Die Armbanduhr des römischen Wagenlenkers oder Ein paar einschränkende Gedanken zu »historischen Krimis«
Kennt ihr die Geschichte mit dem Römer und der Armbanduhr? Bei den Dreharbeiten zum großen Wagenrennspektakel in »Ben Hur« habe einer der Wagenlenker eine Armbanduhr getragen, so erzählt man sich. Ziemlich ungewöhnlich für die Zeit kurz nach Christi Geburt. Allerdings geschah dieser Faux Pas nicht in der berühmten 50er Jahre – Verfilmung mit Charlton Heston, sondern bereits in der Version von 1926. Ein Foto davon gibt es auch.
Ich muss gestehen, dass ich zunächst dachte, dieses Foto sei möglicherweise eine geschickte, dank Photoshop aber doch machbare Montage. Gab es 1926 schon Armbanduhren? Ja, gewiss, doch waren sie bereits so üblich, dass sie Teil des Alltags waren? Waren Sie anscheinend, und dank Wikipedia weiss ich das jetzt auch.
Nun, was soll diese kleine Geschichte, was hat sie mit unserem Thema, den historischen Krimis, zu tun? Eine ganze Menge, denn die Anekdote vereint in sich so jeden möglichen Fallstrick, über den historische Kriminalromane stolpern können – und es häufig auch tun. Manchmal sind sie schlichtweg Pfusch, nicht selten anachronistisch, sie sitzen Mythen auf oder sind schlichtweg Fälschungen. Nun will ich niemandem den Lesespaß an historischen Krimis vermiesen. Vorsicht allerdings ist geboten, vor überzogenen Erwartungen wird gewarnt. Denn wer sich tatsächlich einen »authentischen Blick in die Vergangenheit« erhofft, wird immer enttäuscht werden.
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Auch im Subgenre historischer Krimi steht das Gelungene neben dem Misslungenen, türmt sich der übliche Gedankenmüll, dominiert das blasse Mittelmaß und fristet die Intelligenz eher ein Schattendasein. Man findet historische Krimis, die sich wie ein zusammengegoogeltes Elaborat etwa über die Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lesen, von einem 0815-Plot notdürftig zusammengehalten, die Fugen mit allerhand Kitsch und Klischee klebrig verschmiert. Man findet aber auch Werke über jene Zeit, die »dem Geist« auf die Schliche kommen wollen, sei es in der brachial-düsteren Art eines Marek Krajewski oder in den eher unspektakulär-alltäglichen Beobachtungen eines Robert Hültner.
Hier wie dort aber gilt: Man sucht immer nach der Armbanduhr am Handgelenk des römischen Wagenlenkers, nach dem Anachronistischen, denn jede Darstellung des Vergangenen ist zwangsläufig »falsch«. Hier unterscheidet sich der historische Krimi gar nicht von der allgemeinen Geschichtsschreibung. Sie rekonstruiert und analysiert nach bestem Wissen und Gewissen (jedenfalls hoffen wir das), scheitert jedoch daran, dass sie die Denkweise jener Zeit, der sie sich widmet, nicht mehr oder nur unzureichend nachvollziehen kann. Ein kleines Beispiel.
Nehmen wir an, in 100 Jahren macht sich ein Schriftsteller an die Arbeit, über die turbulenten Jahre zwischen 2008 und 2010 einen spannenden »historischen Kriminalroman« zu verfassen. Er informiert sich über Finanzkrise und Klimawandel, die Situation in der Bildung und auch die sonstigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Zeit. Was er zusammenträgt, ist faktisch korrekt, aber kann es ihm wirklich gelingen, sich in die Menschen von vor 100 Jahren hineinzuversetzen? Ich weiß nicht, was in 100 Jahren sein wird. Aber nehmen wir einmal an, dass es ein ganz anderes Wirtschaftssystem gibt, keine Arbeitslosigkeit mehr, alternative Energien, ein computergesteuertes politisches System, das die geeigneten Politiker ermittelt und Wahlen überflüssig macht. …ach ja, und natürlich hat jedermann sein eigenes Raumfahrzeug, mit dem er am Freitag einen kleinen Trip zu seinem Wochenendhäuschen auf dem Mond machen kann. …
Hand aufs Herz: Kann ein durch solche Dinge geprägter Mensch wirklich nachempfinden, wie das vor 100 Jahren mit unbedeckten Leerverkäufen und Billiglöhnen war? Mit Ozon- und Finanzlöchern? Und was in den Menschen vorging, die alle dem ausgesetzt waren? Oder wird er sich nicht ganz natürlicherweise auf das beschränken, was man »Faken und Daten« nennt? Kann sein historischer Krimi also etwas anderes sein als der durch die aktuelle Sicht des Autors verfälschte Blick auf die Vergangenheit?
Aber widmen wir uns zunächst, dem Thema angemessen, der Geschichte jenes Trends zum Historischen. Schon einmal gab es einen Boom des historischen Romans. Er erreichte seinen Höhepunkt etwa zwischen 1860 und 1870, die behandelten Stoffe stammten vor allem aus der Zeit zwischen Mittelalter und Dreissigjährigem Krieg, nicht wenige handelten von Verbrechen, obwohl man sie nach dem heutigen Verständnis nicht als Krimis bezeichnen kann. So en vogue war der »historische Roman; dass es, um sich davon abzugrenzen, sogar «Romane aus der Gegenwart» gab. Die Kriminalliteratur wie wir sie heute kennen, steckte damals noch in ihren Kinderschuhen. Da sie zumeist vom gewöhnlichen Leben und seinen Verbrechen handelte, war ihr die Vergangenheit natürlicherweise fremd. Eine Ausnahme stellten die Ereignisse von 1848/49 dar, weil etliche der Krimiautoren in die damalige «Revolution" verwickelt waren und sie als Zeitzeugen aufarbeiteten.
Warum es diesen Boom gab, sollte sich jedem Geschichtsinteressierten rasch erschließen. Es war die Zeit vor der Reichsgründung 1871, man suchte nach der Tradition jenes erstrebten einigen Deutschlands und fand sie in den historischen Romanen. Sie beschworen das Verbindende aller Landsmannschaften, indem sie die Illusion einer gemeinsamen Geschichte, eines gemeinsamen Schicksals suggerierten. Der gegenwärtige Aufschwung des historischen Krimis dürfte andere, weniger politische Ursachen haben. Wahrscheinlich geht es nur um das Wichtigste auf dem Büchermarkt: um Profit.
Umberto Ecos Name der Rose eröffnete ein weites Feld für Krimiautoren. Eco war gewiss nicht der erste, der eine Krimihandlung vor längst vergangenen historischen Kulissen ablaufen ließ, aber der enorme Erfolg seines Romans inspirierte die üblichen Trittbrettfahrer, diese scheinbare »Marktlücke« sogleich mit eigenen »historischen Krimis« zu füllen. In den PR-Abteilungen der Verlage kreierte man zudem erfolgversprechende Mischformen boomender Subgenres, etwa den »kulinarischen Krimi« aus der Zeit des alten Fritz oder den Regionalkrimi aus dem Mittelalter. Historische Krimis sind also auch Teil einer seit längerem zu beobachtenden Entwicklung hin zum »Mehrwertkrimi«. Geiz ist auch hier geil; warum einen Krimi UND ein Kochbuch kaufen, wenn ich beides in einem haben kann? Man möchte sich nicht nur spannend unterhalten lassen, sondern auch etwas lernen, die Vergangenheit wird zum exotischen Setting, Geschichte in einer Story komprimiert, man taucht ein in das Unbekannte, man ist hautnah dabei. Genau das aber ist das Problem.
Es fällt auf, dass besonders die Jahre der Weimarer Republik und die sich anschließende Nazizeit beliebte Sujets kriminalliterarischer Bemühungen geworden sind. Dafür gibt es einen guten Grund: Es waren eben stürmische Zeiten, die »Wilden Zwanziger« und die Gesamtkatastrophe der Hitlerei, beides anrüchig und geradezu synonym für dunkle Vorgänge, Dekadenz und Verbrechen. Schauen wir kurz auf zwei Exemplare dieser Produktion.
In Uwe Klausners Walhalla-Code begegnen wir einem Kriminalkommissar, der explizit den Antinazi gibt. Historische Protagonisten wie Heydrich, Stalin oder Churchill tauchen als Romanfiguren auf, an Spionageversatzstücken und Actionszenen (Autobombe!) wird nicht gespart. Jan Zweyer geht hingegen in Goldfasan einen anderen Weg. Sein Held ist ein Mitläufer, unkritisch und duckmäuserisch, der Fokus der Handlung liegt weniger auf der großen Historie als auf dem Alltag im Dritten Reich. Zwei durchaus unterschiedliche Herangehensweisen also, und dass ich Zweyers Buch für das gelungenere halte, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Beiden Werken jedoch ist eines gemein und muss es sein: Die Autoren versetzen sich in eine historische Situation, die bereits abgeschlossen und bewertet ist. Sie wissen quasi, wie es weitergeht, sie haben Auschwitz im Hinterkopf, kennen den Ausgang des Krieges und so weiter. Ihre Personen sind »mittendrin«, aber diese Unmittelbarkeit ist lediglich nachgestellt.
Dieser Falle kann man nicht entkommen, man muss sich auch gar nicht daran stören. Nur sollte man wissen, dass das, was in historischen Krimis beschrieben wird, niemals »authentisch« sein kann. Wenn ich etwa die Turbulenzen der Zwanziger Jahre als »Tanz auf dem Vulkan« beschreibe (und so ziemlich alle Krimis über diese Zeit versuchen dies), gebe ich vor, es sei den Handelnden bewusst gewesen, auf welche Katastrophe die Zeit zusteuerte. War es aber nicht. So wenig wie ich mich wirklich in die Denkweisen vergangener Epochen hineinversetzen kann, so wenig kann ich sie wirklich »objektiv und unmittelbar« schildern. Hier tritt der seltene Fall ein, dass der Autor ZU VIEL weiss, um wirklich wahrhaftig sein zu können.
Ein rein technisches Problem sei hinzugefügt. Wer historische Krimis schreibt, kann nicht voraussetzen, dass seine Leser die geschilderte Zeit in ihren Fakten kennen. Das heißt: Er muss diese Fakten als Teil seiner Erzählung anbieten. Dies artet nicht selten zu länglichen Schulreferaten aus, die den Erzählfluss hemmen, ein Schwachpunkt, der allen diesen »Mehrwertkrimis« eigen ist. Regiokrimis, die lang und breit die Sehenswürdigkeiten einer Gegend schildern, Kochkrimis mit eingestreuten Rezepten und eben Histokrimis, die uns mit unorganisch in den Text integrierter Faktenhuberei langweilen.
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Aber was heisst eigentlich »historisch«? Historisch ist alles, was in der Vergangenheit liegt, Teil von Geschichte ist. So gesehen wird jeder Krimi irgendwann einmal historisch. Was heute diesen Namen trägt, ist eigentlich eine Mogelpackung, da hier lediglich ÜBER Vergangenes geschrieben wird. Die eigentlichen historischen Krimis sind diejenigen, die in einer vergangenen Zeit entstanden sind. Und auf sie trifft all das nicht zu, was auf die aktuellen Produkte zutreffen muss. Sie geben die Denkweise der Zeit wieder, sie sind wahrlich unmittelbar und nicht aus der wissenden Rückschau verfasst. Wer sich also wirklich für das vielbeschworene »Authentische« interessiert, ist bei diesen ECHTEN historischen Krimis sehr gut aufgehoben und unterhält sich im Regelfall auch besser als bei den auf alt getrimmten Stückchen moderner Spannungsromane, deren dramaturgischer Aufbau bereits anachronistisch ist.
Ein Beispiel zum Schluss. Wer aus erster Hand erfahren möchte, wie sich die Gesellschaft etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewandelt hat, sowohl ökonomisch als auch politisch und moralisch, der beginne seinen kleinen Exkurs mit Carl von Holteis Schwarzwaldau (1856). Ein Kriminalroman um eine verhängnisvolle Dreierbeziehung, unterdrückte Homosexualität, den Niedergang des Adels und den unaufhaltsamen Aufstieg des Bürgertums. Als nächstes sei Emilie Heinrichs mit Leibrenten empfohlen, das vor allem die Entwicklung des ökonomischen Fortschritts und das immer stärkere Aufkommen der »Finanzspekulation« aufzeichnet. Ein Roman mit Aha-Effekt, wenn man die heutigen Verhältnisse bedenkt. Abzuschließen wäre dieser kleine Ausflug mit Karl Friedrich von Lindens (Pseudonym) Roman Die Süßen (1909). Ein Buch um Verbrechen, (Homo-)Sexualität, die zunehmende Macht des Kapitals und die Ränke hinter den politischen Kulissen der Wilhelminischen Ära. Ich bekenne offen, dass ich selbst für die Neuauflage der beiden erstgenannten Titel verantwortlich bin. Insofern also eine eigennützige Empfehlung. Für gute Unterhaltung und spannende Geschichtslektionen sei dennoch garantiert.
Aber, noch einmal, auch den Liebhabern sogenannter »historischer Krimis«, wie sie die aktuelle Mode allenthalben auf den Markt wirft, sei ihr Vergnügen gegönnt. Es kann nichts schaden, sich über den Umweg Krimi für Geschichte zu interessieren und dieses Interesse möglicherweise später mit anderen Mitteln zu vertiefen. Doch denkt an die Einschränkungen. Erwartet keine »Authentizität«, nehmt die Sache so nüchtern wie sie nun einmal ist. Man muss nur genau hinschauen und erkennt sie immer wieder: die Armbanduhr des römischen Wagenlenkers.

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