Puppe von Ed McBain

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1965 unter dem Titel Doll, deutsche Ausgabe erstmals 1966 bei Ullstein.
Folge 19 der 87.-Polizeirevier-Serie.

  • New York: Delacorte, 1965 unter dem Titel Doll. 190 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1966. Übersetzt von Martin Lewitt. 148 Seiten.

'Puppe' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Als Polizist Steve Carella im Alleingang einen Frauenmörder festnehmen will, gerät er in eine Falle. Von den Kollegen für tot gehalten, pokert er gefangen verzweifelt um sein Leben, solange seine Kerkermeister zaudern ihn umzubringen & – Der 20. Roman um das 87. Polizeirevier ist ein spannendes Psycho-Drama auf zwei Ebenen: Kann Carella die unberechenbaren Peiniger auf Abstand halten? Werden die Kollegen seine Fährte aufnehmen und ihn retten? Das Ergebnis ist geradliniges, schnelles, kurzweiliges Krimi-Handwerk.

Das meint krimi-couch.de: Ein Spielzeug entscheidet zwischen Leben und Tod 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Tinka Sachs war Mannequin und Mutter, geschiedene Frau und in eine Sache verwickelt, die ihr schließlich über den Kopf wuchs bzw. ihr unzählige Messerstichen in den schönen Körper eintrug. Die fünfjährige Tochter verbarg sich im Nebenzimmer und musste mitanhören, wie ihre Mutter ermordet wurde.

Der Fall gehört in die Zuständigkeit des 87. Polizeireviers. Steve Carella und Bernd Kling ermitteln, wobei diese Arbeit durch Klings private Probleme erschwert wird: Vor einiger Zeit wurde seine Verlobte erschossen. Seither ist Kling als Polizist im Grunde untauglich, weil ruppig, gleichgültig und undiszipliniert. Eigentlich sollte er längst versetzt werden, aber der mitleidige Carella nimmt ihn unter seine Fittiche – eine Entscheidung, die er bald bereut.

Im Streit haben die beiden Polizisten sich getrennt, als Carella bei einer neuerlichen Besichtigung des Tatorts ein Geistesblitz trifft: Er weiß plötzlich, wer Tinka Sachs umgebracht hat. In seiner Ungeduld meldet Carella dies nicht dem Revier und fordert auch keine Verstärkung an. Tatsächlich kann er den Mörder dort stellen, wo er ihn vermutet hat. Allerdings ist dieser nicht allein, weshalb Carella überrascht, überwältigt und an ein Heizungsrohr gekettet wird.

Vor einem Polizistenmord schrecken auch hartgesottene Kriminelle normalerweise zurück. Carella hat Pech: Er ist an ein ebenso rücksichtsloses wie schlaues Paar geraten. Kurz darauf taucht eine entstellte Leiche auf, die nur anhand einiger Funde in den Kleidungstaschen identifiziert werden kann – als Steve Carella, der nun als tot gilt. Die trauernden Kollegen haben keine Ahnung, dass Carella lebt – noch, denn seine Peiniger suchen nach einer Möglichkeit, den lästigen Cop loszuwerden. Carella bleibt nur die Hoffnung, dass die Beamten des 87. Reviers dies möglichst rasch merken: Sie sollen an den Nasen herumgeführt werden …

Murphys Gesetz in kriminellem Umfeld

Was schiefgehen kann, wird schiefgehen – in der Regel dann, wenn der daraus resultierende Schaden besonders groß zu werden droht. »Kleine Ursache – große Wirkung« lautet ein weiteres Sprichwort, das ähnlich düstere Erfahrungen in noch weniger Worte fasst. Natürlich ist man hinterher immer schlauer, weshalb nachträgliche Vorhaltungen, die entscheidende Kleinigkeit, die das Verhängnis auslöste, nicht erkannt zu haben, fehl am Platze sind.

Diese weise Erkenntnis hilft im Sog der Krise natürlich wenig. In unserem Fall ist es ein simpler Streit zwischen Kollegen, gegen den auch pflichtbewusste Polizeibeamte nicht gefeit sind. Hätten sich Steve Carella und Bernd Kling nicht gezankt, kurz bevor Carella die an sich erfreuliche Entdeckung machte, die zur Lösung des gerade untersuchten Mordrätsels führte, wäre Carella nicht allein und ohne Rückmeldung im Revier dorthin gefahren, wo ihm eine erst recht fatale Fehlentscheidung unterlief. Nun ist er einem mörderischen Pärchen ausgeliefert, dessen weiblicher Teil zu allem Überfluss sadistische Spielchen mit ihm treibt.

Autor McBain entwickelt daraus eine spannende Parallelhandlung, denn irgendwann kommen besagte Kollegen tatsächlich dahinter, dass sie getäuscht wurden. Nun muss der Fall quasi ein zweites Mal aufgerollt werden, wobei McBain bis zuletzt geschickt die Frage unbeantwortet lässt, was Carellas Geistesblitz ausgelöst hat. Dass ausgerechnet der merkwürdige Romantitel – der erstaunlicherweise ins Deutsche gerettet wurde – einen Hinweis gibt, gehört zu den Scherzen, die McBain gern mit seinem Publikum trieb.

Keine Überraschungen – aber garantierter Lese-Spaß

55 Bände zählt die Serie um das 87. Polizeirevier; hinzu kamen weitere Romane, denn McBain war ein Unterhaltungsschriftsteller, der für wenig Geld schrieb und deshalb schnell arbeiten musste. Dass er trotzdem ein beachtliches Qualitätsniveau einhielt, spricht für sein Talent. Routine war für McBain kein Freifahrschein für Langeweile. Er verstand es, selbst grundsätzlich bekannten Storys schwungvoll zu erzählen und mit Überraschungen zu würzen.

Natürlich brennt in »Puppe« der von seinem schlechten Gewissen geplagte Bert Kling darauf, seine Scharte auszuwetzen und Carella zu finden. Selbstverständlich wird dies nicht nur durch die verzwickte Indizienspur, sondern auch durch die Verachtung erschwert, der sich Kling im 87. Revier ausgesetzt sieht: Für Carellas Schicksal wird er verantwortlich gemacht, denn die »blauen Ritter« stehen bedingungslos füreinander ein. Diesen Kodex hat Kling verletzt, was ihn erst recht antreibt.

1965 war die Zeit der Unschuld im Krimi-Genre vorbei. Zwar dauerte es noch eine Weile bis zu den Scheußlichkeiten im Hannibal-Lecter-Stil. Trotzdem beschränkte man sich nicht mehr auf die klassischen Polizei-jagt-Gangster-Storys. Aus den trüben Untiefen des gestörten menschlichen Geistes erhoben sich Gesetzesbrecher, die eher krank als kriminell waren.

Ed McBain ging mit der Zeit. Mord ist bei ihm keine »schöne Kunst«, sondern eine schmutzige, brutale Angelegenheit. Mit dem drastisch geschilderten Messer-Tod von Tinka Sachs setzt die Handlung ein, doch es ist Carellas Kerkermeisterin Pat, die für größeres Unbehagen sorgt. Pat ist eine Psychopathin, die Carella nicht einfach umbringen, sondern ihn in Todesangst versetzen und zerbrechen will. Zwar setzt McBain auf (zeitgenössische) Wahn-Klischees, aber ihm gelingt darüber hinaus eine Figur, deren Gefährlichkeit der Leser glaubhaft findet.

Ermittlungsarbeit ist Kärrnerarbeit

Zwei lange voneinander getrennte Handlungsstränge laufen mit hohem Tempo nebeneinander her, bis sie sich im Finale endlich treffen. Die ständigen Verzögerungen, die Carellas riskante Gefangenschaft in die Länge ziehen, resultieren aus den üblichen Schwierigkeiten einer Polizeiermittlung. McBain sorgt für eine Spannung, die sich plausibel aus dem Umfeld der Hauptfiguren ergibt. Zufälle sind selten; sie werden nicht benötigt.

Erst im Finale weicht McBain davon ab, weshalb es tatsächlich Kling ist, der Carella findet, ihn rettet und dabei die eigenen Dämonen vertreibt, die ihn als Polizisten versagen ließen. Ansonsten beschreibt McBain die Ermittlungen als endlose, mühevolle Suche nach Indiziensteinchen, die geduldig und erfahren zu jenem Mosaik zusammengetragen werden, das den Fall darstellt.

Ungeachtet der aus heutiger Sicht vergleichsweise knappen Seitenzahl verzichtet McBain keineswegs auf menschliche Momente. Sie beschränken sich auf emotionale Routinen: Carellas Gattin Teddy ringt die Hände, im Nebenzimmer weinen die Kinderlein; hartschalige Polizei-Kameraden weichen auf und trauern um Carella. Dabei bleibt es jedoch bei knappen Einschüben. McBain ist Lichtjahre entfernt von jener Gefühlsduseligkeit, die sich heute klebrig und seitenstark über moderne Kriminalromane ergießt.

Auf diese Weise gelingt dem Verfasser abermals das seltene, in seiner Entstehung und Vollendung stets fesselnde Kunststück, Spannung und Tragik zu mischen, ohne die eine zu strapazieren und die andere zur Peinlichkeit gerinnen zu lassen. »Puppe« gehört sicherlich nicht zu den besten Episoden der Serie um das »87. Polizeirevier«; was Ed McBain trotzdem vorlegt, sollte viele "Bestseller-Autoren beschämen: Hier schreibt ein Profi im reinsten Sinn dieses Wortes – jemand, der weiß, wie’s gemacht wird!

Michael Drewniok, August 2017

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