Vive la France! Ein kurzer Überblick über die Geschichte des französischen Krimis – und ein noch kürzerer auf die des deutschen
Ja, schon gut, ich fange nicht an zu jammern. Obwohl mir, betrachte ich das historische Krimi-Deutschland, schon zum Heulen zumute ist. So etwas wie eine deutsche Tradition der Kriminalliteratur gibt es nämlich nicht, mangels Nachfrage, sagen wir es mal so ganz kaufmännisch, was die Sache ziemlich genau trifft. Das Land der Dichter und Denker hatte eben stets Besseres zu tun, als sich in die Niederungen eines übel beleumundeten Genres zu begeben und auch die aktuelle Kritik starrt, wie die Leserinnen und Leser, bevorzugt auf das Tagesgeschäft und nicht zurück.
Nun lebe ich jedoch nahe der französischen Grenze. Und in Frankreich hat sich das mit dem Krimi so gänzlich anders entwickelt. Man hat dort eine Tradition, aber woran liegt das? Sind die Franzosen, was »das Triviale« angeht, toleranter? Hatten sie das Glück, die besseren Autorinnen und Autoren hervorzubringen? Werfen wir, um diese Frage wenigstens im Ansatz zu klären, einen Blick auf die historische Entwicklung der französischen Kriminalliteratur – und zwischendurch auch immer wieder einen, in traurigen Klammern, auf die Entwicklung der deutschen.
Die französische Kriminalliteratur beginnt mit einer kulturellen Großtat, deren Folgen zunächst nicht abzusehen sind, das Genre aber bis heute nachhaltig prägen. 1849 stirbt unter mysteriösen Umständen Edgar Poe und ist kaum unter der Erde, als man auch schon daran geht, ihn zu verleumden und sein Werk zu diskreditieren. Der Mann hatte nicht nur den Grundstein für die phantastische Literatur in ihrer ganzen Bandbreite von Horror bis Science Fiction gelegt, sondern auch mit ein paar längeren Erzählungen Muster für die Detektivgeschichte geschaffen. All das drohte durch diverse Kampagnen (für die vor allem sein offizieller Nachlassverwalter Rufus Griswold sorgte) aus dem Bewusstsein der Menschen und somit des sich gerade formierenden Genres getilgt zu werden. In dieser Situation nun kommt ein Franzose ins Spiel, aber nicht irgendeiner. Charles Baudelaire ist ein gefeierter Dichter, ein Säulenheiliger der französischen Literatur – und er liebt Edgar Poe! So sehr, dass er seine Werke – unter anderem auch die Detektivgeschichten um Auguste Dupin (pikanterweise auch eine Franzose) übersetzt und damit nicht nur der französischen, nein, dem europäischen Literaturkanon einverleibt (in Deutschland wird Poe, dies als nette Randnotiz, zum Lieblingsautor des bayrischen Märchenkönigs Ludwig II).
Einige Jahre vor Baudelaires Großtat hatte ein anderer Franzose durch ein nicht bescheideneres Projekt für Aufsehen gesorgt: Eugène Sue. 1843 beginnt die Zeitung Le Journal de Débats mit dem Abdruck der Mystères de Paris, einem wahren Mammutunternehmen (die deutsche Ausgabe von 2008 umfasst rund 2000 Druckseiten) voller Intrigen, Verbrechen, saftigen Szenen – kurz: Kolportage. Dieser erste Fortsetzungsroman wird ein phänomenaler Erfolg, aber er ist mehr als bloße und kurzlebige Unterhaltung. Sue sieht sich als einen politischen und sozial engagierten Autor, er mischt sich ein und beschreibt das Leben der sogenannten Unterschicht, der im immer industrialisierteren, von Kapitalismusinteressen verelendenden Massen und wie sich auf diesem Nährboden das Verbrechen entwickelt. Sues Großwerk lässt sich nur noch mit dem von Charles Dickens vergleichen, aber es ist trivialer, journalistischer, auch episodenhafter als die brillante Prosa des Engländers. Vor allem aber zeigt Sue: Es gibt einen riesigen Markt für Spannungsliteratur und es gibt reale Gründe, sich mit Verbrechen zu beschäftigen.
(Kurz auf die andere Seite des Rheins. Dort entstehen gerade die ersten »Familienzeitschriften«, mithin ein Bedarf an spannenden und rührseligen Geschichten, gerne auch als Fortsetzungsroman. Sie werden vielgelesen, aber ihre Autorinnen und Autoren bleiben literarische Parias. Kein Sue in Sicht und wenn doch: Er hätte wohl niemals das Licht der intellektuellen Welt erblickt. Schund eben.)
Die Früchte solcher Vorabeiten fährt ein Autor namens Emile Gaboriau ein, der 1867 mit »Die Affäre Lerouge« den ersten wirklichen Serienhelden schafft, Polizeioffizier Lecoq. Gaboriau hat sich von den schillernden Persönlichkeit des Eugène François Vidocq inspirieren lassen, eines ursprünglich Kriminellen, der später zum Gründer der Geheimpolizei Sûreté wurde, die auf den Einsatz ziviler Agenten baut. In Lecoq vereinen sich Poe’sche Detektionskunst und das Sue’sche Wissen um den Alltag der kleinen Leute. Er ist keineswegs der strahlende Held, sondern ein durchaus realistischer Charakter, gewiss ein Grund für seine Popularität, die, wenn auch mit Verzögerung, in Frankreich Kriminalliteratur zu einem neuen Teil des Lektürekanons macht. Lecoq ist ein legitimer Vorläufer des Sherlock Holmes, der aber eigentlich einen Rückschritt in der Entwicklung der Kriminalliteratur darstellt, eine Abkehr vom realistischen Boden, auf dem die Geschichten spielen, eine Hinwendung zur reinen Logik, was aber den Aufstieg des Krimis zum immens erfolgreichen Rätselheftersatz befördert.
Im Schatten dieser späteren Überfigur Holmes entstehen im Frankreich der Jahrhundertwende dennoch weiterhin originelle Kriminalromane, etwa durch Maurice Leblanc und Gaston Leroux. Leblanc kommt dabei das Verdienst zu, mit seinem Helden Arsène Lupin die Figur des »Anti-Helden« in der Kriminalliteratur etabliert zu haben, des charmanten Verbrechers, der auf Seite des Guten agiert. Er wird zur Blaupause für spätere Protagonisten der zwielichtigen Art, die sich heute etwa bei dem Finnen Harri Nykänen (»Raid«) und dem Australier Garry Disher (»Wyatt«) besichtigen lassen. Lupin ermittelt seit 1905, zwei Jahre später tritt mit Leroux’ rasendem Reporter Rouletabille eine neue Figur auf den Plan, ein witzig-wagemutiger Typ, der im Stil bunter Kolportage seine brisanten Fälle löst. Aber auch hier wird die Wirklichkeit niemals ausgeblendet.
(Wenn wir uns die deutschsprachige Kriminalliteratur jener Zeit anschauen, stoßen wir auf eine Reihe von Sherlock-Holmes-Klonen, aber erkennen auch Ansätze einer eigenständigen und immer noch lesenswerten Genreentwicklung. Robert Kohlrausch beispielsweise schrieb mit »In der Dunkelkammer« eine feine Holmes-Parodie (1903) und auch sonst gut durchdachte Krimis, denen aber etwas Entscheidendes fehlt: der Serienheld. Ob die Einführung eines solchen geholfen hätte, Kohlrausch zu einem über seine Zeit hinaus populären Vertreter seines Metiers zu machen, darf allerdings bezweifelt werden. Mit Traditionen des Trivialen hatte man es nie so im Lande der Teutonen.)
Tja, und dann kommt ER. Anfang der 30er Jahre betritt ein Inspektor der Pariser Polizei die Bühne der Krimiweltliteratur, ein Mann namens Jules Maigret, um fortan über 40 Jahre lang bevorzugt in bürgerlichen Kreisen zu ermitteln. Sein Schöpfer Georges Simenon hat sich bis dahin durchaus schon einen Namen gemacht – als unermüdlicher Schreiber von Heftchengeschichten. Sehr schnell entwickeln sich die Romane des gebürtigen Belgiers zu einer Konstante der französischen Kriminalliteratur. Von dem einen oder anderen gewiss ob der Vergangenheit ihres Verfassers leicht benaserümpft, setzt Simenon sowohl in den Maigrets als auch den »Non-Maigrets« das fort, was schon immer in der französischen Literatur zu beobachten gewesen ist: die relative Nähe von »ernsthafter« und unterhaltsamer Lektüre, etwas, das sich nur in Ländern entwickelt, die eine »Tradition des eher Trivialen« pflegen (neben Sue wäre besonders Alexandre Dumas zu nennen, aber auch Klassiker wie Victor Hugo oder Balzac). Das Beispiel England ist hier wohl das markanteste.
So ist es auch keineswegs Zufall, dass ein anerkannter Literat wie Emmanuel Bove 1933 gleich zwei Kriminalromane veröffentlichen kann, ohne fortan als minderer Autor zu gelten: »La Toque de Breitschwanz« und »Der Mord an Suzie Pommier«. Vor allem letzterer heute noch wegen seiner geschickten Plotkonstruktion sehr lesenswert. Auch Léo Malet entstammt dem Dunstkreis der avancierten Pariser Literatur der Surrealisten. Er treibt sich herum, singt freche und anarchistische Chansons, ist ein Freund der großen André Breton – und schreibt seit den 40er Jahren Kriminalromane mit seinem Helden Nestor Burma, der in vielem ein Abbild seines Schöpfers ist. Berühmt wird Malet mit den Romanen, die Burma jeweils in ein bestimmtes Pariser Arrondissement führen.
(Und in Deutschland? Während kurz nach dem Krieg die französische Kriminalliteratur eine Blütezeit erlebt, versinkt sie dort in immer größere Bedeutungslosigkeit. Zu Zeiten der Nazi-Diktatur weitgehend unerwünscht – deutsche Menschen begingen schließlich keine Verbrechen! – oder mehr oder weniger im Dienste der Machthaber, wurde sie weitgehend »Schundliteratur«. Der Schweizer Friedrich Glauser, vom Format her gewiss mit Simenon zu vergleichen, wird erst in den 70er Jahren »wiederentdeckt«, ein anderer Friedrich sorgt für die Ausnahme. Wir kommen gleich zu ihm. Aber zurück nach Paris.)
1945 gründet der Journalist und Autor Marcel Duhamel die »Série Noire« innerhalb des bedeutenden Verlagshauses Gallimard. Sie öffnet das Tor zur angloamerikanischen Welt des Hardboiled, der realistischen Kriminalliteratur schlechthin, wird aber auch zu einem Sprungbrett für junge französische Autoren. Einer von ihnen, Jean Meckert, der als Jean Amila veröffentlicht, bestückt seit Anfang der 50er Jahre die »Série Noire« mit einer Reihe von Kriminalromanen, die an gute Traditionen anknüpfen. Harte, kompromisslose Kriminalliteratur mit einer Portion Humor, Ironie und traurig-wütendem Zynismus, oftmals weit entfernt von den überkommenen Mustern des Mainstream. Neben dem längst arrivierten Simenon entwickelt sich ein weiterer Strang – und das bis heute, denn die »Série Noire« gibt es immer noch.
Eine Anekdote aus dieser Zeit mag zeigen, dass Kriminalliteratur in Frankreich durchaus in das gesellschaftliche Leben eingreift, mehr war als bloßes Heftchenlesefutter für weitgehend anspruchslose Leser. Unter dem Namen »Vernon Sullivan«, der als afroamerikanischer »Sex-and-Crime-Autor« präsentiert wird, schreibt der junge Franzose Boris Vian 1946 den Roman »Ich werde auf eure Gräber spucken«. Schon im Titel eine Provokation, spart Vian nicht mit Beleidigungen, überzogenen Gewalt- und Sexdarstellungen, kurz: Er löst mit seinem Bestseller einen Skandal aus und handelt sich eine Anklage wegen »Unmoral« ein. Der Fall wird in der Presse aufgeregt debattiert, er ist ein auch literarisches Ereignis und keineswegs ein »Skandal aus der Schmuddelecke«.
(Die 50er Jahre in Deutschland krimimäßig? Zu Anfang des Jahrzehnts hat Friedrich Dürrenmatt mit »Der Richter und sein Henker« den ersten von drei Kriminalromanen veröffentlicht und nicht verhehlt, dass es ihm dabei ums »Geldverdienen« ging. Alle diese Texte sind als Krimis durchaus gelungen, sie arbeiten mit Versatzstücken des Genres, ordnen sie neu, weiten sie aus. Und dennoch: Für die deutsche Krimiszene erweisen sich die Aktivitäten des arrivierten Hochliteraten Dürrenmatt als fatal, denn es beginnt die unsinnige Unterscheidung von »literarischen Krimis« und »Nur-Krimis«. Eine Katagorisierung, die bis heute gilt.)
Es ist ebenfalls die »Série Noire«, die etwa ab Anfang der 70er Jahre eine neue Strömung der französischen Kriminalliteratur fördert, den »Néo Polar«. Sie zählt sich weiterhin zum »Noir«, mischt ihn aber mit konkreten politischen und gesellschaftlichen Anliegen, spielt mit den Formen, provoziert. AutorInnen wie Jean-Bernard Pouy, Jean-Pierre Bastid, Didier Daeninckx, Chantal Pelletier oder Thierry Jonquet wären hier zu nennen, vor allem aber der früh verstorbene Jean-Patrick Manchette, dessen Debüt »Lasst die Kadaver bräunen!« schon vom Titel her die Provokation eines Boris Vian aufnimmt. Manchette betätigt sich auch als Kritiker und Theoretiker, übersetzt bis dato unbekannte amerikanische Kollegen und weist auf ältere hin, die dem Vergessen anheim zu fallen drohen.
(Derweil in Deutschland der »Soziokrimi« wütet. Auch er eine Reaktion auf die studentisch-intellektuelle Bewegung um 1968, doch weitaus verkniffener, ideologisch enger und, was am schwersten wiegt, langweiliger.)
Es spricht wiederum für das Vorhandensein einer Tradition, dass der »Néo Polar«, sich ständig erneuernd, bis heute existiert. In der Reihe »Suite Noire« veröffentlichen jüngere AutorInnen ihre Variationen von Klassikern der »Série Noire«, ein Buch von Didier Daeninckx heißt »12, Rue Meckert« und spielt auf den bürgerlichen Namen von Jean Amila ebenso an wie auf einen frühen Krimi von Leo Malet, »120, Rue de la Gare«. Malet gewidmet ist auch eine Krimireihe von Patrick Pécherot, der den großen Ahnen höchstpersönlich durch das moderne Paris schickt. All das sind Indizien einer lebendigen Tradition. Von den Welterfolgen französischer Kriminalliteratur, von Jean-Christophe Grangé bis Fred Vargas, gar nicht zu reden.
Und schweigen wir auch von der deutschen Krimitradition. Wer sich um sie bemüht, erntet allenfalls diskretes Schulterklopfen und muss mit Häme rechnen. Dennoch lohnt es sich weiterhin. Frankreich jedoch ist uns weit voraus, kaum aufzuholen. Letztlich dürfte das an einer prinzipiellen Einstellung zum literarischen Diskurs liegen. Auch in Frankreich existieren elitäre Zirkel, Priester der weihevollen Literatur. Daneben jedoch auch immer wieder aufmüpfige Rebellen, Menschen, die über den Tellerrand hinausschauen. Und, das ist ganz wichtig, sie erschöpfen ihre Kräfte nicht ständig in ideologischen Grabenkämpfen. Sie tun etwas.

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