Die Spaßleser und die Ernstleser. Szenen einer allzu geschmackvollen Ehe
Sobald sich etwas gut verkauft und nach Mainstream riecht, stürzen sich eben die Kritiker darauf. Beinahe schon amüsant, wenn es nicht so vorhersehbar wäre. …Mich hat das Buch wunderbar unterhalten, und das soll ein Buch schließlich tun.
Entweder man hat Geschmack – oder man hat keinen. Und diejenigen, welche Nele Neuhaus in den Himmel loben, haben wahrscheinlich noch nie einen guten Krimi gelesen.
Also mir fällt das nicht ein und um hier mal wieder eine allseits bekannte Wahrheit auszukramen: Die Geschmäcker sind nun mal verschieden. Zum Glück!
Im Krimileseland tobt ein kalter Krieg. Die Machtverhältnisse sind dabei grotesk, ein Heer von Spaßlesern steht einem Trüppchen von Ernstlesern gegenüber, auf den Fahnen flattern die Porträts von Nele Neuhaus oder Rita Falk beziehungsweise auf der anderen Seite der Frontlinie die von Jim Nisbet oder Jim Thompson. Aber die Angriffslinien bewegen sich nicht aufeinander zu. Manchmal werden verbale Ausfälle unternommen und dann eilt, man kann die Uhr danach stellen, sofort ein friedfertiger Leser, eine harmoniesüchtige Leserin zwischen die Streithähne und befindet: »Über Geschmack lässt sich nicht streiten!« Hm. Über was eigentlich sonst? Und selbst wenn nicht: Die Krieger im Krimileseland beruhigt das keineswegs.
Dabei ist der Kampf doch eigentlich längst entschieden. Und weil es ein kalter Krieg ist, wurde diese Entscheidung in den Buchhandlungen gefällt, wo man sich gegenseitig die kalten Schultern zeigt. Die Spaßleser gehen ignorant an dem vergilbten Exemplar von Derek Raymonds Ich war Dora Suarez vorbei, das der Ernstleser vor Begeisterung jauchzend aus seinem Regalversteck zieht. Vorher hat er naserümpfend die Türme mit dem neuen Nele Neuhaus passiert, vor denen sich die »Fans« um ihr Exemplar gerissen haben, als ginge es um sensationelle Schnäppchen beim Sommerschlussverkauf. Anderswo in der Buchhandlung geht es weit friedlicher zu. Rosamunde-Pilcher-Leser kaufen Rosamunde-Pilcher-Bücher, Thomas-Pynchon-Leser gieren nach Thomas-Pynchon-Büchern. Hier gibt es keine Gemeinsamkeiten außer der, dass sowohl bei Pilcher als auch bei Pynchon »Roman« auf dem Cover steht. In anderen Künsten ist es ähnlich. Natürlich kotzt der Freejazz-Liebhaber bei »volkstümlicher Musik« und die stolzen Besitzer von gerahmten Hirschen über dem Ehebett halten Picasso für einen Stümper. Nur: Man sagt es sich nicht öffentlich, weil man öffentlich nichts miteinander gemein hat. Es gibt keine Internetforen, in denen die Extreme zusammentreffen – Ausnahme: die Kriminalliteratur.
Das hat, wen wundert’s, historische Gründe. Am Anfang war alles Krimi, war alles Schund. Stimmte zwar nie, nistete sich jedoch im kollektiven Gedächtnis so ein. Und schrieb tatsächlich mal ein Hochliterat einen Krimi – Theodor Fontane beispielsweise oder der Schweizer Friedrich Dürrenmatt – dann war es gleich ein »literarischer Krimi«, den man sich irgendwie als einen weißen Schimmel vorstellen muss. Nun begab es sich jedoch zu jener Zeit – so jedenfalls steht es in der Schöpfungsgeschichte des Genres – dass die Kriminalliteratur nicht daran dachte, ewig und drei Tage lang auf billigem, holzhaltigem Papier (was man im Englischen »Pulp« nennt) ebenso billige und klischeehaltige Kost unter das Lesevolk zu streuen. Einige Autorinnen und Autoren jedenfalls entdeckten die literarischen Möglichkeiten des Krimis, sein durchaus wirklichkeitsanalytisches Potential und seine verlockenden Aussichten, auch solche Leserschichten zu erreichen, die normalerweise mit ein wenig »Wer wars?« und einem gerüttelten Maß Kitschromantik, Blutorgie und Küchenpsychologie zufrieden waren. Will sagen: Der Krimi veränderte sich, aber seine für viele Menschen offensichtliche Attraktion blieb die gleiche. Krimis waren spannend, ein Mord blieb ein Mord, eine Ermittlung eine Ermittlung.
Das hatte für das Genre weitreichende Folgen, die einerseits positiv waren, andererseits aber auch problematisch. Dass etwa Dashiell Hammetts Rote Ernte zum vielgelesenen Klassiker des Genres wurde, lag eben nicht nur an der zynisch-nüchternen Darstellung gesellschaftlicher Mechanismen, die das Buch zu einem frühen »Noir« machen. Man kann es auch anders lesen, als eine actionreiche und spannende Whodunit-Story, als sei Hammett lediglich die etwas wirklichkeitsnähere Ausgabe von Agatha Christie. Nicht anders ergeht es Autoren wie Friedrich Glauser, David Peace oder Derek Raymond, um nur ein paar wahllos herauszugreifen. Und Rex Millers Fettsack ist tatsächlich ein Fest für alle Freunde des blutrünstigen Metzelkrimis inklusive Serial Killer – dass es AUCH ein hochphilosophisches und politisches Werk ist, braucht diejenigen nicht zu interessieren, denen Krimi wohlige Gänsehaut und sonst bitteschön gar nichts produzieren soll.
Nun wäre all das nicht nur nicht schlimm, sondern sogar im Sinne des Erfinders von Literatur, falls es einen gäbe. Wer liest, liest im Grunde das, was er lesen möchte – und zwei Personen, die einen identischen Text lesen, kommen in der Regel zu zwei völlig unterschiedlichen Lektüreergebnissen. Zudem besteht immer die Möglichkeit, dass ein Spaßleser allmählich zum Ernstleser wird – und ein Ernstleser vielleicht auch einmal zum Spaßleser, der etwa ein Buch von Gilbert Adair einfach nur als gelungene Parodie auf Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle genießt und nicht auf Teufel komm raus nach irgendwelchen Botschaften, doppelten Bedeutungsböden und hohem geistigen Erkenntniswert stöbert.
Wir können uns die Kriminalliteratur als zwei Kreise vorstellen, deren Flächen sich so überlagern, dass eine Schnittmenge entsteht. Was sich auf diesem Feld abspielt, ist das eigentlich Spannende am Genre, denn hier treffen Welten aufeinander, die nicht zusammengehören. Warum sie dies nicht tun, merkt man, wenn man sich die Teile der Kreise betrachtet, die außerhalb dieser Schnittmenge liegen. All die Tier-, Fress- und Allgäukrimis einerseits, die hoch artifiziellen, aus jedem Rahmen der angeblichen Krimigesetze fallenden Werke andererseits. Wem die detektivischen Schafe gar nicht lustig genug blöken können, der mag vielleicht Das Schweigen der Lämmer, aber wird von den komplexen Romanen eines Jerome Charyn die Finger lassen. Wer seinerseits Charyn mit Vergnügen liest, wird sich Schafe nur als Lieferanten von Käse vorstellen können. Hier also tobt der Krieg. Es gibt eine Menge von Gemeinsamkeiten, die, genauer betrachtet, keine sind, man fühlt sich irgendwie als eine »große Gemeinde von Krimienthusiasten« und ist doch in verfeindete Lager aufgespalten. Kurzum: Man führt eine Art Zwangsehe – und in der kriselt es gewaltig.
Wer hat nun recht? Jeder erfahrene Eheberater wird weise erklären, Schuld sei selten einseitig, ja, von Schuld könne gar nicht geredet werden. Alles schaukelt sich hoch, Ursache und Wirkung wechseln sich ab, ein Wort gibt das andere – man passt einfach nicht zusammen. Die einzige vernünftige Lösung: Scheidung. Mag sich verlockend und logisch anhören, aber wollen wir U-Krimis und E-Krimis? Wir fielen damit genau dorthin zurück, wo das ganze Elend seinen Ausgang nahm, in die arrogante Einstufung von Kriminalliteratur als von Natur aus minderwertig, und wenn sie das einmal nicht war, dann nannte man sie gleich nicht mehr Kriminalliteratur, sondern »mehr als Krimi«. Außerdem: Wer soll denn entscheiden, was nun U und was E ist? Der Gedanke an eine Geschmackspolizei ist hoffentlich nicht nur mir zuwider.
Also leben wir, wie in so vielen Ehen, einfach weiter nebeneinander her, haben uns nichts mehr zu sagen und zoffen uns bisweilen? Und um unsere Ruhe zu haben, geben wir schließlich klein bei und stellen fest: »Über Geschmack lässt sich nicht streiten?«. Das wäre das Ende der Literaturkritik, was man überleben würde, es wäre aber auch das Ende des Denkens, denn Kritisieren heißt eben nicht etwas niederknüppeln sondern von allen Seiten betrachten, einordnen, bewerten. Was nicht nach jedermanns Geschmack ist, vor allem nicht nach dem der möglicherweise in den Senkel gestellten Autoren, und manchmal zoffen sich auch die Spaßleser untereinander:
Wie man »Dampfnudelblues« von Rita Falk nur 5 Grad und »Wer Wind sät« dagegen satte 66 geben kann, ist mir schleierhaft. Stilistisch liegen zwischen den beiden Büchern tatsächlich Welten.
Diese untragbare Krimi-Couch-Kritik Herrn Carsten Jaehners missachtet die Grundprinzipien des Rezensierens! …Eine selten unnötige Rezension. Und durchaus feindselig. Der Autor
Also am Ende doch alles nur Geschmack? Nennen wir es lieber anders, nennen wir es Bedürfnis. Ich lese einen Krimi, weil ich klare oder auch diffuse Bedürfnisse verspüre. Ich möchte die Zeit totschlagen, miträtseln, die Welt mit anderen Augen sehen, schöne Sprache genießen oder mich einfach überraschen lassen, ich brauche die Bestätigung meiner Ansichten oder ich hoffe, dass meine Ansichten ins Wanken geraten. Alle diese Bedürfnisse könnte man nun in die bekannten Kategorien stecken und die Spaß- von den Ernstlesern trennen, in die also, denen es bei einem Krimi einfach nur um netten Zeitvertreib geht, Spaß eben, oder, auf der anderen Seite, darum, Literatur als eine aufregende Konstante in ihrem Leben ernstzunehmen, sich an einem Text zu »reiben«, wie es so schön heißt. Aber ganz ehrlich: Manchmal bin ich ein Spaßleser, manchmal ein Ernstleser, denn meine Bedürfnisse sind halt mal diese und mal jene. Ich schätze solide amerikanische Thriller, bei denen ich genau erkenne, dass sie nach dem altbekannten Strickmuster aufgebaut sind. Habe ich sie ausgelesen, habe ich sie auch gleich wieder vergessen. Doch sie haben ihren Zweck erfüllt. Ich lache auch gerne, ohne dass mir dieses Lachen im Halse stecken bleibt. Neulich etwa bei »Kirtag«, dem Debütkrimi des Österreichers Herbert Dutzler. Okay, ganz harmlos, nichts Weltbewegendes – und hätte ich den Roman zu einem anderen Zeitpunkt gelesen, zu einem Zeitpunkt also, an dem meine Bedürfnisse eher nach einem schwarzen und ausweglosen Roman von David Peace verlangt hätten, das Ding wäre wohl in hohem Bogen als »peinlicher Bockmist« in Richtung meines großen Buchentsorgungs-Containers geflogen.
Allerdings: So abgeflacht können meine Bedürfnisse gar nicht sein, dass ich ALLES lese, was mir Befriedigung verspricht. Rita Falk? Einfach nur peinlich, der Versuch, Wolf Haas auf das Niveau literarischen Amöbentums zu ziehen. Stieg Larsson? An dem habe ich mir schon oft genug das Maul verbrannt, also jetzt auch hier noch einmal: Ein geschickt zusammengeklautes Sammelsurium von so ziemlich allem, was in anderen Zusammenhängen große Kriminalliteratur ausmacht, von Modesty Blaise bis Kommissar Beck. Ein Köder für alle Fische, die auch noch nach den modrigsten Happen schnappen. Natürlich geht es auch anders rum. Es gibt Leser, die halten Andrea Maria Schenkels Bunker für ausgemachten Blödsinn, Stefan Kiesbyes Hemmersmoor für verhunzte Schauerliteratur oder James Ellroy generell für einen Großfabrikanten von Schweinkram. Finde ich auch völlig in Ordnung. So kann man das lesen und sich trefflich darüber streiten.
So, jetzt kann der Krieg wieder losgehen. Die Geschmäcker sind halt verschieden, Streit lohnt sich nicht, lassen wir uns also scheiden. Oder nein, machen wir etwas ganz anderes. Hören wir einander zu. Ich verstehe nämlich, dass jemand Rita Falk gerne liest oder Stieg Larsson für die letzte Offenbarung der Kriminalliteratur hält. Ich verstehe das, wenn ich es auch nicht nachvollziehen kann. Ich verstehe auch, warum wahrscheinlich weit mehr Menschen zu Linwood Barclays Kein Entkommen greifen und zufrieden sein werden, als etwa zum neuen Roman von Norbert Horst. Warum jedes gespreizte, mit zusammengekniffenen Pobacken formulierte Lustigsätzchen von (setzen Sie hier bitte einen beliebigen Namen eines »schelmischen Regiokrimiautors« ein) mehr Lacher bekommt als der wunderbar lockere Humor eines Peter J. Kraus. Ich verstehe sogar – obwohl es mir schwer fällt -, warum das »gesellschaftliche Element« im neuen Roman von Nele Neuhaus die Leserschaft brennender interessiert als die gnadenlose Metzelei am Körper der Gesellschaft, wie sie einst ein Derek Raymond veranstaltete. Mein Gott, ich versuche sogar zu verstehen, wie Menschen sich damit brüsten können, einen Krimi in Rekordzeit gelesen zu haben, als ginge es beim Lesen um Geschwindigkeit ("Ich habe für Eine Hand voll Asche ungefähr einen Tag gebraucht um es komplett zu lesen – also ein sehr gutes Buch."). Hauptsache, die Gedanken stolpern nicht.
Doch, ich verstehe das alles. Wir beschäftigen uns mit Dingen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, am Ende steht immer die Frage, ob es uns gelungen ist oder nicht. Das ist bei Büchern so oder Pizza oder Golf oder Musikhören oder Sexmachen oder Fußballgucken. Nur: Sollen wir uns damit zufrieden geben? Sollte man nicht – Geschmack hin oder her – einfach einmal versuchen, sich auf einer einigermaßen objektiven Ebene zu treffen, wo man ohne Schaum vorm Mund seine Vorlieben und Abneigungen begründen kann? Dazu gehört aber auch, dass man unangenehme Wahrheiten akzeptiert. Wenn ein Krimi aus lauter Versatzstücken besteht (wie der schon erwähnte von Linwood Barclay, den ich kürzlich lesen durfte), dann hat es wenig mit Geschmack zu tun, wenn man eben feststellt, DASS er aus lauter Versatzstücken besteht. Wenn Wer Wind sät von Nele Neuhaus schon auf den ersten paar Seiten mit sprachlichen Nichtigkeiten um sich wirft, dann muss man das sagen dürfen. Das sind keine Geschmacksfragen, das sind nüchterne Feststellungen. Sie brauchen all diejenigen nicht zu interessieren, denen es völlig egal ist, ob sie sich durch Versatzstückkrimis lesen oder von einer sprachliche Plattitüde zur nächsten hangeln. Als Ernstleser muss ich aber auch akzeptieren, dass es einem Spaßleser ziemlich auf die Nerven gehen kann, wenn er bei Reginald Hill und seinen zahlreichen literarischen Anspielungen nur Bahnhof versteht. Vielleicht liest er ihn ganz gerne, aber aus völlig anderen Gründen. Man hat eben andere Bedürfnisse – und vielleicht sind diese Bedürfnisse morgen wieder andere und dann stört es die Spaßleser plötzlich, solche Versatzstücke, solche Sätze zu lesen. Denn genau darum geht es: Dass man auch einmal andere Bedürfnisse hat. Sich sagt: So, jetzt will ich mich einmal hemmungslos unterhalten, den Kopf ausschalten, mich mit dem neuen Nele Neuhaus in den Liegestuhl hauen. Oder aber: Nun wäre es an der Zeit, diesen Jim Nisbet zu lesen, den doch alle Kritiker so loben.
Es gibt keine guten und schlechten Bedürfnisse, es gibt befriedigte und unbefriedigte, es gibt solche, die man kennt und solche, die man noch nicht kennt. Letztere sollte man wecken – aber bitte nicht durch die PR-Abteilungen der Verlage, sondern durch eigene Neugier. Das Genre Kriminalroman, das noch nicht so strikt in Interessenlager geteilt ist, könnte ein ideales Feld dafür sein, die schwammigen Grenzen zwischen Unterhaltung und ernsthafte Lektüre in beide Richtungen zu überschreiten, indem man sich zum Beispiel auf der Krimi-Couch (von der auch alle in diesem Text vorkommenden Zitate stammen) trifft und Meinungen austauscht. Gerne auch, bis die Fetzen fliegen, aber bitteschön ohne das Totschlagargument der verschiedenen Geschmäcker. Ist ja ok. Bringt uns aber nicht weiter.

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