Die fünf größten Krimi-Irrtümer …

von Dieter Paul Rudolph

Ein neues Jahr beginnt. Und die alte, ewige Nummer geht weiter: Wir lesen und lesen, bevorzugt Kriminalromane, es werden immer mehr und wir werden immer schlauer. Ja, wir werden richtige Experten. Was Krimis anbetrifft, wissen wir alles – wirklich? Der Kolumnist möchte euch dennoch auf die fünf größten Krimi-Irrtümer hinweisen, ohne dabei zu unterstellen, dass ausgerechnet ihr sie begehen könntet. Aber man wird immer wieder mit Argumenten in Sachen Krimi konfrontiert, die im besten Falle naiv, im schlechtesten allerdings brunzdumm sind. Also auf ins Gefecht …

 Irrtum 1: Fast jeder Krimi ist ein Regionalkrimi

 »Insgesamt leider ein Buch, das man nicht gelesen haben muss, obwohl es in Köln spielt.« – schreibt ein KC-Leser aus – wahrscheinlich – Köln über einen Krimi, der in Köln spielt. Ach, es ist ein Graus! Als müsste ich, weil ich vielleicht in Wanne-Eickel wohne, sämtliche Wanne-Eickel-Krimis (es gibt bestimmt mindestens 136) von Leuten zur Kenntnis nehmen, die im wirklichen Leben keinen Einkaufszettel ohne Grammatikfehler hinkriegen und mir jetzt zumuten wollen, aus einem diffusen Heimatgefühl heraus tödlich längliche 300 Seiten übelster Machart zu lesen.

 Ihr merkt es: Wenn ich das Wort »Regionalkrimi« nur höre, trauere ich unserem schönen alten Kohleofen nach, der auch bedrucktes Papier nicht verschmähte. Dabei ist das natürlich ungerecht. Es gibt durchaus gelungene Regionalkrimis, es gibt schließlich auch Pferde, die »Muh« sagen. Aber man hat den Eindruck, es gäbe NUR noch Regionalkrimis. Lesen wir mal, wie ein Verleger das so sieht, wenn er sich darüber beschwert, dass wir Kritiker seine Regionalkrimi-Produktion verschmähen:

 »...dass Wir Kinder von Bullerbü auch ein regionaler Titel ist, dass Chandlers Krimis Los-Angeles-Krimis sind. Dass Maigret und Mankell, Glauser und Malet und viele andere ihre Heimat zu Literatur gemacht haben.«

 Der arme Mann, der uns hier über das Wesen von Literatur belehrt, heißt Hejo Emons und leitet den gleichnamigen Verlag, aus dessen Frühjahrsvorschau 2010 dieses Zitat stammt. Und man fasst es nicht! Er scheut sich nicht, das allerdümmste Argument für den Regionalkrimi beizubringen, dieses »Und wo spielen die Romane von Chandler, hä?«, das man von einem eher schlichten Gemüt erwarten darf, nicht jedoch von einem Mann, der genau weiß, warum er »Regionalkrimis« im Programm hat: Weil sie sich anständig verkaufen. Mal ganz davon abgesehen, dass nicht Maigret seine »Heimat« zu Literatur gemacht hat, sondern Herr Simenon: Was würde man wohl mit einem Chandler-Roman anstellen, auf dem »Los-Angeles-Krimi« stehen würde? Genau. Man würde ihn ungeöffnet in den Papierkorb werfen und sich beim Verlag über so viel Unverfrorenheit  beschweren. Noch nie ist ein Roman von Chandler oder Glauser oder Malet gekauft worden, weil er in Los Angeles, Bern oder Paris spielt. Bei Mankell mag es anders sein, den haben inzwischen diverse südschwedische Fremdenverkehrsämter für sich vereinnahmt, und dafür kann er einem leid tun.

Der Unterschied zwischen, sagen wir, Chandler und Frau Würzig-Almhuber mit ihrem »Garmisch-Partenkirchen-Krimi« ist ein ganz anderer. Chandler nutzt die Charakteristika des Handlungsortes für seine Geschichte – Frau Würzig-Almhuber nutzt sie lediglich zum Leserfang, tatkräftig unterstützt von ihrem Verleger, der genau weiß: Ein paar Hundert Hanseln krieg ich schon, wenn ich ganz groß »Garmisch-Partenkirchen-Krimi« aufs Cover schreibe. Ein reiner Werbegag also, nichts weiter, Menschen lesen nun einmal gerne Krimis, die an Orten spielen, die sie kennen. Dagegen wäre auch nichts zu sagen, würden die Autoren solcher Bücher tatsächlich »ihre Heimat zu Literatur machen«. Tun sie aber in der Regel nicht. Sie machen sie zu einer Verkaufsmasche, einer Aneinanderreihung von »Sehenswürdigkeiten«, zumeist in einem Stil, den man bei gewöhnlichen Sechstklässlern noch tolerieren mag, aber nicht bei Menschen, die sich »Autorin/ Autor« nennen. Leo Malet mag seinen Helden Nestor Burma tatsächlich durch die Pariser Arrondissements schicken, auf dass sie uns Paris zeigen. Er verknüpft dabei jedoch die Geschichte der Stadtteile mit den Geschichten der Menschen, die dort leben und langweilt uns nicht mit tollen Pariser Kochrezepten und belanglosen Handlungen aus belangloser Feder. DAS ist Literatur!

Irrtum 2: Je »literarischer« ein Krimi, desto besser!

Machen wir uns nichts vor: Der Kriminalroman ist das ungeliebte Kind des Feuilletons, es sitzt, wenn überhaupt, am Katzentisch der Literaturwissenschaft und gilt unter ästhetischen Gesichtspunkten als minderwertig. Mag sein, dass es in den letzten Jahren ein wenig besser geworden ist – aber nicht viel. Noch immer ist Krimi »nur Krimi« und es bedarf schon des »Literarischen«, um daraus »mehr als einen Krimi« zu machen. Viele Autorinnen und Autoren von Krimis können damit leben, weil sie weder sprachlich noch formal nach höheren Weihen streben. Kriminalliteratur ist immer auch Trivialliteratur, Punkt. Sie appelliert an das Unterhaltungsbedürfnis ihrer Leserschaft, sie muss kurzweilig und auf eine sehr offensichtliche Art »spannend« sein. Was nicht bedeutet, dass es damit immer getan wäre. Von Anfang an war Kriminalliteratur auch ein Mittel zur Gesellschaftsbeschreibung und zur Auslotung psychischer Zustände. Sie hat also getan, was Literatur im Allgemeinen zu tun pflegt: uns Dinge nahegebracht, die bisher fern von uns waren, uns neue, manchmal schockierende Ansichten vermittelt, uns zum Denken animiert. Kurzum: Krimis waren immer schon Literatur – was auch sonst?

 Wie aber verhält es sich nun mit dem Attribut des »Literarischen«, das man Krimis seit etlichen Jahren gerne aufpappt? Nun, vor allem ist es ein Werbegag, ein Lockstoff. Krimis sind gesellschaftsfähig geworden und haben Schichten erreicht, die man allgemein als Bildungsbürgertum bezeichnet. Dieses Bildungsbürgertum hat seit jeher einen besonderen literarischen Geschmack, den man am besten dadurch charakterisiert, indem man aufzählt, was er alles NICHT mag: Er mag keine schmucklos geschilderten Schweinereien, keine unvollständigen, gar grammatisch unkorrekten Sätze, er mag es nicht, wenn ihm Zustände und Ereignisse einfach vorgeführt werden. Nebenbei: Literarische Experimente mag er auch nicht, es sei denn, sie sind mindestens fünfzig Jahre alt und von den Edelfedern der Feuilletons abgesegnet.

 Diese potentielle Leserschaft von Kriminalromanen schätzt hingegen das Tiefgründige, allerdings nur, wenn es in hübsche Wörter und große Gesten verpackt ist. Macht nichts, wenn es sich dabei um die verschwurbelsten Banalitäten handelt:

 »Zungen an der Nelda ist ein fettes Chamäleon, das zwischen den Flüssen hockt, und wenn jemand wegwill, richtete es sich auf, dreht seine Augen in alle Richtungen, bis es ihn findet, schnellt seine Zunge in die Welt hinaus, klebt den Flüchtenden fest und verleibt ihn sich wieder ein.«

 So fabuliert Gert Heidenreich in seinem Kriminalroman Im Dunkel der Zeit. Abgesehen vom Tempusfehler (wer ihn findet, rahme ihn sich ein) ein typisches Beispiel dessen, was man hierzulande in den gebildeteren Kreisen unter »literarisch« versteht. Metaphern- und Symbol- und Bildergesummse bis zum Abwinken, düster-philosophisches Geraune im Dudenstandard, Existentielles, das bedeutungsschwanger raunt. Und der Plot? Läppisch. Aber »Krimi« muss halt sein, verkauft sich halt besser.

 Dabei gibt es »literarische Krimis« durchaus. Solche nämlich, die Wert legen auf Sprache und Form, die ihre Inhalte nicht im stilistischen Einheitsbrei eines defekten Schreibautomaten transportieren, sondern die Leser fordern. Jerome Charyn etwa schreibt solche Romane, Pieke Biermann ebenfalls, Norbert Horst, Jean-Pierre Manchette, Pablo De Santis, James Ellroy...
Wer »mehr als einen Krimi« lesen möchte, zeigt damit nur, dass er noch nicht reif ist für den nackten Krimi, der immer schon mehr war als das, was Ignoranten aus ihm gemacht haben. Und das Witzigste: In der sogenannten Hochliteratur steckt manchmal mehr Triviales als im hundsgewöhnlichen, dreckigen Krimi. Aber, pssst, nicht weitersagen. Sonst haut es das Bildungsbürgertum womöglich noch vom Diwan.

 Irrtum 3: Wichtig ist, was hinten raus kommt

 Okay, der Spruch ist jetzt geklaut, den hat einer gewisser Helmut Kohl auch schon mal losgelassen. Bei Krimis allerdings zählt genau das: was hinten raus kommt. Auch wenn es Mist ist.

 Es soll tatsächlich Leser geben, die einen Krimi nur lesen, weil sie die letzte Seite interessiert, auf der man den Mörder entlarvt. Schlimmer noch: Es soll sogar Autoren geben, die als allererstes festlegen, wer’s denn nun warum getan hat. An dieser Stelle ein kleines Geständnis: In meinem Roman Arme Leute habe ich den Täter ausgelost. Mir standen vier mögliche Übeltäter zur Verfügung, einer davon musste es sein, egal welcher.

 Natürlich wusste ich, »wie alles ausgehen« sollte. Das betraf aber generell den Inhalt, nicht eine einzelne Person. Es käme mir wie eine Verhöhnung des Lesers vor, ihn intellektuell für so genügsam zu halten, dass er selbst bei einem Whodunit nur auf die saubere Auflösung aus ist. Deshalb mag ich auch den Ausdruck »Page Turner« nicht, dieses Lob für das hastige Umblättern der Seiten im Rekordtempo, damit man bloß schnell zum Schluss kommt, wo dann beim großen Zapfenstreich Herr oder Frau Mörder überführt wird. Ganz im Gegenteil: Ich liebe Bücher, die man langsam lesen muss, die von Jerome Charyn beispielsweise oder die von Pablo De Santis, Krimis, deren Spannung man sich geistig erarbeitet. Und am schönsten ist es, wenn sich ein Krimi erst NACH der Lektüre in den Gedanken des Lesers, der Leserin ganz offenbart, einem plötzlich Zusammenhänge klar werden, für die man den Überblick braucht. Dann wird Lesen zum Erlebnis, zum Abenteuer. Völlig wurscht also, ob der Butler oder der Milchmann die alte Lady ins Jenseits befördert hat …

 Irrtum 4: Ein Krimi ist ein Krimi ist ein Krimi

 Ihr meint, darüber müsste man kein weiteres Wort verlieren, das verstünde sich von selbst? Aber es soll uns gar nicht um Inhalte gehen, nicht um die Vielfalt des Genres zwischen filigranem Psychokrimi und derbem Actionthriller. Sondern ganz profan um das Produkt Kriminalroman, das in den Buchhandlungen ausliegt und »Kauf mich!« schreit.

Da liegen sie nun: Ein fünfhundert Seiten starker Schmöker aus dem bekannten Hause XY und ein schmales Bändchen aus dem nicht ganz so bekannten Hause YZ. Während man für den Wälzer schlappe 8,95 € an die freundliche Buchhändlerin abdrücken muss, werden für das Bändchen mit seinen knapp 120 Seiten unglaubliche 12,90 verlangt. Ein Skandal! Ein typischer Fall von Betrug!

 So jedenfalls liest man es allerorten, auch hier auf der Couch. Ein Krimi ist ein Krimi ist ein Krimi – aber vor allem ist er ein Produkt, das den Marktgesetzen unserer Gesellschaft unterworfen ist. Sein Preis setzt sich aus den Kosten für Materialien und Dienstleistungen zusammen, und die sind nun einmal bei einem großen Verlag andere als bei einem kleinen. Es leuchtet ein, dass z.B. Goldmann, wenn er ein Taschenbuch in einer Auflage von 20.000 Exemplaren drucken lässt, dafür weniger STÜCKKOSTEN zu zahlen hat als z.B. Pulp Master oder Ariadne bei einem in äußerer Qualität und Umfang vergleichbaren Buch. Warum aber drucken nicht auch Pulp Master oder Ariadne ihre Bücher in größeren Auflagen? Richtig – sie werden sie wahrscheinlich nicht los. Als Teil des Verlagsriesen Random House wird der Goldmann-Krimi in den meisten Buchhandlungen ausliegen, sein Inhalt wird von erfahrenen Lektoren und Verlagsvertretern auf Verkäuflichkeit überprüft, er trifft also weit eher den »Geschmack des breiten Publikums« als ein Titel kleiner Verlage. Es gibt noch andere Kostenfaktoren, die Aufwendungen für die Übersetzung, zum Beispiel. Übersetzer sind chronisch unterbezahlt, jeder zusätzliche Euro Honorar, den ein idealistischer Verlag vielleicht zahlt, erhöht den Preis.

 Man könnte jetzt unendlich ins Detail gehen, es würde am Ergebnis allerdings nichts ändern: Die Bücher der Kleinen müssen teurer sein als die der Großen, das ist fast ein Naturgesetz. Dabei haben kleine Verlage eine fatale Möglichkeit der Kostensenkung und machen auch ausgiebig davon Gebrauch: die Selbstausbeutung. Ich kenne Verlage, in denen LektorInnen, ÜbersetzerInnen, selbst die VerlegerInnen quasi »ehrenamtlich« oder für ein lächerliches Gehalt arbeiten. Täten sie das nicht, wären sie überhaupt nicht in der Lage, ihre Titel zu produzieren. Und diese Titel sind wichtig, weil sie aus dem Raster der Großen herausfallen, bei denen betriebswirtschaftliche Aspekte im Vordergrund stehen.

 Also: Nicht mehr jammern und fluchen, wenn ihr für ein gutes Buch vielleicht etwas mehr hinblättern müsst. Ohne die kleinen Verlage wäre die Krimilandschaft endgültig eine Wüste der gutverkäuflichen, stromlinienförmig geschnittenen Massenware. Und das kann niemand wollen …

 Irrtum 5: Der Krimi ist irgendwann einmal erfunden worden

 Das stelle ich mir putzig vor: Jemand hockt auf seiner Schreibstube und schreibt. Plötzlich schreit er »Heureka!«. Denn er hat soeben den Krimi erfunden. Man fasst es nicht! Sofort eilt der gute Mann (könnte auch eine gute Frau gewesen sein...) zum nächsten Literatur-Patentamt und lässt sich seine Erfindung schützen. Ab sofort darf nur etwas »Krimi« heißen, das eine Reihe von Anforderungen erfüllt: Der Mörder darf nie der Gärtner sein; alle Fälle müssen auf den letzten drei Seiten sauber aufgeklärt werden; der Held muss sympathisch rüberkommen; der Text darf keine Schachtelsätze enthalten, die drei Zeilen überschreiten. Usw …

 Aber leider: Der Krimi ist überhaupt nicht erfunden worden und konnte folglich auch nicht patentiert werden. Er hat sich aus einer Reihe von historischen, technischen, kommerziellen, philosophischen und literarischen Gegebenheiten heraus entwickelt und – Überraschung! – tut es heute noch. Wenn also in Zukunft wieder jemand zu greinen beliebt, der Krimi sei auch nicht mehr das, was er einmal war, dann rufen wir ihm freudig zu: Genau! Gott sei Dank! Und sind Kriminalromane wirklich schlechter geworden, wie uns einige Auguren glauben machen wollen? Die bittere Wahrheit: Die Mehrheit aller Krimis zu allen Zeit war schlichtweg SCHLECHT. Genauso wie die Mehrheit aller sogenannten »anspruchsvollen Romane«. Zusammengepfuschtes, schnell konsumiertes und noch schneller vergessenes Zeugs, Schutthalden, unter denen aber stets so manche Kostbarkeit verborgen war.

 Man muss nur neugierig bleiben. Etwas wagen. Und, ganz wichtig: sich von einigen Irrtümern verabschieden. Also greift auch mal zu einem »hochpreisigen« Taschenbuch aus kleiner, aber engagierter Produktion, das nicht gedrechselt literarisch ist, sondern wo die Sprache auf den Inhalt zugeschnitten ist. Ein Krimi, bei dem nicht nur die letzte Seite interessiert und den man nicht in Fremdenverkehrsämtern zur gefälligen Touristenlektüre auslegen kann. Könnte sich lohnen. – Und irgendwann schreib ich was über die nächsten fünf größten Krimi-Irrtümer …

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