Heiliger Bimbam von Edmund Crispin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1945 unter dem Titel Holy Disorders, deutsche Ausgabe erstmals 1982 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.
Folge 2 der Gervase-Fen-Serie.

  • London: Victor Gollancz, 1945 unter dem Titel Holy Disorders. 175 Seiten.
  • München: Goldmann, 1982 Seht das Motiv und nicht die Tat. Übersetzt von Tony Westermayr. ISBN: 3-442-05226-2. 293 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2001. Übersetzt von Ulrike Wasel & Klaus Timmermann. ISBN: 3-7701-5878-4. 293 Seiten.

'Heiliger Bimbam' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Das Provinzstädtchen Tolnbridge schreckt hoch, als Gervase Fen sich auf die Spur eines Todesfalls in der Kathedrale begibt. Auf den Organisten Brooks ist ein Mordanschlag verübt worden. Gervase Fen beordert einen befreundeten Komponisten her, um Brooks zu ersetzen. Aber jemand hat es darauf abgesehen, die Anreise zu vereiteln. Hinter dem kleinstädtischen Anstand verbirgt Tolnbridge ein Geheimnis. Nur der arrogante Gervase Fen ist in der Lage, die Stücke dieses faszinierenden Puzzles zusammenzufügen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Hauch von Spuk liegt in der Luft« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Geoffrey Vintner, Komponist und Musiker, wird von Gervase Fen, einem alten Bekannten, ins kleine Städtchen Tolnbridge in der Grafschaft Devon unweit des Ärmelkanals gerufen. Dort verbringt der Englischprofessor und Amateur-Detektiv seine Ferien und sieht sich in einen undurchsichtigen Kriminalfall verwickelt. Der Organist Brooks wurde Opfer eines Giftanschlages, als er an der berühmten Orgel der Kathedrale von Tolnbridge seinem Tagwerk nachging. Seither liegt er im Delirium und faselt von »hängenden Männern« und »sich bewegenden Grabplatten«.

Vintner soll ihn vertreten, und dies schreckt die unbekannten Attentäter auf, denn sie schicken dem schockierten, ohnehin etwas weltfremden Komponisten einen Drohbrief, in dem sie vor der Reise nach Tolnbridge warnen, und lassen, als dieser nicht spuren mag, sogleich Taten folgen. Einem ersten Anschlag mitten in London kann Vintner mit der Unterstützung eines unverhofften Bundesgenossen noch entgehen. Henry Fielding, ein waschechter Earl und höchst unkonventioneller Geist, begleitet seinen neuen Schützling kurz entschlossen nach Tolnbridge, wo die beiden nach neuen Attacken leidlich ungeschoren eintreffen.

Im Schatten der Kathedrale hat auch in den dunklen Jahren des II. Weltkriegs (unsere Geschichte spielt nicht lange nach dem britischen Rückzug aus Dünkirchen) das Domkapitel das Sagen. Kantor Dr. Butler, ein strenger Mann, hat Professor Fen gebeten, den Fall Brooks zu lösen, und Inspektor Garrett von der örtlichen Polizei ist durchaus damit einverstanden. Fen schließt aus den wenigen Fakten, dass Brooks in der Kathedrale zufällig Zeuge kriminellen Tuns wurde und daher ausgeschaltet wurde. Die anonymen Briefe an Vintage legen nahe, dass die Übeltaten fortgesetzt werden und nun auch der neue Organist bedroht ist. Immerhin kann der bisher überzeugte Junggeselle das Herz der schönen Frances, Butlers ältester Tochter, gewinnen.

Dennoch steigert sich Vintages Unbehagen erheblich, als Brooks durch eine neuerliche Giftdosis endgültig zum Schweigen gebracht wird. Ins Jenseits folgt ihm bald Dr. Butler, der ebenfalls in der Kathedrale von der riesigen, durch Meuchlerhand aus der Verankerung gelösten Frontplatte des Grabes von St. Ephraim, dem etwas suspekten Ortsheiligen, erschlagen wird. Nun lässt sich Scotland Yard zu Fens Missfallen nicht mehr aus dem Fall heraushalten, zumal der englische Geheimdienst CID nächtliche Funksignale aus der Kirche geortet hat: Offenbar treiben Spione in deutschen Diensten ihr Unwesen in Tolnbridge!

Zu ihnen gesellen sich bald noch Teufelsanbeter und Hexen, denen einst der böse Bischof Thurston übel mitgespielt hat. Rächen sich die Nachfahren der Betrogenen und auf dem Scheiterhaufen Verbrannten nun, indem sie über seinen Gebeinen finstere Riten zelebrieren – und haben Brooks und Butler sie dabei überrascht? Josephine, die jüngere Tochter des Kantors, entpuppt sich als aktive Hexe, die ihren Meister nicht preisgeben mag, der sich ihrer Treue vorsichtshalber durch viel Rauschgift versichert. Dennoch geht die eigentliche Gefahr kurioserweise von Gervase Fen aus, den die Furcht, das kriminalistische Rennen gegen Scotland Yard zu verlieren, zu lange schweigen lässt, als er schon längst die Täter kennt. Das lässt diesen Zeit genug, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, die den Krieg nun auch an die Heimatfront bringen …

Edmond Crispin (1921-1978), der eigentlich Robert Bruce Montgomery hieß, gehört trotz seines schmalen Werkes zu den ganz großen Autoren des klassischen angelsächsischen Kriminalromans. Eigentlich war er Musiker – zunächst Organist und Chorleiter am St. Johns College in Oxford, wo er auch moderne Sprachen studiert hatte, später Komponist, der neben Oratorien, Orchesterstücken und einer Kinderoper 38 Filmmusiken schuf. Crispins und Montgomerys Karrieren fließen in »Heiliger Bimbam« in die Figuren Geoffrey Vintner bzw. Gervase Fen ein.

Von den zwischen 1944 und 1951 in rascher Folge verfassten acht Romanen um den detektivisch begabten Professor Gervase Fen ist »Heiliger Bimbam« der zweite. Im Vergleich zum noch etwas bemühten Vorgänger »The Case of the Gilded Fly (1944; dt. «Mord vor der Premiere», DuMont KB 1080) ist Crispin deutlich souveräner geworden. Ihn kümmert es nicht, dass seine Geschichte tief in zu diesem Zeitpunkt untergegangenen «Goldenen Zeitalter» des englischen Kriminalromans (das mit dem II. Weltkrieg auszuklingen begann) wurzeln. Daher sind die Charaktere völlig überzeichnet und skurril, und sie bewegen sich in einer angemessen jenseits von Zeit und Raum stehenden Kulisse. Zwar wird hier und da über den Kriegsalltag gestöhnt, und der Plot dreht sich um finstere Nazi-Spione, aber beides spielt eine deutlich untergeordnete Rolle und wird erst wichtig im großen Finale, das für einen Genre-Krimi im Allgemeinen und für Edmund Crispin im Besonderen erstaunlich Action-lastig ausfällt; diese letzten Seiten wollen sich daher zum bisherigen Geschehen nicht recht fügen.

Denn ansonsten geht es recht gemächlich und in jeder Beziehung altmodisch zu in diesem Krimi; dem verschlafenen Schauplatz Tolnbridge angemessen, möchte man meinen. Sogar ein Hauch von Spuk liegt in der Luft. Volker Neuhaus weist in seinem wie üblich fachkundigen Nachwort auf die deutlichen Anleihen bei einem anderen Großmeister des klassischen Krimis hin. John Dickson Carr (1906-1971) hat stets mit Begeisterung böse Taten an unheimlicher Stätte begehen lassen. Die Hexenverfolgungen von Tolnbridge haben mit der eigentlichen «Bimbam»-Geschichte nichts zu tun. Trotzdem widmet ihr Crispin breiten Raum und zitiert sogar ausführlich aus den (fiktiven) Aufzeichnungen des abscheulichen Bischofs Thurston vom Anfang des 18. Jahrhunderts; Crispin erweist damit gleichzeitig dem König der englischen Gespenstergeschichte, Montague Rhodes James (1862-1936) – wie Fen, Crispin & Montgomery ein Oxford-Gelehrter -, seine Referenz. (Letzteres ist Ihres Rezensenten Meinung.)

Crispins eingangs erwähnter Spieltrieb lässt ihn immer wieder unbekümmert mit seinem Stoff umgehen. Da sind nicht nur die vielen geistreichen Aperçus («Mein lieber Freund, die Kirche versteht es meisterhaft, ein Auge zuzudrücken. Bei den Jesuiten nennt man das Kasuistik.» – S. 111), die erfreulicherweise die auch sonst ausgezeichnete Übersetzung überlebt haben, sondern auch witzige Anspielungen auf Kollegen und Freunde – der von Fen auf S. 89 mit Missfallen angekündigte «Appleby von Scotland Yard» ist die Hauptfigur einer grandiosen, äusserst langlebigen Krimiserie von Michael Innes (1906-1994, natürlich ebenfalls ein Oxford-Don) – und direkte Attacken auf die Fiktion: Fen und seine Gefährten wissen ganz genau, dass sie nur Figuren in einer Geschichte sind: «´Aha', sagte der Inspektor misstrauisch, ´und was soll das für ein Knoten sein, wenn ich fragen darf?' ´Er heisst »Köderhakenknoten«'. ´Warum heisst der so?' ´Weil', sagte Fen seelenruhig, ´der Leser ihn schlucken soll.'" (S. 98; dazu folgt gleich eine empörte Fußnote des Verfassers, für die Fen sich auf S. 282 revanchiert, indem er Crispin als seinen Biografen à la Dr. Watson bezeichnet.) Nicht gerade dem Realismus verpflichtet ist auch Fens Einfall, einen Angreifen auszuschalten, indem er einen Schwarm Wespen auf ihm hetzt, den er ausgerechnet in seinem Kleiderschrank beherbergt.

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crispinfan zu »Edmund Crispin: Heiliger Bimbam« 07.04.2013
Organisten in Lebensgefahr - das Zugabteil voll seltsamer Personen, wie ich es so liebe - ein Schmetterlinsgnetz im Gepäck, zur Mörderjagd? - eine Kathedrale à la M.R. James, mit Hexenrichtplatz -

wunderbare Ingredienzen für einen stimmungsvoll-humorigen Krimi!

Am Rande noch der Hinweis auf ein Kapitel, wo E.A. Poes "The Raven" für Jux-Parallelen sorgt.

Ich kann mich dem Lob meiner Vorredner nur anschließen. Abgesehen vom dt. Titel ein sehr guter Crispin, natürlich übertroffen von "Mit Freuden begraben".
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Stefan83 zu »Edmund Crispin: Heiliger Bimbam« 16.10.2008
Edmund Crispin, der letzte Ritter des „Golden Age“ der Kriminalliteratur in Großbritannien lehnte die amerikanische Schule, unter anderem vertreten durch Autoren wie Raymond Chandler, ab, welche die realistische und „simple Kunst des Mordens“ propagierte. Er liebte nach eigenem Bekenntnis am Kriminalroman im Allgemeinen und am Detektivroman im Besonderen vor allem das Phantasievolle und das kunstvoll Künstliche. Als Autor wie als Kritiker wusste er, dass besonders letzt genannte Gattung eine Variationsart ist, die ihren Reiz auf engem Raum innerhalb klarer Regeln entfaltet. Und unter diesem Aspekt scheint auch der zweite Band um den arroganten Oxford-Professor Gervase Fen, „Heiliger Bimbam“, geschrieben worden zu sein. Den nach dem Vorbild von Crispins unmittelbaren Vorgänger, dem Anglisten Michael Innes, gestalteten Hobby-Detektiv, verschlägt es diesmal an die Südwestküste Englands. In der Kathedrale der (fiktiven) Kleinstadt Tolnbridge hat es einen Anschlag auf den Organisten gegeben. Fen, der in der Gegend gerade seiner neuesten Leidenschaft, dem Insekten sammeln frönt, telegraphiert daraufhin seinen alten Studienfreund, den freischaffenden Komponisten Geoffrey Vintner an. Und diese Figur ist es auch, durch die der Leser die vorliegende Geschichte zu größten Teilen präsentiert bekommt. Vintner folgt unwillig dem Ruf und muss sich gleich auf der Zugfahrt, bewaffnet mit einem übergroßen Schmetterlingsnetz eingestehen, dass an der ganzen Sache mehr dran ist, als Fen verraten hat. Nach mehreren Drohbriefen gibt es sogar Anschläge auf ihn und schon bald scheint klar, dass jemand verhindern will, dass die freie Stelle in der Kathedrale besetzt wird. Crispin huldigt hier wie in keinem seiner anderen Bücher dem Autor John Dickson Carr. Der Schauplatz Tolnbridge, einst berühmt, später berüchtigt für seine Hexenverfolgungen, die hier mehr als ein Menschenalter länger dauerten als im übrigen England und bis ins 18. Jahrhundert reichten, ist eine augenzwinkernde Hommage an Carrs „Tod im Hexenwinkel“. Die gruselig-schaurige Atmosphäre, die noch dadurch verstärkt wird, dass Messen der Schwarzen Magie in der Gegend abgehalten werden, lässt dem Leser gleich einen wohligen Schauer über den Rücken fahren. Und auch der Mordfall, den zu so einem kommt es, nachdem nicht nur der Organist Brooks im Krankenhaus vergiftet wird, sondern auch der Praecentor Butler sein Ende unter einer herabstürzenden Grabplatte findet, weiß zu überzeugen. Garniert wird das Ganze wie üblich durch Crispins typisch britischen Humor und die überzeichneten Figuren, wie zum Beispiel Vintner und seinen Wegbegleiter Henry Fielding, der gleich mehrfach die Frage verneinen muss, ob er der Autor von „Tom Jones“ sei. Beide rivalisieren um Fens Gunst als besserer „Watson“, was beim Leser desöfteren für Schmunzelattacken sorgt. Das Ende gerät für einen Vertreter dieses Genres sehr actionlastig und will nicht ganz zum vorherigen Ablauf passen. Insgesamt ist „Heiliger Bimbam“ ein amüsanter, kurzweiliger Ausflug ins „Golden Age“, der nach dem eher faden ersten Band wieder so richtig Lust auf die Reihe gemacht hat.
4 von 4 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Nigel Bain zu »Edmund Crispin: Heiliger Bimbam« 24.10.2007
Ein großartiges Buch. Edmund Cripsin schafft es perfekt die unheimliche Stimmung Tolnsbridges rund um Hexen, Satanismus und ähnliches wiederzugeben.
Der Mordfall ist interessant und auch die Charaktere verhalten sich völlig überraschend.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und es hat mich lange Zeit danach nicht losgelassen.
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