Die Greifer von Ed McBain

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1968 unter dem Titel Fuzz, deutsche Ausgabe erstmals 1968 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Isola (fiktiv), 1950 - 1969.
Folge 21 der 87.-Polizeirevier-Serie.

  • Garden City, N.Y.: Doubleday, 1968 unter dem Titel Fuzz. 240 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1968. Übersetzt von Will Helm. 158 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1983. Übersetzt von Will Helm. 160 Seiten.

'Die Greifer' ist erschienen als

Das meint Krimi-Couch.de: »Knallhart und grotesk – eine Mischung, die nur selten so vorzüglich gelingt!« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

In diesen frühen Märztagen wird die Geduld der Beamten des 87. Polizeireviers der Metropole Isola noch stärker als sonst auf die Probe gestellt. Zur Flut der üblichen Verbrechen, die bearbeitet bzw. aufgeklärt werden wollen, kommt die eigentlich längst überfällige Renovierung des Bereitschaftsraumes. Die Arbeit der Beamten wird durch die nur wenig kooperationsbereiten Handwerker empfindlich gestört.

Ausgerechnet in diese Situation fällt die Rückkehr eines gefürchteten Gangsters: »Der Taube« hat sich bereits vor acht Jahren dem 87. Revier nachdrücklich vorgestellt. Nach einem spektakulären Finale glaubten ihn die Beamten eigentlich tot, doch der ebenso paranoide wie intelligente und rücksichtslose Kapitalverbrecher hat überlebt. Nun plant er einen neuen Coup – und die Schlappe, die er den Männern vom 87ten verdankt, hat er nicht vergessen! Profit und Rache in einen narrensicheren Plan zu vereinen – das ist eine Herausforderung, die so recht nach dem Geschmack des Tauben ist!

Es beginnt scheinbar harmlos: Ein anonymer Anruf erreicht Detective Meyer Meyer im 87. Revier. Angekündigt wird der Mord am Gartenbauinspektor Cowper, den nur die Zahlung eines Lösegelds von 5000 Dollar verhindern könne. Die Summe ist lächerlich gering, die Übergabe dilettantisch organisiert. Doch als die Beamten am nächsten Tag die Geldübergabe überwachen, fällt ihnen nur ein Bote, der nichts weiß, in die Hände. Nur wenig später fällt der bedrohte Cowper wie angekündigt einem Anschlag zum Opfer.

Nur kurze Zeit später meldet sich der Taube erneut: Nun wird der Mord an Bürgermeister Scanlon angekündigt – und die Lösegeld-Forderung beträgt nun 50000 Dollar! Auch dieses Mal wird der Taube triumphieren – aber was hat er wirklich vor? Nie hat er sich ernsthaft darum bemüht, das Lösegeld in seinen Besitz zu bringen.

Die Beamten vom 87. Revier sind ratlos. Eine Kette unglücklicher Zufälle lässt gleich mehrere Kollegen ausfallen. Gleichzeitig hat die Ermordung von zwei hohen Würdenträgern der Stadtverwaltung die Aufmerksamkeit der Presse erregt. Außerdem sitzt der Polizeipräsident den Männern im Nacken. So scheint die Rechnung des Tauben aufzugehen: Während er die Polizei durch spektakuläre Attentate in Atem gehalten und abgelenkt wird, beginnt er landesweit 100 reiche Geschäftsleute zu erpressen.

Die Rache an den Männern des 87. Reviers vergisst der Taube darüber allerdings auch nicht. Doch auch er, der mit geradezu unheimlichem Spürsinn die Schachzüge seiner Gegner voraus ahnt, wird mit einem Faktor konfrontiert, der alle Pläne nachhaltig über den Haufen wirft: der Macht des Zufalls! Während ein später Schneesturm Isola heimsucht, treffen alle Beteiligten des Dramas völlig unverhofft aufeinander – in einem buchstäblich explosiven Finale, das nur wenige Beteiligte überleben werden …

Ed McBain (alias Evan Hunter, geboren 1926 als Salvatore A. Lombino) ist der von Kritik und Leserschaft gleichermaßen anerkannte und verehrte Meister des modernen Polizei- Romans. Er hat ihn zwar nicht erfunden, aber entwickelt und die Latte auf eine Höhe gelegt, die bis heute nur wenige Autoren überspringen konnten. McBain verdanken wir es, dass Polizisten aus eindimensionalen Gutmenschen, tumben Handlangern genialer Privatdetektive oder uniformierten Erfüllungsgehilfen korrupter Politiker und skrupelloser Geschäftsleute zu »echten« Menschen wurden, die als eingespieltes Team einem schwierigen und gefährlichen Job nachgehen.

Die Serie um das 87. Polizeirevier gehört nicht nur zu den erfolgreichsten, sondern auch zu den langlebigsten des Krimi-Genres. McBain startete sie 1956, und inzwischen konnte sie – passend zum Millennium – ihr »Goldenes Jubiläum« feiern: Mit »Dead Man´s Song« erschien im Jahre 2000 das fünfzigste (!) Abenteuer, und ein Ende ist (zum Glück) nicht abzusehen.

»Die Greifer« markiert indes die »Halbzeit« der Serie um das 87. Revier. Der 22. Band bot 1968 die für McBain typische Mischung aus lieb gewonnener Routine und unverhofften, aber um so lieber zur Kenntnis genommenen Überraschungen. Die Männer vom 87ten (erst später kamen auch einige Frauen hinzu – McBains Polizei- Romane waren und sind immer auch ein Stück soziale Chronik ihrer Entstehungszeit) sind ihren Lesern längst ans Herz gewachsen. Das heißt aber nicht, dass ihnen ihr geistiger Vater eine (positive wie negative) Entwicklung oder gar ein gewaltsames Ende verweigern bzw. ersparen würde. In der alltäglichen Hölle von Isola ist alles möglich, und Ed McBain sorgt dafür, dass dies seinen Lesern nie in Vergessenheit gerät.

Der wahre Könner zeigt sich in der Beständigkeit seines Werkes. Da McBain in dieser Hinsicht selten Schwächen zeigt, ist wohl kaum verwunderlich, dass er auch brilliert, wenn er aus früheren Romanen Bekanntes noch einmal ins Spiel bringt. Mit dem »Tauben« ist ihm allerdings wahrlich ein Meisterwerk gelungen. Dabei erinnert diese Figur mit ihrer diabolischen, scheinbar übermenschlichen Intelligenz und ihrem quasi filmtauglichen Gebrechen zunächst eher an klassische Science Fiction/Mad Scientist- Gestalten wie Dr. Mabuse oder Dr. No (oder – für die Jüngeren unter uns – Dr. Evil). Aber der Taube ist einfach ein Glücksfall – ein Bösewicht, der nicht nur überzeugt, sondern dessen Wiedersehen echte Freude bereitet. Wir und die Männer vom 87. Revier werden ihn jedenfalls auch nach »Die Greifer« noch mehrfach wiedersehen, bevor er endgültig untertaucht, ohne jemals gefasst zu werden. (McBain hat ihn jedoch offenbar nicht aus den Augen verloren – er erwähnt ihn in »Big Bad City«, den 49ten der Serie, nach langer Zeit wieder einmal.)

Aber auch sonst kann »Die Greifer« über die volle Distanz unterhalten. Mit dem ihm eigenen Können vermischt McBain die aufregenden Jagd auf den Tauben mit dem üblichen Polizeialltag, der durch Routine, Mühsal, Frustration und vor allem durch Pannen gekennzeichnet wird. Auf der anderen Seite treffen die Beamten auf Verbrecher, die – anders als der Taube – eher durch Brutalität als durch Klugheit auffallen. Ein besonderes Kabinettstück ist McBain mit der Schilderung der beiden All- American-Boys gelungen, die sich ihre Zeit damit vertreiben, des Nachts Obdachlose in Brand zu stecken – für einen Roman, der 1968 erschienen ist, eine erstaunlicher Vorgriff auf eine noch wesentlich gnadenlosere Zukunft!

»Fuzz«, der zunächst unverständliche Originaltitel des vorliegenden Romans, stellt einen typischen Ed McBain-Scherz dar: »Flöckchen« oder »Spritzer« von Farbe hinterlassen die Maler, die das 87. Revier terrorisieren und den Beamten zum Romanschluss eine ganz besondere Überraschung bescheren. Sie symbolisieren gleichzeitig die scheinbar unwichtigen, gern übersehenen Kleinigkeiten, an denen noch der beste Plan scheitern kann, wie der Taube zu seinem Leidwesen erfahren muss …

»Die Greifer« gehört zu den vergleichsweise wenigen McBain-Romanen um das 87. Polizeirevier, die auch verfilmt wurden. »Auf leisen Sohlen kommt der Tod« (»Fuzz«) entstand 1971 nach McBains Drehbuch unter der Regie des Routiniers Richard A. Colla und gibt die eigentümliche Mischung aus Spannung, Tragik und Humor der Vorlage sehr gut wieder. Ihren Teil tragen dazu auch die fabelhaft aufspielenden Schauspieler – Burt Reynolds (!) als Steve Carella, Raquel Welch als Eileen McHenry oder ein unglaublich junger Tom Skerritt als Bert Kling – bei.

Sie alle werden an die Wand gespielt vom unglaublichen, als Schauspieler viel zu oft unterschätzten Yul Brunner, der den Tauben mit der ihm eigenen, hier wunderbar zur Rolle passenden Mischung aus Größenwahn und Unberechenbarkeit verkörpert. Das versöhnt damit, dass »Fuzz«, der Film, sich nicht nur aus dem gleichnamigen Roman, sondern auch aus »April, April!« (»The Heckler«, 1960), der das Debüt des Tauben markiert, großzügig bedient.

(mdoc)

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