Richter Di und das Gesetz der Serie
In Ordnung, es gibt den bedeutenden amerikanischen Autor Philip Roth, der einen gewissen Nathan Zuckerman durch mehrere Romane schickt. Und würde man jetzt etwas genauer nachdenken, fielen einem gewiss noch mehr »Hochliteraten« ein, die ihre Protagonisten als Wiederholungstäter durch ihre Romane agieren lassen. Aber wir reden hier von Kriminalliteratur, und da sind sie fast schon der Normalfall, die Serienhelden. Es beginnt gleich mit Poes Auguste Dupin, dem scharfsinnigen Pariser Detektiv, der in drei Erzählungen das Genre in die richtige Spur setzt. Emile Gaboriau tut es ihm zwei Jahrzehnte später mit seinem Inspektor Lecoq nach, tja, und dann kommt ER, Sherlock Holmes. Serienermittler – und beileibe nicht die letzten. Die Damen des »Golden Age«, sogar ihr Genre-Antipode Raymond Chandler, Chesterton mit Father Brown, Glauser mit seinem Wachtmeister Studer, Simenons Maigret …Beginn einer schier endlosen Liste, so dominierend ist der Serienermittler in der Kriminalliteratur, dass man einen Spezialbegriff für den Fall geschaffen hat, dass ein Held nur einmal auftaucht und dann nie wieder: Standalone.
Warum das Phänomen der Serie in jedweder Genreliteratur, vor allem aber im Krimi, so häufig auftritt, lässt sich (zunächst einmal) leicht erklären. Je vertrauter ein Protagonist, ein bestimmtes Milieu, desto leichter für die Leserschaft, sich damit zu identifizieren. Schon Edgar Allan Poe bot die zweite seiner drei klassischen Detektiverzählungen mit dem expliziten Hinweis auf den Erfolg seines Ermittlers Auguste Dupin in der ersten an. Wer sich als Leser in die (fiktive) Gefahr begibt, möchte dies wohl von einer Warte des Vertrauten aus tun. Man gehört irgendwann mit zur »Familie«, ist vielleicht nicht Sherlock Holmes selbst, aber doch ein kleiner Dr. Watson, ein treuer und kundiger Begleiter, der natürlich weiß: Am Ende geht die Sache gut aus, wirkliche Überraschungen sind nicht zu erwarten. Allerdings besteht genau darin die große Schwäche der Serie: Wenn nichts Neues geschieht, werden sie langweilig.
Diese Erklärung des Serienerfolges leuchtet vor allem für die Form der langlebigen, in nicht selten Tausenden von Folgen erschienenen Heftromane ein, die es in Deutschland etwa seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Ihre Machart ist bis heute nahezu unverändert geblieben, der Held ist ein wirklicher Held, seine Abenteuer sind so vorhersehbar wie das ewige Schnitzel mit Pommes beim sonntäglichen Essen. Auf in Buchform verbreitete Serien trifft dies indes nicht zu. Hier gab und gibt es Entwicklungen, wenn sie auch an der eigentlichen Grundstruktur nur wenig geändert haben. Bevor wir darauf eingehen, wollen wir uns diese unveränderlichen Eigenschaften und Mechanismen von Krimiserien am Beispiel der Richter-Di-Romane von Robert van Gulik etwas näher betrachten.
Der holländische Autor Robert von Gulik (1910 – 1967) verbrachte seine Berufsjahre im diplomatischen Dienst und arbeitete u.a. an der niederländischen Botschaft in Peking. Schon als Jugendlicher hatte er sich intensiv mit chinesischer Sprache und Kultur beschäftigt, vor allem mit der klassischen Literatur. Eine seiner Lieblingsfiguren war der historisch nachweisbare Richter und Staatsmann Dee Goong An, der während der Tang-Dynastie im 7. Jahrhundert lebte und von dem einige Kriminalfälle überliefert sind. Zwischen 1950 und 1967 verfasste van Gulik insgesamt 14 Romane und 10 zum Teil längere Erzählungen, in denen dieser Richter Di (allerdings in ein späteres Jahrhundert verpflanzt) als scharfsinniger Detektiv Verbrechen aufklärt. Van Gulik folgt dabei dem Muster alter chinesischer Kriminalromane. Es werden jeweils drei Fälle entwickelt, die mehr oder weniger zusammenhängen. Im Gegensatz zu den klassischen Vorlagen löst Richter Di diese Verbrechen jedoch nicht mit Hilfe überirdischer Mächte (Geistern etc.), sondern bedient sich der deduktiven Logik, wie sie seit Sherlock Holmes in der westlichen Genreliteratur dominiert. Man kann die 14 Romane chronologisch ordnen, sie ergeben dann quasi eine Biografie des Protagonisten von den Anfängen seiner Zeit als Bezirksrichter bis zu seiner staatsmännischen Karriere am Kaiserhof.
Van Guliks Romane sind frühe Beispiele für »historische Krimis«, die ja fast immer als Serien daherkommen. Für die Richter-Di-Bücher spricht allerdings, dass sie auf fundiertem Liebhaberwissen beruhen und nicht einer mehr oder weniger intensiven Recherche populärwissenschaftlicher Abhandlungen. Was uns van Gulik über fremde Sitten und Gebräuche erzählt, das erzählt er beiläufig und ohne dozierenden Unterton. Andererseits: Bei aller Wahrung »klassischer Formen« sind die Romane neuzeitliche Whodunits, die unseren modernen dramaturgischen Gewohnheiten folgen. Dazu gehört vor allem, dass Di nicht alleine arbeitet, sondern mit mehreren Gehilfen, die selbst den Status von Identifikationsfiguren erreichen. Auch die Existenz solcher »side men« ist ein wichtiges Merkmal von Serien, wenn es auch bezeichnende Ausnahmen von der Regel gibt (dazu später mehr). Zu Dis Helfern gehören der grobschlächtige, aber gutherzige Ma Jung, ein ehemaliger, von Di auf den rechten Weg geführter Straßenräuber, sein Freund Tschiao Tai, eher schweigsam und besonnen, aber mit einem »Geheimnis« ausgestattet, und der – ebenfalls von Di bekehrte – Ex-Trickbetrüger Tao Gan. Komplettiert wird dieses »Team« durch den Wachtmeister Hung Liang, der den Richter von dessen Kindesbeinen auf kennt und ihm treu ergeben ist.
Das also wäre Dis »Familie«, die auch bald die Familie der Leser wird. Seine richtige Familie bleibt hingegen im Hintergrund. Di hat drei Ehefrauen und diverse Kinder, die aber bis auf wenige Ausnahmen nicht in die Handlung eingreifen. Private Probleme, wie sie heutzutage mit Vorliebe durch Serien getrieben werden, hat Di nicht. Ein einziges Mal verliebt er sich andeutungsweise in eine verheiratete Frau (was aber tragisch endet), mehrfach ist seine Existenz bedroht, aber das sind Petitessen. Das Hauptaugenmerk Dis gilt seinen Fällen.
Ein Punkt wäre, wenigstens am Rande, noch erwähnenswert. Van Gulik stattete seine Texte höchstselbst mit Illustrationen aus, im »chinesischen Stil der Zeit« gehalten und mit einer erkennbaren Vorliebe des Zeichners für junge, nackte Frauen, die auf Brustimplantate getrost verzichten konnten. Auch das natürlich ein Anreiz mit Wiedererkennungswert...
Aber zurück zu den »side men«. Richter Di gehört also nicht zu den großen Einzelkämpfern unter den Serienhelden, er ist weder Philip Marlowe noch Wachtmeister Studer und schon gar nicht Hercule Poirot. Selten jedoch versammeln sich seine Helfer vollzählig in den Romanen, meistens konzentriert sich van Gulik auf zwei oder drei, manchmal auch nur einen oder lässt sie ganz außen vor (in »Halskette und Kalebasse«). Das ändert jedoch nichts an den grundlegenden Funktionen dieser Helfer. Sie sind einerseits Erfüllungsgehilfen für die niederen Arbeiten des Helden, dessen geistige Brillanz sie bewundern und gerade dadurch noch unterstreichen. Hier orientiert sich van Gulik an der großen Blaupause des Dr. Watson. Dessen Rolle sieht unter anderem vor, in die Rolle des Lesers zu schlüpfen, des Durchschnittsmenschen, der die verblüffenden Talente des Helden gar nicht genug bewundern kann. Man identifiziert sich also nicht einfach mit dem »Genie«. Es steht unerreicht über einem, man ist glücklich, in seinem Dunstkreis sein zu dürfen. Dass Dr. Watson nicht nur »Leser« ist, sondern auch Autor (ER schreibt schließlich Holmes’ Abenteuer auf!), macht die Geschichte noch ein wenig komplexer. Letztlich ist selbst der Schöpfer der Geschichten nichts weiter als ein Helfer des Genies.
Die Aufgaben der side men haben sich im Laufe der Kriminalliteraturgeschichte gewandelt, so wie auch der Serienheld ein anderer wurde. Er ist längst nicht mehr das unfehlbare Genie, nein, er arbeitet »im Team«. Das ist bei van Gulik bereits angelegt, obwohl von wirklicher Teamarbeit »auf Augenhöhe« nicht die Rede sein kann. Das bleibt den Polizeiromanen überlassen. Hier hat jeder seine Aufgabe, es gibt so etwas wie Gruppendynamik, an die Stelle von Inspiration tritt die Transpiration, das mühselige Sammeln von Fakten und der nach und nach sich lichtende Nebel.
Doch je mehr Stammpersonal aufgefahren wird, desto größer ist die Gefahr der Redundanz. Der Idealfall sieht vor, dass die Leser die Abenteuer ihrer Helden möglichst chronologisch konsumieren, mit der Vergangenheit vertraut sind, Familienmitglieder eben. Nur leider: In der Praxis ist es anders. Zum einen, weil sich Leser nicht immer an die Chronologie halten, einfach auf gut Glück in eine Serie springen und zudem nicht über das gusseiserne Gedächtnis des Protagonisten verfügen. Zum einen, weil die Teile der Serie nicht immer chronologisch aufeinander aufbauend erscheinen (Man denke etwa an das Trauerspiel der deutschen Veröffentlichungspolitik bei Reginald Hill!). Erschwerend kommt hinzu, dass ein Serienroman nicht nur als Teil des großen Ganzen funktionieren soll, sondern auch als quasi autarkes Einzelwerk, das sich auch ohne Vorkenntnisse genießen, sprich verstehen lässt. Dies aber macht es notwendig, gewisse Fakten in jedem Roman unterzubringen, was wiederum die »Kenner« langweilt.
In den Richter-Di-Romanen ist das nicht anders. Zwar handelt es sich um abgeschlossene Romane, doch bestimmte Details werden so gut wie in jedem wiederholt. Etwa dass Dis dritte Ehefrau im ersten Abenteuer vom Richter aus einer für sie unangenehmen Situation gerettet wurde, dass Wachtmeister Huang seinem Herrn ein treuer Begleiter ist usw. Der Gerechtigkeit halber sei jedoch gesagt, dass sich diese Redundanzen im Rahmen halten.
Serienromane sind nicht nur deswegen Balanceakte. Sie sollen bei den Lesern Vertrautheit erzeugen – und gleichzeitig nicht zu vorhersehbar und sich wiederholend sein. Kurzum: Es soll sich etwas entwickeln, aber doch irgendwie alles beim Alten bleiben. Beruflich tut sich bei Di eine ganze Menge. Er macht Karriere. Vom Charakter her jedoch bleibt er immer der gleiche. Van Gulik hat also einen Kompromiss gefunden, um die sich widersprechenden Erwartungen der Leserschaft zu befriedigen. Damit käme er heutzutage nicht mehr so einfach durch, da der Held nicht mehr als reine Aufklärungsmaschine ohne Privatleben fungiert, sondern nebenbei durch diverse Lebenskrisen zu marschieren hat. Man denke nur an die Entwicklung, die ein Kommissar Martin Beck in den Sjöwall / Wahlöö – Romanen nimmt, oder die Abgründe, in die Mankells Wallander gerät.
Dass man Richter Dis Nicht-Entwicklung dennoch akzeptiert, hat einen speziellen Grund. Die Romane bieten nämlich eine weitere Hauptperson – das alte China. Sehr exotisch und geheimnisvoll, ein unbekanntes Land, das uns van Gulik mit jedem Roman näher bringt, sprich: entwickelt. Das Neue sind also historische Fakten, was auch erklärt, warum gerade »historische Krimis« Serien bevorzugen. Bei van Gulik lernen wir nicht nur die Essgewohnheiten der alten Chinesen kennen, wir erhalten auch Einblicke in ihr Bildungssystem, das soziale Gefüge, den Konflikt zwischen Konfuzianismus und Buddhismus, die vielfältigen Handelsbeziehungen mit dem Ausland, die ständige Bedrohung durch Nomadenvölker etc. Das ist wohldosiert und sehr natürlich in die Handlung eingebettet, kein dozierender Finger schwebt über allem, kein Füllhorn unverarbeiteten und angelesenen Wissens wird ausgeschüttet.
Aber dieses Eintauchen in eine Welt, die anderen kulturellen und moralischen Maßstäben folgt, hat eine interessante Konsequenz, die Figur des Richters Di selbst betreffend. Der löst zwar seine Fälle in der uns vertrauten Manier westlich-nüchterner Logik und ist auch sonst ein »guter Mensch«, doch daneben treten bei Di einige Charakterzüge hervor, denen wir im wirklichen Leben wohl eher negativ gegenüberstehen. So ist Di etwa ein unkritischer Vertreter der Staatsgewalt, dem Kaiser und den Zeremonien seines Hofes treu ergeben, zudem ein Anhänger der Todesstrafe, die bisweilen durch Vierteilen praktiziert wird. Seine Ansichten über das Ausland und die in China Handel treibenden Ausländer (zumeist Araber) sind, vorsichtig gesagt, etwas gewöhnungsbedürftig, weil von Arroganz geprägt. Sicher, all das spricht für van Gulik, der uns eben keinen stromlinienförmigen, auf unsere modernen Verhältnisse zugeschnittenen Helden präsentiert. Merkwürdig bleibt es dennoch, dass wir Richter Di als »Helden« akzeptieren.
Vielleicht zeigt sich hier die Macht der Serie am unverstelltesten. Die Serienfiguren sind nicht einfach »Identifikationsfiguren« oder gar moralische Instanzen. Wir sind bereit, selbst anerkannte Bösewichte wie Patricia Highsmiths Tom Ripley oder Garry Dishers Wyatt als »Helden« zu akzeptieren, ganz zu schweigen von all den »guten Machos« à la Lee Childs Jack Reacher. Je genauer man eine Figur kennenlernt, desto besser versetzt man sich in sie hinein, desto eher ist man bereit, ihr Anderssein zu akzeptieren. Hier trifft sich die Fiktion mit dem wirklichen Leben und der Seriencharakter erinnert uns daran, dass man das Fremde, uns Unverständliche erst kennenlernen muss, um es zu beurteilen. So betrachtet sind Serien eine Einübung in Toleranz.

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