Zehn goldene Regeln, wie man einen garantiert erfolglosen Krimi schreibt

von Dieter Paul Rudolph

Lieber Jungkrimiautor, liebe Jungkrimiautorin!

Vielen Dank für die unverlangte Zusendung Ihres Manuskripts, über das ich mich sehr gefreut habe, ich kann Ihnen gar nicht sagen wie! Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich es nicht lesen konnte. In Ihrem freundlichen Begleitschreiben nämlich erhofften Sie sich – ich zitiere – »ein paar knallharte Tipps, wie man einen Bestseller schreibt«, und damit sind Sie, sorry to say, bei mir an der denkbar falschesten Adresse.

Meine Spezialität nämlich sind völlig erfolglose Krimis. Ich kenne jeden meiner Leser mit Namen und das, obwohl ich ein sehr schlechtes Gedächtnis habe. Rezensionen meiner Bücher muss ich mir teuer erkaufen, indem ich z.B. den Krimi des Schwagers der Freundin des Rezensenten lobe. Wenn ich jemals einen Krimipreis gewinnen sollte, dann höchstens den für den Autor, der noch niemals einen Krimipreis gewonnen hat. Und zum Schluss: Vom Honorar meines letzten Krimis wollte ich jüngst beim Italiener um die Ecke einkehren. Der aber bedauerte. So winzige Pizzastücke, wie ich sie hätte bezahlen können, ließen sich leider technisch gar nicht herstellen.

Um Sie dennoch nicht ganz zu enttäuschen, mache ich Ihnen einen Vorschlag. Ich gebe Ihnen zehn Regeln mit auf den Weg, wie sie einen garantiert erfolglosen Krimi schreiben – und Sie tun einfach das Gegenteil von dem, was ich Ihnen ans Herz lege. Setzen wir voraus, dass Sie als angehende Fachkraft in der Krimiindustrie 10.000 verkaufte Exemplare bereits als Erfolg verbuchen. Ich zeige Ihnen nun, wie Sie diese Zahl durch das Befolgen meiner Ratschläge drastisch reduzieren können.

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Regel Nr. 1: Fangen Sie nicht mit dem Mord an, sondern hören Sie damit auf!

Ganz ehrlich, liebe Freundin, lieber Freund: Wie oft schon hockten wir über einem Krimi, der uns psychosomatische Beschwerden verursachte, bei dem Stinklangeweile und das endlose Wiederkäuen längst bekannter Krimimuster durch allerschwerste Misshandlung der deutschen Sprache erkauft wurden. Und dennoch: Wir lasen weiter. Warum? Weil bereits auf Seite 3 ein Mord geschehen war. Auf den folgenden 300 Seiten ging es nun einzig darum, möglichst rasch das Ende des Buches zu erreichen, um zu erfahren: Monsignore Münzing hat die Nonne erdrosselt. Wäre dieser Mord also nicht geschehen, wir hätten das Buch nach spätestens 30 Seiten in die nächstgelegene Ecke gepfeffert. Mein Rat also: Um einen erfolglosen Krimi zu schreiben, beginnen Sie nicht mit dem Mord, sondern hören mit ihm auf. Das hält kein normaler Leser durch, nach 20 Seiten fragt er sich zum ersten Male bang: Hä? Und wann kommt die erste Leiche? Aber es will partout kein Schwein den Löffe abgeben. Und das soll Krimi sein? Ihr Buch kann noch so gut geschrieben und spannend daher kommen: Der normale Leser wird es vielleicht wütend zu Ende lesen, aber, seien Sie versichert, nie mehr eines ihres Werke kaufen. Sie verlieren mindestens 2000 Leser und hätten jetzt also noch 8000.

Regel Nr. 2: Lassen Sie keinen Serienmörder in Wanne-Eickel oder Itzehoe sein Unwesen treiben!

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an die längst vergangenen Zeiten unschuldiger Krimilektüre, als Geschichten in  fiktiven Orten namens Katzenwinkelhausen spielten und auf 300 Seiten ein einziger schlapper Mord aufzuklären war. Das war noch vor der Währungsreform, dem Turbokapitalismus und der Geiz-ist-geil-Kampagne. Heute wählt der Krimikonsument seine Lektüre nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip: Wenn ein Krimi schon unbedingt irgendwo spielen soll, dann bitteschön vor der eigenen Haustür und das Ganze nicht unter 5 Morden, die selbstverständlich von Serienmördern begangen werden müssen. Also Obacht! Serienmord und Regionalkrimi schaden Ihrem Ziel, möglicht erfolglos zu sein! Zahlreiche Leserinnen und Leser greifen unbesehen zu Ihrem Buch, wenn es im Klappentext heisst: »Ein unheimlicher Serienmörder erschüttert Wanne-Eikel.« Sogar, wenn sie eigentlich in Köln-Gürzenich wohnen …Wenigstens 1200 jedoch fassen es gar nicht erst an, wenn sie dem Klappentext entnehmen, der Krimi spiele nicht an ihrem Wohnort und es werde ein einziger Mord verhandelt. Sie haben jetzt noch 6800 mögliche Leser.

Regel Nr. 3: Vergessen Sie Ihren Deutschunterricht!

Kennen Sie das auch? Sie sitzen gemütlich am Tisch und schreiben. Und plötzlich diese Stimme in Ihrem Kopf....»Müller! Keine Schachtelsätze! Meier! Subjekt – Prädikat – Objekt! Das hat Goethe schon so gemacht und wird deshalb wohl stimmen!« – Wer da in Ihnen rumort? Sie erinnern sich flüchtig. Ihr alter Deutschlehrer ist’s. Der, bei dem Sie nicht »Ist mir egal« schreiben durften, weil erstens das Subjekt fehlte und »egal« schlechtes Deutsch war. Der jeden Ihrer Sätze, der mehr als 10 Wörter und 2 Kommas enthielt, abschätzig bewertete. Der, als Sie einmal tatsächlich »Kommas« schrieben, einen roten Kopf bekam und »Das heißt Kommata, Sie intellektueller Tiefflieger!« brüllte. Guter alter Deutschlehrer. Hören Sie nicht auf ihn. Schreiben Sie nicht so, wie es der Duden von Ihnen verlangt, sondern so, wie es Ihrer Geschichte und ihrer Logik förderlich ist. Glauben Sie mir: Ein 13jähriger Hauptschüler sagt niemals: »Es stünde dir gut an, deine dreiste Rede zu zügeln.« Er sagt vielleicht: »Ey Alta Schnauze sonst Messer.« Allerdings müssen Sie damit rechnen, dass das Gros der deutschen Krimileser Ihr Produkt schon nach kurzem Querlesen in der Buchhandlung wieder ins Regal zurückstellt. »Das ist ja gar kein richtiges Deutsch! Das kann ich ja besser!« Genau. Zirka 800 Ihrer potentiellen Leser werden so denken und Ihnen verbleiben noch ganze 6000.

Regel Nr. 4: Werfen Sie Ihr »Handbuch Psychologie für Anfänger« in die Mülltonne!

Ob Sie es glauben oder nicht: Menschen verhalten sich manchmal anders als es unsere Schulweisheit Glauben machen möchte. Nicht jede Frau ist von Penisneid geplagt, nicht jeder junge Mann träumt vom Beischlaf mit seiner Frau Mama, nicht alle Fünfzigjährigen, die mit fünf Jahren eine Frau im rosa Bikini sahen, ermorden aus traumatischen Gründen Frauen in rosa Bikinis. Okay, schon klar: Mit Psychologie kriegen Sie auch den wackligsten Plot wieder auf die Beine. Logische Motive braucht man nicht, wenn es ein »Ich hatte da so einen inneren Dämon in mir, muss wohl frühkindlich bedingt sein« auch tut. Und die LeserInnen lieben das! Seelische Abgründe, boah! Das ist doch was anderes als der schnöde Mammon oder di e Machtgeilheit, wegen denen im wirklichen Leben vorzüglich gemordet wird. Wer sich also ein bisschen um die Wirklichkeit kümmert, muss leiden und wird vielleicht selbst psychisch labil, wenn ihm schon wieder 1000 Leser abgehauen sind. Bleiben noch 5000.

Regel Nr. 5: Lesen Sie viel!

Sie werden es nicht glauben, aber es ist tatsächlich so. Sie sind nicht das erste menschliche Wesen, das einen Krimi schreibt! Schockiert? Haben Sie eben notiert, es sei absolut noch nie dagewesen, mal eine Gerichtsmedizinerin zur Krimiheldin zu machen? Oder einen versoffenen Privatdetektiv hinter einer gestohlenen Statue – vielleicht ein Hamster, Falke oder Nilpferd – herjagen zu lassen? Tut mir leid, aber streichen Sie das wieder. Halten Sie es auch nicht für originell, eine »multiple Persönlichkeit« auftreten zu lassen oder einen Kommissar, der an der Welt verzweifelt.

Je mehr Sie lesen, desto deutlicher wird Ihnen, dass die meisten Plots, die Sie im Kopf haben, bereits geschrieben wurden. Versuchen Sie es vielleicht lieber einmal mit einer ganz gewöhnlichen Story und geben Sie sich Mühe bei der Ausarbeitung. Lernen Sie von den Meistern, aber bestehlen Sie sie nicht! Jaja, ich weiß! Damit geht der schöne Wiedererkennungswert flöten, den die meisten LeserInnen so schätzen! Es gibt Leute, die lesen grundsätzlich nur Krimis, in denen alkoholisierte Hauptkommissare mit einer Mordverdächtigen schlafen oder erfolglose Privatdetektive plötzlich ihr gutes Herz entdecken. Es geht auch anders! Aber dazu müssen Sie lesen, lesen, lesen, damit Sie wissen, was partout nicht mehr geht und wie die Großen der Zunft mit literarischen Mitteln (doch, die gibt es!) arbeiteten. Zahlt sich für Sie natürlich nicht aus. Weitere 1200 anvisierte LeserInnen springen ab, da waren’s nur noch 3800.

Regel Nr. 6: Schaffen Sie Ihren Fernseher ab!

Nein! Ein Roman ist nicht Fernsehen zum Lesen! Sie müssen nicht beschreiben, worauf Sie als Fernsehzuschauer unwillkürlich einen Blick werfen, wenn Kommissar Müller eine Kühlschranktür öffnet. Eine angebrochene Packung Butter, zwei angeschlagene Eier, ein verschrumpelter Kohlkopf etc. Sie müssen auch nicht den Fernsehstatisten X, der von links nach rechts durchs Bild läuft und eigentlich für die Geschichte völlig uninteressant ist, als Romanstatisten X einführen und umständlich beschreiben. Und schon gar nicht ständig den Gesichtsausdruck Ihres Helden! »Wischinski schaute bekümmert drein, sein linkes Augenlid zuckte, ein Sonnenstrahl erhellte sein rechtes Ohr....« Das SEHEN Sie, wenn Sie fernsehen, aber ein Roman ist nun einmal --- siehe oben. Das ist gut für die Literatur, aber schlecht für den Verkauf, denn die meisten LeserInnen wollen nun einmal genauso lesen wie sie fernsehen. Bloß alles genau beschrieben, bloß nicht das Kopfkino aktivieren! Und wieder ziehen 600 von dannen, nur noch 3200 können Sie erreichen. Vielleicht.

Regel Nr. 7: Fragen Sie den Kritiker Ihres Vertrauens nach dem perfekten Krimi!

Ein Krimikritiker ist ein Mensch, der unter seinem Niveau liest. Was bleibt ihm auch anderes übrig. Eigentlich hat er Literaturwissenschaften studiert und kann Kafkas »Das Schloss« von vorne bis hinten, hinten bis vorne und oben bis unten interpretieren, doch das interessiert kein Schwein. Ein ungünstiges Schicksal hat ihn zum Krimikritiker gemacht. Er liest die Dinger runter und greift in seine Vokabelkiste. Lohnt sich nicht, sich wirklich darüber Gedanken zu machen. Für wen denn? Die dummen LeserInnen? Iwo!

Manchmal träumt der Krimikritiker vom idealen Krimi. Verwirrend, sprachlich auf höchstem Niveau, mit mehreren ineinander verschränken Bedeutungsebenen und dennoch bodenständig schnörkellos! Ja, das wär’s doch! So muss man schreiben! Genau. Also tun Sie’s doch, liebe Autorin, lieber Autor! Es kostet Sie auch nur 600 Leser (neuer Stand: 2600), aber die Kritik wird Sie lieben! – Leider wird sie vielleicht genauso dünnpfiffig darauf reagieren wie auf den ganzen Mist, der ihr sonst immer vor die Augen kommt. Denn so viel Abweichung vom schnöden Tageskrimigeschäft überfordert die Kritiker möglicherweise doch. Und besser bezahlt wird’s auch nicht.

Regel Nr. 8: Entwickeln Sie literarische Ambitionen!

Ja, okay, ich sag es wirklich nicht gerne. Krimis SIND Literatur! Es gibt keine literarischen Krimis, es gibt ja auch keine Papiertaschentücher aus Papier! Fordern Sie sich und den Text! Passen Sie die Sprache dem Inhalt an! Formulieren Sie nicht einfach drauf los mit der Beruhigung, es werde ja eh keiner merken, welchen Mist Sie da verzapfen! Aber wenigstens 1000 LeserInnen WERDEN merken, wenn Sie tatsächlich literarisch ambitioniert schreiben. Und die sind dann – flutsch! – weg und waren nie mehr gesehen. Denn Krimi Literatur? Um Gottes Willen! Sie haben übrigens jetzt noch 1600 Leser. …

Regel Nr. 9: Streichen Sie diese Begriffe aus Ihrem Vokabular: Vergangenheit, schreckliches Familiengeheimnis, Nazischatz, innere Dämonen, Pathologie, Gewissenszwiespalt. Und etwa 999 andere mehr

 Ja, weg mit dem Unsinn! Diesem ewigen Einerlei, diesen sich ständig wiederholenden Themen! Bleiben Sie ein wenig in der Realität, denken Sie nach, welchen Blödsinn Sie da schreiben, wenn schon wieder ein Pathologe erkennt, dass sein Großvater einen Nazischatz versteckt hat, den ihr Onkel einst. …Aber eines sollten Sie auch wissen: Wer auf solche Standards verzichtet, verzichtet auch auf 1.599 LeserInnen. Jetzt gibt es nur noch einen – und der sind Sie. Vielleicht haben Sie Glück und Ihre Mutter lebt noch. Dann haben Sie ZWEI LeserInnen. Herzlichen Glückwunsch!

Regel Nr. 10: Halten Sie sich niemals an diese Regeln!

Genau! Halten Sie sich überhaupt nicht an Regeln, an diese schon gar nicht! Schreiben Sie nach eigenem Gutdünken oder, dazu rate ich Ihnen, vermeiden Sie die Regeln 9 – 1. Machen Sie es einfach so wie die anderen, verkaufen Sie Ihr Büchlein 10.000 Mal und beim zweiten Werk toppen Sie das noch und schreiben wie Dan Brown. Dann sind Sie finanziell endgültig aus dem Schneider und das, was Sie schon immer sein wollten: ein ebenso miserabler wie erfolgreicher Schreiberling.

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