Mein Krimijahr 2010 – Gelesenes und Ungelesenes

von Dieter Paul Rudolph

Das Jahr neigt sich dem Ende zu – und der Kolumnist sich über einen Stapel Krimis. Er ist, verglichen mit den babylonischen Türmen der Vorjahre, recht überschaubar, was verschiedene Gründe hat. Zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, zu viele »alte Krimis«, überhaupt: eine gewisse Übersättigung. Dutzende von Krimis wurden angelesen – und spätestens nach dem dritten Griff ins Krimiklischee auf Seite 7 für alle Zeiten zugeklappt. Man wird schließlich auch nicht jünger und nimmt es inzwischen persönlich, wenn einem wertvolle Lebens- und Lesezeit gestohlen wird. Also keinen Rückblick dieses Jahr? Na, ganz so schlimm ist es nun nicht. Die Szene hatte der Kolumnist schon im Visier, obwohl es ein recht langweiliges Krimijahr war. Keine Skandale (das einzige kleine Skandälchen hat man selber provoziert und der werten Kollegschaft mal auf die Finger gehauen), keine wirklich überragenden Umwälzungen. Beginnen wir also mit Hypes und Trends, die es selbstverständlich wie immer gegeben hat.

Das Fest der Blutgrätschen und Lärmtröten, vulgo Fußballweltmeisterschaft genannt, warf seine Schatten auch über den hiesigen Krimimarkt. Südafrika! Land der ehemaligen Apartheid, der hohen Kriminalitätsrate, des noch immer virulenten Rassismus – das ist guter Stoff für Thrillerfreunde und dank der temporären Medienallgegenwärtigkeit des Landes potentiell gut verkäuflich. Also entdeckten die Verlage südafrikanische Kriminalliteratur. Von Malla Nunn (bereits 2009 mit Ein schöner Ort zu sterben ins Rennen geschickt) bis Roger Smith (Kap der Finsternis und Blutiges Erwachen), auch Deon Meyer, in unseren Breiten bisher konkurrenzloser Vertreter für südafrikanische Krimis en gros et en détail, lieferte mit Dreizehn Stunden seinen Beitrag zum Krimijahr, das aber recht eigentlich ein Fußballjahr war. Die genannten Krimis waren denn auch nicht schlecht, sie waren sogar sehr gut. Dennoch wird die Karawane weiterziehen, auf zum nächsten Hype, und wer von den Südafrikanern nicht ausreichend Profit gemacht hat, wird ebenso schnell aus den Buchhandlungen verschwinden wie die südafrikanischen Fußballer aus dem WM-Turnier.

Bedenklich an diesem Hype war indes, dass die Autorinnen und Autoren fast ausschließlich Weiße sind. Sollte der schwarze Afrikaner etwa kein »Krimi-Gen« besitzen? Wir wollen nicht Herrn Sarrazin um Rat fragen (dessen Bestseller übrigens auch als »Krimi des Jahres« durchginge, denn man fragt sich schon, ob Sarrazin Täter ist oder doch nur Opfer seiner eigenen Beschränktheit), denn die Antwort kam uns in Form von Nii Parkes und Die Spur des Bienenfressers auf den Tisch. Ein »Krimi«, den wir nur in Anführungszeichen setzen, weil er anders ist als die herkömmliche Spielart von Spannungsliteratur. Parkes führt uns in das Ghana der Neuzeit – und gleichzeitig in das Ghana der Traditionen. Westliche Moderne kontra afrikanische Mythen, Ratio versus Intuition, Laborergebnisse und Phantasie in einer überraschend schlüssigen Verbindung. Das erinnert an Vamba Sherifs Geheimauftrag in Wologizi aus dem Vorjahr, wo wir diese eigentümliche afrikanische Spielart von Krimi bereits bewundern konnten. Kein Hype, aber es tröpfelt uns so langsam ins Bewusstsein, dass die Entwicklung der Kriminalliteratur nicht ewig Sherlock Holmes und Miss Marple mit sich herumschleppen muss. Es geht auch anders, und das wollen wir im Auge behalten.

Sie heißen Arno Strobel (Der Trakt) oder Wulf Dorn (Kalte Stille), Zoë Beck (Das alte Kind) oder Ulrike Renk (Echo des Todes), doch eigentlich könnten sie allesamt Sebastian Fitzek heißen (von den Klonen, bei denen mir schon bei Zurkenntnisnahme des Klappentextes übel wurde, rede ich gar nicht. Längst vergessen). Denn auch in ihren Romanen wachen Frauen plötzlich auf und haben kein Gedächtnis mehr, halten sich für andere als sie für ihre Freunde sind, Kinder verschwinden spurlos und tauchen wieder auf oder nicht, Psychologen leiden und haben Ahnungen, das Irrenhaus liegt stets in Sichtweite und die Dinge sind überhaupt mysteriös, mysteriös und natürlich abgrundtief psychologisch. So etwas nennt man Trittbrettfahrerei. Sie ist verständlich, denn gut für den Abverkauf, wer Sebastian Fitzek liest (tun viele), der liest auch. …Amazon-Logik eben. Ein Trost: All das wird so schnell verschwinden, wie es gekommen ist, allein Zoë Beck aka Henrike Heiland wird bleiben, denn sie kann wirklich was.

Preisfrage: Wird auch Zoran Drvenkar bleiben? Ich habe seinen 2010-Krimi Du nicht gelesen, und das liegt daran, dass ich seinen 2009-Krimi Sorry gelesen habe. Nichts gegen Sorry, nichts gegen ein originelles Konstrukt, auch wenn sein Gerippe ständig durch das Fleisch der Handlung stößt und sichtbar wird. Nur: Was soll´s? Spannend mag das sein, und wem das genügt, der wird hier gut bedient. Mir genügt diese Spannung um der Spannung willen nicht, und das ist mein persönliches Problem.

Aber wo wir schon einmal bei Originalität sind: Auch ihr begegnet man im deutschen Krimi des Jahres 2010 durchaus. Thomas Willmann transferiert in Das finstere Tal den Italowestern locker und souverän in die Ganghofersche Bergwelt, Guido Rohm wagt sich in Blut ist ein Fluss kühn an verschränkte Handlungsebenen und das Spiel mit Klischees und Krimiattitüden. Keine leichte Lektüre, aber wer sagt eigentlich, dass sich Krimis immer »flüssig« lesen lassen müssen? Naja, leider allzu viele …

Apropos Blut, apropos flüssig. Das Krimijahr begann mit einem Paukenschlag. James Ellroy legte mit Blut will fließen den abschließenden Band seiner Amerika-Trilogie vor. Die Jahre zwischen 1968 und 1972 aus wechselnden Perspektiven, wie von Ellroy nicht anders erwartet mit inhaltlicher Radikalität, kein must have für die Klosterbibliothek. Dass man den knapp 800 Seiten wünscht, sie würden sich ein wenig verschlanken und ihren Duktus variieren, ist so ziemlich der einzige Kritikpunkt. Man mag zu Ellroy stehen wie man will (und ich bin wahrlich kein fanatischer Bewunderer seines Werkes), aber wie er uns hier schwache Männer und starke Frauen vorführt, das hat was. Über die Schweinereien der Regierung und des Geheimdienstes erfahren wir auch einiges, doch das haben wir, seien wir ehrlich, eh schon immer geahnt.

Überhaupt: die Schweinereien. Noch immer schreddern die Serienkiller durchs Land, bei Rex Miller (Chaingang) liest es sich wie gewohnt prima, ansonsten wartet man geduldig auf das, was man in der Ökonomie den break even point nennt: Die Leute haben die Schnauze voll vom Dauermord und schicken ihre Erfinder zum Teufel. Wie schreibt doch Christine Lehmann in ihrem aktuellen Krimi Malefizkrott (selbstredend wieder einer der besseren dieses Jahres): »Wer allein glücklicher ist als unter Menschen, ist entweder Serienkiller oder Schriftsteller.« So gesehen, wünscht man sich manchmal mehr Serienkiller, aber in der Kriminalliteratur reicht es langsam.

Was steht nun aber gegen all dieses Blutrauschen und Rätselraten und mysteriöse Raunen? Ganz schlicht: die Wirklichkeit. Wenn aus true crime crime fiction wird, auf dass wir die Strukturen der wahren Verbrechen erkennen und uns zudem dabei noch gut unterhalten. Dabei genügt es nicht, uns die Schweinereien einfach aufzuzählen. Solche Romane, die dann »von brisanter Aktualität« oder gar »tabufrei« sind, gibt es zur Genüge. Nein, es soll schon etwas mehr sein, es soll uns erhellen, verwirren, schockieren. Diese Krimis sind weit rarer, aber es gab sie auch 2010.

Weit oben auf meiner Skala und einer der »Krimis des Jahres«: Dominique Manotti mit Letzte Schicht (Ariadne Verlag). Der Handlung liegt eine tatsächliche Begebenheit zugrunde, die Verstaatlichung des französischen Mischkonzern Thompson, der auch über eine lukrative Waffensparte verfügt. Zwei Konkurrenten – Daewoo-Matra und Alcatel – streiten sich um den Zuschlag, den überraschenderweise die Südkoreaner erhalten. Doch noch ist es für Alcatel nicht zu spät. Man muss nur eine Schwäche beim Gegner finden und siehe da: In dessen nordfranzösischer Dependance ist es nach einem Arbeitsunfall zu einer Werksbesetzung durch die Beschäftigten gekommen, brisante Akten verschwinden, das Werk wird abgefackelt. Alcatel schickt einen Detektiv, unbequeme Zeugen verschwinden …

Was sich einigermaßen bekannt anhört, ist es nicht. Denn nicht nur bewältigt die Autorin ihren Stoff sprachlich bravourös, sie versucht auch gar nicht, uns in der beruhigenden Gewissheit von Gut und Böse zu wiegen. Die Menschen sind die Menschen, sie stecken in Zwängen, sie schauen auf ihren Vorteil, man nimmt ihnen sogar ihre Skrupel ab, wenn sie Böses tun, aber sie tun es eben. Kein Wunder, dass am Ende nicht die Gerechtigkeit siegt, sondern die Wirklichkeit. Ganz großer Krimi.

Völlig anders und dennoch nahe an Manotti ist Roberto Alajmos Mammaherz, der 2010 in der Metro-Reihe des Unionsverlags wiederveröffentlicht wurde. Cosimo repariert Fahrräder in einem italienischen Dorf. Ein Außenseiter, der nach Meinung seiner Mitbewohner das Unglück anzieht. Dann ändert sich sein Leben radikal. Ganoven – Mafia? – zwingen ihn, ein offensichtlich entführtes Kind bei sich aufzunehmen und zu versorgen. Nur vorübergehend, wird ihm versichert, doch die Entführer melden sich nicht mehr. Was also macht Cosimo, unterstützt von seiner Mutter, mit diesem Kind? Das ist spannend und rührend, witzig und gut erzählt, Cosimo, dieses arme Schwein, ein bei Krimilesenden so begehrter sympathischer Held der Marke ewiger Verlierer. Bis sich das Blatt am Ende wendet und wir erkennen, wie sehr wir uns haben täuschen lassen. Dieser Roman ist ein Noir im besten Sinne, er kommt auf Sanftpfoten daher und schlägt uns endlich seine Krallen ins Gesicht. Ein weiterer Beweis auch dafür, dass Kriminalliteratur, die nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheidet, zwangsläufig die ehernen Gesetze des Genres verletzen MUSS.

Also weg mit der Tradition, krampfhaft nach »dem Neuen« suchen? Muss nicht sein. Man kann das Alte auch ehren, indem man es variiert. Auch dafür hat uns das abgelaufene Krimijahr einige Beispiele geliefert. Patrick Pécherots Nebel am Montmartre etwa ist eine Hommage an die Pariskrimis von Leo Malet und gar nicht mal so übel geraten. Wie beim großen Vorbild regiert auch hier der Zufall und trieft der Existentialismus aus allen Poren. Ein schönes Einzelstück.

Ehrgeiziger und als Reihe angelegt ist dagegen die »Suite Noire«, die der Distel Verlag mit acht kleinen und feinen Bändchen begonnen hat. Auch dies eine Hommage, nämlich an die berühmte französische »Serie Noire«. Das Prinzip ist einfach und verblüffend. AutorInnen der Gegenwart nehmen sich ein Werk der seit 1945 erscheinenden Reihe zum Vorbild und setzen es thematisch ähnlich um. Kein Nachschreiben also, sondern eine Verpflanzung in die Neuzeit. So wird etwa aus Jean-Bernhard Pouys Papas Kino bei José-Louis Bocquet Papas Musik; ein Noir mit eingebautem Generationenkonflikt, der auf die denkbar trivialste Weise gelöst wird. Die alle auch verfilmten Texte sind nicht länger als 100 Seiten, Sammlerstücke und durch die Bank nette Exempel für die in Frankreich durchaus florierende Spielart des Noir.

Und wie hält es Deutschland mit der Krimitradition? Zwei Projekte des Pendragon Verlags lassen immerhin hoffen, dass man sich auch hierzulande stärker auf die eigene Vergangenheit bei der Spannungsproduktion besinnt. Wer war der Mörder? fragt Jodokus D.H. Temme, der bedeutendste deutsche Kriminalschriftsteller des 19. Jahrhunderts, und wer jetzt fragt »Wer war Jodokus D.H. Temme?«, sei nicht nur an diese gelungene Auswahl verwiesen, sondern googele zudem bitte nach »alten Krimis«. Interessant auch So wie du mir, dessen Untertitel »19 Variationen über Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff« schon verrät, um was es geht. Die klassische Kriminalnovelle, Schrecken aller zur Interpretation verdammten Schülerinnen und Schüler wird von 19 AutorInnen der Gegenwart neu gelesen, was einerseits zu teilweise überraschenden Ergebnissen führt, andererseits aber schlicht dazu ermuntert, sich die (im Band ebenfalls abgedruckte) Vorlage noch einmal zu Gemüte zu führen. Ein merkwürdiges Stück Literatur, es lohnt sich auf jeden Fall, wieder früher Noir wie übrigens so manches bei Temme auch.

Noir. Noch so ein Stichwort. Es wird Zeit, dass ich meinen »Verlag des Jahres« bekannt gebe. Im vorigen Jahr war es Ariadne aus Hamburg, in diesem ist es Pulpmaster aus Berlin. Ganze drei neue Titel veröffentlichte das kleine Unternehmen um Verleger Frank Nowatzki seit Jahresende 2009, aber sie gehören zum Erfreulichsten im Erntekorb 2010. Mit Angelo Petrellas Nazi Paradise stellte Pulpmaster bereits im Januar einen Couch-»Krimi des Monats« der besonderen Art. Ebenso knappe wie konzentrierte 115 Seiten lang führt uns Petrella durch das hasserfüllte Leben eines italienischen Skinheads und Hooligans mit einer besonderen Begabung für das Hacken von Computern. Sprachlich ungeschliffen wie das Leben, also Literatur abseits von Kommaregeln und den Gesetzen des Satzbaus, mit einem besonders fiesen und logischen Ende, das uns wiederum beruhigender Gewissheiten beraubt.

Fast gleichzeitig mit dem Petrella brachte Pulpmaster auch Jim Nisbets Dunkler Gefährte auf den Markt. Banajhee Rolf ist ein indischstämmiger Kalifornier, der es offensichtlich geschafft hat. Erfolg im Job, ein harmonisches Familienleben – und dann verliert Rolf seine Arbeit, alles gerät ins Rutschen, aus dem Ordnung wird Chaos. Das ist nicht nur ein Blick auf die dunklen Seiten des amerikanischen Traums, es reicht weit darüber hinaus, berührt die Grundlagen jeglicher Existenz und ist, nebenbei, auf seine dezente Art auch noch schreiend komisch, wie es alltägliche Tragödien nun einmal sein sollten. Einer meiner Krimis des Jahres, unbedingt empfehlenswert.

Erwähnen wir auch noch den dritten Output des Hauses Pulpmaster, Paul Freemans Laster und Tugend, einen gelungenen Roman aus dem als Krimiland recht unbekannten Saudi-Arabien, der seinen Reiz natürlich aus dem exotischen Setting zieht und eine turbulente, solide Story daraus entwickelt.

Ja, und was ist nun MEIN Krimis des Jahres? Ich habe lange zwischen Nisbet und Manotti geschwankt, als mir der Postbote den neuen Joe R. Lansdale anlieferte. Lansdale? Da weiß ich, was ich kriege, da liegt man nie verkehrt. Kahlschlag jedoch ist, man kann es kaum glauben, noch besser. Man lese nur meine Rezension auf der Couch …

Man sieht, in diesem kleinen Rückblick fehlt einiges, was die Krimiherzen dieses Jahr höher schlagen ließ. Don Winslows hochgelobtes Tage der Toten ebenso wie …aber das entnehmt ihr besser all den anderen Jahresrückblicken oder schaut euch einmal genauer auf der Couch um. Ein paar Lesetipps noch: Manfred Wieningers Prinzessin Rauschkind setzt die Abenteuer des »Diskonto-Detektivs« Marek Miert gewohnt pointiert fort, Pablo De Santis schreibt uns mit Das Rätsel von Paris in die Welt der großen Detektive und Frank Göhre zeigt mit Der Auserwählte, warum er zur ersten Garnitur deutscher Kriminalschriftsteller gehört. Zum Lesen ist also genug da …

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