Weicheier mit Pensionsberechtigung. Was aus dem Polizeiroman wurde …

Von Dieter Paul Rudolph

Polizei- und Detektivromane scheinen sich so spinnefeind zu sein wie die Polizisten und Detektive in den Krimis selbst. Die einen ermitteln beamtenmäßig nüchtern, die anderen verzweifeln regelmäßig an der Welt, dem Fußball und dem Öffnen einer Packung Schnittkäse. Zwei Welten also – und doch haben sich die einst säuberlich separierten Maßstäbe verschoben und der hartgekochte Privatschnüffler hat sein schmuddeliges Büro längst mit der (meistens nicht weniger schmuddeligen) Amtsstube vertauscht.

Klären wir zunächst die Begriffe. Ein Detektivroman ist einer, in dem ein privater Schnüffler einen Fall übernimmt und – meistens – auch aufklärt. Spätestens seit Dashiel Hammett und Raymond Chandler sehen diese Private Eyes akkurat so aus wie Humphrey Bogart in den Filmen der »Schwarzen Serie«. Sie sind irgendwie heruntergekommen, notorisch erfolglos, haben keine Illusionen mehr und wissen genau, dass sie das Böse nicht wirklich besiegen können. In Polizeiromanen hingegen erleben wir die verbeamtete Ordnungsmacht im Teamwork. Eine Gruppe von Polizisten und Polizistinnen, üblicherweise als »Mordkommission« unterwegs, löst einen Fall.

Historisch gesehen ist die Detektivstory das ältere Genremodell, wiewohl man ihren Urahnen, Edgar Poes Auguste Dupin eher als genialisch kombinierenden Schreibtischtäter denn als Ermittler beschreiben müsste. In ihrer hartgesottenen Variante kann man die Detektivgeschichte als Antwort auf das bis in die ersten Jahrzehnte dominierende Krimi-Modell der unfehlbaren Helden, kauzigen Meisterdetektive und scharfsinnigen alten Damen à la Agatha Christie und KollegInnen betrachten. »Die klassische Detektivstory hat nichts dazugelernt und nichts vergessen«, urteilte Raymond Chandler und meinte damit nur: Sie ist ein Relikt vergangener Zeiten und passt nicht mehr in die heutige.

Natürlich gab es schon sehr früh Kriminalromane, deren Helden Polizisten waren. Als »Polizeiroman« wollen wir jedoch nur die gelten lassen, bei denen die Ermittlungsarbeit im Team erledigt wird, wobei sich der »Held« allenfalls als primus inter pares hervorhebt.

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Der meines Wissens erste Polizeikrimi, in dem zivile Ordnungskräfte als Team ermitteln, stammt von dem Österreicher Karl Haffner und erschien im Jahr 1866 (und danach bis heute nicht mehr) und heißt Der Polizei-Spion. Das Buch erzählt zunächst vom schweren Schicksal des braven Andreas Falke, der durch eine Intrige vier Jahre unschuldig im Gefängnis sitzen musste und sich nach seiner Freilassung um die Rückkehr in ein bürgerliches Leben bemüht. Tatsächlich bekommt er einen Job angeboten – aber was für einen …

»Also hast du eine Anstellung gefunden. Bist du vielleicht gar ein Staatsdiener geworden?«
»Ein Diener des Staates und ein guter Bürger. Man hat aus mir einen Polizei-Agenten gemacht.«
»Der Himmel sei uns gnädig!« riefen mit komischem Entsetzen die beiden Frauen.
»Haltet ihr es für unehrenhaft, der Behörde Leute zu bezeichnen, die das Leben und das Eigentum unserer Mitbürger bedrohen?«
»Das nicht, aber -«
»Oder glaubt ihr, daß es eine Schande ist, den Verbrecher dem Arme der Gerechtigkeit zu überliefern?«
»Das auch nicht – aber – ein Polizei-Agent – brbrbrbrbr -!«

Anfänglich arbeitet Andreas als eine Art Spitzel oder – wie es der Titel verrät – als »Polizei-Spion«. Und ist nicht beliebt, gelten doch diese »zivilen Beamten« als Handlanger eines repressiven Staates. Die Kriminalpolizei entwickelt sich im 19. Jahrhundert ganz allmählich und kann den Makel, ihre Mitbürger auszuhorchen und zu denunzieren, nur schwer abschütteln. Zum Polizeiroman wird Der Polizei-Spion aber dadurch, dass sich im Laufe der Handlung ein »Team« heranbildet, das die gestellte Aufgabe – Überführung einer Verbrecherbande – arbeitsteilig löst. Neben Andreas gehören diesem Team sein Freund August Müller und der »Todtschläger« Ignaz Hippel an sowie – Kommissar Rex lässt grüßen – der treue Hund Samson.

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Der Polizeiroman, wie wir ihn hier betrachten wollen, beginnt mit den zehn Bänden um den Stockholmer Kommissar Martin Beck, die das Autorenpaar Sjöwall/Wahlöö zwischen 1965 und 1975 geschaffen hat. Na, stimmt eigentlich nicht. Die beiden haben sich ihrerseits von den Geschichten Ed McBains um das 87. Polizeirevier in New York inspirieren lassen, aber die »Blaupause« für vieles, was uns in den nächsten Jahrzehnten erreichen sollte, haben nun mal die beiden Schweden zusammengebastelt. Seltsamerweise unterscheiden sich die Beck-Romane in ihrer Anlage gar nicht einmal so sehr von Haffners Polizei-Spion. Auch Stockholms Ermittler sind bei der Bevölkerung nur wenig beliebt, was einen konkreten Grund hat: Die Polizei droht immer mehr zur paramilitärischen Einheit zu werden. Beck und seine Mannen beobachten diese Entwicklung mit Sorge, sind aber ansonsten relativ »normale Bürger«.

Warum nun aber hatten diese zehn Bücher einen – vor allem auch in Deutschland – so überwältigenden Erfolg? Die etwas flapsige Antwort: Wir schauen eben anderen gerne bei der Arbeit zu. Seriöser: Was wir in den Romanen an Teamwork erleben, passt genau in die Zeit, die Sechziger und Siebziger Jahre. Es dominiert nicht mehr der Patriarch, der seine Befehlsempfänger für die niederen Arbeiten herumscheucht, nein, die Hierarchien sind flacher, demokratischer. Jedenfalls sollte es so sein. Diese neue Art, über die Arbeit der Polizei zu schreiben, kontrastiert mit dem Althergebrachten, wie es etwa die Maigretkrimis von Georges Simenon repräsentieren. Hier herrscht eindeutig der »Patron«, dem die Lösung des Falles pfeiferauchend zufliegt.

Die Beck-Serie beginnt beinahe dokumentarisch und berichtet nüchtern von der Arbeit der Polizei. Mehr und mehr wandelt sich dies aber ins Pessimistisch-Groteske, und die letzten Bände lesen sich beinahe wie ätzende Satiren. Das korrespondiert interessanterweise mit zwei anderen Polizeikrimikonzepten, die Anfang der Siebziger Jahre entstehen. Der Amerikaner Joseph Wambaugh, ein Polizist, der seinen Job verliert, weil er Polizeiromane schreibt, entwickelt sich ebenfalls vom semidokumentarischen Chronisten zum Verfasser grotesker Romane, in deren Mittelpunkt die Arbeit der Ordnungshüter steht. The New Centurions (1985 als Nachtstreife auch in Deutschland erschienen) wirft einen Blick auf die Ausbildung einer Gruppe junger Polizisten und ist sicherlich geprägt von Wambaughs eigener Berufserfahrung. Liest man dagegen einige seiner späteren Werke, etwa The Secrets of Harry Bright von 1985 (1988 als Der Rolls-Royce-Tote mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet), so ist die Nüchternheit längst dem Sarkasmus gewichen, der brave Polizist nähert sich bedenklich dem von der Welt enttäuschten Privatdetektiv.

Bei Reginald Hill und seinem Pärchen Dalziel / Pescoe ist dieses Groteske von Anfang an vorhanden, doch man täusche sich nicht: Hinter Daziels polterndem Diktatorentum und Pescoes feinsinniger Musterarbeit lauert die triste und trostlose Wirklichkeit.

Unbedingt erwähnen müssen wir die seit Ende der Achtziger erschienenen Polizeiromane von John Harvey mit dem Protagonisten Charlie Resnick. In ihnen nämlich begegnet man der modernen Ausgabe des Hardboiled-Detektivs wieder. Er ist zwar inzwischen Polizist, hat aber den gleichen skeptischen Blick auf die Welt, ist verletzt und weiterhin verletzbar, ein Moralist in einer mehr und mehr unmoralischen Welt. Dennoch bleibt das Teamwork hier wunderbar austariert, Charlies Verletzungen sind keine spektakulären Katastrophen. Solche Typen sind es, die das Marlowe-Muster weiterhin glaubwürdig durch die Kriminalliteratur tragen, ein Muster, das im eigentlichen Detektivroman längst nur noch zur Persiflage taugt.

Eine absolute Steigerung des Hardboiled-Detektivs im Polizeiroman – und gleichzeitig dessen Zerstörung – schaffte Derek Raymond, einer der Hauptvertreter des Noir. Sein Held, ein namenloser Sergeant, arbeitet längst nicht mehr im Team, die Kollegen werden gar zu Gegnern. Er ist weder moralisch noch zynisch, er wird vielmehr eins mit den Opfern und versetzt sich zugleich in die Gedankenwelt der Täter. In vielem treibt Raymond (vor allem in Ich war Dora Suarez) dabei sogar die Persiflage auf die Spitze, das Groteske erreicht seine äußerste Form, das Entsetzen. Ähnlich, wenn auch noch differenzierter arbeitet Rex Miller. Sein Polizist Jack Eichord ist ebenfalls Einzelgänger, wenngleich er die Dienste von Kollegen nutzt. Die Verbrecher (Fettsack) sind Monster oder durchgeknallte Berufskiller (Im Blutrausch), Eichord selbst schwankt zwischen offenem Zynismus und der Sehnsucht nach bürgerlicher Harmonie. Hier wie bei Raymond erleben wir den zeitgemäßen Hardboiler inmitten einer Welt, die nicht mehr zu retten ist und nicht mehr gerettet werden will. Schule gemacht hat das übrigens nicht, denn man kann so etwas nicht einfach kopieren. Zu groß die Gefahr, in die Seichtheit handelsüblicher Serienkillerschmarren abzuirren.

Doch was ist all das gegen den großen Knall, der uns in den Neunziger Jahren aus der trügerischen Ruhe aufrüttelt? Wieder ist es ein Schwede, der den Polizeiroman – nun ja: revolutioniert. Eigentlich setzt er fort, was Sjöwall/Wahlöö begannen, doch mit einigen entscheidenden Veränderungen. Die Rede ist, natürlich, von Henning Mankell.

Sein Held Kurt Wallander ist die depressive Ausgabe von Martin Beck. Was soll man von einem Mann halten, der ständig über die gestiegenen Preise für Wurstbrote am Flughafen schimpft? Der nicht einfach nur »Fälle« löst, sondern auf dessen Schultern sich sämtliche Weltprobleme – von der Unterdrückung der Frau bis zu den Schweinereien der Großindustrie – abgeladen haben?

Mit Wallander wurde eine neue Figur in den Polizeiroman eingeführt: das Weichei mit Pensionsberechtigung. Diese Romane neigen nicht mehr – wie noch bei Sjöwall/Wahlöö, Wambaugh oder Hill, ganz zu schweigen von Raymond und Miller – zum Grotesken. Sie sind grotesk. Irgendwie bürgerlich-moralisch, ständig am Grübeln, mit ein bisschen Hoffnung und ein bisschen Resignation. Das tut nicht weh, ist aber andererseits »anspruchsvoll« für den wohlverdienten Feierabend. Die Verbindung Polizist – Hardboiled-Detektiv als praktischer IKEA-Bausatz, bei dem leider die Dübel fehlen. Es sollte aber noch schlimmer kommen.

Und zwar wieder aus dem Norden, aus Island. Dort, wo es als schlimmstes Verbrechen gilt, wenn einem Samstagsabends ein Besoffener auf die Schuhspitzen kotzt, auf dieser friedliebenden Insel, wo sie zwanzig Wörter für »Weihnachten« haben, aber kein einziges für »Serienkillermassaker«, dort also bricht plötzlich das große Umlegen aus. Und mittendrin: Erlendur, Held der Romane von Arnaldur Indriðason. Erlendur leidet, in ihm wüten die Dämonen. Seine Frau hasst ihn, sein Sohn verachtet ihn, seine Tochter ist schwerst rauschgiftsüchtig und geht auf den Strich. Hätte Erlendur einen Hund, dann wäre der garantiert ein miauender Alkoholiker und schwerst Chappi-Abhängiger.

Und weil Mankell und Indriðason viele Bücher verkauften, sprangen die Krimiautoren massenweise auf diesen neuen Zug des Polizeiromans. Einige wenige nicht, der leider zu früh verstorbene Schweizer Ernst Solèr beispielsweise. Dessen Held Staub führt – man glaubt es nicht! – eine glückliche Ehe! Die Kinder sind halbwegs wohlgeraten! Kein einziger Dämon kreuzt den Weg des Helden, dabei weiß inzwischen jedes Kind – und erst recht jeder geschäftstüchtige Krimiautor – was in einem Polizeiroman nicht fehlen darf: das Dämonische. Längst steht nicht mehr die biedere Polizeiarbeit im Mittelpunkt, nicht mehr das Team, nicht mehr das Verbrechen, dem sie sich widmen. Ist doch irgendwie langweilig, gelt? Man hat eine Figur aus dem Detektivroman, besagten Hardboiled-Schnüffler, mit einer Reihe seiner Eigenschaften in den Polizeikrimi gesteckt und überbietet sich fortan mit »Dämonen«, die da angeblich im Kopf des Protagonisten hausen sollen. Mit Chandler oder Hammett hat das nichts mehr zu tun. Man übertreibt alles. Wo der Schnüffler früher leicht depressiv war, ist er heute allerübelst psychotisch. Wo er der Welt zynisch-wohlwollend begegnete, jammert er heute pausenlos und wartet auf die Rente. Gut, es gibt Ausnahmen. Die Polizeiromane Stuart McBrides etwa, die eher der Wambaugh-Schule verpflichtet sind, in Deutschland die originellen Krimis von Norbert Horst, authentisches Arbeiten aus streng subjektiver Perspektive …

Auch der deutsche Fernsehkrimi ist längst auf diesen dämonischen Zug aufgesprungen. Wo früher »der Kommissar« die Drecksarbeit von seinen »Assistenten« ausführen ließ und Oberinspektor Derrick seinen Harry sprichwörtlich zum Wagenholer degradierte, da tummeln sich jetzt die von allerlei Katastrophen malträtierten Polizisten. Alkoholabhängigkeit ist anscheinend zur Einstellungsvoraussetzung geworden, Serienkiller massakrieren Polizisteneltern, und jüngst verkündete der Hessische Rundfunk stolz:

»Felix Murot ermittelt beim LKA Wiesbaden, und er lebt mit einem Tumor im Kopf. Das unterscheidet ihn von den anderen Tatort-Kommissaren [...]«

Gewiss. Aber wahrscheinlich nicht mehr lange. Wir warten gespannt auf den ersten Kommissar mit Tumor im Kopf, einem Loch im Herzen und Hühneraugen an den Zehen.

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