Wo die Nacht niemals endet. Anmerkungen zum »Schwedenkrimi«

von Dieter Paul Rudolph

In Skandinavien, das weiß ein jeder, sind die Nächte lang, wenn es erst einmal Winter geworden ist. Ja, die Tage bestehen eigentlich nur aus Nächten, die Sonne lässt sich nicht blicken, kalt ist es außerdem. Kein Wunder, dass man dabei depressiv wird und mit düsteren Gedanken schwanger geht. Und ebenfalls nachvollziehbar, dass der skandinavische Kriminalroman – nehmen wir ruhig den isländischen und finnischen dazu – genau diese Geistestristesse widerspiegelt. Ist also der typische »depressive Ermittler«, wie wir ihn spätestens seit Henning Mankells Kurt Wallander kennen, ein schlichtes Wetterphänomen? Oder gibt es noch andere Gründe?

Nun sind Pauschalurteile immer problematisch. DER skandinavische Krimi? Es gibt wahrscheinlich nicht einmal DEN schwedischen. Richtig aber ist, dass es in den Krimitraditionen vieler Länder so etwas wie immer wiederkehrende Charakteristika gibt. Nehmen wir nur die österreichische Kriminalliteratur, die auf irgendeine Art immer »witzig« zu sein scheint, vom harmlosen Schmäh bis zur grantelnden Satire, vom Wortspiel bis zur berühmten Wiener Nekrophilie, wenn der Zentralfriedhof zum Leben erwacht und jede Leich ein Lacher ist. Oder der französische Krimi. Immer hart an der Realität und, nicht nur, weil es ein französisches Wort ist, »noir«. Auch, man glaubt es kaum, die deutsche Kriminalliteratur hat das, was man neudeutsch ein »Branding« nennt. Immer ein wenig kopflastig, nicht so locker und routiniert spektakulär wie die Amerikaner, nicht so selbstironisch wie die Briten. Im Zuge der Globalisierung, die ja auch vor dem Krimi nicht Halt gemacht hat, tendiert man inzwischen auch eher zum skandinavischen Erfolgsmodell – eben WEIL es ein Erfolgsmodell ist.

Gibt es also tatsächlich so etwas wie Nationalliteraturen bei Krimis? Das Beispiel Schweden eignet sich hervorragend, dies einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Für viele Leserinnen und Leser beginnt die Geschichte des Schwedenkrimis mit Henning Mankell. Dessen Kriminalromane um den Protagonisten Kurt Wallander und sein Ermittlerteam waren zunächst bei der kleinen edition q erschienen und hatten nur wenig Aufsehen erregt. Erst als 1998 der viel größere Zsolnay Verlag sich des Werkes annahm und Die fünfte Frau veröffentlichte, begann ein Sturm der Mankellmania über Deutschland zu fegen. Liest man noch einmal die ersten Rezensionen, könnte man glauben, damals sei der Kriminalroman neu erfunden oder zumindest aus seiner Schmuddelecke befreit worden. Etwas älteren Leserinnen und Leser jedoch kam das alles bekannt vor. Ein eher trübsinniger Kommissar mit einem Team aus flüchtig beschriebenen Individualisten, genau geschilderte Polizeiarbeit, ein Fall, dessen Dimension erkennbar ins Sozialkritisch-Politische wies und ein sogenanntes »Tabuthema« (Gewalt gegen Frauen) als Krimi inszenierte. War da nicht mal was gewesen? Gerade ein Vierteljahrhundert vor Wallander?

Genau. Die zehn Kommissar-Beck-Romane von Sjöwall/Wahlöö, um die damals kaum weniger Bohei gemacht wurde und die sich ähnlich prächtig verkauft hatten wie nun die Romane Henning Mankells. Der also setzte eine leicht in Vergessenheit geratene Tradition fort und bediente sich recht unverblümt, aber durchaus souverän bei den Vorarbeiten seiner Landsleute. Er bestätigte jedenfalls, was wir immer schon zu wissen glaubten: Der Schwedenkrimi ist düster und eher pessimistisch, sozial engagiert und räumt mit dem Märchen vom »schwedischen Volksheim«, dieser sozialdemokratischen Idylle einer besseren Welt, nachhaltig auf. Wahrscheinlich war das in Schweden schon immer so gewesen und wir hatten es bloß nicht mitgekriegt.

Ja, war es wirklich immer so gewesen? Ein Blick zurück in die Geschichte des »Schwedenkrimis«. Einer der ersten wirklich erfolgreichen Krimiautoren war Frank Heller, in seiner Jugend wegen eines gefälschten Wechsels zur Flucht aus seiner Heimat gezwungen und fortan bis zu seinem Tod kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ständig in Europa unterwegs. Er hatte auch im Deutschland der Weimarer Republik seine treue Lesegemeinde, die vor allem vom Witz und dem scharfen Verstand des Schweden angetan war. Seine wohl spektakulärste Figur ist der holländische Psychoanalytiker Dr. Joseph Zimmertür, der die Verbrechen auf seine spezielle, hochwissenschaftliche Art aufzuklären versteht. Was sehr amüsant zu lesen ist und viel über die Zeit verrät, in der die Romane entstanden. Nur: »Schwermütig« ist das alles nicht. Eher das Gegenteil.

Der in Schweden immens beliebte Olov Svededid schickte seinen Serienhelden Roland Hassel schon vor Sjöwall/Wahlöö durch die nicht sehr angenehme Wirklichkeit. Spannende Polizeiromane sind so entstanden, die jedoch nichts von jener Melancholie, gar depressiven Grundstimmung aufweisen, die wir heute geradezu als Markenzeichen von Spannungsliteratur aus dem hohen Norden begreifen. Man könnte hier noch mehr solcher Beispiele anführen, aber sie liefen alle auf das gleiche Ergebnis hinaus: Der Schwedenkrimi, wie wir ihn kennen, hat keine »natürliche Tradition«. Er ist vielmehr ein Marketingereignis und folgt den verlässlichsten Gesetzen einer Marktwirtschaft: dem ökonomischen Erfolg. Und er ist längst nicht mehr nur »schwedisch«, nicht einmal mehr »skandinavisch«, er ist, wie bereits angedeutet, ein globales Phänomen.

Ebenso richtig ist aber auch, dass die unter dem Label »Schwedenkrimi« vermarkteten Autorinnen und Autoren sehr wohl auch selbstständig laufen können und nicht alle in den Fußstapfen ihrer großen Vorgänger unterwegs sind. Zwischen Leif W. Persson und Liza Marklund liegen Welten. Die Bandbreite reicht vom zynisch-enttäuschten Ermittler bis zur mit Alltagssorgen geplagten Journalistin, es geht um faschistische Tendenzen und Eifersuchtsmord, um Morde aus Verzweiflung und Morde aus Sadismus. Was allerdings auffällt: Schwedische Autorinnen und Autoren trauen ihren Regierungen nicht – und sagen das auch. Sie wittern überall Verschwörungen, Faschistoides, Manipulation. Auch werden die meisten Fälle in Teams gelöst, etwas, das zum Bild Schwedens passt. Man ist eben sehr »sozial«. Und das ist der entscheidende Punkt.

Der Erfolg schwedischer Kriminalliteratur strahlte zunächst, wie zu erwarten, auf die übrigen nordischen Länder aus. In einer Gesellschaft wie der isländischen etwa, die zu den sichersten der Welt gehört, geschahen plötzlich die Morde im Dutzend, wurde auf höchster Ebene intrigiert – natürlich nur in der Phantasie. Auch im reichen und urdemokratischen Norwegen mussten sich stark depressive Typen wie Jo Nesbøs Protagonist Harry Hole notgedrungen von der Flasche losreißen und die Gesellschaft vor perversen Mördern beschützen. Sogar die Finnen, deren Krimitradition eher hardboiled-ironisch ist, waren sich nun nicht zu fein, ihrem Image der schwermütigen Saunabenutzer und Suizidliebhaber zu entsprechen. Merkwürdigerweise wurde hierzulande der in Finnland lebende deutsche Autor Jan Costin Wagner zum Inbegriff jener finnischen Traurigkeit.

Interessant ist der schwedische oder allgemein der nordische Krimi schon wegen der Fallhöhe vom scheinbaren gesellschaftlichen Idyll hinunter zum Verbrechen. Da wirkt es denn auch wie Bestätigungen, wenn in diesen Ländern sich tatsächlich spektakuläre Verbrechen ereignen wie das Massaker in Norwegen, der Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme oder wenn der Zerfall des isländischen Bankensystems die ganze Korruption unter der Decke der Friedfertigkeit offen legt.

Ob Sjöwall/Wahlöö oder Mankell: Sie stehen für ein anderes Konzept von Kriminalliteratur, das dem bis dato dominierenden diametral entgegengesetzt ist. Ein »klassischer« Krimi funktioniert wie eine Art Reparaturbetrieb für die Wirklichkeit. Verbrechen werden aufgeklärt, der Fall endet mit einem Sieg der Gerechtigkeit, der Alltag ist wenigstens einigermaßen wiederhergestellt. Das geschieht zwar auch in den meisten Schwedenkrimis, doch bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack. Die anfänglich »normale« und demokratisch-friedliche Gesellschaft nämlich entfaltet bis zum Ende des Romans ihr kriminelles Potential, sie wird als repressives System entlarvt. Nun ist auch das nicht neu. Spätestens seit Hammett und Chandler ist die Wirklichkeit im Krimi alles andere als idyllisch. Bei den Schweden jedoch kontrastiert der schöne Schein mit der desillusionierenden Wirklichkeit, die bereits angesprochene Fallhöhe wird umso größer. Am deutlichsten merkt man das an den wichtigsten Figuren: den Protagonisten.

Sie verkörpern die alte bittere Erkenntnis von Adorno, dass es ein richtiges Leben im falschen nicht geben kann. Gerade bei den Hauptvertretern des Schwedenkrimis, Sjöwall/Wahlöö und Mankell, aber auch bei Persson ist es verblüffend, wie mit jedem neuen Werk der eigentliche Kriminalfall in den Hintergrund gedrängt wird und die Erkenntnis wächst, ein »richtiges Krimileben« sei im »falschen gesellschaftlich-politischen Leben« nicht mehr möglich. Dieses falsche Leben hinterlässt Spuren. Waren auch frühere Helden wie Philip Marlowe oder Friedrich Glausers Wachtmeister Studer durchaus von der Wirklichkeit gezeichnet, so agierten sie doch noch halbwegs souverän. Sie reagierten mit Ironie und Zynismus, sie gingen unbeirrt ihren Weg gegen alle Widerstände. Im Schwedenkrimi ist das nicht mehr möglich. Die Helden leiden, ihre Krankheiten verschärfen sich. Sie werden auf eine für Krimis eher unübliche Art »menschlich« und zu Gegenbildern einer Allwissenheit, wie wir seit Sherlock Holmes und Hercule Poirot zur Genüge kennen.

Dieses neue Bild des Protagonisten hat längst seinen Siegeszug um die Krimiwelt angetreten. Und weil es sich gut verkauft, wurde es allmählich zum Klischee, manchmal bis zur Lächerlichkeit übersteigert. Es genügt nicht mehr, Alkoholiker zu sein, man muss gleichzeitig auch noch Krebs haben, Frau samt Kind müssen von den Bösen ermordet worden sein und dann hat auch noch der Hund Durchfall. Das eigentliche Anliegen, die allmähliche Analyse der Gesellschaft, bleibt dabei auf der Strecke. Was sich nirgendwo deutlicher zeigt als im ökonomischen Höhepunkt des Schwedenhypes, in den drei dickleibigen Büchern von Stieg Larsson. Es mutet grotesk an, wie dort sämtliche Weltübel in der Person der Lisbeth Salander gebündelt werden, wie alles zum Actionklischee verkommt, zur bloßen Hülle wird. Dass Lisbeth Salander inzwischen gar als Modeikone herhalten muss, passt in dieses Bild. Das was der Schwedenkrimi eigentlich wollte, eine kritische Analyse der Wohlstandsgesellschaft, wird hier in sein Gegenteil verkehrt. Larssons Bücher mögen unterhaltsam sein. Sie sind aber auch Synonym für den Verfall der ursprünglichen Idee.

Aber auch dieser Hype wird wie jeder andere irgendwann einmal enden. Erst dann wird sich zeigen, ob die schwedische und insgesamt die skandinavische Kriminalliteratur mehr zu bieten hat. Man kann davon ausgehen: Sie hat. Nur blüht das im Moment noch im Verborgenen, ist, weil es nicht ins Bild passt, schlechter verkäuflich. Der an den Zuständen der Welt erkrankte Held wird jedoch nicht aus der Kriminalliteratur verschwinden. Er gehört dazu, genauso wie die Forderung, dass Kriminalliteratur bitteschön etwas über die Welt erzählen soll, in der sie spielt. Es muss ja nicht immer auf schwedische Art sein.

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