Na ist doch logisch! Warum Krimis auch unlogisch sein dürfen
Eigentlich habe ich gerade wieder viele gute Gründe, drauf los zu granteln. Da lassen sich Krimis »flüssig lesen, weil man nicht groß drüber nachdenken muss«, und natürlich lassen sich Bücher zum xtausendstenmal »nicht aus der Hand legen«, so dass man beinahe schreien möchte, wer Bücher nicht aus der Hand legen könne, der solle sie besser gar nicht erst in die Hand nehmen. Und wenn Krimihase123 mal wieder nicht durchblickt, weil die Sätze so lang sind oder ihr ein Satz mit mehr als zwölf Wörtern generell unlogisch erscheint, dann rufe ich ihr zu. …
Nein, reg dich ab, Junge. Immer positiv bleiben. Verschieb die Kolumne, widme dich lieber den Korrekturarbeiten an deinem im März erscheinenden kleinen Werklein, beseitige Tipp- und andere Fehler, pass auf die Logik auf. Genau. Auf die Logik. Da wären wir ja endlich beim Thema.
Die Logik in Kriminalromanen verfolgt mich seit geraumer Zeit auf Schritt und Tritt. Da will ich einer Leserin Fred Vargas ans Herz legen und bekomme naserümpfend zur Antwort, die Dame sei ihr »zu unlogisch, die Sache mit den Vampiren zum Beispiel, das ist doch Kinderkram«. Ein paar Tage später beschäftige ich mich öffentlich mit der bei Schülern berüchtigten Novelle »Die Judenbuche« von Annette von Droste-Hülshoff und erhalte als Reaktion ein »so ein unlogischer Quatsch!« aus dem Mund eines ansonsten ziemlich wachen Bekannten.
In Ordnung. Wir leben im 21. Jahrhundert, die Vampire sind ganz gewöhnliche Menschen und arbeiten bevorzugt in Banken, jede Sauerei ist rational begründbar, wenn man auch nicht weiß, wie man sie vermeiden kann. Alles lässt sich rational erfassen und vor allem die Kriminalliteratur scheint zur Logik verdammt. Nichts ärgert uns mehr als ein logischer Fehler, wie er etwa durch eine Nachlässigkeit des Autors zustande kommen kann. Nehmen wir etwa jenen Debütanten, bei dem ein Hund zuerst Nora und dann, etliche Seiten weiter, Nina heißt. Haha, ertappt! Natürlich habe ich besagten Autor (ich treffe ihn ziemlich häufig) auf seinen Fauxpas angesprochen und ebenso natürlich erwartet, der Knabe senke wenigstens schamhaft sein Haupt und bekenne sich zu seinem Versagen. Weit gefehlt! Was macht der Bursche? Lacht mir höhnisch ins Gesicht und sagt: Reingefallen. Der Hund Nora ist gestorben und der Mann hat sich einen neuen zugelegt, der heißt halt Nina. Steht nur nicht im Text, muss ja nicht alles dort stehen, aber man kann es sich als vernünftiger Leser doch denken, oder? Da stand ich nun und kochte vor Wut. Ja, entgegnete ich, man hätte auch sagen können, eigentlich hatte der Mann zwei Hunde, Nora und Nina, und in der ersten Szene war halt Nora dabei und in der zweiten Nina. Exakt, bestätigt mir der Autor. Das ist also alles völlig logisch.
Im Verständnis des Lesers ist so etwas alles andere als logisch. Er fühlt sich düpiert, wenn eine Kausalkette nicht geschlossen ist. Dass ein Hund plötzlich Nina und nicht mehr Nora heißt, muss logisch begründet werden, der Wirkung muss eine Ursache vorausgehen und diese muss unbedingt erwähnt werden. Logik sollte sich zudem mit unseren Alltagserfahrungen decken. Wenn ich Wasser erhitzen möchte, kann ich nicht einfach mit dem Finger schnipsen und habe sofort kochendes Wasser. Also bitte nichts Übernatürliches! Dahinter steckt ein Wunsch, der spätestens seit Sherlock Holmes die Kriminalliteratur beherrscht: Alles muss logisch erklärbar und, ganz wichtig, aufklärbar sein. Dadurch entsteht eine beinahe schizophrene Situation: Einerseits wissen wir genau, dass das »wirkliche Leben« alles andere als auf diese Weise logisch ist. Andererseits erwarten wir von Kriminalromanen, dass sie so wie das »wirkliche Leben« sind – und dennoch logisch.
Wie sich dieser Widerspruch entwickelt und wie man damit umgeht, können wir regelmäßig in den »Leserunden« hier auf der Couch beobachten. Warum vertraut A dem dubiosen B, das ist doch unlogisch! Warum tut C das, was er tut, obwohl er doch eigentlich etwas anderes tun müsste? Wir alle haben die Erfahrung gesammelt, dass vieles von dem, was wir im Leben machen, ziemlich unlogisch ist. Im Krimi wollen wir aber genau das: Logik vom Anfang bis zum Ende. Und, noch einmal, wer ist schuld? Der unfehlbare Sherlock Holmes.
Wobei …so ganz unfehlbar war er ja nicht. Es gibt ein schönes Büchlein von Pierre Bayard. Es heißt »Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes« und weist minutiös nach, dass der Held des berühmten Buches Indizien falsch, das heißt ohne logische Schärfe deutet und daher am Ende den Falschen als Mörder überführt. Bayard begründet das durchaus logisch, wobei man ihn natürlich genauso logisch widerlegen könnte. Fieserweise nennt er sogar einen plausiblen Grund, warum Conan Doyle seinen Holmes in die Falle der Irrtümer laufen lässt. Er hasst ihn ganz einfach, weil der große Erfolg der Krimis sein anderes und für ihn wesentlicheres Werk überstrahlt.
Für viele Leser mag die Vorstellung beängstigend sein, ihr ach so logischer Krimi lasse sich beliebig neu interpretieren und hinter der ehern erscheinenden Logik verberge sich im Grunde nichts weiter als dichterische Willkür. Denn dieser Verdacht geht nicht nur an die Substanz des Genres mit seinen »Gesetzen«, er bedroht auch jene ideale Welt der einfachen und unumstößlichen Wahrheiten, in die wir eintauchen möchten. Besonders evident wird dies, wenn wir uns jene Krimis betrachten, die auf Psycho-Logik bauen. Ein kleiner Junge wird Zeuge, wie seine Mutter, die ein geblümtes Kleid trägt, ermordet wird. Später wird er Frauen ermorden, die ebenfalls geblümte Kleider tragen. Klingt doch logisch, oder? Mag sein. Ist aber so ziemlich der größte Nonsens und lässt es jedem Psychologen kalt den Rücken runterlaufen.
Historisch gesehen ist der Krimi ein Kind des rationalen technischen Zeitalters. Die Welt wurde in allen Bereichen komplexer und schien gleichzeitig zu einem bislang unbekannten Grad beherrschbar. Das Ergebnis war eine Mischung aus Angst vor dem Unbekannten und dem Vertrauen in seine Beherrschung, was sich auch im Kriminalroman manifestiert. Etwas ist bedrohlich, doch dank Verstandeskraft wird am Ende »alles wieder gut«. Da gibt es keinen Platz mehr für Widersprüche, für ungelöste Rätsel, gar Übernatürliches oder allzu Zufälliges. Krimis sind nun einmal ein Genre der westlichen Welt, aus der spätestens mit der Industrialisierung alles verschwinden musste, was auch nur entfernt nach »nicht logisch« roch.
Und wehe, wenn dieses Muster durchbrochen wird! Genau das aber geschieht vermehrt. Man nehme nur die im kommunistischen Laos spielenden Kriminalromane von Colin Cotterill, in denen die Geisterwelt aktiv in die Handlung eingreift und beständig mit dem nüchternen Sachverstand des Dr. Siri konkurriert. Oder »Die Spur des Bienenfressers« von Nii Parkes. Ein ghanaischer Gerichtsmediziner, mysteriöse Ereignisse in einem Dorf, das Nebeneinander von modernen Ermittlungsmethoden und ländlicher Mystik, die letztlich obsiegt, den nach »Aufklärung« gierenden Leser indes ratlos zurücklässt. Zu diesen Beispielen passen auch die Romane von Fred Vargas, selbst die Isaac-Sidel-Saga von Jerome Charyn nährt sich aus einer anderen als der »realistischen« Logik.
Diese Romane zwingen uns die Erkenntnis von der Brüchigkeit unserer angeblich vernunftgesteuerten, auf dem Kausalitätsprinzip ruhenden Vernunft geradezu auf. Die Beispiele Cotterill und Parkes erinnern dabei an die schlichte Wahrheit, dass neben der abendländisch rationalen Logik noch andere Formen der Welterklärung existieren. Vargas und Charyn hingegen nutzen die Technik der »Unlogik« dazu, die Literatur von dem, was wir »Alltagserfahrung« nennen, abzukoppeln und auf einer eher mystischen, abstrakten Zeichenebene zu operiern.
Jenseits dieser Logik, die uns hilft das Leben zu meistern, indem wir glauben, es im Griff zu haben, existiert eine andere, eine literarische, die bedenklich davon abweicht. Frank Kafkas »Die Verwandlung« etwa müsste, wäre es ein Krimi, jedem Leser des Genres unglaubwürdig erscheinen und damit fernab jeglicher Wirklichkeit. Die Verwandlung eines Menschen in einen Käfer transzendiert lediglich existentielle Erfahrungen, d.h. sie geht sie auf eine andere Weise an, die ohne Mitarbeit des Lesers nicht zu verstehen ist. Der simplen Logik misstrauen, die eigene Vorstellungskraft flexibler werden lassen, einen Kontrapunkt gegen einfache Wahrheiten setzen, wie sie zum Beispiel die Politik verbreitet, das ist unter anderem eine Strategie von Literatur, auch von Kriminalliteratur.
Die anfangs erwähnte »Judenbuche« von Annette von Droste-Hülshoff, die heute noch Gefühle des Abscheus bei ehemaligen Schülern auszulösen vermag, kommt auf den ersten Blick wie eine Zusammenballung unlogischster Ereignisse und Reaktionen daher. Auf den zweiten – oder auch erst den dritten? – entpuppt sich der Text indes als so wunderbar spekulativ, dass er eine eigene Logik entfaltet. Die allerdings gibt es nicht kostenlos. Was man investieren muss, ist: eigenes Denken. Dass dieses Analysieren genau wieder in unserer »Alltagslogik« mündet und uns geradezu zwingt, in Kategorien von herkömmlicher Kriminalliteratur zu denken, lässt sich an einigen Stücken des soeben erschienenen Bandes »So wie du mir. 19 Variationen über Die Judenbuche« studieren. Viele dieser Variationen drücken die Geschichte in ein »logisches Korsett«, offene Fragen werden beantwortet und alle Ungereimtheiten genregerecht glattgebügelt. Unser Gehirn funktioniert halt so: Was uns zu komplex erscheint, wird auf das verkürzt, was wir zu verstehen glauben.
Ein prägnantes Beispiel aus neuerer Zeit ist »Bunker« von Andrea Maria Schenkel. Hier auf der Couch wurde das Werk überwiegend negativ aufgenommen, »Uwe« schreibt: »Mhm, muss ich mir jetzt einen Krimi mühsam erarbeiten und ihn «notfalls» zwei Mal lesen, nur weil die Autorin nicht im Stande war, eine ordentliche Geschichte zu erzählen?« Die erschreckende Antwort: »Ja!«
»Notfalls« zwei Mal lesen, nicht weil die Autorin nicht in der Lage wäre, »eine ordentliche Geschichte zu erzählen«, sondern weil sie genau das möchte. Diese Story einer Entführung ist tatsächlich in vielem »unlogisch«, auch und gerade hinsichtlich der psychischen Befindlichkeit des Personals. Dahinter steckt jedoch Absicht, Frau Schenkel teilt EINE Psyche auf mehrere Personen auf. SO gelesen, wird das Buch übrigens durchaus »logisch«, aber eben nicht auf die bequeme Art sonstiger Küchenpsychologie.
Niemand muss solche Bücher mögen. Und weiß Gott nicht alles, was uns unlogisch dünkt, hat irgendetwas mit tieferer Absicht oder der berühmten »schriftstellerischen Freiheit« zu tun. Wenn in einem »exakt recherchierten Mittelalterkrimi« sich Burgherr und Familie um die Kinderwiege versammeln und den kleinen Stammhalter als »Süßerchen« necken, klappe ich das Buch ohne Zögern für alle Zeit zu. Wer keine Ahnung über den sozialen Status von Kindern im Mittelalter hat, muss schlecht recherchiert haben und behauptet historisch Unlogisches. Zu rechtfertigen ist das mit keinem Argument.
Zwei Gruppen von Unlogik seien noch erwähnt, mit deren Hilfe ein Autor versucht, die Handlung voranzutreiben: der Zufall und das »deus ex machina«Prinzip.
In der Literatur bedeutet »deus ex machina« (wörtlich: der Gott aus der Maschine) laut Wikipedia »eine unerwartet auftretende Person oder Begebenheit, die in einer Notsituation hilft oder die Lösung bringt«. Eine sehr beliebte Methode, allzu festgefahrene Handlungen wieder in Bewegung zu versetzen und ratlose Detektive auf die richtige Spur zu bringen. Da tauchen wichtige Zeugen auf, erhellende Briefe oder Tagebücher werden »plötzlich« gefunden oder Ermittler erinnern sich an Unwichtiges, das genauso plötzlich wichtig wird.
Seit geraumer Zeit hält logischerweise das Computerzeitalter Einzug in die Kriminalliteratur. Auch hier gilt es zu recherchieren. In den meisten Fällen ergibt es sich, dass der Protagonist irgendwann nicht mehr weiter weiß, in den Besitz eines Laptops oder einer Daten-CD kommt, damit jedoch mangels Sachkenntnissen nichts anfangen kann. Glücklicherweise befindet sich in seinem Bekanntenkreis ein »Computergenie« (meiste ein bleichesichtiger NERD, der sich von Pizza ernährt und sich nur alle 4 Wochen wäscht, wie es in Computerkreisen eben üblich ist). Diese Person »crackt« den Laptop oder die CD und sorgt als deus ex machina dafür, dass die Story weitergehen kann.
Hübsch. Nur dass der Autor leider keine Ahnung hat, wie so etwas vor sich geht und natürlich noch weniger Ahnung, ob sich das in jedem Fall immer so leicht bewerkstelligen lässt. Mein absoluter Favorit unter diesen lachhaften, weil miserabel recherchierten »Computerkrimis« ist Charles Macleans »Trojaner«. Der Protagonist wird uns als absolutes »IT-Genie« verkauft, erweist sich aber in der Folge als dermaßen blöd, dass selbst der schlimmste DAU (dümmster anzunehmender User) ihm gegenüber als wahre Koryphäe an der Maus glänzt. Damit ist ein Krimi »verbrannt«.
Eine beliebte Spielart des »deus ex machina« ist der Zufall. Zufälle gibt es, wir wissen es alle. Man verbringt einen Tag in Paris, steht am Louvre an – und wer steht zufällig vor einem in der Schlange? Werner, der verschollen geglaubte Schulfreund, den man seit Jahrzehnten verzweifelt sucht. Solche Dinge passieren, doch in einem Kriminalroman führen sie zu leserlichem Naserümpfen, zumal dann, wenn die Ermittlungen auf der Stelle treten und dem Autor partout kein anderer Kollege als Kommissar Zufall zur Seite springt. Mein ungekrönter König des geschickt platzierten Zufalls ist Leo Malet, dessen Detektiv Nestor Burma – zufälligerweise auch in Paris – schon mal einer schönen Frau folgt, die auf der Straße vor ihm läuft und, man glaubt es nicht, durch sie den verlorengegangenen Faden wieder aufnehmen kann. Das deutsche Pendant zu Malet ist Eifelkrimi-Spezialist Jacques Berndorf. Dort stürzt der Detektiv auch schon mal unvermittelt in ein Loch im Waldboden und landet akkurat im Unterschlupf des Mörders. Sehr hilfreich für die weiteren Ermittlungen.
Plädiere ich also für den »unlogischen Krimi«? Mitnichten. Aber er ist eine Möglichkeit neben vielen, ein Angebot an die Leser. Nicht alles was uns unlogisch vorkommt, gehört zu dieser Gruppe. Vieles ist einfach Pfusch oder Irrtum, bequemes Umschiffen erzählerischer Klippen oder pure Gedankenlosigkeit. Aber halt nicht alles.
So. Kolumne geschafft. Ich wende mich wieder den Korrekturarbeiten an meinem Krimimärchen zu. Wir schreiben das Jahr 2168. In einem kleinen Dorf hält eine Postkutsche …mein Gott, wie unlogisch!

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