Wenn der Krimi nicht zum Leser kommt

von Dieter Paul Rudolph

Sie schreiben Krimis, die kein Mensch lesen will – und möchten das schleunigst ändern? Fragen Sie doch Nele Neuhaus, wie man als selbstzahlende book-on-demand-Autorin startet und in den Bestsellerlisten endet. Oder fragen Sie Sebastian Fitzek, dessen Debüt bereits verkaufszahlenmäßig durch die Decke ging. Auch Andrea Maria Schenkel wird Ihnen gerne verraten, wie man aus einem schmalen Erstling in einem kleinen Verlag einen dicken Erfolg macht. Und wenn Sie schon einmal dabei sind: Fragen Sie bitte auch den Menschen, der letztens den Lottojackpot geknackt hat, nach seinem Erfolgsgeheimnis.

Die Bücherwelt kennt keine Gerechtigkeit. Nicht immer stehen die Besten auf dem Siegerpodest, oft sind es gar die unverfrorensten Stümper, denen die Herzen der Leserschaft zufliegen. Woran das liegt? An den Leserinnen und den Lesern und ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit? Den gewinnorientierten Buchhändlern, die auf die ewig gleichen Erfolgspapiere setzen? Den Verlagen, die kaum anders operieren oder den Kritikern mit ihrer Unlust, jenseits der hochglänzend beworbenen und aus fetten PR-Etats genährten Titel fündig zu werden? Oder am Ende doch an den Autorinnen und Autoren selbst, die einfach unfähig sind, »sich zu verkaufen«? Denn eins ist unbestritten: Wer sich verkaufen will, der kann das auch, die dazu nötigen Marktplätze sind vorhanden. Nur: Wie stellt man es am besten an – und wie sieht die Wirklichkeit aus?

Beginnen wir mit einem ganz normalen Beispiel, einem Autor jenseits des Bestsellerhypes in einem relativ kleinen Verlag. Mit anderen Worten: Beginnen wir mit mir selbst. Ich habe einen Krimi geschrieben, der glücklicherweise sogar verlegt wird, der Verlag druckt seine Halbjahresvorschau und gönnt meinem Werk eine ganze Seite. Zufälligerweise (nein, stimmt nicht, das ist genau geplant) findet gerade die Leipziger Buchmesse statt, wo der Titel präsentiert und auch noch mit hübschen kostenlosen Postkarten beworben wird. Kurz danach verlässt mehr als eine halbe Hundertschaft kostenloser Besprechungsexemplare die Verlagsräume und findet ihren Weg zu ausgesuchten RezensentInnen. Ebenso ausgesuchte BuchhändlerInnen werden über die Existenz des Romans informiert. Soweit im Groben die Bemühungen des Verlages, der ein engagierter ist, nun zu den Bemühungen des Autors selbst, der ein privilegierter ist. Privilegiert deshalb, weil er seine Internetschäfchen längst ins Trockene gebracht hat, über einen seit Jahren gut eingeführten Blog gebietet, für das neue Buch auch noch flugs einen neuen eigenen einrichtet, zudem für die Krimicouch schreibt, wo das Werk in einer Leserunde bereits lange vor dem Erscheinen von kritischen Couchbesetzern gelesen, kritisiert und, alles in allem, gelobt wurde. Auch dem »sozialen Netzwerk« Facebook gehört der Autor an und hat dort die Geburt seines Werkleins publik gemacht. Außerdem kennt er die Szene ziemlich gut, einige ihrer Kritikerprotagonisten gar persönlich, was bei der Auswahl der möglichen öffentlichen Liebhaber des Krimis sehr geholfen hat (und dennoch keine Garantie für eine Besprechung, gar eine positive sein, was gut so ist). Und jetzt? Jetzt warten Autor und Verlag auf den großen Durchbruch, den Riesenknall, die euphorischen Kritiken, die begeisterte Leserschaft. Der Verlag ist durchaus bereit, Tag und Nacht nachzudrucken, an Papier herrscht kein Mangel. Aber wird es auch klappen? Nun ja. All das haben Autor und Verlag auch schon beim Vorgängerwerk in Szene gesetzt – mit mäßigem Erfolg allerdings. Irgendetwas haben sie vergessen. Oder?

Es ist eine Binsenweisheit: Ein Buch kann noch so toll, ein Autor noch so fleißig, ein Verlag noch so engagiert sein – was am Ende zählt, besorgt der Vertrieb. Verlagsvertreter schwärmen aus und besuchen die Buchhandlungen, wo sich immer noch am ehesten das Schicksal eines Buches erfüllt. Überhaupt ist die Macht der Verlagsvertreter größer als man gemeinhin glaubt, sie reden bis in die Titelentscheidung, die Covergestaltung mit, von ihren Beziehungen und ihrem Geschick hängt es häufig ab, was Chancen hat und was nicht. Für kleinere Verlage heißt das aber unausweichlich: Kaum Chancen. Die Buchhandlungen werden größer, der vielleicht hier und da noch vorhandene Ehrgeiz, sich für »das gute Buch« zu engagieren, weicht immer mehr der kalten Kosten-Nutzen-Rechnung. Wer also auf diesem Gebiet kaum Aussichten hat, muss sich anderen Feldern zuwenden, um seine Leser zu erreichen. Noch einmal: Warum werde ich wohl auch diesmal keinen Bestseller landen?

Hm, vielleicht ist das Buch ja schlicht zu teuer, immerhin 13,90 € für 287 Seiten, die bekommt man bei einem Großverlag auch schon mal für 8,95. Aber, sorry, billiger kann es ein kleines Haus einfach nicht machen, die Gründe liegen auf der Hand und brauchen hier nicht mehr genannt zu werden. Aber ein Argument GEGEN ein Buch ist der Preis durchaus. Andererseits: Auch das dünne Tannöd von Frau Schenkel kostete stolze 12,90 €, was die LeserInnen zu Hunderttausenden nicht daran hinderte es zu erwerben und den Verlag zeitweise sogar in existenzbedrohliche Schwierigkeiten brachte, weil er kein Geld mehr für Papier hatte. Sind also die Konsumenten bereit, selbst gegen ihre eigentlichen Grundsätze zu handeln, wenn man ihnen von Kritikerseite ein Werk wie Tannöd so warm ans Herz legt? Die Kritikerinnen und Kritiker nicken jetzt bestätigend mit dem Kopf. Natürlich! Wenn WIR zu etwas raten, stürmen die Leute die Buchhandlungen und kaufen! Daran ist etwas Wahres, aber nicht viel …

Noch eine kleine persönliche Anekdote. Vor einigen Jahren fiel mir zufällig Carl von Holteis Schwarzwaldau in die Finger, ein Krimi aus dem Jahre 1856, seitdem nicht mehr wiederveröffentlicht. Ich war so begeistert, dass ich das unbedingt ändern wollte. Nach einem Verlag suchte ich erst gar nicht, so naiv war ich schon damals nicht. Also Book on Demand. Ich rechnete: Wenn ich 60-80 Exemplare zum Preis von 24 Euro (bei knapp über 300 Seiten) verkaufe und Vorbestellern einen Rabatt von 4 Euro anbiete, habe ich die Kosten einigermaßen wieder drin. Gesagt, getan. Ich begann, die Reklametrommel zu rühren, nervte die Leute auf meinem Blog, auch anderswo, wenn ich nur einen Hauch von Interesse vermutete. Das Ergebnis zum Zeitpunkt der Drucklegung: Gerade einmal um die 30 Vorbesteller. Zu teuer, zu exotisch, zu sehr BOD? Dann wies der bekannte Kritiker Andreas Ammer in seiner Literatursendung beim Bayrischen Rundfunk auf die bloße Existenz des Projekts hin – und schwupps hatte ich 8 Vorbesteller mehr. Herr Ammer hat überdies eine Literatursendung beim Deutschlandradio und tat auch dort kund, irgend so ein Wahnsinniger schicke sich an, einen vergessenen (und hervorragenden!) deutschen Kriminalroman ans Licht der Lesewelt zu zerren. Was dann geschah, verfolgt mich noch heute wie im Traum. Schon während der Sendung trafen via Mail die ersten Bestellungen ein. Hatte ich eine bestätigt, warteten schon die nächsten fünf im Postfach, nach 2 Tagen waren es über 100, insgesamt, so schätze ich, mehr als 150. Was war geschehen? Und wieso war mir trotz ausdauernder Werbung auf meinem durchaus von den KennerInnen der Szene beachteten Blog nicht gelungen, auch nur annähernd das zu erreichen, was Andreas Ammer mit dem lapidaren Hinweis auf das Buch geschafft hat? Die Antwort ist so simpel wie irritierend: Es war die richtige Information zur rechten Zeit am rechten Ort. Aber warum? Was unterscheidet die Hörerschaft des Deutschlandradios von der Leserschaft eines Krimiblogs? Antwort: Keine Ahnung. Aber es ist so. Irgendwo in den Fluten der vielen Tausend Kriminalromane, die neu oder fast neu in den Regalen auf ihre Kundschaft warten, gibt es Inseln. Sie tauchen unvermutet auf, immer an verschiedenen Stellen, sie verschwinden ebenso plötzlich wie sie erschienen sind, tauchen anderswo auf – und sind für Momente genau die Plätze, an denen die richtigen LeserInnen mit den richtigen BücherInnen zusammentreffen. Nach diesen Plätzen fahnden die Verlage, fahnden die AutorInnen, sie investieren Geld und Zeit und Nerven – und könnten es doch genauso gut bleiben lassen, denn am Ende regiert der Zufall, das Schicksal, die Willkür. Oder doch nicht? Gibt es eine halbwegs sichere Erfolgsmethode? Heißt sie gar »Internet«? Antwort: Ja. Und nein.

Das Internet, so viel steht fest, hat manches verändert. Jeder kann »Buchbesprechungen« schreiben, jeder der ganzen Welt seine literarischen Produkte feilbieten, jeder sich mit anderen »vernetzen«. So entsteht, abseits von professioneller Buchpropaganda, eine Atmosphäre der Privatheit, der vielbeschworenen »Augenhöhe«. Man unterschätze das nicht. Auch bei den Leserinnen und Lesern der Krimicouch zählt diese digitale Version der Mundpropaganda zu den wichtigsten Kaufanregungen. Hier äußert sich jemand wie ich selbst über ein Buch, kein berufsmäßiger Rezensent, sondern ein reiner Liebhaber des Genres. Wenn ich nun seinem Rat mehrmals gefolgt bin und festgestellt habe, sein Geschmack entspreche in etwa dem meinen, werde ich ihm mehr vertrauen als dem renommiertesten Berufsleser. Als solcher mag man sich mit Grausen von solcher Amateurhaftigkeit abwenden. Sie bewirkt aber genau das, was die Leserschaft sucht: einen verlässlichen Ratschlag, genau das zu finden, was man bei der Krimilektüre bevorzugt. Und die Leserinnen und Leser suchen durchaus nach Rat, sie haben es schon immer getan. Jetzt hat ihnen das Internet ganz neue Möglichkeiten eröffnet – und viele neue Fallen, in die sie als Düpierte und schändlich Betrogene tappen können.

In den Vor-Internetzeiten war der Buchmarkt eine zwar überschaubare, doch leider auch ziemlich diktatorische Angelegenheit. Wer als Autor Beachtung finden wollte, musste es in die Buchhandlungen und die Feuilletons möglichst vielgelesener Zeitungen schaffen, was für das Krimigenre schon immer ein schieres Ding der Fastunmöglichkeit war. Nun aber dämmerte plötzlich die totale Freiheit – und mit ihr kam die große Unübersichtlichkeit. Jeder war nun ein potentielle Rezensent, nach und nach entstanden Homepages, auf denen sich die Schöpfer des Spannungsstoffes präsentieren konnten. Selbstverständlich wiesen sie auch auf die Kritiken ihrer Werke hin, allerdings zumeist nur auf die positiven, ob sie nun aus dem Literaturteil der »Zeit« oder der unbeholfenen Schreibe von Emil oder Emilie Müller stammten, die für 9,95 Serverkosten im Monat eine »lustige Krimiecke« ins weltweite Web geschnitzt hatten. Als fatal erwies sich indes eine grundlegende Eigenschaft des Internet: seine Anonymität. Problematisch wurde dies spätestens, als bei den großen Online-Buchhändlern (allen voran Amazon) und Krimiforen (Krimicouch...) jedermann die Möglichkeit offeriert wurde, seine Meinung über ein Buch kundzutun. Rührend basisdemokratisch und gut gemeint, orientieren sich doch viele Leserinnen und Leser wie schon erwähnt lieber an ihresgleichen als am manchmal abgehobenen Wissen der professionellen Kritiker. Das Dumme daran: Wer sind eigentlich Lieschen Schmidt und Oskar Müller, die sich da hymnisch über ein Buch auslassen, als sei es als göttliches Manna vom Himmel gefallen? Vielleicht sind sie Freunde des Autors, seine Verwandten, am Ende gar der Autor selber? Gilt natürlich auch alles in der weiblichen Form.

Gut, irgendwo verstehe ich das. Jemand hat ein Buch geschrieben, ist von ihm wie von einem Wunschkind entbunden worden – und jetzt kümmert sich niemand darum. Da ist die Verzweiflung groß und die Versuchung, moralisch nicht ganz einwandfrei nachzuhelfen, noch größer. Doch dieses Pendel schlägt eines Tages zu Ungunsten ALLER Krimischaffenden zurück. Wer etwa glaubt, die Amateur-»Rezensionen«, »Leserkommentare« oder Votings auf der Krimicouch oder bei Amazon seien »ehrlich«, muss schon ziemlich naiv sein und die letzten Jahre unter einem Stein verbracht haben. Leider fördern die Verlage diese Tendenz, Internetplattformen zu »Meinungsträgern« zu adeln. Mehrfach schon bat man mich von Verlagsseite, meine Rezensionen doch bitte schön auch bei Amazon »einzupflegen«. Nun, den Teufel werde ich tun.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich begrüße es durchaus, wenn sich Leserinnen und Leser zu ihrem Lektürestoff äußern. Die meisten tun dies ehrlich und in guter Absicht, allerdings fehlt mir die Möglichkeit, Spreu und Weizen zu trennen, all die schwarzen Schafe auf einen Blick zu erkennen (obwohl die Versuche der Manipulation manchmal rührend komisch und offensichtlich sind). Überdies: Wo zieht man die Grenze zwischen Manipulation und Ehrlichkeit? Ist es »ehrlich«, wenn anlässlich der Wahl des »Krimiblitz 2011« durch die User der Krimicouch einige der nominierten AutorInnen ihre Facebook-Bekanntschaften auffordern, doch schleunigst ihre gewogene Stimme abzugeben? Die Diskussion darüber lässt sich auf der Krimicouch selbst nachlesen, sie wurde zum Teil sehr heftig geführt, eine wirkliche Antwort darauf findet man kaum.

Dabei ist Manipulation kein neues Phänomen, das mit dem Internet über uns gekommen ist. Schon das gute alte Feuilleton war Versuchungen ausgesetzt. Kann z.B. ein Rezensent noch objektiv urteilen, wenn ihn ein Verlag anlässlich des Erscheinens eines südafrikanischen Krimis kostenlos für ein paar Tage ans Kap der guten Hoffnung einlädt, mit fideler Safari und Exklusivinterview? Ist es statthaft, ein Buch aus einem Verlag zu besprechen, zu dem ich selbst in geschäftlichen Verbindungen stehe (Anmerkung: Ich tue das, aber ich informiere meine Leser darüber)?

Die kleine Umfrage unter den Couchbewohnern, was alles ihre Kaufentscheidung beeinflusst, hat gezeigt, wie unterschiedlich doch die Wege zum Buch sein können. Einige lesen die Verlagskataloge, andere lassen sich in den Buchhandlungen beim zufälligen Querlesen durch die Neuerscheinungen inspirieren, wiederum andere vertrauen ihren Freunden oder tatsächlich professionellen Rezensionen, einige richten sich lapidar nach der Punktzahl, die ein bewerteter Titel erhalten hat oder vertrauen auf Leseproben, Autorenlesungen …so gibt es viele Wege, auf denen das Buch zum Leser, zu den Konsumenten kommen kann, was die Sache schön relativiert.

Was soll man nun aber all den armen Autorinnen und Autoren raten, die ihre Erzeugnisse zu denen bringen möchten, die sie möglicherweise gerne läsen? Nun, es sind die alten und bewährten Rezepte. Schreibt gute Bücher und spekuliert nicht mit dem Massenerfolg, dann bleiben euch Enttäuschungen erspart. Sagt, wenn ihr eure Krimis anpreist, ehrlich, dass ihr genau das wollt – und versteckt euch nicht hinter falschen Identitäten oder lasst andere arglistig für euch werben. Seid präsent, artikuliert euch in Blogs, Foren, sozialen Netzwerken. Ermuntert eure zumeist kleinen Verlage, sich mehr zu vernetzen. Schon heute bündeln einige Verlage ihre Kräfte beim Vertrieb, der Werbung, auf Messen etc., da gibt es noch viel Luft nach oben.

Und für die Leserinnen und Leser: Glaubt nicht die Mär, die »großen Krimis« erschienen ausschließlich in den großen Verlagen. Das stimmt genauso wenig wie die Behauptung, sie erschienen sämtlich in den kleinen Häusern. Seid kritisch und misstraut generell allem gegenüber, was ihr nicht nachprüfen könnt, hymnischen Besprechungen von Herrn und Frau Anonymus besonders. Nervt eure Buchhandlungen, diese ach so hehren Horte der Literatur, wenn sie wieder einmal phantasielos nur an den schnellen Umsatz denken und ihre raren Flächen mit 0815-Bestsellern zumüllen. Seid neugierig und erforscht immer neue Wege, neue Bücher kennenzulernen. All das garantiert nicht, dass das richtige Buch tatsächlich zum richtigen Leser kommt, aber die Wahrscheinlichkeit wächst. Ein wenig Arbeit ist es aber schon.

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