Das war 2009! Eine vorweihnachtliche Bescherung vom Krimi-Nikolaus!

von Dieter Paul Rudolph

Liebe Krimifreundinnen und Krimifreunde, euch steht ein schreckliches Weihnachtsfest bevor! Ich sehe, wie ihr unter der geschmückten Edeltanne sitzt, umgeben von hübsch verpackten Geschenken, die sich natürlich alle so anfühlen, wie sich Bücher nun einmal anfühlen. Rechteckig nämlich. Man kennt euren Geschmack und hat euch mit Krimis zugeworfen, das ahnt ihr schon, bevor ihr das erste Päckchen öffnet. Und dann das zweite, das dritte, das vierte …Am Ende sitzt ihr immer noch unter der Tanne, aus der Stereoanlage quäkt ein Kinderchor »Stille Nacht« und um euch herum liegen: Viermal Wolf Haas, »Der Brenner und der liebe Gott«; fünfmal Frank Schätzing, »Limit«; siebenmal Dan Brown, »Das verlorene Symbol«, dreimal der jüngste Erguss von wahlweise Karin Slaughter oder Petra Hammesfahr oder Charlotte Link oder Heinrich Steinfest. Einmal »Arme Leute« von dpr, aber da hat sich der Schenkende wohl schlicht vergriffen und befindet sich inzwischen in psychiatrischer Behandlung.

 Doch, so wird es kommen, glaubt mir. Denn das Jahr 2009 war das Jahr der lange erwarteten Bestsellerschmöker, der großen Namen. Plötzlich schien es, als sei das gigantische Krimiuniversum auf ein paar Fixsternchen geschrumpft, und alle Welt schrie nach Brown-Schätzing-Haas. Und natürlich nach Stieg Larsson. Der aber antwortete nicht mehr, dafür meldete sich seine rührige Verwandtschaft zu Wort. Die Lebensgefährtin hat noch ein Stück Larsson-Krimi auf dem Laptop, aus dem sicher ein versierter Ghostwriter den nächsten Megaseller aufblasen wird. Dafür kriegt die Lebensgefährtin auch ein fettes Teilchen vom Honorarkuchen, man ist ja nicht so.

Aber mal ehrlich: War dies das Krimijahr 2009? Eine Ansammlung von lautsprecherisch promoteten Hypes, irgendwelcher Familien-Kohle-Geschichten und geschickt lancierten Skandälchen? Eins davon beglückte uns vergangenen Oktober, als die unglaublich bekannte deutsche Krimiautorin Gabriele Brinkmann (ein Pseudonym) im unglaublich wichtigen Droste Verlag das unglaublich gute Buch »Ehre, wem Ehre...« zu veröffentlichen trachtete. Bis der Droste-Verleger »no« sagte. In Brinkmanns Krimi, so verkündete er, werde der Islam diffamiert und folglich fürchte er, der Verleger, um sein Leben. Nun schön. Man kann das vorauseilende Zensur nennen oder schlichtweg Angst. Brinkmann selbst nannte das Verhalten ihres Verlegers »den Schwanz einziehen«, worauf der Verleger jammerte, das sei »sexistisch« und auch sonst kaum ein gutes Haar am Buch seiner Autorin ließ. Spätestens jetzt waren dem unvoreingenommenen Betrachter jegliche Sympathien für eine der Parteien vollständig verflogen. Immerhin: Das Buch wird erscheinen, und zwar im Leda Verlag aus Leer. Dessen Verlegerin als erstes die Polizei informierte, denn man weiß ja nie, ob sich Al Qaida nicht auch mal nach Ostfriesland verirrt. Irgendwie sinnent-leer-t, das alles …

Damit nicht genug. Zur gleichen Zeit veröffentlicht Rose Gerdts-Schiffler (anscheinend kein Pseudonym) ihren Krimi »Ehrenhüter«. Um was es darin geht? Ratet selbst. Sollte das etwa der geheime Trend des Jahres 2009 sein? Aber Friedrich Schillers »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« ist nach wie vor kein Multikulti-Krimi. Ach, ach, deutsche Verlage …

 Apropos: Gab es auch Positives aus deutschen Krimiverlagen zu berichten? Aber ja doch! Es gibt jetzt einen neuen, und der heißt Suhrkamp. Ja, richtig gelesen: Suhrkamp. Wo man Jahrzehnte lang auf akademischen Wolken segelte und feingeistig hauchte, wo man vielleicht ungestraft »Scheiße« sagen durfte, aber bloß nicht »Unterhaltung«, weht ab sofort der rauhe Wind der Kriminalliteratur. Klasse! – Oder doch nicht? Ihr Krimis versteckten die Verantwortlichen zunächst schamhaft in der Flut des Gesamtprogramms, und außer Don Winslow fand auch kaum ein Stück aus der ersten Produktion Gnade vor den Augen der Kritiker. Warum macht Suhrkamp überhaupt Krimis? Weil man schmählich ignorierte, anspruchsvolle Titel aus dem Ausland dem hiesigen Publikum nicht vorenthalten möchte? Gar das darbende deutsche Krimipflänzchen ein wenig mit Qualität zu begießen gedenkt? Fragen wir doch Suhrkamp selbst...: »Im Lektorat hat sich inzwischen ein Team zusammengefunden, das sehr gute und sehr gut verkäufliche Genre-Titel zu schätzen und mit Lust und Verstand auszuwählen weiß.« Aha. Sehr gut verkäuflich, das ist wohl das Stichwort. Also doch nur ein weiterer schüchterner Raubfisch im Krimiprofitbecken, der vollmundig nach dem Mehrwert schnappt.

 Bleiben wir bei den Enttäuschungen. Die vielleicht größte war das lange erwartete Neuerscheinen von Jochen Schmidts »Gangster, Opfer, Detektive«. Über 1100 Seiten, die uns eine erweiterte und aktualisierte »Typengeschichte des Kriminalromans« versprechen, ein lange vergriffenes Werk, beinahe zum Mythos geworden. Und was ist es in Wirklichkeit? Nichts weiter als der Krimikosmos, wie ihn Jochen Schmidt so sieht. Mit harschen Urteilen über alles, was nicht irgendwie umweglos von Hammett und Chandler herzuleiten wäre, eine Aneinanderreihung von Inhaltsangaben, in denen lustig gespoilert wird, mit äußerst fragwürdigen Aburteilungen von Norbert Horst, Fred Vargas, Margery Allingham etc. Ernüchtert klappt man das ziegelsteinartige Opus zu. Zum Streiten eignet es sich bestens, da es vor allem zeigt, wie man es NICHT machen sollte. Für Leser geeignet, deren Geschmack deckungsgleich ist mit dem des Autors, was hoffentlich nicht allzu häufig vorkommt. Schade, schade, schade.

 Aber jetzt wirklich etwas Positives: der KRIMIVERLAG DES JAHRES! Nein, kein großer Verlag, obwohl man doch von denen am ehesten erwarten könnte, dass sie ihre Möglichkeiten nutzen, um gute Literatur mit Geduld und Spucke unters Publikum zu bringen. Das hat früher gelegentlich auch funktioniert, nannte sich »Mischkalkulation« und ging so: Ein Verlag hatte etliche Bestseller, mit denen er so viel verdiente, dass er auch einige weniger gut verkäufliche Werke ins Programm nehmen und nicht ganz so bekannte, aber talentierte Autoren über die Jahre aufbauen konnte. Nur: Die Zeiten sind härter geworden und die Renditeerwartungen höher. Wer heute nicht sofort oder spätestens nach dem zweiten Buch die Kassen klingeln lässt, fliegt raus. Die nicht verkauften Bücher werden verramscht, so dass die sogenannte »backlist«, also das noch lieferbare Gesamtprogramm eines Verlages ganz im Sinne des Profits und der optimalen Lagerhaltung kastriert wird. Und wir Leser können uns ja auf dem florierenden Altpapiermarkt eindenken, wenn es sein muss auch zu horrenden Preisen.

 Nein, unser Verlag des Jahres ist ein kleiner. Er heißt Argument Verlag und pflegt seit vielen Jahren eine Krimireihe namens Ariadne. Was die Sache noch merkwürdiger macht: Bei Ariadne erscheinen »Frauenkrimis«. Autorinnen jagen bevorzugt weibliche Detektive durch die Welt des Verbrechens und haben dabei auch noch einen gesellschaftlichen Anspruch. Das kann nicht gutgehen? Ja, stimmt, eigentlich nicht. Wenn es aber wie im Falle Ariadne doch klappt, dann nur dank Selbstausbeutung, Idealismus und Geduld. Ganz wichtig: Bei Ariadne hält man den Autorinnen die Treue. Baut vorsichtig auf, Christine Lehmann etwa oder Monika Geier, die nach einer Reihe vorzüglicher Romane jetzt endlich auch im Bewusstsein der ominösen »breiten Leserschichten« anzukommen scheinen. 2009 überraschte man zudem mit zwei prima Debüts: »Warten auf Poirot« von Nora Miedler und »Freitags isst man Fisch« von Bohnet Pleitgen. Erwähnen wir auch noch Dagmar Scharsich, die 2008 mit »Der grüne Chinese« einen »historischen Berlinkrimi« veröffentlichte, eine Lesegenussschwarte von besonderer Güte, spannend und witzig, lehrreich und anrührend, dazu mit gleich zwei Liebesgeschichten der überhaupt nicht kitschigen Art bestückt. Dafür gebührt Ariadne der spontan gestiftete »Goldene Krimiverdienstorden am Band«.

 Wenn einige Verlage schon ihre Kataloge per Ausverkauf säubern, ist es immer wieder erfreulich, wenn andere Verlage vergriffene Titel neu auflegen. Und, Überraschung, das sind zumeist wieder die kleinen. Auch 2009 gab es einige alte und schmerzlich vermisste Bekannte zu begrüßen und Neuentdeckungen schon betagterer Kriminalliteratur zu machen. Ross Thomas zum Beispiel, dessen Werk seit geraumer Zeit im Alexander Verlag neu aufgelegt wird. Mit »Voodoo, Ltd.« liegt jetzt der abschließende Band der Wu / Durant – Trilogie vor und mit ihm eine der intelligentesten und spannendsten Studien des 20. Jahrhunderts zum Thema Korruption, Politik und dazugehörige Schweinereien. Denn genau darum geht es in jedem der Bände. Von einem der coolsten Ermittlerpärchen der Krimigeschichte grandios aufgedeckt, scharfsichtig, ironisch. Und wer Otherguy Overby noch nicht kennt, ist eh zu bedauern …

Zu bedauern wäre es auch, würde »Einzelgänger, männlich« von Geoffrey Household (Verlag Kein & Aber) wieder in der Versenkung verschwinden. Das 1939 erschienene Werk gilt als DER klassische »Verfolgungsthriller«, ein Mann im Visier von englischer Polizei und Nazi-Geheimdienst, wie ein Tier in die Enge getrieben, aus der er sich mit allen Mitteln zu befreien trachtet. Aber »Einzelgänger, männlich« ist mehr: Ein politischer Kommentar zur aggressiven Expansionspolitik Hitlers und der eher zaudernden Reaktion der westlichen Demokratien. Großartig, immer wieder lesenswert.

Reiner Zufall war es, dass beinahe zeitgleich bei Pulpmaster Gerald Kershs »Ouvertüre um Mitternacht« erschien. Auch dieser Krimi spielt 1939 in England. Ein kleines jüdisches Mädchen wird missbraucht und ermordet, der Täter ist wahrscheinlich unter den Gästen einer leicht heruntergekommenen Bar zu finden. Auch hier geht es letztlich um die Frage, warum man Hitler nicht früher und entschlossener entgegengetreten ist. Kershs Antworten sind originell, psychologisch überzeugend und letztlich pessimistisch. Sollte man ebenfalls lesen, am besten in Doppelpack mit Household.

So. Und weil Weihnachten naht, darf ich mir etwas wünschen. Nämlich auf eine Serie hinweisen zu dürfen, die seit etlichen Jahren in »meinem« Conte Verlag erscheint und uns das Werk des schmählich vergessenen Klassikers der französischen »série noire«, Jean Amila, beschert. Mit »Die Abreibung« liegt nun der fünfte Band vor, eine turbulente Nacht in und um ein Krankenhaus, mit konkurrierenden Gangstern und überforderten Lernschwestern, bis wir am Ende der kurzweiligen und grimmig witzigen Ereignisse feststellen: Huch! So sehr unterscheiden sich Gangster- und Krankenhausmilieu ja gar nicht! Da schmeckt der alte Spekulatius von Tante Elfriede gleich wieder besser …

 Aber zurück auf Anfang. Entgegen landläufiger Meinungen werden in unseren Buchhandlungen nicht nur Schätzing, Brown und Co. verkauft. Gelegentlich finden sich dort auch weitere lesenswerte Werke der Kriminalliteratur. Zeit für mich, endlich das Weihnachtsmannkostüm anzuziehen und euch Krimis zu empfehlen, die garantiert nicht im Dutzend unter den Bäumchen liegen werden. Für gute Freundinnen und Freunde, aber auch zum Selberlesen. Nur, Achtung!, »verschlingen« wie all die weihnachtlichen Lebkuchen und der saftige Gänsebraten lassen sich die folgenden Empfehlungen nicht …

 Beginnen wir in Deutschland und zwar mit Uta Maria Heim. Keine Unbekannte und seit der Zuerkennung des Deutschen Krimipreises 1992 für »Das Rattenprinzip« eine Autorin, die man im Visier haben muss. 2009 nun hat Uta Maria Heim die Fortsetzung von »Das Rattenprinzip« veröffentlicht: »Wespennest«. Und wie in einem solchen geht es hier zu: Von Baader-Meinhof bis zum Mauerfall, Altnazis und Stasis, Korruption und Provinzintrigen, dazu Katzen, in denen Tote weiterleben …Klingt furchtbar? Ist es aber nicht. Sondern brillant erzählt, eine Mischung aus harten Fakten und Spekulation. Es empfiehlt sich allerdings, vorher »Das Rattenprinzip« zu lesen – der Verlag (Gmeiner) hat es freundlicherweise neu aufgelegt.

 Ganz anders die Südtiroler Autorin Selma Mahlknecht. Deren Buch »Es ist nichts geschehen« (Edition Raetia) werden viele Genrefreunde gar nicht für einen Krimi halten. Es ist aber einer. Wir lernen zwei sehr unterschiedliche Schwestern und ihre Großmutter kennen, wir ahnen, dass hier etwas nicht stimmt und ein Familiengeheimnis auf allen lastet. Das klingt schon mal nach Krimi, doch die Art, wie unspektakulär, aber doch schockierend ganz allmählich die Wahrheit ans Tageslicht kommt, wie sie Menschen am Leben hindert – das ist schon sehr beeindruckend.

 Und noch eine Frau: Andrea Maria Schenkel. Oho, höre ich jetzt einige aufstöhnen, doch nicht etwa »Bunker« (Edition Nautilus), dieses allerorten verrissene Büchelchen? Doch, genau: »Bunker«. Wenn man so will, der Negativhype des Jahres. Dabei: Ein schwieriges, aber höchst interessantes Buch, sehr spröde, liest sich nicht »wie Butter«, man wird ständig zurückblättern müssen und am Ende – wieder von vorne anfangen zu lesen. Das ist nicht jedermanns Sache, lohnt sich aber. So mies wie bei Amazon und Konsorten »rezensiert«, ist »Bunker« nämlich keineswegs. Nur ein wenig anders als viele anderen.

 Das Auftauchen übernatürlicher Phänomene schätzen Krimifreund und Krimifreundin im Allgemeinen nicht. Logisch und geerdet soll es sein, der Detektiv ein Wesen aus Fleisch und Blut, die Lösung nachvollziehbar und nicht von Geisterhand serviert. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen: Fred Vargas etwa, die uns mit »Der verbotene Ort« (Aufbau Verlag) entzückt hat, in dem sich Vampire tummeln und dennoch die Story nicht abhebt. Oder Colin Cotterill, dessen Titelheld in »Dr. Siri sieht Gespenster« (Manhattan) im kommunistischen Laos zwischen Moderne und traditionellem Geisterglauben hin und her gerissen wird. Auch nicht jedermanns Sache, aber durchaus erfolgreich. Eher im Verborgenen erblickte 2009 hingegen Vamba Sherifs »Geheimauftrag in Wologizi« (Peter Hammer Verlag) das Licht der Lesewelt. Die Geschichte spielt in Liberia, einem von Bürgerkrieg und marodierenden Milizen arg gebeutelten Land. Ein despotischer Provinzfürst ist spurlos verschwunden, der Karrierebeamte William soll sein Schicksal aufklären. Klingt irgendwie bekannt, nicht wahr? Doch Sherif entwickelt in seinem schmalen Roman peu à peu das Bild eines mannigfach zerrissenen Landes zwischen einzelnen Interessengruppen und zeigt dabei, wie stark der Geisterglaube noch immer auf dem afrikanischen Kontinent präsent ist. Und das macht er so geschickt, dass wir ihm gerne bis zum bitteren Ende folgen. Hier zeigt sich wieder einmal, dass die eher europäisch-rational ausgerichtete Kriminalliteratur nicht der einzige Weg ist, Spannung und politisch-soziale Wirklichkeit fruchtbar miteinander zu verbinden. Liegt die Zukunft des Krimis in Afrika, in Asien, in Südamerika? Könnte sein …

 Aber wenden wir uns zum Abschluss einigen Jahreshöhepunkten zu, die eher in den Bereich des arrivierten Kriminalromans fallen, weil sie bereits bekannte Modelle erfolgreich umsetzen. Der Engländer John Harvey ist so einer. Er schreibt Polizeiromane, in denen sein Protagonist Charlie Resnick genau das tut, was viele sonst auch machen: Er wird mit Mordfällen konfrontiert und löst sie. Das ist in »Tiefer Schnitt« (dtv) nicht anders. Aber WIE er das tut, hat einfach Klasse. Da rumpelt kein von »Dämonen« gebeutelter Held durch eine Nullachtfünfzehn-Handlung, wird uns kein putziges Serienkillerlein präsentiert, das seinen Opfern vor der endgültigen Abschlachtung aus der Bibel vorliest und so weiter. Nein, bei Harvey ist alles wohldosiert und fügt sich scheinbar wie von selbst zusammen. Die Nöte des Detektivs mit den Nöten der Menschen, das Abgründige des Einzelnen mit dem Abgründigen der Welt, in der diese Einzelnen leben.

Um Abgründiges geht es auch in Christian Pernaths »Ein Morgen wie jeder andere« (dtv). Eine Bauenfamilie wird grausam abgeschlachtet, ein melancholischer Tierarzt in den Fall verwickelt. Und das alles spielt im ländlichen Frankreich, in der Bretagne. Kennen wir ebenfalls – und der Name Georges Simenon leuchtet überlebensgroß über der Szenerie. Doch Pernath hat seinen eigenen Rhythmus, seinen eigenen Humor, seine eigene Melancholie. Das überzeugt. Am Ende heulen wir mit unserem traurigen Tierarzt, der sich nach einer zarten, beinahe spröden Liebesgeschichte in die käuflichen Arme einer Prostitutierten geflüchtet hat. Sehr eindrucksvoll.

Ach ja: Müssen wir sagen, dass uns Rex Miller nach »Fettsack« auch mit »Im Blutrausch« (Edition Phantasia) höchst erfreut hat? Wieder ist das mehr als bloßer Gewaltexzess und Splatterersatz. Sprachlich enorm flexibel, formal souverän und inhaltlich doch komplex. Schön, dass wir auf Miller nicht verzichten müssen.

Legen wir zum Schluss noch ein Stückchen »true crime« auf den sich bereits durchbiegenden Gabentisch. »Tor – Das verfluchte Dorf« von Carles Porta (Berliner Taschenbuch Verlag) ist ein Tatsachenroman. In einem abgelegenen Dorf in den Pyrenäen unweit der Grenze zu Andorra geschieht ein Mord. Ein spanisches Fernsehteam möchte über den Fall berichten und stößt auf eine bizarre Mixtur aus alten Familienfehden und knallharten wirtschaftlichen Interessen. Nach und nach lernen wir höchst merkwürdige Menschen und ihre Aktivitäten kennen, das alles verwickelt sich zu einem Knäuel aus Obsessionen und Dummheit, Hinterlist und Resignation. Spannend erzählt und – man glaubt es nicht – wirklich eine wahre Geschichte …

 So. Haben wir alles? Fehlt noch was? Aber natürlich, eine ganze Menge fehlt noch! Für dieses Weihnachtsfest mag es indes reichen, zumal Jochen, unser Mann fürs Grobe, schon sein Knecht-Ruprecht-Kostüm angezogen hat und mit der Rute droht. Muss er doch jetzt gleich die ganze lange Kolumne online stellen. Und wer Jochen kennt, weiß: Das kann locker bis Weihnachten 2010 dauern …

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ISSN 1862-7528