Earl Derr Biggers

Geboren wurde Earl Derr Biggers 1884 in Warren, Ohio, mitten im noch wilden Westen, wie er später gern zu Besten gab. Einem Studium in Harvard folgte eine erfolgreiche Karriere als Humorist und Kritiker für den »Boston Traveler«. 1911 veröffentlichte Biggers seinen ersten Roman, heiratete Miss Eleanor Ladd aus Medford, Massachusetts, zog nach New York City, verfasste eine erste Theaterkomödie (»If You’re Only Human«), setzte seine Karriere als Humorist fort und begann eine neue als gefeierter, überaus produktiver Bühnenautor. 1919 brach er auf zu neuen Ufern, die paradoxerweise mitten in der Wüste lagen: Mr. Biggers ging nach Hollywood, wo man einen Mann mit seinen Talenten durchaus zu würdigen wusste.

Sein Repertoire erweiterte sich. Biggers wurde auf das Genre Kriminalroman aufmerksam und beschloss, auch hier sein Glück zu versuchen. 1919 hatte er während eines Urlaub in Honolulu über einen hier tätigen chinesischen Kriminalbeamten namens Chang Apana gelesen. Trotzdem dauerte es noch sechs Jahre, bis Biggers – durchaus direkt auf den Zeitgeist zielend, der exotische Helden schätzte – die Figur des Charlie Chan entwarf, eines trügerisch sanften, aber klugen bzw. mit der sprichwörtlichen Weisheit des Orients gesegneten Polizisten. Der Humorist Biggers scheint in den zahllosen Aphorismen durch, die dieser seinem Helden in den Mund legt; heute erscheinen diese »Chanismen« freilich reichlich albern und abgeschmackt, wie überhaupt Chans angeblich komischen Verdrehungen der amerikanischen Sprache einen schalen Nachgeschmack hinterlassen.

Was uns zur unschönen Frage trägt, ob denn die Charlie Chan-Romane aus politisch korrekter Sicht nicht als bodenloser Sumpf rassistischer Stereotypen zu verdammen sind. Hier muss man wiederum zwischen Film und Buch scheiden, denn den Schwarzen Peter behält Hollywood. Earl Derr Biggers hat sich im Rahmen des zeitgenössischen Weltbilds durchaus weit aus dem Fenster gelehnt. Auch im »Chinesenpapagei« gibt es einige Szenen, die sehr deutlich machen, dass der Verfasser Charlie Chan ungeachtet aller skurrilen Züge ganz sicher nicht als Menschen zweiter Klasse oder Vorzeige-Exoten abgewertet wissen wollte. Statt dessen streut Biggers immer wieder Momente ein, in denen er dünkelhafte Bleichgesichter gar nicht gut dastehen lässt. Chan ist bei aller Zurückhaltung sehr wohl ein selbstbewusster, von seinen Fähigkeiten eingenommener Charakter, der als solcher von seinen denkenden Mitmenschen auch wahrgenommen und respektiert wird.

Zu Lebzeiten Earl Derr Biggers war den Charlie Chan-Romanen nur bescheidener Erfolg beschieden – mit einiger Berechtigung, wie man wohl sagen muss. Tragischerweise starb der Verfasser gerade dann, als Hollywood wirklich auf ihn aufmerksam geworden war. Charlie Chan überlebte ihn, benötigte seine ohnehin zweifelhafte Schützenhilfe auch gar nicht mehr. Bis auf den heutigen Tag ist er in immer neuen Inkarnationen präsent, während sich kaum mehr jemand seines Schöpfers erinnert.

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