Schnapp-Schuss von Ed McBain

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1970 unter dem Titel Jigsaw, deutsche Ausgabe erstmals 1970 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Isola (fiktiv), 1950 - 1969.
Folge 23 der 87.-Polizeirevier-Serie.

  • Garden City, N.Y.: Doubleday, 1970 unter dem Titel Jigsaw. 161 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1970. Übersetzt von Gisela Stege. 154 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1983. Übersetzt von Gisela Stege. ISBN: 3-548-10218-2. 154 Seiten.

'Schnapp-Schuss' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: »Piratengeschichte im Gewand des Polizei-Thrillers – warum nicht?« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Mit einer abenteuerlichen Geschichte kommt der Versicherungsdetektiv Irwin Krutch an einem schönen Junitag zu den Beamten des 87. Polizeireviers in der großen Stadt Isola: Sechs Jahre zuvor hatten vier Männer bei einem spektakulären Banküberfall 750.000 Dollar erbeutet. Auf der Flucht hatte man sie wenig später gestellt und erschossen – doch das Geld war verschwunden! Offenbar hatten es die Verbrechen noch kurz vor ihrem Ende verstecken können. Krutch, der im Auftrag seiner Gesellschaft beauftragt wurde, die Beute wiederzubeschaffen, blieb erfolglos und musste in der Folge einen argen Karriereknick hinnehmen.

Diese Scharte will er seither unbedingt wieder auswetzen – und nun bietet sich ihm die Chance dazu! Krutch hat herausgefunden, dass der Anführer der Bankräuber das Geldversteck fotografiert, das Bild in acht Teile zerschnitten und die Schnipsel an seine Kumpane verteilt hat. Diese haben ihre Ausschnitte ihrerseits an Personen ihres Vertrauens weitergegeben – und unter diesen ist offenbar ein erbitterter Krieg ausgebrochen!

Gerade haben die Männer vom 87. Revier zwei der Schatzjäger gefunden, die sich in einem Streit um eines der Fotofragmente gegenseitig umgebracht haben. Da der Bankraub damals im Zuständigkeitsbereich des 87ten erfolgte und die Akten noch nicht geschlossen werden konnten, sind auch die Beamten daran interessiert, die Beute aufzufinden. So schließt sich Detective Arthur Brown undercover der Schnitzeljagd an, bei der sich die vom Goldfieber gepackten Teilnehmer argwöhnisch belauern. Bündnisse werden geschlossen, um sogleich wieder gebrochen zu werden; Verbündete werden zu Gegnern und wieder zu Verbündeten, und der nächste Mord lässt auch nicht lange auf sich warten …

Zum 24. Mal schildert Ed McBain (alias Evan Hunter, geboren 1926 als Salvatore A. Lombino) ein Abenteuer des 87. Polizeireviers in der imaginären Großstadt Isola, die sich am realen Vorbild New York orientiert. Allerdings ist dieses Mal (scheinbar) alles anders als sonst. McBain hat das eingefahrene Gleis seiner Romane um das 87. Revier (gerade ist Jubiläumsband Nr. 50 erschienen!) verlassen, um mit Ort, Handlung und Figuren zu spielen. Das übliche Schema der Polizeiarbeit – Verbrechen, Ermittlung, Aufklärung – wird ersetzt durch eine lupenreine Schatzsuche, die Räuber wie Gendarmen in Atem hält. Die Ähnlichkeiten zum Abenteuer-Klassiker »Die Schatzinsel« (1883) von Robert Louis Stevenson (mit Irwin Krutch in der Rolle des Long John Silver) dürften nicht zufällig sein, denn Ed McBain verstand es schon immer, Spannung und Tragik mit Ironie und grimmigem Witz zu verbinden. Die modernen Piraten von Isola hauen einander auf der Suche nach Schatzkarte und Beute in schnellem Wechsel übers Ohr, während das Erzähltempo ständig anzieht und der Leser schließlich gar nicht mehr weiß, wem er in dieser sich über die ganze Stadt hinziehenden Hetzjagd noch trauen kann.

Und während die Guten und die Bösen die Straßen durchkämmen, stellt der Autor seinen Lesern Isola vor. Wie in jedem Großstadtkrimi spielt auch bei McBain die Stadt eine tragende Rolle im Drama um menschliche Leidenschaften und Verbrechen. Selten hat er jedoch das Netzwerk imaginärer Straßen so intensiv heraufbeschworen wie in »Schnapp-Schuss«. Immer wieder tritt er einen Schritt zurück und gewährt uns, den Lesern die Möglichkeit, die Protagonisten quasi aus der Vogelperspektive zu beobachten. Dabei lernen wir die Stadt, ihre Viertel und ihre bunte Bevölkerungsvielfalt kennen. Immer wieder schiebt McBain schlaglichtartig Episoden des städtischen Alltags ein, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun haben. Langweilig sind sie jedoch niemals, denn McBain ist auf dem Gebiet des Unterhaltungsromans ein absoluter Profi mit jahrzehntelanger Erfahrung, und er hat seinen Stoff wie sein Publikum stets im Griff. Die Suche nach den Teilen des gigantischen Puzzles ist mühsam und zeitaufwendig; sie muss systematisch erfolgen und darf nicht überhastet erfolgen. Dieser Kunstgriff verschafft McBain jene Pausen, die er so effektvoll mit kleinen Kabinettstückchen lakonischer Erzählkunst zu füllen weiß.

Die allmähliche Vervollständigkeit des Puzzles kann der Leser übrigens zeitgleich nachvollziehen, denn die Fotoschnipsel sowie das langsam entstehende Bild werden im Roman abgebildet. Das ist ungewöhnlich und wirkt wie eine Reminiszenz an die klassischen »Whodonits« des Goldenen Krimi-Zeitalters, als es für einen Autoren noch Ehrensache war, Detektiv und Leserschaft simultan über den Fortgang der Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten. McBain bringt auch hier seine Ironie ins Spiel: Gemeinsam mit den Beamten des 87. Reviers bleibt der Leser beim Anblick des Puzzles ratlos …

»Schnapp-Schuss« ist trotz des exotischen Plots erneut eine Lektion in realistischer Polizeiarbeit. Auch dafür ist McBain berühmt, und wie sich hier einmal mehr zeigt, völlig zu Recht. Die drei Jahrzehnte, die seit der ersten Veröffentlichung von »Schnapp-Schuss« verstrichen sind, beeinträchtigen bei aller Nostalgie (die Fingerabdruck-Kartei wird tatsächlich noch in endlosen Schrankreihen aufbewahrt ...) das Bild überhaupt nicht.

Wenn es überhaupt etwas einzuwenden gibt gegen diesen kleinen (gerade 160 Seiten), aber feinen Thriller, so betrifft dies eine Episode kurz vor dem Finale. »Schnapp-Schuss« stellt – auch dies ist eine Abweichung vom Üblichen – einmal nicht die Polizisten Carella, Meyer Meyer oder Hawes in den Mittelpunkt. Statt dessen spielt Detective Arthur Brown die Hauptrolle – und er ist schwarz. 1970 barg dies noch wesentlich mehr politischen und sozialen Zündstoff als dreißig Jahre später, und Ed McBain war (und ist) nicht der Schriftsteller, der sich um die damit verbundene Problematik drücken würde; schließlich ist das 87. Revier ein getreues Abbild des ethnisch-religiösen Schmelztiegels Isola.

Weil ihm gleichzeitig Klischees ein Gräuel (jawohl, das schreibt man jetzt so!) sind, bemüht er sich, aus Brown weder einen Sidney Poitier-Gutmenschen noch einen John Shaft-Black Superman zu machen; Rollen, wie sie Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre im Unterhaltungsfilm und -roman kreiert wurden, um endlich auch »schwarze« Hauptfiguren ins Leben zu rufen. Brown ist hingegen ein Mensch wie du und ich – allerdings ein Mensch mit traurigen, aber sehr genauen Erinnerungen an die Jahre der Rassentrennung.

McBain baut nun eine Episode ein, in der Brown auf den Rat seiner Kollegen hin den bösen Bimbo mimt, um bei einer aus den Südstaaten der USA stammenden Verdächtigen nur mühsam unterdrückte rassistische Ängste und Vorurteile zu wecken, damit sie darüber ihre Deckung vernachlässigt. Die Rechnung geht auf, aber die Szene funktioniert bzw. überzeugt nicht. Als dann Brown seine Rolle endlich aufgibt, trägt McBain in dem ebenso offensichtlichen wie – aus heutiger Sicht? – überflüssigen Bemühen, ihn zu »rehabilitieren«, zu allem Überfluss so furchtbar dick auf, dass ihm Brown letztlich doch zum »edlen (schwarzen) Wilden« missrät.

Das hielt McBain aber nicht davon ab, die Rassenthematik in den Romanen um das 87. Revier immer wieder aufzugreifen. Es dürfte bei einem Schriftsteller seines Kalibers kaum verwundern, dass ihm das sehr bald weitaus überzeugender gelungen ist: Isola ist zwar in gewisser Hinsicht eine Science Fiction-Stadt, die außerhalb der Gesetze von Zeit und Raum existiert – knapp fünf Jahrzehnte arbeiten Steve Carella und seine Kollegen nun schon im 87ten und sind darüber kaum einen Tag älter geworden …-, doch ansonsten spiegelt sie sehr genau und aktuell die (kriminelle und kriminalistische) Realität wider. »Dead Man’s Song«, der fünfzigste Roman der Reihe, ist in jeder Hinsicht im Hier und Jetzt des Millenniumsjahres angesiedelt. Das ist eine erstaunliche Leistung für einen Autoren, der in einem halben Jahrhundert weit über einhundert Romane, unzählige Kurzgeschichten, Drehbücher und, und, und …verfasst und sich dabei selten unter, sondern in der Regel ein gutes Stück über dem Durchschnitt verkauft hat. Das wird hoffentlich noch eine ganze Weile so bleiben.

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