Erzähl, Perspektive!

von Dieter Paul Rudolph

Der Kolumnist war ein Mann in den besten Jahren. Er saß den ganzen Tag an seinem Schreibtisch und wartete auf gute Ideen. Manchmal hatte er sogar welche, wenn auch selten. Aber waren sie wirklich gut genug für sein anspruchsvolles Publikum, die gnadenlosen Kritikerinnen und Kritiker unter seinen Lesern bei der Krimicouch? Oder würden sie ihn brutal vom Möbel kicken? Der Kolumnist bekam Depressionen. Ihm fiel rein gar nichts mehr ein. Er hatte Angst. Er begann zu trinken. Er trieb sich herum. Er gab sein Geld für käufliche Frauen, käufliche Krimis und käufliche Freunde aus. Als schon alles zu spät war, hatte er wieder eine Idee. Er würde eine Kolumne darüber schreiben, warum die meisten Leserinnen und Leser auf der Krimicouch sitzen und Krimis lesen und dabei die dritte Person Singular sowie die Vergangenheitsform bevorzugen. Das nämlich hatte der Kolumnist nie verstanden …

Oder so?. …

Mist. Schon wieder. Erst ma nen Kaffee. Scheiß weißes Papier. Hab schlecht geschlafen. Dieser Jochen wieder, der drängt und drängt, alter Sklaventreiber! Was im Ozean der Stachelrochen, is’ auf der Couch der alte Jochen. Hahahaha! Hilft nix. Muss mich hinsetzen und diese Kolumne …versteht eh wieder kein Schw …na was soll’s. Mal gucken ob ich nen halbwegs klaren Gedanken …

Das wollt ihr nicht lesen, oder? Ihr freut euch auf die dritte Person Singular, die Vergangenheitsform, den netten Erzähler, der euch aus der Distanz von diesem komischen Kolumnisten berichtet. Dürft ihr. Aber warum wollt ihr das überhaupt?

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Zweifellos ist die Erzählung in der Er/Sie-Form das ältere literarische Modell. Ausnahmen wie etwa Daniel Defoes Robinson Crusoe bestätigen die Regel. Hier erzählt die Hauptperson rückblickend von ihren Abenteuern, die Vergangenheitsform ist somit obligatorisch. Ende des 18. Jahrhunderts sorgt der Briefroman für eine entscheidende Neuerung. Hier spricht das ICH selbst und zwar überwiegend in der Gegenwartsform. Legendär ist Goethes Die Leiden des jungen Werther. Doch so ganz traut Goethe dem Ich nun doch nicht. Er führt einen »Herausgeber« ein, der distanzierter erzählt. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob der ungeheuere Erfolg dieser »Ich-Erzählung« eben darauf beruht, dass der Leser unmittelbar mit dem Helden empfindet. Der ist unglücklich verliebt und begeht Selbstmord. Es ist belegt, dass sich in der Folge einige Menschen selbst umbrachten und diese Selbsttötungen in Zusammenhang mit der Lektüre des Werther standen. Jedenfalls war das Buch ein ungeheurer Erfolg und Skandal, es löste diverse Moden aus und blieb das meistgelesene Werk des Autors. Wegen dem Ich? Gewiss auch.

Auf die Kriminalliteratur hatte diese zunächst keinen wesentlichen Einfluss. Die Erzählperspektive blieb die des Chronisten, der eine nicht selten hochmoralische Geschichte zu erzählen hatte. Für die erste wirkliche Veränderung sorgte – wer sonst? – Arthur Conan Doyle. Die Abenteuer des Sherlock Holmes werden von dessen Gehilfen Dr. Watson berichtet, dessen Ich-Person zwar wohldosiert im Hintergrund bleibt, aber doch eine zweite Ebene des Erzählens eröffnet. Zwar erleben wir bereits in den Detektivgeschichten Edgar Poes etwas Vergleichbares, doch bei Holmes wird diese Form auch zum dramaturgischen Prinzip. Der Erzähler selbst ist in die Ereignisse involviert. Wohl erzählt er sie nicht konsequent aus seiner (Ich-)Sicht, aber dieses Ich ist stets präsent.

Varianten dieser Erzählperspektive wurden in den folgenden Jahrzehnten reichlich entwickelt. Am cleversten vielleicht durch Wolf Haas. Seine Brenner-Krimis werden von einem anonymen Berichterstatter mit merkwürdigen Sprachgewohnheiten quasi am Stammtisch erzählt. Das so Typische der Sprache ersetzt hier also das »Ich«, wir werden als Zuhörer direkt angesprochen und lauschen einem Erzähler. Ein Aspekt, der uns gleich noch näher beschäftigen wird.

Das Ich im Kriminalroman wird zum erstenmal 1926 zum Gesprächsthema – und verursacht einen Skandal. In Agatha Christies Alibi (The Murder of Roger Ackroyd) ist es genau diese Erzählperspektive, die verblüfft – und alle Welt von »Tabubruch« murmeln lässt. Aber wir wollen an dieser Stelle nicht zuviel verraten. Es ist jedenfalls ziemlich wahrscheinlich, dass dieser »Verstoß gegen die Genregesetze« ohne die Wahl der Ich-Perspektive gar nicht erst möglich gewesen wäre.

Es ist ausgerechnet der schärfste Kritiker des von Agatha Christie zelebrierten klassischen Whodunit, der dem Erzählen aus der 1. Person Singular zu neuer literarischer Bedeutung verhilft. Raymond Chandlers Philipp Marlowe sieht die Welt konsequent aus seiner Sicht – und mit ihm der Leser. Kein souveräner Autor erklärt uns lang und breit die Welt – wir betrachten sie selbst durch die Augen des Protagonisten.

Warum nun erstaunlich viele Leserinnen und Leser einen Krimi wie ein heißes Eisen fallen lassen, wenn sie feststellen, dass er in der Ich-Form und – shocking! – gar noch im Präsens verfasst wurde, ist damit noch nicht ergründet. Aber zwei Aspekte sind schon angeklungen Erstens – siehe den »Werther« – erzählt das Ich die Ereignisse zu direkt, ja, so direkt, dass es uns im Innersten packen kann. Das, sollte man meinen, kommt doch dem Krimi, der genau das tun soll, zustatten. Aber vielleicht ist es ZU direkt?

Der zweite Punkt, über den uns Agatha Christies Alibi Auskunft gibt: Wir vertrauen dem Ich aus gutem Grund nicht. Es ist nicht der nüchterne Erzähler, der über den Dingen schwebt und uns alles nach bestem Wissen und Gewissen mitteilt. Genau hier beginnt der Fluch der »Genregesetze«.

Denn wer Krimis liest, fordert »die Wahrheit«. Alles muss zu einem logischen Ende geführt werden, der Autor darf uns nicht zum Narren halten, der Held nicht wie ein Taschenspieler plötzlich Erkenntnisse aus dem Ärmel ziehen. Wir erwarten eine Instanz, die uns die Ereignisse quasi in der Rückschau analysiert und präsentiert, eine neutrale und allwissende Person. Dies ist aus der Perspektive von Ich-Form und Gegenwart aus naheliegenden Gründen nicht möglich.

Natürlich mag auch etwas zutiefst Menschliches eine Rolle spielen. Stellt euch vor, ihr trefft einen Bekannten, der euch lang und breit aus seinem Leben erzählt. Irgendwann beginnen euch diese Belanglosigkeiten zu langweilen. Plötzlich fragt euch dieser Bekannte: »Hast du schon die Sache mit Georg gehört? Unglaublich, oder?« Sofort ist eure Aufmerksamkeit geweckt. Denn nichts machen Menschen lieber, als über abwesende Dritte zu reden oder Neuigkeiten zu erfahren. Genau das ist die Situation des Krimis in der Er / Sie – Form. Euer Bekannter erzählt euch eine Geschichte, er wird zur »zuverlässigen Informationsquelle«.

Wichtig ist hier auch die Vergangenheitsform, das Abgeschlossene. Wer möchte auf die Frage »Wie geht’s dir?« hören: »Nicht so gut. Hab grad finanzielle Probleme«? Sofort läuft es einem kalt über den Rücken: Der wird mich gleich anpumpen! Wie beruhigend ist deshalb die Antwort: »Oh, mir geht’s wieder gut! Ich hatte finanzielle Probleme, aber die sind gelöst.« Wunderbar, denkt man, alles ist Vergangenheit – und vielleicht kann ich den Typen jetzt selber anpumpen …

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Fassen wir kurz zusammen: Die Abneigung vieler Leserinnen und Leser gegen Ich- und Gegenwartsform könnte psychologische Gründe haben. Wir lieben die Sicherheit des angeblich souveränen und wahrhaftigen Erzählers. Leider gibt es noch eine andere Deutungsmöglichkeit …

Als ich meinen Roman Arme Leute veröffentlichte, war mir bewusst, auf welche Reaktionen er bei einer ganz bestimmten Gruppe von Lesern und Rezensenten stoßen würde. Und es kam auch so. Die Story wird nacheinander aus drei Ich-Perspektiven erzählt, von einigen Rückblenden abgesehen konsequent in der Gegenwartsform und, was dem Ganzen die negative Krone aufsetzt, von Erzählern, die möglicherweise nicht die Wahrheit sagen. Der Hauptvorwurf gegen den Roman lautete, vieles darin sei in »unvollständigen Sätzen« geschrieben, eine Rezensentin machte sich sogar die Mühe und zählte, über wie viele Zeilen sich mancher Satz hinzieht. »19!« stellte sie entsetzt fest und bescheinigte folgerichtig dem Buch, es sei eine Lesebremse.

Aber liebe Leute. Haltet mal für einen Moment inne und überlegt, wie normalerweise eure Gedanken ablaufen. Habt ihr wirklich in eurem Kopf einen Duden eingebaut, der jeden eurer Gedanken vor dem Bewusstwerden auf die syntaktische Vollständigkeit hin abklopft? Oder einen kleinen Oberlehrer, der bei jedem fehlenden Buchstaben (ich sag – ich sage) sofort mit der Nichtversetzung droht? Denkt ihr wirklich, wenn euch beim Shopping euer alter Lehrer Müller begegnet: »Oh, da kommt Lehrer Müller, der mich in der achten Klasse immer so getriezt hat, wenn ich mit meiner Jugendliebe Monika in der Bank hinter mir flirtete?« Oder denkt ihr einfach: »Mist, Müller der Arsch. Zunicken. Weitergehen. Auch bald ein Fall für die Urne. Uh, sweet Moni! Jetzt völlich ausm Leim gegangen. Tach Herr Müller...«

Ich geb’s ja zu, so zu schreiben wie man gerade denkt (oder sich dem wenigstens stilistisch anzunähern), hemmt den Lesefluss ganz gewaltig. Jenen Lesefluss nämlich, der möglichst ungestört und im ewig gleichschnellen Tempo durch sein Bett strömen möchte, ohne Strudel, ohne plötzlich auftauchende Hindernisse. Das traditionelle Erzählen aus der Perspektive eines Dritten kann hingegen mit dem Pfund wuchern, in möglichst erklärender und ausführlich beschreibender Sprache die Leserschaft getreulich durch die Geschichte zu geleiten. Das größte Hindernis beim Lesen scheint aber das Denken selbst zu sein. Wie gesagt: Mir war klar, welche Reaktionen auf Arme Leute kommen würden, doch ich kann mich damit trösten, nicht der einzige zu sein, den der Bannstrahl der Leser trifft.

David Peace zum Beispiel. Oder, ganz prägnant und unglaublich, Norbert Horst, dessen Romane konsequent aus der subjektiven Perspektive des Protagonisten erzählt werden, ohne dass dieser »ich« sagen würde. Das ist keine leichte Lektüre, keine, die einem umständlich erklärt, dass der Held gerade zum Kühlschrank trottet, um sich sein Müsli zuzubereiten. Man muss sich die Mühe machen, quasi in den Kopf dieses anderen Ich zu kriechen, um all die Stellen, die ausgelassen werden, selbst zu füllen. Das ist anstrengend, das hat vielleicht sogar etwas mit geistiger Mitarbeit zu tun. Aber es ist auch faszinierend.

Wenn wir nun kurz zusammenfassen wollen: Es sind wohl die »Gesetze des Genres« selbst, welche die Leser das Erzählen aus der Perspektive eines Dritten bevorzugen lassen. Was wir von Krimis erwarten, ist »logische Ehrlichkeit« und das beruhigende Gefühl, einer Geschichte zu lauschen, die in den Stunden, da wir sie lesen, schon zu Ende ist. Dazu kommt die Angewohnheit, einer Geschichte zuhören zu wollen, sie sich wie einen Film im Kopf vorzustellen. Man schaut, man staunt, man lässt sich nicht durch hektische, »unzusammenhängende« Schnitte und Bildfolgen irritieren. Und dennoch: Die Form des Ich und der Gegenwart hat ihren Reiz, sie ist anderes Lesen. Und das, glaubt mir, hat noch keinem geschadet.

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