Long Dark Night von Ed McBain

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1997 unter dem Titel Nocturne, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Europa.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Isola (fiktiv), 1990 - 2009.
Folge 48 der 87.-Polizeirevier-Serie.

  • New York: Warner Books, 1997 unter dem Titel Nocturne. 291 Seiten.
  • Hamburg; Wien: Europa, 2000. Übersetzt von Uwe Anton. 352 Seiten.

'Long Dark Night' ist erschienen als

Das meint Krimi-Couch.de: 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Eine ganz normale Nacht in der fiktiven US-amerikanischen Metropole Isola (einem kaum verschleierten Spiegelbild New Yorks). Die Detectives Carella und Hawes vom 87. Polizei-Revier müssen in der ungeliebten Nachtschicht arbeiten, als sie an den Ort eines Mordes gerufen werden. Die 83jährige Svetlana Dyalovich ist erschossen worden. Einst eine berühmte und gefeierte Klavier-Virtuosin, haust sie jetzt in einem heruntergekommenen Appartment, lebt mehr schlecht als recht von der Fürsorge und betäubt sich mit billigem Fusel, um ihr trostloses Dasein und ihre Arthritis-Schmerzen zu ertragen.

Die Spuren deuten auf einen Raubmord hin, doch wieso sollte eine alte, mittellose Frau überfallen werden? Noch wissen die Detectives nicht, dass Svetlana sehr wohl recht vermögend war. 125.000 Dollar hat sie gehortet, die nach ihrem Tod ihre Enkelin Priscilla, eine leidlich erfolgreiche Bar-Sängerin, erhalten soll. Ein Bote soll ihr den Umschlag mit dem Geld überbringen – es ist derselbe Mann, nach dem Carella und Hawes inzwischen als Tatverdächtigen fahnden.

Zur selben Zeit sieht sich Detective Oliver »Fat Ollie« Weeks vom 88. Revier mit dem grausamen Mord an einer jungen Prostituierten konfrontiert. Als der Beamte damit beginnt, nach Tatverdächtigen zu suchen, findet er den Zuhälter der jungen Frau ertrunken in seiner Badewanne; davor liegt mit durchgeschnittener Kehle ein bekannter Drogen-Dealer. Was auf den ersten Blick wie ein Streit zwischen Verbrechern aussieht, entpuppt sich als Doppelmord.

Priscilla stellt zu ihrem Missvergnügen fest, dass von dem Erbe ihrer Grossmutter nur 5.000 Dollar den Weg zu ihr gefunden haben. Sie verdächtigt den Boten des Diebstahls und beginnt, nach ihm zu suchen, ohne zu ahnen, dass die Detectives Carella und Hawes dasselbe tun. Parallel dazu plagt sich Weeks, »seinen« dreifachen Mord aufzuklären. In einer weiteren langen, dunklen Nacht kreuzen sich die Wege aller Beteiligten, bis sie in einem furiosen Finale aufeinander treffen …

Ein Kriminalroman als Tragikomödie, sarkastisch im Tonfall, bizarr in der Handlung, dabei zu jedem Zeitpunkt spannend und dramatisch – der aktuelle Roman über das 87. Revier, die wohl berühmteste Polizeistation der Literaturgeschichte, zeigt Ed McBain auf der Höhe seiner Fähigkeiten. Talent und die Erfahrung eines halben Jahrhunderts als Schriftsteller fließen zusammen und lassen eine Geschichte entstehen, deren Eleganz und Witz die sorgfältig entworfene, nein, komponierte Handlung vorzüglich ergänzen.

Die moderne Großstadt als Tollhaus, in dem die Welt längst aus den Fugen geraten ist – und mittendrin das 87. Revier und seine Beamten als Bollwerk gegen die Gewalt, das Verbrechen und die Gleichgültigkeit, die längst alltäglich geworden sind: Noch niemals hat sich Ed McBain dieser und anderer gesellschaftlicher Probleme und ihrer Konsequenzen mit solch grimmigem Humor angenommen wie in »Long Dark Night«. Weil er sein Handwerk beherrscht, wirkt seine Kritik stärker als larmoyante Klagen über die Schlechtigkeit der Welt und scheinheilig zur Schau gestellte Betroffenheit. McBain beschreibt, wie es ist, und er muss nicht einmal besonders übertreiben, sondern nur einen Stein ins Wasser werfen und beobachten, wie sich die Wellen ringförmig in alle Richtungen ausbreiten:
 – Für den Mord an einer jungen Prostituierten ist kein irrer Serienmörder verantwortlich. Drei junge, gesunde und intelligente Highschool-Studenten wollen im Ghetto eine wilde Nacht erleben. Ihr Opfer schlachten sie eher aus Versehen und ohne echtes Verständnis dessen, was sie da tun, ab. Von Reue keine Spur; bestimmend ist allein die Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das Bemühen der Jünglinge, ihre Spuren zu verwischen, setzt einen ebenso absurden wie mörderischen Mechanismus in Gang: Wie selbstverständlich töten sie einen Drogendealer, den sie zu ihrer Orgie eingeladen haben, und dann bringen sie auch noch den Zuhälter der getöteten Frau um, der zufällig Zeuge dieser Tat wird. Dann kehren sie in ihre heile Welt zurück, ohne sich auch nur vorstellen zu können, dass sie zwar alle Zeugen beseitigt, aber dennoch genug Spuren hinterlassen haben, die die Polizei zu ihnen führen wird.

Die Enkelin der ermordeten Pianistin, die sich niemals um ihre Grossmutter gekümmert hat, folgt ihrem verschwundenen Erbe durch die Unterwelt von Isola, ohne freilich zu ahnen, dass nicht der Mörder das Geld gestohlen hat, sondern ihre beiden Lebensgefährten, die sich nun eifrig bemühen, sie von ihrer Spur abzulenken; als sie wider Erwarten erfolgreich sind und sich über ihr ergaunertes Vermögen freuen wollen, wird es ihnen von einem ganz gewöhnlichen Einbrecher gestohlen.

Die Waffe, mit der die Pianistin erschossen wurde, gehört einem berufsmäßigen Leibwächter, der sie im Handschuhfach seines Wagens vergessen hat, den er in eine Werkstatt bringt, wo ihn ein Mechaniker »ausleiht«, um damit seinen Kampfhahn zu einem Match zu fahren, das mit dem Tod des Tieres endet, dessen Besitzer sich daraufhin mit dem im Handschuhfach gefundenen Revolver umbringen will, diesen aber statt dessen an einen zufällig des Weges kommenden Fischhändler mit Wettschulden verkauft, der damit die Pianistin umbringt …

In dieser Welt banaler Brutalität und grotesker Zufälle gibt es keine strahlenden Ritter mehr. Die Beamten des 87. Reviers sind ausgebrannt von ihrer Arbeit »in einem Universum, das Tag für Tag immer dunkler zu werden schien, bis es irgendwann zu ewiger Nacht zu werden drohte« (S. 352), und haben sich einen Schutzpanzer aus Sarkasmus und Gleichgültigkeit zugelegt. Am besten scheinen noch Geschöpfe wie »Fat Ollie« Weeks mit der Situation zurecht zu kommen – Polizisten, die sich nicht mehr bemühen zu verstehen, was sie jeden Tag tun, sondern abgestumpft und zynisch nur noch ihre Vorurteile und Abneigungen bestätigt sehen und sich entsprechend verhalten.

»Long Dark Night« ist ein Polizei-Roman, wie Joseph Wambaugh sie einst geschrieben hat. Während dieser jedoch schon seit Jahren seiner einstigen Form hinterher schreibt, schafft es Ed McBain mühelos, die mäandrierenden Stränge seiner irrwitzigen Handlung zu einem schlüssigen Knoten zu schürzen. Der Leser ist weniger darüber erstaunt, dass ihm dies gelingt, sondern verblüfft, dass dies im 48ten (!) Roman einer Reihe geschieht, die seit 1956 (!!) läuft und längst zu den Klassikern des Genres gehört.

Ed McBain (alias Evan Hunter, geboren 1926 als Salvatore A. Lombino) hat den modernen Polizei-Roman nicht erfunden, wie man oft lesen kann. Er hat ihn weiter entwickelt und auf ein besonderes Niveau gebracht. Ihm ist es zu verdanken, dass aus eindimensionalen Gutmenschen, tumben Handlangern genialer Privatdetektive oder uniformierten Erfüllungsgehilfen korrupter Politiker und skrupelloser Geschäftsleute »echte« Menschen wurden, die als eingespieltes Team einem schwierigen und gefährlichen Job nachgehen.

Der Ursprung des 87. Polizei-Reviers ist prosaischer, als man heute vermuten möchte. Anfang der 50er Jahre war Salvatore Lombino ein junger Literatur-Agent, der sich bemühte, als Schriftsteller Fuss zu fassen und seine Familie zu ernähren. Die Schilderung des Alltags einer Gruppe von Kriminalbeamter war nur eine Idee von vielen, die Lombino in dieser Phase entwickelte. Wären die drei Romane, die er 1956/57 (nun als Ed McBain) schrieb, erfolglos geblieben, hätte er etwas Anderes versucht, und die wohl berühmteste und dauerhafteste Kriminal-Serie der Welt gäbe es gar nicht.

Vielleicht sind es diese nüchternen Anfänge, die für die Langlebigkeit verantwortlich sind. Dazu kommt die Einfachheit, die eine wahrhaft gute Idee auszeichnet: die Arbeit in einem Polizei-Revier – nicht mehr und nicht weniger, umgesetzt von einem begabten Schriftsteller, der es zudem versteht, seine spannenden Geschichten in ihr jeweiliges gesellschaftliches und kulturelles Umfeld einzubetten. (Einen Anflug von Science Fiction gibt es übrigens auch – wären Carella & Co. mit ihrer Stadt gealtert, müssten sie heute ungefähr achtzig Jahre alt sein ...)

Abschliessend gilt es, einige anerkennende Worte zur deutschen Ausgabe von »Nocturne« zu äussern. Uwe Anton ist es gelungen, den Originalton zu treffen und ins Deutsche hinüber zu retten. Er ist seit einigen Jahren so etwas wie das Sprachrohr Ed McBains in diesem unseren Lande und hat schon das ehrenvolle, leider kurzlebige Projekt einer Werkausgabe dieses Autors im Bastei Lübbe-Verlag betreut. Im Europa Verlag haben nun beide, Ed McBain und Uwe Anton, eine neue Heimat gefunden, in der sie sich wohl fühlen dürften.

P. S.: Eine Einschränkung gibt es doch. Sie betrifft den Titel, der im Original sehr schön »Nocturne« – Nachtstück – lautet. Wieso er mit »Long Dark Night« »übersetzt« wurde, ist (gelinde gesagt) schwer nachzuvollziehen.

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Tigrero zu »Ed McBain: Long Dark Night« 11.03.2005
Eine Sache an Ed McBain wundert mich immer wieder, wie kann man nach 100 veröffentlichten Büchern und einer fast 50jährigen Karriere als Schriftsteller immer noch Bücher schreiben, die so gut sind und so unverbraucht erscheinen wie "Long Dark Night". Dieses Meisterwerk ist allen Krimifans und Leuten die gutes,was sage ich da, hervorragendes Schreibhandwerk zu schätzen wissen, unbedingt zu empfehlen. In seinen besten Momenten erinnert es an die Harlemromane von Chester Himes(vielleicht ist es auch als Hommage an ihn gedacht). Die von Ed Mdbain kreierten und schon über 40 Jahre ermittlenden Polizisten erscheinen auch in seinem 48. Roman nicht wie Klischeeabziehbilder ihrer selbst. Des weiteren wirken sie auf den Leser nicht so übermächtig und arrogant wie Robert B. Parkers Spenser( seine Wirkung auf Frauen peinlich, Raymond Chandler würde sich im Grabe rumdrehen), sie sind vielmehr realistisch gezeichnete Beamte einer Großstadt, die mit den schlimmsten Auswüchsen der modernen westlichen Gesellschaft konfrontiert werden. Weiter so Mr. McBain, ich freue mich schon auf "Big Bad City".
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