Herr Darwin grüsst. Warum sich nicht immer die »besten« Krimis durchsetzen und warum gut nicht immer gut ist

von Dieter Paul Rudolph

Jetzt, da ich dies schreibe, sind es nur noch wenige Tage bis zur Frankfurter Buchmesse. Man trifft Leute oder hofft, gewisse Leute nicht zu treffen, man trinkt überteuerten Espresso und schlendert an den kleinen Kojen ebenso kleiner Verlage vorbei, wo sich einsame Standwächter langweilen und auf Interessenten warten, bisweilen sitzen dort gar leibhaftige Autoren und lassen sich von der vorbeidrängenden Menge stoisch ignorieren. Warum man sich das jedes Jahr aufs Neue antut? Kein Mensch weiß es, aber man tut es. Eine Besuchergruppe indes kommt mit klaren Zielen und großen Hoffnungen zur Messe: die unverlegten Autorinnen und Autoren, die noch nicht entdeckten, die seit Jahren unverstandenen, und im Gepäck haben sie Manuskripte auf Papier oder neuerdings auch auf CD. Sie suchen den Kontakt mit dem Standpersonal, vorzüglich dem Verleger oder einem Lektor, dem sie dann ihre Elaborate wie sauer Bier anpreisen. Das Personal ist freundlich, nickt, sagt »aha«, »guter Plot«, »klingt interessant«, aber in Gedanken überlegen sie bereits, was sie mit dem Manuskript, das ihnen der Bittsteller hinterlassen wird, anfangen sollen. Gleich im nächsten Abfalleimer diskret entsorgen? Oder mitnehmen und erst dann der Vernichtung überantworten? Gar lesen? Nein, das denn doch nicht.

Die Unverstandenen, die Unpublizierten. Es gibt, auch im Metier des Krimis, ein ehernes Gesetz, welches besagt: Wer gut ist, findet auch sein Plätzchen. Das stimmt meistens, aber nicht immer, und selbst wenn es stimmt, ist die Publikationsgeschichte solcher Texte oft eine einzige Odyssee, ein grausige Story voller Ignoranz und Tränen. Die Leserschaft ahnt davon nichts. Für sie ist alles, was nicht veröffentlicht wird, eben Schrott, alles, was als selbstverlegtes Buch (book on demand) erscheint, des Lesens nicht wert. Und auch hier: Das stimmt meistens, aber eben nicht immer. Zwei Beispiele dafür, wie herausragende Autoren von Kriminalromanen jahrelang ihre Chance suchten und nicht fanden, dann aber doch ein Happy End erleben durften, seien etwas ausführlicher erzählt.

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Dem Autor Peter J. Kraus begegnete ich zum ersten Mal in den neunziger Jahren, als er im Chr. Links Verlag drei Bücher über Rockmusik veröffentlichte. Es waren besondere Bücher, perfekte Mischungen aus Fakten und lockerem, niemals oberflächlichem Erzählen. Sie waren in einem Ton geschrieben, der mir in der eher tristen deutschen Musikbuch-Landschaft noch nie begegnet war, und das kam nicht von ungefähr. Denn Kraus lebt seit frühester Kindheit in den USA, im sonnigen Kalifornien zumeist, er hatte u.a. als Radiodiskjockey gearbeitet, sein Stil war das, was man in der amerikanischen Popmusik als »laid back« bezeichnet, niemals überanstrengt, immer auf angenehme Weise witzig, neugierig und originell. Kurzum: Ich war begeistert und besprach diese Bücher entsprechend euphorisch.

Kraus antwortete mir und bedankte sich, wir hielten lockeren Kontakt und so erfuhr ich, es stehe nun ein Krimi ins Haus, Geier betitelt. Das war 2003. Dass Geier im doch renommierten Knaur Verlag erscheinen würde, war so selbstverständlich nicht gewesen. Eine lange Irrfahrt war dem vorausgegangen, Absagen über Absagen, dazu entmutigende Erlebnisse mit Literaturagenten. Aber immerhin: Das Buch erschien. Und war klasse. Es wurde für den »Glauser«-Preis in der Sparte Debüt nominiert, ging zwar leer aus, aber, so dachte man naiv, der Mann geht seinen Weg. Neue Manuskripte ruhten bereits in der Schublade, es konnte also weitergehen.

Ging es aber nicht. Der Knaur Verlag wechselte den Besitzer, Geier hatte sich trotz durchweg positiver Kritiken, nicht allzu gut verkauft, neue Verlage bekam Kraus nicht an die Angel. Seine Karriere als Krimiautor schien damit beendet – ein Skandal. Denn während seine Manuskripte in der Schublade ruhten, wurde fleißig weiter veröffentlicht. Einiges Gute, das gewiss, doch in der Mehrzahl das altbekannte unbeholfen gedrechselte Zeug, provinzielles Spannungsstammeln, die ewig gleiche Masche. Nichts von jener Weltoffenheit eines Peter J. Kraus, nichts von seiner unaufgeregten Sprache, nichts von den Dingen, die er aus der Schönen Neuen Welt zu erzählen hatte.

Nun, die Geschichte fand ihr Happyend. Gerade ist Kraus’ zweiter Krimi, Joint Adventure bei Conte erschienen, und das ist jetzt natürlich hemmungslose Schleichwerbung, ich weiß das, aber wer erfreuliche Kriminalliteratur schätzt, der greife hier zu.

Auch bei Conte erscheinen wird im Frühjahr der zweite Krimi von Jens Luckwaldt. Sein Erstling, Tod in Arkadien, hatte 2006 in meiner Post gelegen, ein »book on demand« und mit entsprechenden Vorbehalten war ich an die Lektüre gegangen. Wieder einer, der es bei Verlagen nicht geschafft hat und nun als Selbstverleger auftrat. Man kannte das, man erwartete sich nichts. Und wurde überrascht. Tod in Arkadien spielt im 18. Jahrhundert, ist also ein »historischer Krimi«, aber was für einer! Hier stimmt alles: die Atmosphäre, besonders jedoch die Sprache, die zu keiner Zeit gekünstelt wird. Und spannend ist das Ding auch noch. Ich besprach das Buch ergo sehr positiv und wünschte dem Autor einen »richtigen Verlag«, und den fand er auch. Tod in Arkadien erschien wenig später bei bebra, einem Spezialisten für solche »historischen Krimis«.

Und verkaufte sich nicht gut. Auch hier das Kraus-Phänomen; alle Welt giert anscheinend nach »guten Krimis«, doch verlegt und verkauft wird bevorzugt der übliche Mist, gerade im Segment »historischer Krimi«, wo sich das oberflächliche und unausgegorene, stilistisch kaum noch als Literatur wahrzunehmende Zeug auf den Verkaufstischen der Buchhandlungen fläzt und die wirklich originellen Manuskripte niemals das Tageslicht der Veröffentlichung sehen.

Gut, auch hier das Happy End. Aber das sind nur ZWEI Beispiele, zwei traurige Fälle, in die ich durch Zufall sehr verwickelt war, und die wider Erwarten ein vorläufig gutes Ende fanden. Wieviele andere lesenswerte Krimis jedoch werden wir NIE zu Gesicht bekommen? Und WARUM ist das so?

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Wir wollen nun nicht darüber klagen, dass es bisweilen gute Bücher nicht oder nur auf Umwegen schaffen, überhaupt zu Büchern zu werden. Denn was ist überhaupt ein »gutes« Buch? Gut ist, was der Leser, die Leserin für gut befindet und sich folgerichtig gut verkauft. Auch das überrascht nicht, denn auch der Handel mit bedrucktem Papier unterliegt den Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage sowie den manipulativen Kräften, mit denen für ein Produkt geworben wird. Dabei kommt es allerdings zu einer schizophrenen Situation. Instinktiv halten sich die Verlage an das kommerziell Bewährte – und hoffen gleichzeitig, dass es ihnen gelinge, einen nagelneuen Hype auszulösen

Das letzte Beispiel für solche Hypes ist der Erfolg von Sebastian Fitzek. Das was er zu bieten hat, ist beileibe nicht »neu«, es ist sogar, genau genommen, ziemlich alt. Unerklärliche Ereignisse, Doppelgängertum und psychische Manipulation in finsteren »Irrenhäusern«, das verkauft sich seit Wilkie Collins’ Frau in Weiß (1840) recht ordentlich. Fitzek ist es nun aber gelungen, auch mit Hilfe des Internet, mehr als nur recht ordentlich zu verkaufen. Irgendwie hat er es geschafft, ein selbst von seinem Verlag nicht in diesen Dimensionen erwartetes Erfolgsrezept zu entwickeln, an das sich, wen wundert’s, sogleich andere Verlage und Autoren zu hängen versuchten. Seit Fitzek wimmelt es in der deutschen Kriminalliteratur jedenfalls nur so von unerklärlichen Ereignissen, Doppelgängertum – siehe oben.

Auch Andrea Maria Schenkel traf vor Jahr und Tag mit Tannöd einen Nerv, von dem selbst der Verlag nicht wusste, dass es ihn überhaupt gab. Das Beispiel Schenkel ist deshalb aufschlussreich, weil es uns auch zeigt, wie Hype funktioniert. Für den recht kleinen Verlag Nautilus war das Buch von Anfang an ein Riesenerfolg; dann erhielt es den Deutschen Krimipreis und wurde auch von den großen »Meinungsmultiplikatoren« entdeckt, dem SPIEGEL und Frau Elke Heidenreich, die damals als letzte Instanz des literarischen Geschmacks im Fernsehen agierte. Die eh schon beeindruckenden Verkaufszahlen verzehnfachten sich und ein spektakulärer Plagiatsvorwurf tat sein Übriges, das Buch in der Diskussion zu halten. Spannender waren indes die Reaktionen der Leserschaft. Wohl kein deutscher Kriminalroman hat das Lesevolk so sehr gespalten, so viel Bewunderung, aber auch so viel Enttäuschung produziert. Auch das ist ein Mechanismus des Marktes. Etwas wird als »gut« eingeschätzt, weil alle Welt behauptet, es sei gut, weil man über ein Buch pausenlos redet, es allgegenwärtig scheint.

Tannöd ist das Paradeexempel dafür, wie der bewährte Marktmechanismus – Wir verlegen nur das, was sich immer schon gut verkauft hat – bisweilen ausgehebelt wird. Denn auch hinter Frau Schenkel lag eine zermürbende Verlagsodyssee mit Dutzenden von Absagen, und eine Lektorin erzählte mir einmal, auch sie hätte den Text, so er ihr angeboten worden wäre, abgelehnt. Unverkäuflich …

Gibt es also wirklich keine Qualitätskriterien jenseits der Verkäuflichkeit? Natürlich gibt es sie, aber sie bleiben im Hintergrund. Kriminalliteratur dient per se der Unterhaltung und wird genauso gehandelt. Sie haben einen kleinen feinen Verlag, doch kein Mensch kauft Ihre Bücher? Dann veröffentlichen Sie einen Regionalkrimi, der findet immer seine Leserinnen und Leser. Oder halten Sie sich an die Aktualität, hängen Sie sich an gesellschaftliche Diskussionen. Wieder ein »Ehrenmord«? Das ist einen Krimi wert! Und genauso geschieht es auch. Wenn Verlag und Autor sich dann auch noch »bedroht« glauben – um so besser. Auch das erhöht den Umsatz.

Das ist natürlich auch eine Empfehlung für alle, die einen Krimi schreiben wollen. Lesen Sie sich sorgfältig durch das Produktsegment, studieren Sie die Amazon-»Rezensionen«, um zu erfahren, wie die werte Leserschaft gerade tickt. Machen Sie keine Experimente, schreiben Sie vollständige deutsche Sätze, gestalten Sie Ihren Helden positiv, lassen Sie nichts unaufgeklärt. Dann erbarmt sich vielleicht ein Lektor.

Hm, aber dazu müsste dieser Lektor, diese Lektorin Ihr Manuskript erst einmal lesen. Gehen Sie nicht davon aus, dass dem auch wirklich so ist. Lektoren sind in der Regel schlechtbezahlte Menschen, die, man staune, Texte zumeist in ihrer Freizeit lesen müssen, weil sie eigentlich anderes zu tun haben. Sie arbeiten mit Autoren, sie schlagen sich mit Verlagsvertretern und lästigen Literaturagenten herum usw. Wenn Sie Pech haben, erreicht Ihr Manuskript niemals das Lektorat, sondern wird von einer Praktikantin abgefangen, die für die »Vorauswahl« zuständig ist. Frisch dem Germanistikstudium entronnen und bar jeglicher Krimikennerschaft wird diese Instanz Ihr Manuskript »prüfen«. Erwarten Sie also nicht zuviel, erwarten Sie am besten gar nichts.

Sondern gehen Sie lieber gleich zu einem Literaturagenten. Der kennt sich aus und bringt Ihr Manuskript bei einem Verlag unter, wofür in der Regel 15% Honorar von Ihren Honoraren fällig werden, was in Ordnung geht. Nur: Auch der Literaturagent nimmt nicht alles, sondern vorzugsweise das, was er für verkäuflich hält. Und verkäuflich ist nun einmal – siehe oben – das, was sich schon immer gut verkauft hat.

Was aber geschieht mit dem, was die Kriminalliteratur letztlich nach vorne bringt? Dem einigermaßen Neuen und Originellen? Ein tröstliches Wort zum Abschluss: Es hat seine Chance. Nicht nur in kleinen Verlagen, deren Idealismus größer ist als ihre Kriegskasse und die überhaupt nur existieren, weil Menschen genau das verlegen wollen, was sie selbst für GUTE Kriminalliteratur halten, sondern auch größere Häuser wagen es manchmal, jenseits vorgetrampelter Pfade zu operieren. Natürlich in der Hoffnung, einen neuen Hype auszulösen, aber das sei ihnen zugestanden. Sie müssen schließlich Geld verdienen.

Geld verdient man mit Menschen, die Geld ausgeben, und das ist nun die Crux des Ganzen. Die Leserinnen und Leser selbst sind die entscheidende Instanz in Sachen Qualität. Lassen sie sich von Marktschreierei beeinflussen, hängen sie zu sehr an dem Bewährten, dann erhalten sie am Ende tatsächlich nur das, was es schon immer gab: das seelenlose Produkt, Ex-und-Hopp-Literatur, billigste Versatzstücke.

Darwins Lehre von der Entwicklung der Spezies kam zu dem Schluss, am Ende überlebe nur, wer sich seiner Umwelt anpasst (»Survival of the Fittest«). Das lässt, auf Kriminalliteratur bezogen, nichts Gutes ahnen. Aber: Manchmal verändert sich auch die Umwelt, manchmal haben sogar die Leserinnen und Leser von Krimis die Nase voll von der immergleichen betrüblichen Spannungslandschaft, durch die man sie jagt. Sobald dies geschieht, beginnt Veränderung. Und von der lebt auch der Krimi.

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