2011: Ein (fast nur) deutsches Jahr
600? 700? 800? Oder mehr? Wie viele Krimis im nun langsam auslaufenden Jahr erschienen sind, wissen wohl nur die Statistiker. Wir anderen wissen aber eines ganz genau: Man kann sie unmöglich alle lesen. Selbst der hochbezahlte Kolumnist, der sich 365 Tage lang jeweils 10 Stunden durch die aktuelle Spannungsproduktion gelesen hat, konnte nur einen Bruchteil bewältigen. Und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Es war ein deutsches Krimijahr! Na ja, fast.
Nein, das »Wir sind wieder wer« überlassen wir den Politikern, die Europa fest an die Kandare deutscher Sparsamkeit genommen haben. Wir beschränken uns darauf, zehn deutschsprachige Kriminalromane zu preisen, die sich in diesem Jahr prächtig aus den Fluten des Massenmittelmaßes erhoben haben. Gemeint sind weder die allgegenwärtigen Bewohner der Bestsellerlisten noch die üblichen Verdächtigen der diversen Feuilletons. Die zehn Romane folgen auch keinem »Trend«, sie sind nicht das Ergebnis von Hypes und gehören keineswegs zu einer bestimmten »Schule«. In ihnen spiegelt sich vielmehr die Vielfalt des Genres, sie sind schöpferische Leistungen, die alle auf einer Eigenschaft fußen, die man im Tagesgeschäft der windschnittigen, auf »Publikumserwartungen« maßgeschneiderten Produkte selten findet: Mut. Etwa der Mut, den bewährten Serienhelden eine schöpferische Pause zu gönnen.
Monika Geier und Norbert Horst: die Einzelteile
Davon kann man nur träumen: Von der Leser- wie der Kritikerschaft akzeptierte Serienfiguren, die sich seit Jahren abnutzungsfrei durch immer neue Fälle kämpfen. Die eine heißt Bettina Boll und ermittelt in Ludwigshafen, der andere hört auf den Namen Konstantin Kirchenberg und löst seine Fälle in NRW. Weiter so!, rufen alle – und was machen Monika Geier und Norbert Horst? Sie machen etwas anderes.
In Müllers Morde von Monika Geier spielt Bettina Boll nur eine Nebenrolle. Statt dessen agieren zwei Protagonisten in der klassischen Konstellation von Jäger und Gejagtem, Gut und Böse, der Killer mit dem titelgebenden Namen Müller und ein Detektiv wider Willen, der Historiker Dr. Romanoff, der nicht mit dem russischen Zarenhaus verwandt ist, sondern eine arme Sau, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienen muss, »Artefakte zum Atlantismythos« und ähnliche Dubiositäten zu verscherbeln. Der Fall, in dem beide aneinander geraten, ist hochaktuell, es geht um Wirtschaftsbetrug im sehr großen Stil. Was Müllers Morde allerdings von Produkten ähnlicher thematischer Machart unterscheidet, ist der Zweikampf Müller – Romanoff und wie er sich entwickelt. Beide werden im Verlauf der Handlung furchtbar durcheinander gewirbelt und verlieren ihre Contenance. Der eiskalte, souveräne Mörder schrumpft zum Verbrecherwürstchen, der unsichere Romanoff findet – wenigstens im Ansatz – zu sich selbst. Sprachlich, dramaturgisch ein Hochgenuss mit vielen unverkrampften Betrachtungen, die ohne Wortdurchfall auskommen, um komplexe Zusammenhänge so anzudeuten, dass sie im LeserInnen-Hirn aufgehen wie Saatgut. Und, ganz wichtig: Monika Geier erzählt nicht alles. Das Wiederkäuen überlässt sie den Kühen (von denen in Müllers Morde auch eine sterben muss).
Die Kunst der Auslassung beherrscht Norbert Horst seit jeher. Seine vier Romane um den Protagonisten Konstantin Kirchenberg überraschen durch die radikal subjektive Perspektive, aus der sie erzählt werden, ein von den Fesseln der Syntax und ihrer »vollständigen Sätze« befreiter Strom aus Beobachtungen und Gedanken. Das hat Horst viele Bewunderer, aber auch einige Verächter beschert. Splitter im Auge mit dem Ermittler Adam, genannt »Steiger«, kommt konventioneller daher. Auch hier geht es um Jagen und Gejagtwerden, um einen Zweikampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Ein Mann ermordet junge Mädchen, dahinter verbirgt sich eine komplexe Vater-Sohn-Beziehung. Das verbindet ihn mit Adam – und wäre kaum der Rede wert, doch Horst gelingt es, dieses ziemlich ausgelutschte Thema auf überraschend neue und irritierende Weise auszubreiten (nebenbei: auch in Müllers Morde wird das problematische Verhältnis eines Sohnes zu seinem Vater angedeutet). Ein Stück vielschichtiger und spannender Kriminalliteratur – und wie immer bei Horst mit einem überraschenden Ende, bei dem der Leser mehr weiß als die Polizei.
Mechtild Borrmann und Rainer Gross: Blicke zurück nach vorn
Mechtild Borrmann schreibt »Bielefeld-Krimis«. Nein, keine Angst, sie schreibt keine Regiokrimis, keine Ansammlungen der üblichen Peinlichkeiten und PR-Gags, sondern klug austarierte, spannende Romane aus dem Hier und Jetzt. Wer das Schweigen bricht bricht auch diese Grenze und wandert zurück in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Der Arzt Robert Lubisch findet im Nachlass seines verstorbenen Vaters eine Fotografie, die eine unbekannte Frau zeigt. Neugierig geworden, setzt er sich auf die Spur dieser Frau und gerät in eine ebenso nebulöse wie gefährliche Geschichte, die bald ein Todesopfer fordert. Auch hier also ein Vater-Sohn-Konflikt, aber er reicht weit über das Private hinaus, wird zu einem Konflikt des Individuums mit der »großen Geschichte«, der Blick in die Vergangenheit wendet sich und wird zu einem Blick in die Gegenwart. All das erzählt Borrmann unaufgeregt, eher unspektakulär, doch umso eindringlicher. Die Klippen des Klischees umschifft sie dabei so souverän, dass man als Leser vergisst, dass es überhaupt Klippen gab.
Etwas, das auch für Rainer Gross zutrifft, dessen Roman Kettenacker – Zufall? – ebenfalls im Pendragon Verlag erschienen ist. Er ist die Fortsetzung von Gross’ gefeiertem Debüt Grafeneck, wieder begegnen wir dem nun pensionierten Lehrer Hermann Mauser, einem Hobbyarchäologen, dessen Schicksal es ist, vermoderte Leichen zu finden, die ihn in eine Vergangenheit werfen, aus der viele brave Bürger noch Leichen in ihren Kellern haben. Diesmal sind es die verblichenen Knochen eines kleinen Mädchens, das offensichtlich vergewaltigt und dann ermordet wurde. Wer Grafeneck gelesen hat, ist mit der Thematik vertraut. Euthanasie im Dritten Reich, das große Schweigen danach. In Kettenacker knüpft Gross einen weiteren dunklen Strang dazu, den Missbrauch von Kindern durch katholische Priester. Der Protagonist gerät dadurch selbst in eine existentielle Krise, er zweifelt an Gott, so wie er schon immer an den Menschen gezweifelt hat. All das beschreibt Gross sehr intensiv, so gar nicht nach Krimiart. Aber genau hier liegt die Stärke des Textes, der zwar mit »der Aufklärung« endet, aber auch mit »der Wahrheit«? Daran dürfen wir zweifeln, nicht jedoch an der Qualität von Kettenacker:
Guido Rohm und Martin Compart: die Blutrünstigen
Und nun, frei nach Monty Python, zu etwas völlig anderem. Zurück zu den Wurzeln der Kriminalliteratur, dem hemmungslos Trivialen, wo die Qualität eines Krimis sich an der Menge des vergossenen Blutes ablesen lässt. Etwas, woran Guido Rohms Blutschneise nicht spart, was wir schon am Titel erkennen. Ein Killer, der alles tötet, was sich ihm in den Weg stellt – sogar sich selbst und seinen Autor. Er beschafft auf gut marktwirtschaftliche Art Ware für Mädchenschinder, das ist sein Beitrag zum Bruttosozialprodukt, darin unterscheidet er sich nicht von den Propheten des Profits und der Wachstumsgesellschaft. Die Opfer? Nebensächlich. Aber Rohm erwähnt auch sie, gibt ihnen wenigstens die Würde einer kurzen Biografie zurück. Ansonsten ist Blutschneise ein Kriminalroman, der sich nicht um die glattbügelnden Feinheiten eines immer mehr nach den Weihen der »Hochliteratur« strebenden Genres kümmert. Es wird gemordet, die Erzählebenen werden hemmungslos gewechselt, das macht auch stilistisch Spaß und sorgt für angenehme Erholung vom ewig Gleichen eines automatisierten Genres.
Hier trifft sich Rohm mit Martin Compart. Der ist, viele werden es wissen, ein Mann mit konkreten Verdiensten um die Kriminalliteratur hierzulande, was die Bekanntschaft mit dem Besten betrifft, was das Genre zu bieten hat (Ross Thomas etwa, den er auf dem »deutschen Markt« durchsetzte). Aber er schreibt eben auch Krimis. Sein Protagonist heißt Gill, ist ein ehemaliger Geheimdienstmann und gerät nun als Privatermittler im eher gemütlichen Dortmund in die globalen Schweinereien. Die Lucifer-Connection handelt von Satanismus und Snuff-Movies, von perversen Kinderschändern und afrikanischen Söldnern, vom fröhlichen Massenmorden und der Maske der Zivilisiertheit, hinter der sich die Bestialitäten ganz kultiviert verbergen. Gill kennt keine Gnade – und Compart noch weniger. Er erzählt, ganz im grellen und bluttriefenden Stil des Pulp, von der Verlogenheit der offiziellen Welt, er schreckt nicht vor den Autoritäten der Humanität zurück, den UN-Blauhelmen, den Charity-Organisationen, er nennt Dinge beim Namen, die man eigentlich gar nicht wissen möchte – aber wissen muss. Das haut rein. Das liest sich wie ein hemmungsloser Abenteuerroman und ist auch einer. Einer mit sehr realem Hintergrund.
Rob Alef und Georg Haderer: die Monster
Ebenso real, doch auf eine andere Art überspitzt sind die Szenarien in Kleine Biester von Rob Alef und Der bessere Mensch des Österreichers Georg Haderer. Kleine Biester führt uns in das Milieu eher »linksalternativer«, grün angehauchter Bildungsbürger, die nur eines im Sinn haben: die bestmögliche Schule für ihren Nachwuchs. Nicht nur die Namen dieser Kinder, von Leonidas bis Leopatra, sind monströs – sie selbst sind es geworden. Elfjährige Erwachsenenimitate von erschreckender Zielstrebigkeit und Altklugheit, Bildungsjunkies, seit der Geburt auf dem richtigen Weg. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge, Kinder, die auf den Bewerbungslisten eines begehrten Gymnasiums weit oben stehen, werden ermordet oder verschwinden in geheimnisvollen Schächten, ganz offensichtlich von Monsterameisen entführt …Sehr satirisch, bisweilen herrlich überdreht und dennoch nichts weniger als harmloses Spiel.
Harmlos sind die Ereignisse in Georg Haderers Der bessere Mensch ebenso wenig. Ein rechtsradikaler Politiker, dem man den Kopf mit Säure weggeätzt hat, ein Kommissar, der an bipolaren Störungen leidet und zwischen Depression und Manie hin und her schwankt, von Tabletten mühsam ausbalanciert. Die Spur führt zu einem Mann, der längst tot ist, tot sein muss. Und sie führt in die Abgründe von Wissenschaft, dort wo bessere Menschen noch bessere Menschen schaffen wollen. Georg Haderer ist, wie gesagt, Österreicher, zum Lachen ist seine Geschichte aber nicht. Sie ist hervorragend erzählt, mit griffigen Dialogen, eine turbulente Fahrt auf der Achterbahn des Lebens.
Anne Goldmann und Stefan Kiesbye: die Schrecken des Alltäglichen
Aus Österreich stammt auch Anne Goldmann, die 2011 mit Das Leben ist schmutzig debütierte. Wie schon bei Haderer finden wir hier nicht die österreichische Humortradition. Ja, ist das Buch überhaupt ein Krimi? Eigentlich geht es um das Leben in einem Wiener Mietshaus, um die Schicksale seiner Bewohner. Ein Mord geschieht, eher zufällig, fast beiläufig, eine Katastrophe, die erst die Katastrophen des Alltags sichtbar werden lässt. Goldmann überzeugt in diesem Roman vor allem als genaue Porträtistin, sie webt einen dichten Teppich aus feinsten soziologischen und psychologischen Details, in deren Mittelpunkt als geheimer Protagonist Markus, der pubertierende Sohn der Hausbesorgerin steht. Ein erstaunliches Debüt, das die Mechanismen des Krimis geschickt nutzt, uns den Alltag etwas anders zu erzählen.
Die Pubertät ist das große Thema in Stefan Kiesbyes Hemmersmoor. Ein abgelegenes Dorf in Norddeutschland, fünfziger Jahre, die Schicksale einer Handvoll Jugendlicher. Wie einen klassischen Schauerroman inszeniert Kiesbye die Unerbittlichkeit des Erwachsenwerdens, die Verhärtung und Abstumpfung der Seelen in einer Welt aus Mord und Totschlag, Missbrauch und Intrige. Menschen werden aus nichtigen Gründen einfach ausgelöscht, der Alltag, die aufkeimende Sexualität, all das ist der Stoff, aus dem das Böse kommt. Ganz am Ende dieser unheimlichen Mordrauschgeschichte über das ganz normale Leben landen wir in einem Arbeits- und Sterbelager am Rande von Hemmersmoor, einem vergessenen Relikt aus der Nazizeit. Und hier schließt sich der Kreis unserer zehn ausgewählten, besonderen Krimis des Jahres. Sie erzählen aus der Gegenwart von einer Vergangenheit, der wir in Zukunft nicht entkommen können.
Bei den meisten dieser Bücher fällt auf, dass sie wenigstens gegen eine der »ehernen Regeln« des Genres verstoßen. Da gehen Mörder straffrei aus, Taten werden nicht gesühnt, die sogenannte Wirklichkeit wird überhöht oder in einen anderen literarischen Kontext gesetzt. Dahinter verbirgt sich das, was ich anfangs mit »Mut« meinte. Die Chuzpe, das traute Dorf Krimi wenigstens auf einen Sprung zu verlassen, um neugierig zu schauen, was sich außerhalb seiner engen Mauern tut. So etwas nennt man Entwicklung, das ist nicht neu, das ist der normale Lauf der Dinge. Manchmal wird man dafür hymnisch gepriesen, manchmal schlicht und ergreifend ignoriert. Auch das: normal.
Natürlich darf ich nicht verschweigen, dass die zehn vorgestellten Titel eine mehr oder weniger willkürliche Auswahl sind. Einige, die man ebenfalls hätte erwähnen können, habe ich einfach nicht gelesen – dafür entschuldige ich mich und bitte um Verständnis. Und der Rest der Krimiwelt? Den wird man andernorts genügend loben, ich möchte mich auf einen einzigen Roman beschränken, einen italienischen, der nicht einmal ein Krimi ist.
Sandro Veronesis XY hat zunächst alles, was ein Krimi braucht. Im Bergdorf San Giuda sind zwölf Menschen mit einer Pferdekutsche unterwegs. Wenig später sind elf von ihnen tot, ein kleines Mädchen wird vermisst. Einige der Toten wurden gefoltert, geköpft, vergewaltigt, andere starben augenscheinlich eines natürlichen Todes. Was ist passiert? Niemand weiß es, der Fall ist mehr als bizarr. Der Ortspfarrer und eine Psychologin nehmen sich der Sache an.
Was nun für LiebhaberInnen des Genres so vielversprechend beginnt, entwickelt sich sehr schnell zu einer Art Psychogramm der Bewohner von San Giuda. Auch das ist noch durchaus krimigemäß. Aber man merkt sehr schnell, dass dieses grausige Verbrechen nichts weiter ist als der Anstoß, Normalität zu beschreiben, Normalität, die durch ein außerordentliches Ereignis aus den Fugen geraten ist und nun seine sprichwörtlichen Abgründe öffnet. Der Massenmord ist also nur ein Bild, es gibt keinen Täter, es kann nichts aufgeklärt werden. Am Ende wissen der Ortspfarrer und die Psychologin über sich selbst Bescheid, sie waren also Detektive in eigener Sache.
Veronesis Buch gibt eine Ahnung dessen, wohin sich Krimi entwickeln kann. Weg vom Einerlei von Mord – Ermittlung – Aufklärung, hin zu einer großzügigeren Sicht auf »Verbrechen«. Lesenswert allemal.
Und zum Schluss noch zwei Wiederveröffentlichungen respektive zwei persönliche Wiederentdeckungen. James Dickeys Flussfahrt (1970) und David Osborns Jagdzeit (1974) sind Klassiker, die beide auf ihre ganz spezielle Art am kulturellen Lack des zivilisierten Menschen kratzen. Sie werfen ihn in die Wildnis der Natur beziehungsweise die Wildnis der archaischen Seele, sie fördern Wahrheiten über unsere Gesellschaft zutage, die man eigentlich besser nicht erfahren möchte. Unbedingt zu empfehlen, jetzt in wohlfeilen deutschen Ausgaben wieder auf dem Markt.
Ach ja. Mich persönlich hat die Wiederbegegnung mit Isaac Asimovs SF-Krimis Die Stahlhöhlen und Die nackte Sonne sehr gefreut im ablaufenden Jahr. Und dass George V. Higgins dringend neu für das deutsche Publikum zu entdecken wäre, hat mir die Lektüre seines Krimis Die Freunde von Eddie Coyle auf jeder Seite bestätigt. Ob sich da 2012 etwas tut? Wäre schön.
Allen treuen Leserinnen und Lesern dieser Kolumne jedenfalls einen guten Jahresabschluss und ein glückliches Händchen bei der Lektüre.

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