Wer spoilert, verliert

Von Dieter Paul Rudolph

Ich bin aufgeregt. Das hier ist schließlich meine Premierenkolumne für die Krimi-Couch. Zigtausende Leserinnen und Leser schauen mir über die Schulter und fragen sich: »Sollen wir den jetzt mögen oder seine Kolumnen in Zukunft meiden wie Dan Brown das Weihwasser?«
Am besten oute ich mich gleich als absoluten Sympathieträger. Räuspern, Luft in den Brustkorb pumpen und dann mit fester Stimme:

ICH LIEBE DIE ROMANE VON STIEG LARSSON!

Okay, zugegeben: Das war jetzt eine glatte Lüge. Aber da sich kein Mensch vorstellen kann, dass jemand Stieg Larsson nicht liebt, ist das eine Lüge, die man sich ebenfalls nicht vorstellen kann. Und das ist doch dann keine richtige Lüge, oder?
Noch einmal, damit es auch jeder hört:

ICH LIE....

Moment. Wie sagt doch neulich mein Verleger zu mir? »Sie sollen dich nicht lieben, sie sollen dich HASSEN! Dann kaufen sie dein Geschreibsel schon deshalb, weil sie sich so richtig ärgern wollen!«
Versteh ich nicht.
Mein Verleger, ein geduldiger Charakter, erklärt es mir für Doofe: »Wer ist der erfolgreichste Mann im deutschen Showgeschäft?«
Das ist leicht, das weiß sogar ich. »Dieter Bohlen natürlich!«
»Genau. Und wer ist der meistgehasste Mann im deutschen Showgeschäft? Na?«
Der Verleger hat recht! Ich muss mich sofort fürchterlich unbeliebt machen! Aber wie? – Ich hab´s!
»Liebe Leserinnen, liebe Leser! Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne. Zuallererst verrate ich Ihnen den Mörder im neuen Karin-Slaughter-Roman. Es ist —«

Hm. Ob das wirklich so eine gute Idee wäre? Immerhin hat Chef Lars vor kurzem erst eine »Spoiler-Funktion« programmiert. »Muss sein«, hat er gesagt, »sonst kommen wir in Teufels Küche.« Denn das Spoilern, also das Preisgeben des Täters in Rezensionen und Kommentaren, das ist die absolute Todsünde! Dafür wird man sofort gelyncht, geteert und gefedert oder, am allerschlimmsten, gezwungen, die komplette Larsson-Trilogie komplett und am Stück vorzulesen.

Denn wozu liest man eigentlich Krimis? Richtig: Um auf der letzten Seite zu erfahren, dass die reizende Miss Elderson das halbe Altersheim massakriert hat, um als älteste Serienkillerin ins Guinessbuch zu kommen. Der Leser möchte mitraten können, das ist es. Nur: Rät er richtig, ist er enttäuscht, weil die Auflösung dann keine Überraschung mehr ist. Rät er falsch, ist er auch enttäuscht – weil er falsch geraten hat. Zum Tier aber wird er, wenn ihm jemand vorab verrät, wer es denn nun war. Dann kann er das für teuer Geld erworbene Buch ungelesen in die Tonne kicken.

***

War das eigentlich schon immer so? Überraschende Antwort: nein. Machen wir einen kurzen Abstecher in die Kinderstube der Kriminalliteratur, in das Deutschland zwischen 1850 und 1890. Die Leute wollten gut und spannend unterhalten werden, sie lasen die neuen »Familienzeitschriften« und trugen ihre Pfennige in Leihbibliotheken, wo immer mehr Kriminalnovellen und -romane bereitstanden. Das war nicht, wie später gerne behauptet, nur etwas für Holzknechte und Dienstmädchen. Die ersten Krimis fanden sich auch in »fürstlichen Bibliotheken« oder in den Buchbeständen des örtlichen Pfarrers. Alle wollten unterhalten werden – aber »spannend«? Eben nicht! Jedenfalls nicht nach unseren heutigen Vorstellungen. Nehmen wir die Kriminalnovelle Der tolle Hans von Adolf Streckfuß (1873). Da ist alles drin, was auch heute noch das Herz des Thrillerliebhabers erfreut: ungeklärte Raubmorde, der Titelheld als Verdächtiger, alle Indizien sprechen gegen ihn. Nur die Ermittlungen seiner Freunde bewahren ihn vor dem Galgen und überführen den wahren Schuldigen. Irre spannend also!

Nein, überhaupt nicht. Ich verrate den Mörder: Der Pfarrer war´s! Dieses Spoilern ist völlig ungefährlich, denn der Leser kriegt es, auch wenn es nicht klar ausgesprochen wird, schon auf den ersten zehn Seiten mit, wer hinter allem steckt. Und mehr als zehn Grad auf der Krimicouch wären vom modernen Rezensenten auch kaum dafür zu erwarten. Der würde sich darüber aufregen, wie hier ein völlig untalentierter Autor einen potentiellen Whodunit mit Vollgas gegen die Wand fährt.

Seltsamerweise ist Der tolle Hans (übrigens ein höchst lesenswertes Buch!) nur ein Beispiel unter vielen. Zwar gibt es einige Krimis, bei denen man erst am Ende erfährt, wer für all das Böse verantwortlich zeichnet. Die Regel ist das aber nicht. Könnte es sein, dass unsere Vorfahren unter »Krimi« und »Spannung« etwas völlig anderes verstanden als wir?

Hieronymus Lorm (der übrigens später die Blindenschrift erfunden hat) nennt seinen 1879 erschienenen Kriminalroman Späte Vergeltung in der Vorrede »eine im höchsten Sinne moralische Dichtung«. Und schon 1845 ist für Julian Chownitz sein Roman »Das ist der Lauf der Welt!« ein »Sittengemälde aus der Gegenwart«. Und so weiter. Statt Whodunit also Moral, spannend sind die Regelübertretungen selbst, nicht unbedingt jene, die die Regeln übertreten.

Warum sich unsere Altvorderen damit begnügten? Der Krimifreund unserer Tage mag es gähnend zur Kenntnis nehmen, wenn die Hausfrau mit dem Briefträger in die Kiste steigt. In einem mit moralischen Tabus gepflasterten Zeitalter genügte indes schon ein simpler Ehebruch, um gänsehautmachenden Thrill zu erzeugen. Mit seiner Spoilerfunktion wäre Lars im wilhelminischen deutschen Kaiserreich jedenfalls ziemlich auf die Nase gefallen …

Doch je weiter sich die Kriminalliteratur zum Unterhaltungsgenre mausert, desto weniger geht es um Moral und Sitten. In den Mittelpunkt rücken allmählich die Helden. Kommen die frühen Krimis noch ohne allgegenwärtige Ermittler aus, so entstehen langsam einprägsame Figuren mit besonderen Ermittlungsmethoden. Das Ziel ist es, ein Rätsel zu lösen, und was ist das größte Rätsel in einem Krimi? Genau: Die Identifizierung des Bösewichts.

Mit dem Erfolg von Sherlock Holmes Ende des 19. Jahrhunderts brechen alle Dämme. Fortan ist die Überführung der Täters Höhepunkt der meisten Kriminalromane, es werden falsche Spuren gelegt, niemals irrende Superhirne ermitteln, aufregende Verfolgungsjagden (die man im 19. Jahrhundert beinahe vergeblich sucht) sorgen für zusätzliche Spannung. Der Krimi wird zum Denksport, der Held zum Serienhelden. Eine Anzeige des Robert Lutz Verlags aus dem Jahr 1924 beschreibt, worum es fortan im Krimi geht: um »Hochspannung für den behaglichen, naiven Genießer wie für den abgehetzten Geistes- und Nervenmenschen«. Und seitdem ist Spoilern furchtbar unbeliebt …

Unbeliebt – und lebensgefährlich. 1962 verriet der Schauspieler und Kabarett Wolfgang Neuss in einer Zeitungsanzeige den Mörder in einem Mehrteiler von Francis Durbridge, Das Halstuch. Und zwar ausgerechnet am Tag, an dem die letzte Folge ausgestrahlt wurde. Für die Jüngeren: Durbridge-Krimis waren damals gesellschaftliche Ereignisse, zu denen sich ganz Fernsehdeutschland vor den Mattscheiben versammelte – Einschaltquoten über 90%!. Die verruchte Tat des Wolfgang Neuss blieb nicht ohne Folgen. Der »Skandal« erschütterte die Republik, Neuss erhielt Morddrohungen und wurde von der BILD-Zeitung als »Vaterlandsverräter« beschimpft. Zwar behauptete Neuss später, den Mörder nur geraten zu haben – sein Pech aber, dass er richtig geraten hatte …

***

Noch viel unbeliebter als das Spoilern ist es, wenn der Autor am Ende nicht verrät, wer’s denn nun war. Schlimmer noch: Wenn er zwar den Fall aufklärt, aber so, dass es auch ein anderer als der auserkorene Täter gewesen sein kann. Der unangefochtene Meister dieser besonders perfiden Kunst ist Georges Simenon. In seinem Roman Maigret und der Samstagsklient zum Beispiel taucht nach Dienstschluss ein gehörnter Ehemann in Maigrets Wohnung auf und kündigt verzweifelt an, seine Ehefrau umbringen zu wollen. Maigret beruhigt ihn. Dann geschieht ein Mord, Maigret ermittelt und fasst den Schuldigen. Der Leser klappt das Buch zufrieden zu. – Und gerät ins Grübeln. Hat ihm da Simenon tatsächlich den wahren Täter präsentiert? Oder sollte die Geschichte etwa ganz anders abgelaufen sein? Vieles, beinahe alles spricht dafür. Doch Simenon äußert sich nicht dazu. Er lächelt diabolisch und setzt sich zufrieden an den nächsten seiner insgesamt 75 Maigret-Romane. Mit derselben Nummer ist Simenon übrigens auch in Maigret und die braven Leute aufgetreten. Er »spoilert« den Täter – und führt dich möglicherweise auf die falsche Fährte. Wer es denn nun war, das entscheidest am Ende du selbst. Das nenne ich den mündigen Leser – und hoffentlich weiß der es zu schätzen, welch große Stücke Simenon auf ihn hält.

Doch nicht nur alte pfeiferauchende Belgier verstehen sich auf diesen Trick, auch junge fesche österreichische Debütantinnen bedienen sich seiner, wie neulich Nora Miedler in ihrem Krimi Warten auf Poirot. Fünf Frauen werden an einem Wochenende in einer einsamen Berghütte eingeschneit. Eine der Frauen wird erstochen. Später stirbt eine weitere. Die Täterin entgeht ihrer Überführung nicht. Aus, erledigt. Und plötzlich sagst du »Hallo? Wars denn wirklich so? Oder bin ich am Ende betrogen worden?« Sieht fast so aus …

Das Schöne daran: Hier könnte man eigentlich ohne Gefahr spoilern. Denn der Täter, den man preisgibt, muss es ja nicht wirklich sein. Das könnte man Anti-Spoilern nennen. Aber ob man sich damit beliebt macht? – Oder wenigstens unbeliebt?

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ISSN 1862-7528