchen Dawa, das in China aufgewachsen und von seinen Eltern zum Onkel in Lhadrung geschickt wurde. Sie bewegt sich für ein Kind im Grundschulalter zwischen lauter unbekannten Erwachsenen erstaunlich, um nicht zu sagen erschreckend selbständig.

Schon bei Abenteuer Nr.3 (Das tibetische Orakel) wäre weniger mehr gewesen. Mit dem »Verlorenen Sohn von Tibet« knüpft er zwar wieder an die Qualität der ersten beiden Bücher an und setzt dem Leser auch rund 200 Seiten weniger vor als beim »Orakel«. In Sachen Mystik bietet dieser Band schon fast eine Überdosis, enthält deutlich mehr alle drei voran gegangenen. Jedoch tauchen neben dem schwierigen Einstieg langsam einige Störfaktoren auf, aufgrund derer der Autor die Figur seines Protagonisten – in Hinsicht auf einen eventuellen fünften Roman – dringend überdenken sollte. Der Fall an sich bietet einen erneut interessanten, wenngleich nach drei ähnlich gelagerten Vorgängern nicht mehr neuen Hintergrund für die Entwicklung der Handlung. Alle Bücher Pattisons sind in erster Linie eine bittere Anklage der Verbrechen der chinesischen Besatzer in Tibet, in zweiter Linie aber auch Verurteilung von amerikanischer Geschäftemacherei und rücksichtsloser Profitgier. Für düstere Winterabende in der geheizten Stube bietet der Roman insgesamt anspruchsvolle, von buddhistischer Symbolik geprägte und Fernweh fördernde Unterhaltung.

Mehr über »Der verlorene Sohn von Tibet«:

»Tibet: eine reine, unwiderstehliche Schönheit« – Eliot Pattison im Interview mit der Krimi-Couch

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Michael Gene zu »Eliot Pattison: Der verlorene Sohn von Tibet« 05.07.2010
Hallo!Ich habe mir die englische Ausgabe von "Der verlorene Sohn (org. "Beautiful Ghosts") angetan. Ich kann die o. g. Beurteilung nur bestätigen. Gerade am Anfang versteht man überhaupt nicht warum im verfallen Kloster von Zhoka jene Festlichkeiten stattfinden. Erst als Surya (ist das jetzt richtig geschrieben???) vom Militär verhaftet wird ab da wird es langsam interessant. Mal sehen wie es weitergeht. Für mich ist das Buch von Interesse, ich habe die Vorgänger nicht gelesen.
mase zu »Eliot Pattison: Der verlorene Sohn von Tibet« 05.02.2008
Irgendwann verlieren auch schöne Dinge an Glanz. Der Zauber vom fernen Tibet geht verloren und den 5. Teil werde ich mir nicht mehr antun. Es kommt einfach nix Neues. Frischer Wind würde Shan sehr gut vertragen.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anja S. zu »Eliot Pattison: Der verlorene Sohn von Tibet« 15.02.2007
Dieser Krimi hat mir ausgesprochen gut gefallen, wie alle Buecher dieser Reihe um den "fremden Tibeter" Shan. Es ist nicht blutruenstig (Karin Schlaechterin Fans werden von diesen Buechern enttaeuscht sein) und auch nicht super einfach zu lesen. Jedoch werden alle von Pattisons Buechern zum Ende hin immer spannender und machen mir jedenfalls viel Spass.
philocrima zu »Eliot Pattison: Der verlorene Sohn von Tibet« 21.05.2005
Mit dem 4. Pattison Buch (auf englisch gelesen) bin ich genauso unruhig, begeistert und neugierig zu Bett gegangen wie bei den vorherigen. Sein Nachwort bringt auch gute Anregungen zu Quellen. Über die bemängelten Längen habe ich mich schon ausgenbreitet-auch bei diesem 4. bin ich begeistert von den Längen, weil sie zwingen, langsam und mit Bedacht zu lesen. Wie immer, meine Hochachtung, Eliot Pattison!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Uli Dörwald-Eickelberg zu »Eliot Pattison: Der verlorene Sohn von Tibet« 31.01.2005
Ich war vom 4. Roman eher positiv überrascht. Die Einbindung des Sohnes fand ich sehr gelungen, vielleicht ein Zeichen für Pattisons Vater-Sohn-Problematik. Schwach finde ich die Darstellung der tibetischen Charaktere. Liegt vielleicht am übergrossen Respekt bei der Recherche oder das wir mit unserer Westler-Psychologie eher hilflos davor stehen, wenn tibetische Pädagogik sich nach unseren Massstäben als äusserst brutal herausstellen sollte und dabei so friedfertige Menschen herauskommen. Wer weiss, vielleicht thematisert er es in einem der nächsten Bücher, die ich voller Ungeduld erwarte.
Heinz Scheffelmeier zu »Eliot Pattison: Der verlorene Sohn von Tibet« 04.09.2004
Eliot Pattison ist enorm produktiv. Es ist erstaunlich, wie konsequent er seine Tibet-Saga um den verbannten Strafermittler Shan fortspinnt, um seinen Lesern/innen die Kultur, Geschichte und Mythologie eines Landes im Ausnahmezustand nahezubringen. Seine kriminologischen Plots - hier handelt es sich um archäologischen Kunstraub im großen Maßstab - hauen einen nach dem vierten Buch nicht mehr vom unbedingt vom Hocker. Im großen Erzählstrom schwächelt der Plot (wie bereits in "Das Auge von Tibet") an einigen Stellen. So wird z. B. die Sonderstellung Shans in seiner feindseligen Umgebung immer fragwürdiger. Daß in "Der verlorene Sohn von Tibet" Shans Sohn die Szenerie betritt, macht die Sache nicht besser - vielleicht nur noch einen Tick romantischer und gefühlsseliger. (Zynische Kritiker würden hier sicher einen erhöhten Kitsch-Anteil zu erkennen vermögen.)
Dennoch ummäntelt Pattison seine eigentliche Erzählung, in der seine Kritik an dem "großen Verbrechen" der chinesischen Regierung an Kultur und Bevölkerung Tibets im Vordergrund steht, weiterhin geschickt und meist elegant.
Fazit: Trotz gewisser Längen und zum Teil verwirrender Situationswechsel auch nach knapp 2500 Seiten der fortlaufenden Saga über weite Strecken fesselnd.
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