Der begründete Geschmack. Warum Rezensionen so wichtig sind – und so unwichtig
Ist Christian Pernaths Ein Morgen wie jeder andere »ein Musterbeispiel für ebenso spannende wie anrührende, phantasievoll umgesetzte und aus dem Alltäglichen geschöpfte Kriminalliteratur« - oder »stilistisch verblasen«? Hat man seinen Inhalt »bald wieder vergessen« – oder behält man ihn als »eines der Highlights im Krimijahr 2009« in Erinnerung? – Liest man die Einschätzungen der Fachrezensenten, kommt man zu dem Schluss: Die wissen es auch nicht. Wozu dann aber überhaupt Rezensionen, wenn sie den Leser nur verwirren? Hält man es da nicht besser mit der alten Weisheit von den verschiedenen Geschmäckern, über die man bekanntlich nicht streiten kann?
Oh je, ein schwieriges Thema! Man könnte ins Philosophieren kommen, über den Unterschied zwischen subjektiv und objektiv grübeln, man könnte auch Goethe zitieren, was sich immer gut macht – also tun wir es doch:
Da hatt ich einen Kerl zu Gast,
Er war mir eben nicht zur Last;
Ich hatt just mein gewöhnlich Essen,
Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,
Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt.
Und kaum ist mir der Kerl so satt,
Tut ihn der Teufel zum Nachbarn führen,
Über mein Essen zu räsonieren:
»Die Supp hätt können gewürzter sein,
Der Braten brauner, firner der Wein.«
Der Tausendsackerment!
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent!
Die letzte Zeile ist inzwischen sprichwörtlich geworden: Menschen, die Bücher besprechen, sind Abschaum, das Letzte. Ludwig Börne, einer der großen Geister des 19. Jahrhunderts, weiß auch, warum: »Wer nicht schreiben kann, rezensiert«, stellt er fest. Und verschweigt (ebenso wie Goethe), dass er selbst ja auch ein Rezensent ist …
Fassen wir zusammen. Rezensenten, auch Kritiker genannt, sind zumeist mangels Talent verhinderte Autoren und daher notorisch missgünstig, Schmarotzer dazu – und Ahnung von dem, was sie da treiben, können sie auch nicht haben, denn sonst wüssten sie ja, ob ein Buch gut ist oder nicht. Es sind Menschen, die ihren eigenen Geschmack zum Gesetz erheben, elitär sind und das, was der normale Mensch liest, naserümpfend ignorieren oder stilgerecht schlachten. Sie können halt nur immer kritisieren, diese Kritiker …
Kritik? Was ist das?
Aber was heißt eigentlich »kritisieren«? Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Ausdruck negativ besetzt. Wenn mich jemand kritisiert, dann hat er etwas an mir auszusetzen. Doch im Grunde bedeutet »kritisieren« lediglich, ein Objekt von möglichst allen Seiten zu betrachten, zu beurteilen und zu beschreiben. Kants Kritik der reinen Vernunft zum Beispiel stellt also die reine Vernunft nicht als etwas Schlechtes dar, sondern untersucht, was es mit ihr auf sich hat.
Schön und gut. Nur: Was nützt einem der ganze Aufwand, wenn dabei doch nur Verwirrung herauskommt? Ich lese doch keine Kritik, um nachher noch weniger über ein Buch zu wissen! Und was sind das eigentlich für Typen, die sich da »Kritiker« schelten? Gibt es eine Art Berufsbild wie beim Arzt/Metzger/Verwaltungsangestellten?
Kritiker sollten über das benötigte Fachwissen verfügen und gleichzeitig die Fähigkeit, ihre Kritik der Zielgruppe – in unserem Beispiel also den Lesern von Kriminalliteratur – verständlich zu vermitteln. Braucht man ein Literaturstudium, um die Sprachgewalt einer Karin Slaughter, die philosophische Tiefe eines Dan Brown oder den sozialkritischen Furor eines Stieg Larsson kompetent beurteilen zu können? Nun, sagen wir mal so: Es schadet auch nichts, wenn ein Fußballprofi Skat spielen kann. Genauso wenig ist es ein Nachteil, wenn Krimikritiker Literaturwissenschaften studiert haben. Dort lernt man einiges – Rezensieren jedoch im Normalfall nicht. Von Literatur aber sollte der Hauch einer Ahnung schon vorhanden sein. Dabei genügt es nicht, mit 1000 gelesenen Krimis zu protzen, denn die schiere Masse macht hier keinesfalls den Meister. Auf das WIE kommt es an. Ein Kritiker darf sich ruhig für ein Werk begeistern und es meinetwegen atemlos »verschlingen« (ist das nicht schädlich für die Verdauung?) oder gar »nicht mehr aus der Hand legen können« (vielleicht hat ja irgendein Scherzkeks Sekundenkleber an den Umschlag geschmiert...). Er sollte dennoch in der Lage sein, analytisch zu lesen. Wie hat es der Autor verstanden, Spannung zu erzeugen? Ist die Sprache abgedroschen oder atmet sie ein wenig Originalität? Stammt das Personal aus dem Lehrbuch für dilettierende Krimischreiber – oder wurde es Stück für Stück im Kopf des Autors entwickelt? Und so weiter.
So soll es nicht sein …aber so
Bevor wir zu dem kommen, was eine Rezension enthalten sollte, wollen wir uns kurz dem zuwenden, was nicht in eine solche gehört. Zuallererst: Rezensionen sind keine Nacherzählungen des Buchinhalts. Natürlich muss ich den Leser ins Bild setzen, worum es in dem besprochenen Werk geht. Das Lesen abnehmen möchte ich ihm allerdings nicht, obwohl man den Lesern damit vielleicht manchmal einen Gefallen täte. Man wird die Ausgangssituation wiedergeben (»Auf Schloss Balmoral wurden die Schoßhunde der Queen vergiftet, Prinz Harry ermittelt.«), kurz ein paar Personen vorstellen, alle anderen inhaltlichen Bezüge jedoch nach Möglichkeit an eine Beurteilung koppeln (»Als Prinz Harry zufällig herausfindet, dass der Kammerdiener George mit der Kammerzofe Mary schläft, ist es ein bisschen zu viel des guten Zufalls und der genüsslich geschilderten Schlafzimmergymnastik.«).
Und – bitte keine Floskeln! Was soll ich mit einem lapidaren »Das Buch ist verdammt spannend« anfangen? Oder welchen Wert haben kryptische Feststellungen wie »mehr als ein Krimi«, »liest sich gut«? Ein wenig mehr an Begründung wäre nicht verkehrt.
Was sollte eine gelungene Rezension aufweisen? Nun, eines auf jeden Fall: Informationen. Manche Bücher sind z.B. ohne die Kenntnis des geschichtlichen Hintergrundes kaum adäquat zu würdigen, andere stehen in einer Tradition, die nicht jedem Leser so ohne weiteres geläufig sein dürfte. Manchmal – leider ziemlich oft – führt der Klappentext auch auf eine falsche Spur. Einige Beispiele aus der Praxis des Kolumnisten …
Vor kurzem etwa wurde Geoffrey Households Klassiker Einzelgänger, männlich wiederveröffentlicht. Erschienen 1939, geht es um einen Mann, der ein Attentat auf einen Diktator (Hitler) verüben will, aber eigentlich nur so aus Gründen der sportlichen Herausforderung auf ihn anlegt und nicht abdrücken möchte. Man kann dieses Szenario nur verstehen, wenn man weiß, wie die politische Situation damals war, vor allem in England. Stichworte: Münchner Abkommen, Appeasementpolitik, Sudetenfrage. Leider verrät uns das Buch selbst darüber nichts (ein informatives Nachwort wird dringend vermisst). Also sollte es die Aufgabe des Rezensenten sein, darauf hinzuweisen. Und wenn dann noch mit Gerard Kershs Ouvertüre um Mitternacht ein Buch neu aufgelegt wird, das zu Households Einzelgänger, männlich fast wie ein Zwilling gelesen werden kann, sollte das auch nicht unerwähnt blieben.
Ebenfalls kürzlich besprach ich William Gays Roman Nächtliche Vorkommnisse. Der Klappentext lockte vollmundig mit großen Namen, u.a. denen von Joe R. Lansdale und Cormac McCarthy. Bei der Lektüre stellte sich heraus, dass Gay zwar versucht, die mit diesen Namen geweckten Erwartungen zu erfüllen, es aber nicht einmal annähernd schafft. Auch darauf sollte ein Rezensent eingehen – was natürlich voraussetzt, dass er Lansdale und McCarthy gut genug kennt.
Vermeiden indes sollte man pures Name-Dropping. Bleiben wir bei Christian Pernaths Ein Morgen wie jeder andere. Hier monierte ein Kritiker, das Werk lese sich wie von Georges Simenon an einem besonders schlechten Tag geschrieben. Aha. Und warum? Keine Antwort. Beide sind Franzosen, beide erzählen psychologisch einfühlsam und eindringlich, aber ist das ein Grund, sie miteinander zu vergleichen? Eher nicht. Einen anderen Kritiker erinnerte das Buch, in dem eine Bauernfamilie massakriert wird, an Andrea Maria Schenkels Tannöd, wo, wie wir alle wissen, ebenfalls eine Bauernfamilie massakriert wird. Super. Demnächst vergleiche ich David Peace’ 1974 mit Friedrich Dürrenmatts Das Versprechen, werden doch in beiden Romanen kleine Mädchen getötet.
Oder kommen wir zu einem besonders delikaten Fall, der Stieg-Larsson-Trilogie. Hier habe ich mich einmal mit einer »Leserbeschimpfung« schwer in die Nesseln gesetzt. Nicht dass LeserInnen diese Bücher begeistert lesen, schien mir beschimpfenswert, aber lauthals zu behaupten, das sei nun das Größte, »noch nie dagewesen« – also nein, dagegen musste etwas gesagt werden. Unter anderem, auf welchen Schultern von Riesen Larsson steht, wie er sich hemmungslos bei den alten Schweden-Veteranen Sjöwall/Wahlöö bedient, um seine »Sozial- und Polizeikritik« an den Mann zu bringen. Oder Lisbeth Salander. Noch nie dagewesen? Im Grunde ist diese Figur nichts weiter als eine geschickte Variante von Modesty Blaise aus den Romanen von Peter O´Donnell. Natürlich kann sich jeder begeisterte Larsson-Leser über mein Abwatschen empören oder meine ernüchternde Bilanz nicht zur Kenntnis nehmen. Es gehört jedoch zu den Aufgaben eines Rezensenten, auf größere Zusammenhänge hinzuweisen, wenn wieder einmal »das Sensationelle« wie die kapitalste Sau durchs Dorf getrieben wird. Wer sich dem ungeachtet seinen Larsson-Lesespaß nicht verderben lassen möchte, hat dennoch meinen Segen.
Ein Krimikritiker sollte also die Originalität bzw. Nichtoriginalität eines Buches beurteilen können. Für Neulinge mag es ja aufregend sein, wenn wieder einmal ein Serienmörder sein Unwesen treibt und die Opfer irgendwie »hergerichtet« werden (meinetwegen mit einem Strauß Maiglöckchen in der geöffneten Bauchhöhle). Wer sich allerdings ein wenig auskennt, kann hier ein Gähnen nicht unterdrücken, denn solche Künstler des Meuchelns tummeln sich inzwischen zu Hunderten auf dem Spannungsmarkt.
Nun liest man aber Rezensionen nicht nur der Informationen halber; man möchte auch ein begründetes Urteil. Und hier wird’s kompliziert. Vor Jahren habe ich mir einmal einen kleinen Spaß erlaubt und 1974 von David Peace gleich zweimal rezensiert. Dabei blieben die Argumente die selben, nur ihre Bewertung war eine andere. Einmal deutete ich die exzessive Gewaltdarstellung als »angemessen«, dann wieder als »vordergründigen Effekt«. Dass Peace »gut« und »böse« nicht strikt voneinander trennt, ist hier ein geniales Mittel, dort aber nur eine öde Einheitssoße. Kein Wunder, dass die Schlußfolgerungen meilenweit voneinander entfernt sind: 1984 ist in der ersten Variante »ein Meisterwerk«, in der zweiten »das Paradebeispiel eines völlig überbewerteten Krimis«. – Welche dieser beiden Rezensionen ist nun »richtig«? Nun – vielleicht beide? Oder keine?
Spätestens jetzt erkennt man: Hey, Krimikritik ist keine harte Wissenschaft! Es gibt nicht »die« Wahrheit über ein Buch, nein, es gibt mehrere. Dass die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist, hat sich wissenschaftlich inzwischen durchgesetzt. Ob hingegen der Krimi X des Autors Y etwas taugt – nun ja, das wird man möglicherweise nie genau wissen. Genau das ist übrigens das ureigene Wesen von Literatur: Jeder Mensch verformt mit seiner Individualität, seinem Vorwissen und seinen Erwartungen einen Text. Wenn ich mich zu dem einzigen Zweck zur Lektüre niederlasse, einen mordsmäßigen Whodunit mit einem skurrilen Ermittler am Strand zu konsumieren, dürfte David Peace nicht die geeignete Wahl sein. Und wer bei Charlotte Link nach einem stilistisch kühnen, inhaltlich provokanten und dramaturgisch noch nie dagewesenen Lesespaß trachtet, dem dürfte er schnell vergehen.
Hier kommen also die ominösen »Geschmacksfragen« ins Spiel oder, etwas wissenschaftlicher formuliert, die individuellen Koordinatensysteme der Kritiker. Es gibt z.B. kein standardisiertes, stets zuverlässiges Messsystem für die Qualität von Sprache. Ebenso wenig ein Gesetz, das uns verraten könnte, wie man »Spannung« definiert. Auch der Kritiker wird solche Beurteilungen von seinem eigenen Koordinatensystem ableiten. Aber: Man kann, man muss von ihm erwarten, dass er dieses Koordinatensystem lesend und denkend über die Jahre verfeinert hat.
Die Zauberworte für eine gelungene Rezension heißen also nicht »richtig« oder »falsch«, sondern »transparent« und »nachvollziehbar«. Was der Kritiker lobt oder moniert, muss mir nicht einleuchten. Ich kann sogar völlig gegensätzlicher Ansicht sein. Aber: Ich sollte als Leser nachvollziehen können, WARUM etwas gelobt oder moniert wird. Und: Als Kritiker schreibe ich theoretisch für alle Leserinnen und Leser, nicht nur für die, die sowieso schon meiner Meinung sind. Wenn es mir gelingt, jemanden für ein Buch zu interessieren, das er ohne meine Rezension gar nicht beachtet hätte, habe ich das höchste Ziel erreicht. Arroganz ist dabei völlig fehl am Platze, Naserümpfen über »die unwissenden Leser« geht gar nicht.
*
Rezensionen sind Angebote, die man nicht annehmen muss. Denn Kriminalliteratur dient vielen Zwecken und nicht für jeden brauche ich intellektuelle Hilfestellung oder Anregung. Mozart war wohl ein besserer Musiker als Dieter Bohlen – aber soll man deshalb jeden Menschen dazu bringen wollen, am Strand von Mallorca Mozart aus dem Transistorradio plärren zu lassen? Und wenn ich Pieke Biermann für die beste deutsche Kriminalautorin halte – will ich dann wirklich jemandem, der sich bei Charlotte Link ein harmloses Lesevergnügen holt, mit Feuer und Schwert meine (hoffentlich fundierte) Meinung aufzwingen? Im besten Fall sind Rezensionen vitaler Teil einer »Krimikultur«, die zum Lesen verführt und zum Diskurs ermuntert. Sie sind »begründeter Geschmack« und sollen dennoch auch emotional sein. Sie schärfen die Toleranz auch dann, wenn gestritten wird. Sie richten sich an ein Publikum, das an Diskussion interessiert ist. Sie sind – Arbeit. Für den Rezensenten ebenso wie für die Leser. So soll es sein.

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