Ed McBain

zur Bibliographie von Ed McBain

Krimiautor Horst Eckert über Ed McBain, den Erfinder des 87. Polizeireviers

Als Salavatore Albert Lombino wurde er am 15. Oktober 1926 geboren. Da ein angelsächsischer Name in den USA der Nachkriegsjahre verkaufsträchtiger klang, bot er den ersten Roman 1952 als Evan Hunter an. So stand er nun auch im Pass. Berühmt wurde er jedoch unter dem Pseudonym Ed McBain, das er sich zulegte, weil er als Krimiautor nicht Hunters Ruf als »ordentlicher« Schriftsteller beschädigen wollte. Hunter verfasste Kinderbücher, schrieb für den Film, darunter das Drehbuch zu Hitchcocks »Die Vögel«. Doch nichts davon begründete seine Bedeutung so nachhaltig wie Ed McBains Krimiserie um das 87. Polizeirevier einer fiktiven Stadt namens Isola – die an New York erinnert, wo der Autor im italienischen Getto East Harlems aufgewachsen ist.

Mitte der fünfziger Jahre suchte der Verlag Pocket Books einen Nachfolger für Earl Stanley Gardner, dessen Serienheld Perry Mason ziemlich in die Jahre gekommen war. McBain, der als Hunter mit »The Blackboard Jungle« (»Saat der Gewalt«) Aufmerksamkeit erregt hatte, erhielt einen Vertrag für drei Manuskripte. Er überraschte mit einem neuartigen Konzept: Realismus der Straße statt detektivischer Einzelleistung, authentische Polizisten statt eines Privatschnüfflers – und das im Ensemble. McBain schaut die Geschichten dem prallen Leben ab. Er recherchiert den Polizeialltag, gibt dem Leser mit detailreicher Schilderung den Eindruck des Miterlebens.

Er traf den Geschmack der Zeit: 1956 erschien »Cop Hater« (»Polizisten leben gefährlich«) und fand großen Anklang. Zwar ließ bereits Simenon einen Kommissar ermitteln, doch Maigret unterschied sich noch wenig vom Privatermittler alter Prägung. Erst McBain schuf das neue Subgenre: Police Procedural – der Polizeiroman heutiger Prägung.

Fünfzig Folgen um das 87. Revier sind in 45 Jahren entstanden. Die Figuren Carella, Meyer, Kling und Co. wurden legendär. Sie bearbeiten jeweils verschiedene Fälle. McBain wechselt zwischen den Handlungssträngen, montiert sie zum Ganzen. Das Ensemble entspricht seiner Vorstellung von Realismus. Zudem weiß er, dass es sich im Lauf der Jahre weniger abnutzt als ein Einzelkämpfer. Heute erinnert seine Masche an das Strickmuster von TV-Serien. In Wirklichkeit hat das Fernsehen von ihm abgekupfert.

Neben den Isola-Romanen schrieb McBain 13 Krimis um den Anwalt Matthew Hope. Als Evan Hunter verfasste er Psychothriller in anderem Stil, langsamer aufgebaut, nicht weniger packend. Ungerührt beobachtet McBain die brutale Welt. Ihm entschlüpft kein moralisierender Kommentar. Seine Sprache ist lakonisch und präzise, nie geschwätzig. Als die Autorin, die ihn am wenigsten beeinflusste, nennt McBain Agatha Christie. Sein Polizeiuniversum ist tatsächlich ein Gegenentwurf zum Tüftelkrimi britischer Prägung.

Bis heute ist McBains Ton frei von Resignation. Er liebt seine Helden, die seit 1956 nicht gealtert sind. Dass es angesichts realer Gewaltexzesse und Korruptionsskandale heikel ist, mit Sympathie über Ordnungshüter zu schreiben, weiß McBain. Dass er es distanzlos tut, ist vielleicht seine Schwäche. Längst stellen jüngere Autoren den Dirty Cop ins Rampenlicht und thematisieren den Polizeiapparat in einer Art, die McBain konservativ erscheinen lässt – ein Dinosaurier der Kriminalliteratur.

Er denkt nicht daran, seine Helden in Pension zu schicken. In »Candyland« (noch nicht auf deutsch erschienen) tun sich seine Egos gar zusammen: Hunter schickt einen sexsüchtigen Architekten nach New York, wo er unter Mordverdacht gerät. McBain beschreibt die Ermittlungen. Hunter/McBain blickt auf ein Werk von über hundert Romanen zurück, verkauft in mehr als 100 Millionen Exemplaren – ein Dinosaurier im besten Sinn. Und der Mann, der Salavatore Lombino hieß, hat noch viele spannende Geschichten auf Lager.

(zuerst in: tip Magazin Nr. 21/01 vom 11. Oktober 2001)

Ed McBain starb am 06.07.2005 an Krebs.

Krimis von Ed McBain:

87. Polizeirevier (87th Precinct)
Polizisten leben gefährlich / Blutiger Asphalt
(1956)
Cop Hater
Clifford dankt ihnen
(1956)
The Mugger
Der Pusher / Die weiße Hand des Todes / Weisser Schnee für Fixer
(1956)
The Pusher
Späte Mädchen sterben früher / Gift der späten Liebe
(1957)
The Con Man
Die zehn Gesichter der Annie Boone
(1957)
Killer’s Choice
Killers Lohn / Ich, der Erpresser
(1958)
Killer’s Payoff
Nackt ist die beste Maske Rezension (Der anonyme Engel/Brief)
(1958)
Killer’s Wedge
Die lästige Witwe / Besuch aus der Hölle
(1958)
Lady Killer
Schwarze Hochzeit / Bis dass der Tod euch scheidet
(1959)
'til Death
King´s Lösegeld Rezension
(1959)
King’s Ransom
Eine große Hand zum Gruß Rezension
(1960)
Give the Boys a Great Big Hand
April, April!
(1960)
The Heckler
Heißer Sonntagmorgen Rezension
(1960)
See Them Die
Ich war´s, ich war´s
(1960)
Lady, Lady, I Did It
in Ullstein-Kriminalmagazinen Bd.3 und Bd.25
(1960)
The Empty Hours (Stories: »The Empty Hours«, »Storm«, »J«)
Selbstmord kommt vor dem Fall Rezension
(1962)
Like Love
Neun im Fadenkreuz Rezension
(1963)
Ten Plus One
Die Axt
(1963)
Ax
Das Unschuldslamm Rezension
(1965)
He Who Hesitates
Puppe
(1965)
Doll
Vor 80 Millionen Augen
(1966)
Eighty Million Eyes
Die Greifer Rezension
(1968)
Fuzz
Schrot und Horn Rezension
(1968)
Shotgun
Schnapp-Schuss Rezension
(1970)
Jigsaw
Nackt aus dem Fenster
(1971)
Hail, Hail, the Gangs All Here
Sadie im letzten Moment
(1972)
Sadie, When She Died
Totes Ohr am Telefon
(1961)
Lets Hear It for the Deaf Man
Fahr langsam übers Massengrab  Rezension
(1973)
Hail to the Chief
Alles für Geld
(1974)
Bread
Die Blutsschwestern
(1975)
Blood Relatives
Solang ihr zwei noch lebt
(1976)
So Long As You Both Shall Live
Lange nicht gesehen
(1977)
Long Time No See
Calypso / Schüsse im Regen
(1979)
Calypso
Mordgespenster
(1980)
Ghosts
Hitze
(1981)
Heat
Eis / Eiskalt bis ins Herz
(1983)
Ice
Der letzte Sprint / Der Blitz schägt zweimal zu
(1984)
Lightning
Acht schwarze Pferde
(1985)
Eight Black Horses
Reines Gift
(1987)
Poison
Ausgetrickst
(1987)
Tricks
Stirb, Kindchen, stirb
(1989)
Lullaby
Priester, Tod und Teufel
(1989)
Vespers
Schwarze Witwen
(1991)
Widows
Todeskuss
(1992)
Kiss
Graffiti
(1993)
Mischief
And All Through the House
(1994)
Romanze
(1995)
Romance
Long Dark Night Rezension
(1997)
Nocturne
Big Bad City Rezension
(1998)
The Big Bad City
Dead Man’s Song
(1999)
The Last Dance
Money, Money, Money
(2001)
Fat Ollie’s Book
(2003)
The Frumious Bandersnatch
(2004)
Hark!
(2004)
Fiddlers
(2005)
Die Frauen des 87. Reviers
McBain’s Ladies: The Women of the 87th
(1988)
McBain’s Ladies Too
(1989)
Matthew Hope-Reihe
Es bleibt in der Familie
(1977)
Goldilocks
Rumpelstilzchen
(1981)
Rumpelstiltskin
Die Schöne und das Scheusal
(1982)
Beauty and the beast
Tod im Bohnenfeld
(1984)
Jack and the beanstalk
Schneeweisschen und Rose tot
(1985)
Snow White and Rose Red
Cinderella
(1986)
Cinderella
Die gestiefelte Katze
(1987)
Puss in boots
Dies ist das Haus, das Jack baute
(1988)
The house that Jack built
Drei blinde Mäuse
(1990)
Three blind mice
Mary, Mary
(1992)
Mary, Mary
Es war einmal ein kleines Mädchen
(1994)
There was a little girl
Der schielende Bär
(1996)
Gladly the cross-eyed bear
The last best hope
(1998)
weitere Krimis
Der Fall April Robin / Das Geheimnis der April Robin / Mord in der Traumfabrik
(1958)
The April Robin murders (zus. mit Craig Rice)
Desperados der Freiheit
(1965)
The sentries
Attentat auf eine Leiche
(1975)
Where there’s smoke
Große Kanonen für kleine Gangster
(1976)
Guns
Alarm in Chinatown
(1986)
Another part of the city
Schöne Bescherung
(1991)
Downtown
Fahrstunde
(2000)
Driving lessons
Alice in Jeopardy
(2005)
Learning to kill
(2005)
als Evan Hunter
Schlaf des Vergessens
(1952)
The evil sleep!
Der Tod macht nie Urlaub
(1953)
Don’t crowd me / Paradise Party
Saat der Gewalt
(1954)
The blackboard jungle
Aber wehe dem Einzelnen
(1956)
Second ending
Fremde, wenn wir uns begegnen
(1958)
Strangers when we meet
Harlem-Fieber / Recht für Rafael Morrez
(1959)
A matter of conviction / The young savages
Mütter und Töchter
(1961)
Mothers and daughters
Schock
(1964)
Buddwing
Der Bestseller
(1966)
The paper-dragon
Das 500.000-Dollar-Ding
(1967)
A horses’s head
Das war im letzten Sommer
(1968)
Last summer
Söhne
(1969)
Sons
Von anonymer Hand
(1971)
Nobody knew they were there
Zweimal ist einmal zuviel
(1972)
Every little crook and Nanny
Come winter
(1973)
Streets of gold
(1974)
Westwärts liegt die Freiheit
(1976)
The Chisholms: A novel of the journey west
Gewalt und Stolz
(1979)
Walk proud / Gangs!
Alles Liebe, Dein Daddy
(1981)
Love, Dad
Weitab vom Meer
(1983)
Far from the sea
Lizzie
(1984)
Fatale Beweise
(1994)
Criminal conversation
Die Katzentänzerin
(1996)
Privileged conversation
Candyland. A two part novel (Evan Hunter & Ed McBain)
(2001)
The moment she was gone
(2002)
als Ezra Hannon
Doors
(1975)
als Richard Marsten
Lauf um dein Leben, Nigger!
(1954)
Runaway Black
Würger an Bord / Das Schiff der toten Augen / Eine Tote an Bord / Mord an Bord
(1955)
Murder in the navy / Death of a nurse
Versteckspiel mit Damen / Mein Girl ist weg, sagte Colby
(1957)
Vanishing ladies
The spiked heel
(1957)
Neugier macht Mörder / Warnung aus dem Nichts
(1958)
Even the wicked
Eiskalt über Leichen / Eine Katze lernt das Morden
(1959)
Big man
als Curt Cannon
I like 'em tough (Stories)
(1958)
Die Gosse und das Grab Rezension
(1958)
The gutter and the grave / I’m Cannon, for hire
als Hunt Collins
Cut me in
(1954)
Tomorrow’s world / Tomorrow and Tomorrow
(1956)
als John Abbott
Scimitar
(1992)

mehr über Ed McBain:

Seiten-Funktionen: