Zwischen den Couchen
Na prima. Jetzt gibt es auch eine Belletristrik-Couch für alle, die nicht nur gerne die »Genres« lesen und zu alt für Jugendbücher sind. Wobei – Belletristik ist ja irgendwie jeder Roman, sogar der hinterletzte Schmunzelregioserienkillerthriller mit beigelegten Kochrezepten. Aber immer noch besser als eine Trennung in »Literatur« und »Krimi«, wie man sie in unserem Land des undichten Nichtdenkens bisweilen auch bestaunen kann.
Auf der Belletristik-Couch sollen, wie man hört, zukünftig auch Klassiker Platz nehmen, das Hochliterarische halt. Trifft sich gut. Denn seit vielen Jahren schleppe ich ein Bündel Bücher mit mir herum, sämtlich Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, und biete sie wie sauer Bier als »Krimis« an. Seien sie aber nicht, rümpft der Literaturwissenschaftler die Nase. Da habe er recht, bestätige ich, aber etwas Genre hafte ihnen dennoch an und lehrreich seien sie allemal. Es wäre schade, solche Werke kommentarlos auf dem großen »Belletristik«-Stapel zu deponieren. Deshalb seien anlässlich der neuen Couch ein paar der betreffenden Romane hier kurz vorgestellt und auf ihre Krimihaltigkeit abgeklopft. Es sind also Bücher zwischen den Couchen, für Enthusiasten des Krimis ebenso interessant wie für die literarischen Gourmets. Eindeutige Lesebefehle!
Beginnen wir mit einem Roman, an dessen Deutung sich wohl mehr schlechte Kriminalisten der Literatur versucht haben dürften als an jedem anderen. Es ist die Geschichte des pädophilen Literaturdozenten Humbert Humbert und der zwölfjährigen Dolores Haze, genannt Lolita. Die Einschätzung dieses Romans, der im Jahre 1955 zunächst beim französischen Verlag Olympia Press veröffentlicht wurde (einem eher auf Erotik spezialisierten Haus) schwankt je nach Sichtweise zwischen »größtes belletristisches Werk des 20. Jahrhunderts« und »Bibel für Pädophile«, ein Skandalwerk also, das etwa die Organisation »Der weiße Ring«, die sich u.a. auch für Opfer sexueller Gewalt einsetzt, dazu animierte, ein Verbot des Buches zu fordern.
Um es gleich zu sagen: Lolita ist KEIN Referenzwerk für Pädophilie, genaugenommen geht es darum auch nicht. Es ist vor allem der Versuch des während der Russischen Revolution aus seiner Heimat vertriebenen Autors, sich einen Teil seiner verlorenen Jugend zurückzuholen – und er tut dies mit Mitteln, die wir alle aus Krimis kennen. Vor allem der Zufall – etwas, vor dem sich Krimiautoren eigentlich hüten sollten – spielt eine entscheidende Rolle und verweist darauf, dass der ganze Fall des vorgeblichen »Kindesmissbrauchs« nichts weiter ist als ein Gedankenspiel des Erzählers. Wie Humbert und Lolita zusammentreffen und sich dann auf eine zweijährige Reise quer durch die Vereinigten Staaten begeben, ist eine beinahe unglaubliche Zusammenballung absonderlichster Zufälle, Beinbrüche, abbrennende Häuser, zufällig des Weges kommende Hunde, die eine Katastrophe auslösen, etc. Endgültig zum »Krimi« wird der Roman, als sich dem umherreisenden ungleichen Paar ein geheimnisvoller Mann auf die Fersen heftet, der Autor Clare Quilty. Er ist stets präsent, ein unheimlicher Rivale Humberts, der Lolita zu verführen versucht. Am Ende wird ihn Humbert erschießen und dafür ins Gefängnis wandern, wo er schließlich stirbt.
Wie alle große Literatur ist Lolita zu allererst ein ungelöster – und in letzter Konsequenz auch gar nicht zu lösender – Fall, bei dem sich der Leser wie ein Detektiv auf die Suche nach Beweismitteln begibt, um einen »Tathergang« zu rekonstruieren. Bei »Lolita« hat er dabei alle Hände voll zu tun, denn Nabokov ist ein Meister des Verschleierns und der kapitalste »red herring«, der die Leser zunächst in die Irre leitet, ist die Pädophilie-Geschichte selbst. Inszeniert wie ein interaktiver Krimi, bei dem der Leser Teil der Handlung wird, kreist der Roman um das Thema des Verlusts von Kindheit und Jugend. Sie wurden dem Protagonisten – und mit ihm den Autor – gestohlen, der Mann, der er hätte sein können, wurde somit ermordet. An seine Stelle tritt ein Rächer, der ein Verbrechen durch ein anderes zu kompensieren versucht. Doch auch das ist lediglich eine Schicht des Romans, der voller Zitate steckt, Querverweisen, Fallstricken. Wer Lolita, dessen Sprache einfach göttlich ist (nebenbei: der Russe Nabokov hat das Buch auf Englisch verfasst!), wirklich ergründen möchte, muss sich wie ein Sherlock Holmes der Literatur rüsten, aus den Alltäglichkeiten, dem Beiläufigen lesen lernen. Hier trifft sich die sogenannte Hochliteratur durchaus mit dem ambitionierten Kriminalroman, der jenseits seiner Genreanforderungen auf verschiedenen Deutungsebenen spielt.
Also: Ein »Kriminalroman« als bloße Spannungsmaschine ist Lolita nicht. Das verhält sich bei dem zweiten Roman, den ich euch vorstellen möchte, schon etwas anders, William Faulkners Die Freistatt. Der lässt sich schon nacherzählen wie ein waschechter Krimi. Es ist die Geschichte des ziemlich gescheiterten Anwalts Horace Banbow, sie spielt Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts in der Nähe von Memphis / Tennessee, deep south also. Benbow hat seine Familie verlassen und ist unterwegs in seine Geburtsstadt. In der Wildnis trifft er auf ein versteckt gelegenes Haus (die titelgebende Freistatt), in dem sich eine Gruppe von Schwarzbrennern um ihren Anführer Goodwin eingenistet hat. Man trinkt zusammen und trennt sich dann wieder. Wenige Tage später erreicht ein Pärchen dieses Haus – und diesmal überschlagen sich die Ereignisse. Der junge Trunkenbold Gowan kreuzt mit seiner 17jährigen kessen Freundin Temple Drake auf, einem Mädchen zwischen Unschuld und Laszivität. Es kommt, wie es kommen muss. Ein Mann stirbt, Drake wird von einem der Bewohner der Freistatt entführt und in einem städtischen Bordell versteckt, Goodwin als Mörder inhaftiert und Banbow sein Verteidiger vor Gericht.
Wer nun glaubt, er bekäme hier vom Nobelpreisträger Faulkner eher blutarme, eben »hochliterarische« Kost vorgesetzt, wird gründlich enttäuscht. Die Geschichte ist knallhart, spart nicht mit unappetitlichen Details und bedient sich aller Sprachebenen des amerikanischen Südens, bis hin zum »Neger-Slang«. Faulkner, der u.a. auch am Drehbuch für die Verfilmung des Chandler-Klassikers »The big sleep« mitgearbeitet hat, entfaltet eine Story jenseits des bekannten Musters von Gut und Böse, ein politisches und soziales Sittenbild, das von Gewalt und Verbrechen geprägt wird. Absolut »hardboiled«, in seinem Ergebnis »noir«, bevor man mit diesem Begriff überhaupt etwas anfangen konnte. Wer sich als Krimiautor heute rühmt, in die »Abgründe des Menschlichen« vorgedrungen zu sein, wäre gut beraten, bei Faulkner nachzulesen, wie man das wirklich macht. Manche haben es getan. Der phantastische Joe R. Lansdale etwa, dessen OEuvre ohne den Einfluss Faulkners gar nicht vorstellbar wäre.
Zurück in die deutschsprachigen Lande und zu einem Buch, das inhaltlich meilenweit entfernt ist von Faulkner und Nabokov, bei näherer Betrachtung jedoch eine ähnliche Geschichte mit vergleichbaren Mitteln erzählt. Bereits der Titel – Ein Mord den jeder begeht – verweist auf die »kriminelle Essenz« dieses 1938 erstmals erschienenen Romans des österreichischen Erzählers Heimito von Doderer. Im ersten Teil lernen wir den Helden Conrad Castiletz kennen, Sohn aus gutem Hause, und folgen ihm durch die recht ereignislose Zeit seiner Kindheit und Jugend. Nicht ahnend, wie wichtig all das werden wird, die Gefügigkeit des Kindes, dem man, wie es einmal heißt, seine Kindheit »über den Kopf gestülpt (hat) wie einen Eimer«. Dann geschieht »der Mord«. Die Schwägerin Conrads ist während einer Zugfahrt offensichtlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen, das ist nun schon einige Jahre her, der Fall blieb ungelöst. Castiletz möchte ihn unbedingt lösen, seine Aktivitäten werden beinahe zwanghaft und tatsächlich findet er manche Spur, die ihn dieser Lösung näher bringt. Doch von Anfang an weiß der Leser mehr als der Protagonist – oder ahnt es zumindest. Er weiß etwa, dass es sich gar nicht um einen »richtigen Mord« gehandelt hat, sondern um fahrlässige Tötung und er weiß, wer dieses »Verbrechen« begangen hat. Als auch Castiletz auf diesem Stand ist, kann die Katastrophe nicht ausbleiben.
Wie schon bei Nabokov haben wir es hier mit einem falschen Spur zu tun, einem red herring. So wie es dort nicht um das Thema Kindesmissbrauch geht, so handelt von Doderers Roman mitnichten um diesen »Mord« im Zug. Es geht um einen anderen, der tatsächlich sehr viel üblicher ist, um eine Art natürlichen Selbst-Mord, den man sich zufügt, wenn man seinen Charakter, seine Wünsche, seine Visionen unterdrückt. Das Verbrechen geschieht also bereits im ersten Teil des Romans, eine sehr alltägliche, sehr saubere Ermordung des eigenen Ich. Das Interessante an diesem Buch ist es, dass der eigentliche »Kriminalfall« gar nicht mit den Mitteln des Genres konstruiert wird, sondern als recht behäbige Geschichte daherkommt, während der Tod der Schwägerin wie ein Krimi auf- und durchgezogen wird.
Bleiben wir in Österreich. Eine der Wurzeln von Kriminalliteratur ist »das Recht« und seine Anwendung. Schon in der »Antigone« des Sophokles (nein, KEIN Krimi!) wird der Unterschied zwischen göttlichem und irdischem Recht, im allgemeineren Sinne also zwischen »Gerechtigkeit« und juristischem Recht thematisiert. Desgleichen auch bei Schiller (Der Verbrecher aus verlorener Ehre) und Kleist (Michael Kohlhaas) und wenn man die Spur weiterverfolgt, führt sie gar bis zu Franz Kafka und seinen Prozeß, wo sich die Schuldfrage völlig losgelöst von einer möglichen Schuld präsentiert. Bis zu den beliebten Gerichtsthrillern unserer Tage ist es kein weiter Weg – und er führt über Albert Drach, der in seinem Roman (Kriminalprotokoll) Untersuchung an Mädeln mit den Mitteln des Kriminalromans arbeitet, um uns vorzuführen, wie die »Protokoll- und Kanzleisprache« Menschen diskredieren und vernichten kann.
Esmeralda und Stella, zwei »Mädeln« Anfang 20, werden angeklagt, einen Mann erschlagen zu haben, der sie mit dem Auto mitgenommen hat. War es Notwehr, weil sie der Mann vergewaltigen wollte – oder eine hinterrücks begangene Tat aus »niederen Beweggründen«? Die Leiche des Mannes bleibt verschwunden und so entwickelt sich ein »Indizienprozess«, vom ersten Moment an penibel von einem Anonymus protokolliert. Wie er das tut, ist bizarr, aber mehr als das: Es ist wertend, abwertend, in höchstem Maße denunziatorisch, die »Mädeln« haben keine Chance. Um sich dies vorzustellen, hier eine Leseprobe:
Es soll Wind gegeben haben, und diese Versicherung erscheint glaubhaft, wenn festgehalten wird, dass die Röcke, nämlich die unteren äußeren Kleidungsstücke der Weibspersonen in Bewegung gerieten und die Anschauung der dann noch dürftiger bedeckten Oberschenkel zuließen, so dass sich Männer veranlasst fühlten, ihre Kraftwagen anzuhalten und auf das Angebot der beiden, an der noch unvollendeten Autobahn wartenden sogenannten Mädel einzugehen, indem diesen zur Mitfahrt die Wagentüren geöffnet wurden. Es muss außerdem geregnet haben, wenn als richtig angenommen wird, dass auch die Blusen der zwei in Frage kommenden Frauenzimmer geradezu am Leibe klebten, was im übrigen auch dem Umstand zugeschrieben werden kann, dass sie nur unzureichende, d.i. kaum nennenswerte Wäschestücke darunter getragen haben dürften. Wie lange sie trotz ihrer durch Wind und Regen hervorgehobenen Eignung zur Aufnahme in einem sonst nur von einer männlichen Person besetzten Kraftwagen hatten warten müssen, darüber liegen bloß die Angaben erwähnter Mädel vor.
Drach, gelernter Rechtsanwalt und 1902 nahe Wien geboren, musste als Jude seine Heimat verlassen und emigrieren. Seine Sprache ist ein Reflex auf die Banalität des Bösen, wie sie sich in diesem scheinbar objektiven Amtsdeutsch offenbart, das in Wirklichkeit eine moralische Perversion ersten Ranges darstellt. Untersuchung an Mädeln liest sie tatsächlich wie ein Krimi und weckt auch ähnliche Reflexe. Was ist passiert? Wer sagt die Wahrheit und wer lügt? Doch genauso wie bei den anderen vorgestellten Büchern geht es um etwas anderes, Grundsätzlicheres. Ein Lesetipp für alle, die sich in einer Sprache verlieren wollen, die faszinierend und grausam zugleich ist.
In Sprache verlieren kann man sich auch bei unserem letzten Beispiel. Kein zweiter deutscher Autor der Nachkriegszeit kam mit einer ähnlich elitären Attitüde daher wie Arno Schmidt (1914-1979), kein anderer arbeitete wie er mit versteckten Zitaten und sprachlichen Mitteln. Kein anderer aber auch bediente sich so hemmungslos beim »Trivialen« wie der »Bewunderer« von Karl May und Jules Verne. Den Krimi mochte Schmidt nicht – doch viele seiner Romane der frühen und mittleren Schaffensperiode lesen sich wie solche. Zum Einstieg empfohlen sei Das Steinerne Herz von 1956. Wir lernen den manischen Büchersammler Walter Eggers kennen, der sich bei einer Familie einschleicht, in deren Besitz er »Staatshandbücher« vermutet, die er unbedingt haben muss, um seine Sammlung zu komplettieren. Es entwickelt sich nun eine ebenso muntere wie handfeste Geschichte um Bücherraub, Schatzsuche und mysteriöse historische Ereignisse, die Story spielt im norddeutschen Flecken Ahlden und Ostberlin, der Humor ist allerfeinst, die Sprache ebenso. Und, bitte: nicht einschüchtern lassen, wenn man nicht alle Anspielungen versteht. Das Steinerne Herz ist der ideale Stoff zum Anfixen.
Noch offensichtlicher »Krimi« ist Die Gelehrtenrepublik aus dem Jahre 1957. Die Adaption eines Romans von Jules Verne (Die Propellerinsel) führt uns in eine ferne Zukunft, in der weite Teile der Erde atomversucht sind und irgendwo im Pazifik eine künstliche Insel dümpelt, auf der sich »Gelehrte« versammelt haben. Doch der Kalte Krieg der Gegenwart geht auch hier weiter und lässt unseren Helden, den Journalisten Charles Winer, eine wahrhaft grausige Entdeckung machen …In dieser Geschichte ist nicht nur Jules Verne dauerpräsent, auch Karl May winkt schelmisch am Horizont. Ein »Spaßkrimi« für LeserInnen, denen das Gehirn …aber halt, beinahe hätten wir schon zuviel verraten …
Ebenfalls in der Zukunft, ebenfalls nach einer Atomkatastrophe und ebenfalls mit der Konstellation des Kalten Krieges operiert KAFF auch Mare Crisium aus dem Jahr 1960. Der Roman spielt zur Hälfte auf der Erde in einem norddeutschen »Kaff« – und auf dem Mond, wo einige Glückliche (?) weitab vom atomaren Desaster in Kolonien überlebt haben. Auch wieder schön aufgeteilt in West und Ost. Ähnlich wie in Die Gelehrtenrepublik geht es um ein grausiges Geheimnis, das nach und nach, schön mit den Mitteln des Krimis, entdeckt wird. Was auf dem Mond geschieht, korrespondiert mit dem, was auf der Erde geschieht. Dort nämlich erzählt Karl die Geschichte seiner traumatisierten Freundin, um sie »zu lockern«. Wieder liegt die eigentliche Spannung anderswo, aber das kennen wir ja inzwischen schon …
Bis heute existiert übrigens ein »Arno-Schmidt-Dechiffriersyndikat«, das in zahllosen Publikationen selbst die kleinsten versteckten Zitate aus des Meisters Werk extrahiert und bewertet. So werden LeserInnen zu »Kriminalisten«, zu Spurensuchern und »Profilern«. Wieder einmal zeigt sich, dass der wahre Krimi nicht im Text selbst steckt, sondern in den Köpfen ihrer Leserinnen und Leser. Denn »Krimi«, so unsere abschließende Erkenntnis, ist mehr als die inhaltliche Zugehörigkeit zu einem Genre. Er verkörpert gleichermaßen die Art und Weise, wie ein Stoff bearbeitet wird, und den Zustand, in dem sich der Leser befinden sollte: neugierig, detektivisch ambitioniert, mit einem genauen Blick für die Dinge hinter dem Offensichtlichen. Die Literatur steckt voller Romane, die – ohne Krimi zu sein – Verbrechen und Mysterium nutzen, um ihre Geschichten zu erzählen. Von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz bis zu Thomas Pynchons Die Versteigerung von No. 49, vom Soziogramm bis zur Welt als großem Fragezeichen. Das hebt die Messlatte, die wir an Kriminalliteratur im engeren Sinne legen sollten. Es gibt keinen Unterschied zwischen »wahrer Kunst« und »dem Trivialen«, es gibt nur einen zwischen gutem und schlechtem Lesen.

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