Der Zwang zum Buch. Über Krimipflichtlektüre und das Lesen an sich

von Dieter Paul Rudolph

Ich erinnere mich noch gut. Gerade siebzehn, die Säfte wallten, das Blut kochte (na ja, köchelte), der Geist zickte gegen die Konventionen, die Welt bestand aus jungen Mädchen (gut) und alten Säcken (schlecht), die Feinde verdienten sich ihren Lebensunterhalt fieserweise damit, uns die Zeit zu stehlen (sie nannten sich Lehrkörper und mussten es sich gefallen lassen, in unserem Vokabular zu Leerkörpern zu werden). Ihre schärfste Waffe war der Deutschaufsatz. Ihm ging zumeist eine »Pflichtlektüre« voraus, erzwungenes Lesen also, was etwa so lustig war wie Vokabellernen oder erzwungenes Anhören von – schlimmste aller Strafen – Barclay James Harvest. Diese Pflichtlektüren stammten fast allesamt von toten Dichtern, für die kein Schwein jemals einen Club gegründet hätte. Goethe, Schiller, Thomas Mann, Theodor Fontane, Staub gewordene Gestalten, eine Galerie des Uncoolen. Sie schrieben genau über jene Dinge, die uns NICHT interessierten und vermieden die Themen, die uns beschäftigten: Vietnamkrieg, Bafög, Rockmusik oder die fatale Neigung sechszehnjähriger Mädchen, uns nur dann ranzulassen, wenn wir ein frisiertes Moped vorweisen konnten. So lasen wir also Schillers Don Carlos (»Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!«), Goethes Faust (»Bin weder Fräulein noch schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.«) und – kotz – Hermann Hesse – und während wir so vor uns hin lasen und leierten und langweilten, sehnten wir uns nach WIRKLICHER Literatur. Welcher? Wussten wir nicht so genau. Viele von uns haben es auch gar nicht herausgefunden, denn nachdem sie die Pflichtlektüre zugeklappt hatten, war ihnen das Lesen für alle Zeit vergällt. Vielleicht wollten wir auch gar nichts Anspruchsvolles lesen, nichts über Vietnam und den Kapitalismus, die Nazis und den Steppenwolf. Vielleicht nur ein wenig Spannung und Action und Sex, also: wahrscheinlich einen Krimi.

Nun gut. Man hat es überlebt und nicht einmal dieser Deutschunterricht hat es geschafft, einem die Liebe zur Literatur auszutreiben. Man hat sogar einiges daraus gelernt. Selbst Lektüre, die auf dem Lehrplan steht, also nicht freiwillig ist, sollte sich an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientieren, NICHT an der gemutmaßten Qualität der Texte. Sorry, Lessings Vorstellungen von Theater und Dramaturgie sind hoch spannend – aber wohl für die wenigsten Fünfzehnjährigen. Kleists Michael Kohlhaas oder Büchners Woyzeck lesen sich auch im 21. Jahrhundert, als seien sie gerade erst geschrieben worden. Aber als Lektüre für Deutschprüfungen an Realschulen scheinen sie mir dennoch ungeeignet, weil sie in den meisten Fällen die erste Begegnung von Jugendlichen mit sogenannter »anspruchsvoller« Literatur sind. Das haben auch die Schulen inzwischen erkannt – und machen es jetzt anders. Aber auch besser? Wer die Leserkommentare auf der Krimi-Couch verfolgt, hat so seine Zweifel. Ja, es stimmt: Neuerdings stehen in den Schulen auch Krimis auf dem Lehrplan. Grafeneck von Rainer Gross ebenso wie Der Kameramörder von Thomas Glavinic, Wildwasser von Paulus Hochgatterer, Hakan Nessers Kim Novak badete nie im See von Genezareth und andere.

Wäre man gehässig, könnte man nun aus den Leserkommentaren einen Kranz besonders merkwürdiger Ansichten von jugendlichen »Zwangslesern« zusammenstellen. Mit ähnlicher Leichtigkeit ließen sich allerdings auch recht merkwürdige Meinungen erwachsener »Freiwilligenleser« sammeln. Oder durchaus positive und durchdachte Kommentare von Schülerinnen und Schülern …Nein, wenn man es genau betrachtet, unterscheiden sich die Zwangsbeglückten nicht von den Leseratten, die Alten nicht von den Jungen, die Frauen nicht von den Männern. Es gibt durchdachte und hilfreiche Anmerkungen, es gibt die x-te bräsige Wiederholung von Inhalten, jede/r zweite Leser/in kann wieder mal das Buch nicht aus der Hand legen, bei manchen fragt man sich, warum ständiges Lesen offenbar zu fortgeschrittenem Analphabetismus und/oder Hirnentkernung führt …geschenkt. Schauen wir doch lieber die Texte an, die da gelesen werden.

Es sind Krimis. Aber »besondere«. Darin spiegelt sich eine allgemeine Entwicklung des Ansehens von Kriminalliteratur wider, die Abkehr vom Trivialen, vom »Schund« ohne Mehr- und Lehrwert gewissermaßen, hin zu den sogenannten »literarischen Krimis«, die mehr verhandeln als lediglich ein Verbrechen und seine Aufklärung. Nun, das ist nicht ganz neu. Schon früher waren etwa die Kriminalromane von Friedrich Dürrenmatt Schulthema. Doch nicht, weil sie Kriminalromane sind, sondern weil ihr Autor zu den »Hochliteraten« gehört. Ich selbst habe meinen Abituraufsatz zu Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame verfasst, einem Theaterstück mit durchaus »Krimisubstanz«, was aber nicht wirklich thematisiert wurde. Es ging, wenn ich mich korrekt erinnere, um »Schuld« im Allgemeinen, so wie man auch Dürrenmatts Der Richter und sein Henker als einen Text über Schuld lesen kann.

Auch die genannten Titel der Pflichtlektüre haben Gnade vor dem gestrengen pädagogischen Auge gefunden. Sie entsprechen hinsichtlich ihrer Sprache, ihrer Thematik und deren Aufbereitung dem, was seit Jahrhunderten als »gute Literatur« firmiert. Kein Mensch käme auf die Idee, einen Roman von Edgar Wallace oder den neuesten »Taunus Krimi« auf den Lehrplan zu setzen. Nein, es muss schon gehaltvoll sein, man muss etwas lernen, sich schwere Gedanken machen können. Ein möglicher Unterhaltungswert der gelesenen Krimis wird als Kollateralschaden achselzuckend in Kauf genommen.

Nun ist, wie wir alle aus mehr oder weniger düsterer Erinnerung wissen, Schule generell mit Zwang verbunden. Kein Mensch hat je darauf Rücksicht genommen, dass ich Donnerstags um Viertel vor Neun überhaupt keine Lust auf chemische Formeln oder mathematische Gleichungen entwickeln konnte, warum also sollte das beim Lesen anders sein? Man liest schließlich nicht um des Vergnügens willen, man liest, um etwas zu lernen. Die Frage ist nur: WAS könnte man lernen, wenn man einen Krimi liest?

Diese Frage lässt sich wohl am besten mit einem Blick zurück in die eigene Lesebiografie beantworten,. Mit elf, zwölf Jahren begann ich Krimis zu lesen. An die meisten Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass sie etliche Gemeinsamkeiten aufwiesen. Ihre Helden waren allesamt Kinder in meinem Alter; es ging niemals um Mord, die Verbrechen waren Diebstahl und hatten meistens mit einem »versteckten Schatz« zu tun; sämtliche Fälle mündeten in ein Happyend; es gab wiederkehrende dramaturgische Muster wie »einer der Helden wird von den Bösen gefangengenommen«, »in einer Höhle verschüttet«, »belauscht geheime Gespräch« etc.; es gab immer auch ein Rätselfaktor, ein »Wer war’s?« oder »Wo liegt der Schatz?« Am wichtigsten aber, natürlich: die Möglichkeit, sich selbst mit einer Person des Romans zu identifizieren, problemlos in seine Haut zu schlüpfen, sich vorzustellen, wie man selbst agiert, wie man die Geschichte weiterschreibt. Kurzum: Diese Bücher regten die Phantasie an – und mehr nicht.

Wie gesagt: Ich habe die Dinger dutzendweise gelesen und meine Erinnerungen sind weitgehend verblasst. An EIN Buch allerdings erinnere ich mich noch genau. Es war der Star unserer Pfarrbücherei, ständig vergriffen, es für eine Woche mit nach Hause tragen zu dürfen daher ein Privileg: Wilhelm Matthießens Das rote U. Inzwischen ist dieses 1932 erstmals veröffentlichte Buch ein moderner Klassiker der Jugendliteratur, in vielem zwar hoffnungslos veraltet, im Kern aber noch immer ein Musterbeispiel von »Krimi«. Ein geheimnisvoller Mensch, der sich »das rote U« nennt, lenkt mit schriftlichen Anweisungen eine Gruppe von Kindern und setzt sie auf die Spur eines Verbrechens. Liest man das Buch heute noch einmal (ich habe es hier getan: http://www.hinternet.de/weblog/2005/08/sommerkrimi-5.php), wundert man sich, warum man nicht gleich drauf gekommen ist, wer sich hinter diesem »roten U« verbirgt. Mit dieser Person ist nun auch die »Botschaft« des Autors verknüpft, denn das »rote U« ist ein kleiner Junge, körperbehindert und deshalb Außenseiter.

Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass mir diese Botschaft – auch Körperbehinderte sind Menschen und können intelligent / »teamfähig« sein – damals aufgefallen ist. Das rote U war ein spannendes Buch wie andere auch, es hat mich unterhalten, es hat mir eine Identifikationsmöglichkeit geboten, meine Phantasie angeregt. Nun war ich damals vielleicht elf oder zwölf – die Krimizwangsleser von heute jedoch sind in der Regel älter, vielleicht 15 bis 18, sie sollten also in der Lage sein, die über das reine Nacherzählen hinausreichende Quintessenz eines Textes zu erfassen. Aber sind sie das wirklich? Haben Sie gelernt, quasi »hinter« eine Handlung zu blicken?

Und was heißt eigentlich »lesen«? Wer liest, nimmt zunächst Informationen auf, ordnet und bewertet sie und zieht Schlussfolgerungen. Für Kinder und Jugendliche sind diese Informationen vor allem ein Sprungbrett in die Handlung selbst. Wäre ich damals genötigt worden, meine Leseeindrücke zum »Roten U« auf Papier zu bringen, es wäre gewiss nicht um die pädagogischen Absichten des Autors darin gegangen und die Behinderung des Jungen, sein Außenseitertum etc. wären wohl auch nur en passant erwähnt worden – wenn überhaupt. Eine Inhaltsangabe, mehr hätte ich nicht zustande gebracht, aber in meiner Phantasie wäre dieser Krimi weitererzählt worden, mit mir als »Held« natürlich, ich hätte die Abenteuer nachgespielt, variiert, neue erfunden. Um genau das geht es in dieser ersten Phase: um SICH IDENTIFIZIEREN, nicht um ANALYSIEREN. Wir lesen Bücher, damit wir selbst zu Autoren werden können.

Ich bin davon überzeugt, dass man Kinder nicht lehren muss, sich mit Büchern und ihren Helden zu identifizieren. Man kann und sollte sie ermuntern. Ich habe auch überhaupt nichts dagegen einzuwenden, Texte zu analysieren – im Gegenteil. Es ist mein Geschäft, Bücher nüchtern zu betrachten, ich identifiziere mich auch schon längst nicht mehr mit irgend welchen Helden. Der Schritt von der Identifikation zur Analyse jedoch ist der entscheidende – und er ist Aufgabe der Schule. Allerdings nicht, indem man die Heranwachsenden, nun vielleicht fünfzehn- bis achtzehnjährigen Zwangleser ins kalte Wasser der Analyse wirft. Ich gehöre nun nicht zu den Kulturpessimisten, die »Unsere Jugend liest nicht!« jammern. Mag ja sein. Hätte ich die heutigen Möglichkeiten besessen, wäre mein Lesepensum gewiss auch kleiner gewesen. Aber um Lesen zu lernen, muss man auch nicht unbedingt Bücher lesen. Man kann sich Filme anschauen, im Internet chatten, man kann Comics betrachten. Alle diese Medien bieten Identifikationsmöglichkeiten, sie halten Geschichten parat, die man durch die eigene Vorstellungskraft schicken kann.

Bei Kriminalromanen kann dieser Prozess ein sehr schlichter sein und zu dem einzigen Zweck in Gang gesetzt werden, auf der letzten Seite zu erfahren, wer denn nun durch Manchester wandert und alte Ladies killt. Aber selbst dann muss dieser Prozess selbst gelernt werden – und man kann das nicht nur durch das Lesen.

Denn »etwas lesen« heißt schlicht: »etwas inszenieren«. Wir sind, wenn wir lesen, immer auch Autoren – und wir sind es natürlich auch, wenn wir Comics betrachten, einen Film sehen, im Internet chatten oder uns zum Beispiel fragen, welche Inszenierung – welcher »Krimi« – eigentlich hinter der leidigen Affäre Wulff steckt. Wir lernen, indem wir etwas einzuordnen versuchen, etwas prüfen, etwas hinterfragen. Bücher sind ein perfektes Mittel, dies zu erreichen, aber sie sind nicht das einzige und schon gar nicht, wenn man es unter Zwang einflößt. Nehmen wir zum Beispiel Grafeneck von Rainer Gross. Dieser Text enthält nichts, womit sich Leser identifizieren können. Die Hauptperson ist ein alter, etwas skurriler älterer Herr, er ist kein Held, er ist ein Leidender, ein Opfer. Das Thema heißt NS-Zeit und Euthanasie, aber es geht hier nicht um Fakten (die könnte einem jedes Sachbuch besser vermitteln), es geht um die Verbindung von Fakten und einem merkwürdigen Phänomen, das ich »literarische Magie« nennen möchte. Man kann beides analysieren – jedoch nur, wenn man gelernt hat, sich mit Hilfe von Vorstellungskraft und Phantasie in die Inszenierung Buch hineinzubegeben. Wer vom »roten U« ohne Übergang zu Grafeneck gezwungen wird, der wird ins kalte Wasser geworfen, wo er als Nichtschwimmer unweigerlich ertrinkt.

Hier nun liegt die große – aber leider weitgehend ungenutzte – Chance für Pädagogen und Schulen allgemein: Bringt den Kindern das Schwimmen im eigenen Kopf bei. Lasst sie alles lesen, wenn sie wollen, lasst sie Filme sehen, wenn sie wollen oder einfach nur ihren eigenen Alltag durchdenken. Bringt ihnen bei, dass alles im Leben Inszenierung ist – und damit auch Literatur. Lasst sie, wenn sie erwachsener sind, auch durchaus wieder Kind sein, Kinder, die Krimis – oder was auch immer – lesen, wenn sie Lust darauf verspüren, für ein paar Stunden in die Rolle eines Helden zu schlüpfen. Erst dann besteht eine realistische Chance, dass aus Zwang Freiwilligkeit wird und selbst ein Krimi mehr als ungeliebter Lernstoff.

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