Neun im Fadenkreuz von Ed McBain

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1963 unter dem Titel Ten plus one, deutsche Ausgabe erstmals 1966 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Isola (fiktiv), 1950 - 1969.
Folge 16 der 87.-Polizeirevier-Serie.

  • New York: Simon & Schuster, 1963 unter dem Titel Ten plus one. 254 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1966. Übersetzt von Gerda von Uslar. 154 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1981. Übersetzt von Gerda von Uslar. ISBN: 3-548-10128-3. 123 Seiten.

'Neun im Fadenkreuz' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein mörderischer Scharfschütze sorgt in einer Großstadt für Angst und Schrecken. Während die Zahl seiner Opfer steigt, versucht die Polizei ihm Einhalt zu gebieten …

Das meint Krimi-Couch.de: »Schüsse aus dem Hinterhalt« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

In diesen schönen Frühlingswochen wird die Bürgerschaft der US-Großstadt Isola durch eine Mordserie erschüttert: Ein Scharfschütze erschießt mit seinem Präzisionsgewehr offenbar wahllos Menschen. Die Beamten Steve Carella und Meyer Meyer vom 87. Polizeirevier, denen der Fall übertragen wird, können trotz intensiver Ermittlungen keine Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern erkennen.

Der Druck auf die Polizisten steigt mit der Zahl der Leichen. Panik greift um sich, denn der Täter mordet unerbittlich weiter und bleibt dabei unsichtbar. Erst der Zufall zeigt den Zusammenhang: Alle Opfer spielten vor vielen Jahren in einer College-Theateraufführung mit. Dass diese bizarre Tatsache der Schlüssel zum Geschehen ist, wird den Beamen bewusst, als weitere Darsteller sterben, bevor sie ausfindig gemacht werden können.

Die Besetzungsliste des damals gespielten Stücks gibt die Zahl der möglichen Opfer vor: Zehn Namen umfasst sie, und es ist gut möglich, dass der Mörder zu diesen Männern und Frauen gehört. Carella und sein inzwischen stark erweitertes Team können und wollen nicht abwarten, wer die Todesserie überlebt und sich als Täter »outet«, sondern die verbliebenen Ex-Darsteller retten und den Schützen schnappen – eine enorme Herausforderung, denn die potenziellen Opfer wirken fast vorsätzlich unverdächtig; ein Motiv und damit eine Erklärung für die Morde will sich nicht erkennen lassen …

Der »Sniper« – eine zwielichtige Figur

Seit es Schusswaffen gibt, haben Scharfschützen (»sniper«) an kriegerischen Auseinandersetzungen teilgenommen: zielstarke Männer, die ihre Waffe so gut beherrschen, dass sie auf große Entfernung möglichst viele Feinde »auszuschalten«, den Gegner so schwächen und für kampfkraftzersetzende Panik sorgen. Sie werden gefürchtet und gehasst, selbst den eigenen Kameraden sind sie unheimlich, denn sie kämpfen nicht, sondern töten ausdrücklich aus dem Hinterhalt.

Es ist eine erschreckende Vorstellung, dass entsprechend ausgebildete Schützen ihre »Arbeit« im Zivilleben wieder aufnehmen. Sie wären dort sogar noch gefährlicher, denn anders als im Krieg rechnen ihre Opfer nicht damit, aus dem Nichts aufs Korn genommen zu werden. Zum effizienten Morden kommt die Fähigkeit des Snipers, sich vorzüglich zu tarnen und nach dem Schuss unauffällig zu verschwinden. Das ist Teil seiner Ausbildung, die ihn zum Albtraum jedes Polizisten macht, der quasi einen Schatten jagen muss. Doch auch der selbst ernannte Sniper ist eine Schreckensgestalt.

Mit einer modernen Waffe, einem Hightech-Zielfernrohr und durchschlagender Munition kann sich jede/r in einen Scharfschützen verwandeln. Die Attraktivität des Snipers als Figur im Kriminalroman und/oder Thriller liegt neben seiner scheinbar übernatürlichen Unsichtbarkeit in seinem Charakter: Wer aus der Ferne Serienmord begeht, muss gefährlich (und) irrsinnig sein.

Fahndung als Wettlauf mit dem Tod

Die Suche nach der mordenden Nadel im Heuhaufen ist verständlicherweise ein dankbarer Plot. Üblicherweise wird er actionreich umgesetzt; die Entfernung wird zum Element der Handlung – der Polizist muss sie möglichst rasch zurücklegen, um den Ursprung des Bösen, den Sniper, zu erreichen. Das geht selten zu Fuß, sondern per Auto, Motorrad oder Helikopter aber auf jeden Fall mit Höchstgeschwindigkeit.

Die Realität sieht anders aus. Der kontrolliert vorgehende Scharfschütze ist ein furchtbarer Gegner, denn letztlich muss man darauf hoffen, dass er Fehler begeht und Spuren hinterlässt, die ihn verraten. Bis das geschieht, werden Menschen ihr Leben verlieren, denn schlampen kann der Sniper nur, wenn er »arbeitet«. Das ist ein Faktor, der als dramaturgisches Mittel gern eingesetzt wird – der brave Held wird von ungeduldigen Politikern, der blutgeilen Presse und der ängstlichen Öffentlichkeit bedrängt -, ohne indes in seiner eigentlichen Bedeutung gewürdigt zu werden.

Ed McBain stellt dagegen die Probleme einer Fahndung ohne Täterprofil in den Vordergrund. Die Morde werden, obwohl reich an der Zahl, nach heutigen Maßstäben dezent geschildert, manchmal sogar nur erwähnt. Viel wichtiger als das Schwelgen in blutigen Details sind für McBain die Schrecken, die den Taten folgen: Angst und Schrecken, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, Entsetzen und Zorn der Familien und Freunde der Opfer. Jedem widmet McBain eine knappe aber aussagekräftige Biografie. Aus Zielen, die der Sniper anvisiert, werden wieder Menschen.

Der Weg des Gesetzes: steil und steinig

McBains Polizisten des 87. Reviers waren niemals Helden ohne Fehl und Tadel. Sie sind Profis, die einen harten Job leisten, der sie manchmal überfordert. Trotzdem machen sie weiter – hartnäckig und in dem Wissen, dass ihr Spezialwissen und die Zeit für sie arbeiten. Auch in diesem Fall (dem 17. der Serie) bringen endlose Befragungen und Untersuchungen den Durchbruch. Der Originaltitel »Ten Plus One« deutet die Auflösung bereits an.

Bis es soweit ist, zeigen die Beamten Nerven. Wo kein Täter ist, den man verantwortlich machen kann, schlägt man stellvertretend auf die Polizei ein, die »versagt« hat. Viele Buchseiten füllt McBain mit den schmerzerfüllten, oft irrationalen Reaktionen der Betroffenen; eine bedrückende Lektüre, da der Verfasser weder wertet noch sich in Sentimentalitäten wälzt sondern sachlich beschreibt.

Selbst Steve Carella, sonst die Ruhe selbst, bekommt einen Wutanfall, als ein Kollege den entscheidenden Hinweis versehendlich unbeachtet lässt. Anderenorts kommt es zu schlimmen Exzessen: Verdächtige werden fälschlich beschuldigt, unter Brechung des Rechts verhört und geschlagen: Der »dritte Grad« war Anfang der 1960er Jahre zwar schon verboten aber noch etablierter Teil der Polizei-»Arbeit«.

Undank ist menschlich

Dass Angst die Menschen im Kampf gegen ihren Verursacher eint, ist ein Mythos, den McBain drastisch aber gern schwarzhumorig entlarvt. Isola ist eine Millionenstadt, der Sniper schießt bei Tageslicht. Trotzdem sieht und hört ihn niemand. Bei intensiver Nachfrage erfahren die (längst illusionsfreien) Polizisten in der Regel, dass ihn niemand sehen und hören wollte. In der großen Stadt lebt man neben- statt miteinander. Niemand möchte in »etwas hineingezogen« werden. Echtes Aufsehen erregt die Mordserie erst, nachdem ein prominenter Zeitgenosse niedergestreckt wurde. Für einen toten Obsthändler oder gar eine Prostituierte – auch unter den Opfern – läuft auch der Polizeiapparat mit Normalgeschwindigkeit weiter.

Der Kreis derer, die auf Sühne hoffen und auf die Festnahme des Täters warten, ist kleiner als erwartet; er umschließt nicht einmal die kleine Runde der Betroffenen. Ein mögliches Opfer ist Schauspielerin und genießt die Prominenz, die ihr der Sniper beschert. Die rollige Tochter eines ermordeten Familienvaters bedrängt Steve Carella mit eindeutigen Angeboten. Manchmal geht McBain ein wenig zu didaktisch vor, doch man begreift, was er verdeutlichen möchte: Die Welt ist nicht schwarzweiß, sondern grau. Erstaunlich, wie unterhaltsam auch nüchterne Wahrheiten wirken, wenn sie ein guter Autor in Worte fasst …

Neun im Fadenkreuz – der Film

McBains Roman wurde 1971 Drehbuchvorlage für den französischen Film »Sans mobile apparent«. Regisseur und Co-Autor Philippe Labro verlegte die Handlung an die französische Riviera in die Stadt Nizza und ließ Jean-Louis Trintignant als »Stéphane Carella« auf Mörderjagd gehen. Der routiniert und gekonnt in Szene gesetzte Film (mit der Musik von Ennio Morricone) gehört zu den (B-Movie-) Klassikern des (französischen) Kriminalfilms und hat nichts von seiner Spannung verloren.

Michael Drewniok, Oktober 2008

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Torsten Janssen zu »Ed McBain: Neun im Fadenkreuz« 03.05.2013
Dieser Roman wurde 1971/1972 mit Jean Louis Trintignant, Stephane Audran, Sacha Distel u.a. in Frankreich erfolgreich verfilmt. Der Regisseur verlegte die Handlung von New York an die Cote d`Azur, nach Nizza am Mittelmeer. Jean Louis Trintignant spielt den am Anfang völlig im Dunklen tappenden Polizeikommissar, der erst kurz vor der letzten Leiche endlich die Zusammenhänge, zwischen den Opfern erkennt und dann handeln kann. Ähnlich wie "Die Braut trug schwarz" nach Cornell Woolrich, gelingt es hier den Franzosen den Roman von Ed Mc Bain kongenial umzusetzen. Allerdings gibt es im Roman einiges zu kritisieren. Mir gefällt manchmal McBain schwarz-weiß Weltsicht nicht, außerdem verwendet er oft Klischees. Nun der Erfolg gab ihm trotzdem recht, siehe "Neun im Fadenkreuz". Außerdem gab er in den USA ein sehr erfolgtreiches (ähnlich Hitchcock) Kriminalmagazin heraus. Grüße Torsten Janssen
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