Schublade auf, Schublade zu! Wir ordnen uns zu Tode!
Das Leben ist so herrlich übersichtlich! Mein Chef gehört zum leider weitverbreiteten Subgenre der Arschlöcher und Ignoranten, aus dem großen Genre »weibliche Wesen« interessiert mich vor allem das Subgenre »25-35, schlank, dunkelhaarig und leicht devot«, nur die Körbchengröße ist mir relativ egal, was mich manchmal leicht irritiert. Früher hörte ich nur Bluesrock, der von Trios gespielt wurde, deren Mitglieder lange Haare tragen mussten. Heute bevorzuge ich blinde Opernsänger. Wenn ich in Buchhandlungen gehe, achte ich beim Kauf von Krimis auf das Etikett »schwäbischer Whodunit mit 5% Psychothriller«. Sorry, ich hab auch dort alle Subgenres durchgemacht, aber war mir zu chaotisch. Denn das Leben soll doch immer überschaubar sein, nicht wahr?
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Zugegeben, das ist jetzt ein ganz klein wenig übertrieben. Aber im Kern dürften die meisten von uns das Problem kennen. Wir halten uns für freie Geister und streben dennoch zwanghaft danach, alles in Schubladen zu stecken. Und auch wer sich dagegen wehrt, wer offen für Entwicklungen und Überraschungen ist, Lust auf Neues hat, kommt nicht umhin, die Dinge des Lebens zu kategorisieren. Wie soll man denn sonst die Übersicht behalten? Wie jemandem erklären, wer man ist und was man so mag? Es ist wie beim Speed-Dating. Du hast fünf Minuten Zeit, dich deinem Gegenüber zu präsentieren, ihm oder ihr zu sagen, du seist eher der romantische Typ und häuslich, besonnen und politisch mitte-links. Dein Gegenüber versteht dich. Glaubst du. Glaubt er oder sie. Ihr irrt euch wohl beide.
Ein Trugschluss. Vielleicht denke ich bei Romantik an Hölderlin und mein Gegenüber an kitschiges Geigengekratze. Vielleicht verstehe ich unter »häuslich« einen Fernsehabend mit Bier und Salzstangen, mein Gegenüber aber freut sich schon auf nächtelange philosophische Erörterungen bei schwerem Rotwein und leichten Neapolitanischen Canapés. Das Kommunikationsmittel »Schublade« wird hier also zum Kommunikationskiller, zum Hort möglicherweise folgenschwerer Missverständnisse, an denen sich die Scheidungsanwälte dumm und dämlich verdienen.
Kaum verwunderlich, dass es uns ähnlich geht, wenn wir anfangen, das Genre Kriminalroman in immer neue Kästchen zu stecken und griffig zu etikettieren. Vor kurzem wurde in einer Diskussion im Forum der Krimi-Couch angeregt, Rezensionen mit informativen Kurz-Infos auszustatten, um von Anfang an die »richtige Zielgruppe« anzusprechen. Ein Argument, das auf den ersten Blick einleuchtet. Leserinnen und Leser von notorisch gemütlichen Landhauskrimis greifen in aller Regel nicht zum Hardboiled, sondern überlassen das den Weichbirnen. Die wiederum finden Cozy zum Kotzen.
Wie ich das gerade so geschrieben habe, sind mir spontan zwei Beispiele eingefallen. Das erste sind die Inspector-Rutledge-Romane von Charles Todd. Sie spielen in England, kurz nach dem ersten Weltkrieg und sind auf den ersten Blick geradezu prädestinierte Vertreter des Subgenres »Landhauskrimi«, mit dem Attribut »whodunit« ausgestattet, voller exzentrischer Menschen und mit einem Inspector, der …aber genau jetzt wird’s kompliziert. Dieser Inspector Rutledge kommt niemals allein. In seinem Kopf sitzt ein Schotte namens Hamish, den Rutledge im ersten Weltkrieg wegen »Feigheit« hatte standrechtlich erschießen lassen. Und diese innere Stimme Hamish sorgt dafür, dass die Schrecken des Krieges immer dabei sind, wenn die Fälle aufgeklärt werden. So ganz ins »Subgenre« passt das nicht, oder genauer: eigentlich überhaupt nicht. Aber was sind diese Romane nun? Psychologische Krimis? Historische? Milieustudien? Ein bisschen von allem und damit völlig ungeeignet für Schubladen?
Das zweite Beispiel liefert der unbestrittene Klassiker Raymond Chandler. Okay, da rufen wir jetzt sofort »hardboiled!« und haben auch gleich den guten, zynisch lächelnden Humphrey Bogart vor uns. Nur – wenn man Chandler liest, liest man eigentlich etwas ganz anderes als das, was uns die Definition von »hardboiled« vorgibt. Das ist bisweilen sehr düster, sehr zart, sehr resignativ und erinnert eher an rohe Eier, die hier mehr oder weniger vorsichtig durch eine zerstörerische Welt balanciert werden.
Nein, eigentlich sind Subgenres ein Fluch. Weg damit! Andererseits …was dann? Statt des Schubladensystems lieber das reinste Chaos, die kriminalliterarische Anarchie? Muss ich jedem, der von mir wissen will, was ich denn so schreibe, eine fünfundvierzigminütige Erklärung abgeben? Lieber sage ich doch: Och, ich schreibe Regiokrimis, die keine Regiokrimis sind, ein bisschen noir, aber bestimmt nicht so wie bei Derek Raymond, aber um zu wissen, was Raymond unter Noir versteht, muss man erst sein autobiografisches Buch Die versteckten Dateien lesen, und dann weiß man schon gar nicht mehr was Noir ist, und genauso noir schreibe ich auch, aber viel witziger, aber ganz anders witzig als Wolf Haas, das heißt eigentlich überhaupt nicht wie Wolf Haas, sondern vielleicht wie James Ellroy, wenn er witzig sein könnte, was er aber nicht kann, weil er ziemlich noir schreibt, aber ganz anders als Derek Raymond, also ziemlich genau so, aber eigentlich überhaupt nicht witzig.
Nein, hilft auch nicht. Irgendwie sind wir an die Schubläden gekettet und dazu verdammt, immer wieder neue zu erfinden, wenn wir uns anderen Interessierten des Genres verständlich machen wollen. Das treibt bisweilen ganz besonders ulkige Blüten …
Neulich befand eine Rezensentin, James Ellroy habe – anscheinend nebenbei – den »Pulp–Krimi« erfunden. Nun weiß ich erstens nicht, wie man so etwas erfinden kann (gibt’s so eine Art Krimilabor, in dem Subgenres aus den Inhalten von Reagenzgläsern zusammengemixt werden?), zweitens ist der Begriff »Pulp« ziemlich nebulös (haben vielleicht Hammett und Chandler den Pulp erfunden, weil sie für Pulp-Magazine arbeiteten? Ach nein, die waren ja hardboiled, das heißt, eigentlich hat Hammett so nebenbei auch noch den Noir erfunden) und drittens hat Ellroy mit Pulp in jeder Spielart so viel zu tun wie Sebastian Fitzek mit tiefgängigen Kriminalromanen oder ein Andreas Franz-Krimi mit der deutschen Sprache.
Auch Fred Vargas hat angeblich ein eigenes Subgenre kreiert, für das die Kritik zwar noch keinen richtigen Namen gefunden hat, aber genau weiß, es passe garantiert nicht in die Schublade »realistischer Krimi«. Aha. Kann man komplett anders sehen. Jemand wie Rex Miller (Fettsack) bewegt sich laut einhelliger Meinung im Subgenre des »Serienkiller-Krimis«. Richtig. Bei Miller kommen Serienkiller vor. Aber schrieb er deshalb Serienkiller-Krimis? Bei Raymond Chandler wird auch viel getrunken, »Whisky-Krimis« hat der Mann dennoch nicht geschrieben.
Aber man braucht gar nicht solche Blüten der Zwangsschubladisierung zu betrachten, um zu erkennen, dass die Einteilung des weiten Genres »Kriminalliteratur« in Subgenres seine Tücken hat. Nehmen wir am Beispiel den »Polizeikrimi«. Alles scheint eindeutig. In Polizeikrimis wird die Arbeit der Ermittlungsbehörden thematisiert, die Zusammenarbeit innerhalb des Teams, die Mühseligkeiten, Licht ins Dunkel zu bringen usw. Typische Vertreter für deutsche Polizeikrimis sind etwa Horst Eckert und Norbert Horst. Hm.
Wer beide kennt und schätzt, ahnt schon, wo hier der Haken ist. Ganz offensichtlich in den Absichten der Autoren. Bei Eckert sind Polizisten grundsätzlich dubios, sie fügen sich in eine Welt von Intrigen und organisierter Kriminalität, werden selbst Teil davon oder sind es von Anfang an. Bei Norbert Horst hingegen werden wir aus der streng subjektiven Sicht des Protagonisten durch die anliegenden Fälle geleitet, die Ermittler sind neutral, ihre Arbeit steht im Mittelpunkt. Wir befinden uns hier nun in der Verlegenheit, dass zwei Autoren zwar formal in eine gemeinsame Schublade passen, bei näherer Betrachtung indes meilenweit auseinander liegen. Wohin nun mit, sagen wir: Norbert Horst? Ganz offensichtlich ist sein Ausgangspunkt die Sprache selbst mit ihren Möglichkeiten, subjektive Wahrnehmungen möglichst ohne die Glättungen einer dudengeregelten Ordnung wiederzugeben. So gesehen wären Horsts Bücher »literarische Polizeiromane« und kämen folglich in jene Kiste, in der für den deutschsprachigen Raum the one and only Pieke Biermann seit Jahr und Tag auf Gesellschaft wartet.
Ich muss mich jetzt schnell wegducken, da gerade gefährliche Gegenstände aus Richtung Berlin und Bielefeld geworfen werden. Denn erstens müssten wir auch jetzt sofort wieder unterscheiden – und zweitens dürften die beiden Genannten wenig erfreut sein, in das Schublädchen »literarischer Krimi« gesteckt zu werden. Denn tatsächlich scheint sich der zu einem neuen »Subgenre« entwickelt zu haben, ist jedoch so ziemlich die dümmste Erfindung seit dem vollelektrischen Eierköpfer und der beidseitig tragbaren Herrenunterhose. Der Begriff »literarisch« ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine schlichte Feststellung, dass wir es beim vorliegenden Gegenstand mit einen TEXT zu tun haben. Und dass es sich bei Krimis nicht um geschälte Orangen handelt, dürfte sich inzwischen auch in den besseren Bildungskreisen herumgesprochen haben. »Literarische Krimis« sind also nichts weiter als weiße Schimmel. Schweigen wir daher ganz von den ungelenken Versuchen, das, was an bestimmten Krimis »literarisch« sein soll und was an anderen nicht, zu umschreiben. Wer mir einen bedeutungsschwanger raunenden, wie Thomas Mann im Beruhigungsmittelrausch schreibenden »Krimiliteraten« präsentiert, dem nenne ich den oben bereits erwähnten Rex Miller als Gegenpart – und schon ist Ruhe. Nein, lassen wir das.
Man sieht an diesen wenigen Beispielen Glanz und Elend von Schubladen. Anscheinend benötigen wir sie, um die chaotische Vielfalt wenigstens grob zu ordnen. Je mehr wir allerdings darüber nachdenken, desto fragwürdiger wird alles, wir teilen die Schubladen selbst noch einmal in Schubladen auf, erfinden Sub-Sub-Sub-Genres und finden dabei kein Ende. Warum tun wir uns das eigentlich an? Wir ordnen uns zu Tode.
Wäre ich zufällig Psychologe, würde ich unseren Hang zu Schubladen wohl so begründen, dass wir bei allem was wir tun auf Muster fixiert sind. Schon als Säuglinge gleichen wir jede neue Erfahrung mit dem bisher Gelernten ab. Wenn uns ein Fremder anlächelt, assoziieren wir als passendes Muster sofort das Lächeln der Mutter. Unser gesamter Lernprozess ist ein ständiges Abgleichen, ein allmähliches Verfeinern der bereits erfahrenen Muster, das Schaffen neuer Muster usw. Das setzt sich fort, wenn wir anfangen Krimis zu lesen. Ich weiß, dass Horst Eckert Polizeiromane schreibt, und wenn auch in den Romanen von Norbert Horst Polizeiarbeit im Mittelpunkt steht, packe ich es in die entsprechende Schublade. Dort liegen vielleicht schon Jerome Charyn neben Sjöwall/Wahlöö und Henning Mankell. Und eigentlich haben die alle miteinander nur die ganz groben Eckpunkte gemeinsam, das, was die freundliche Buchhändlerin, der zuvorkommende Buchhändler seiner hilflosen Kundschaft empfiehlt, wenn »irgend so ein Krimi, in dem viel Polizei vorkommt« verlangt wird.
Natürlich wissen wir, wie trügerisch die Muster/Schubladen sind, da solche Behältnisse im Allgemeinen nicht genormt vorkommen, sondern individuell durch meinen eigenen Lernprozess geformt wurden. Wir können dennoch nicht von ihnen lassen. Und soll ich euch was sagen? Ich finde das gut. Gerade WEIL wir niemals sicher sind, ob das, was wir unter einem Noir oder Cozy oder Polizeikrimi verstehen, das ist, was ein anderer darunter versteht. So wird jeder Griff in die scheinbar vertraute Schublade zum Vabanquespiel. Was uns tatsächlich erwartet, wissen wir nicht, vielleicht sind wir furchtbar enttäuscht, vielleicht angenehm überrascht. Wieder etwas gelernt. Wieder die Chance, dass die eigenen Schubladensysteme ins Wanken geraten. Denn das ist halt auch das Gute an Schubladen: Man muss nur einmal leicht an ihnen rütteln und schon stürzt die ganze trügerische Ordnung in sich zusammen.

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