Kinderkorn von Doris Gercke

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1991 bei Galgenberg.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Hamburg, 1990 - 2009.
Folge 6 der Bella-Block-Serie.

  • Hamburg: Galgenberg, 1991. ISBN: 3925387897. 212 Seiten.
  • München: Goldmann, 1994. ISBN: 3-442-09976-5. 186 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000. ISBN: 3-442-72703-0. 186 Seiten.
  • Hamburg: Hamburger Abendblatt, 2010. ISBN: 978-3939716839. 83 Seiten.

'Kinderkorn' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Bella Block, die legendäre Kommissarin aus Doris Gerckes erfolgreichen Kriminalromanen, ist inzwischen eine Kultfigur. Millionen Leser und Fernsehzuschauer beobachten fasziniert ihren Kampf gegen kriminelle Machenschaften in feinen und nicht so feinen Kreisen. Diesmal ermittelt Bella im Hamburger Arbeiterviertel mit dem zynischen Namen »Hoffnungsberg«. Rätselhafte Todesfälle von kleinen Mädchen schrecken die Öffentlichkeit auf. Schnell stößt Bella auf dunkle Geschäfte türkischer Jugendbanden, die den Drogenhandel und Kinderprostitution organisieren. Doch ihre Ermittlungen kollidieren immer wieder mit dem Desinteresse der Anwohner und der Gleichgültigkeit bei der Polizei, die nicht sieht oder nicht sehen will.

Das meint Krimi-Couch.de: »Gerckes Worte scharf und bitter, ihre Sätze ein einziges resigniertes Abwinken«

Krimi-Rezension von hyby

Was machen manche überarbeitete, ausgelaugte alleinziehende Mütter, wen ihre Kinder nicht einschlafen wollen? Sie verabreichen ihnen als Schlaftrunk einen Kinderkorn – ein Glas gelben Sprudels mit einem Schuß Korn. Und das hilft todsicher – erstmal jedenfalls.

Aber ebenso brutal-direkt wie diese Methode ist das Milieu, in dem sie Anwendung findet: eine jener komprimiert hochgezogenen Wohnsiedlungen mit hohen Häusern und niedrigen Hemmschwellen.

In dieser Siedlung namens Hoffnungsberg (unschwer als Hamburger Siedlung Mümmelmannsberg zu erkennen und eine etwas seeehr sarkastische Namensgebung, Frau Gercke!) sind bereits zum wiederholten Male junge Mädchen aus hohen Fenstern gefallen. Bei den Ermittlungen stößt die Polizei auf eine Mauer des Schweigens, des Desinteresses und einer kaum mehr zurückgehaltenden Aggressivität. Doch auch innerhalb der Polizei scheint man die Aufklärung der Todesfälle nur mit recht gebremster Energie zu verfolgen.

Mit ihren Zweifeln wendet sich eine junge Polizistin an Bella Block. Die wohnt nicht nur mit Elbblick in deutlich besserer Lage, sondern sie hat zudem zwischenzeitlich so üppig geerbt, dass sie ihren Job als Privatdetektivin eigentlich an den Nagel gehängt hat. Aber eben nur eigentlich, denn die Dame ist extrem neugierig – und als Ex-Polizistin ahnt sie Böses.

In dieser Angelegenheit begnügt sie sich nicht mit halben Sachen, sondern geht aufs Ganze: sie nimmt einen Job als Warenstaplerin in einem Supermarkt am Hoffnungsberg an und knüpft ein paar lose Kontakte. Und schon bald erhält Bella einige kurze Einblicke in eine Welt, deren verborgene brutale Gesetze auch die Schwächsten nicht verschonen.

Die Welt der Kinder dort ist für ihre im tagtäglichen Existenzkampf rackernden Eltern nicht mehr sichtbar. Es ist eine Schattenwelt jenseits sonniger Sandkisten mit bunten Klettergerüsten. Es ist eine Welt in halbdunklen Kellern, in denen Knirpse nach ihren erpreßten Diebestouren ihre Beute an halbstarke Schläger abzuliefern haben. Und spurt einer nicht, wird er gemobbt und bedroht – bis der Sturz vom Balkon eine Erlösung ist.

Junge bis jüngste Mädchen haben noch andere Möglichkeiten: sie warten in einzelnen, karg eingerichteten Wohnungen auf verstohlene Kunden.

Angesichts der bisweilen auftauchenden finsteren Figuren machen die Nachbarn lieber die Augen zu. In dieser Welt haben haben viele Kindermünder schon ganz anderes geschluckt als den Kinderkorn ihrer überforderten Eltern. Und bald bestätigt sich auch Bella Blocks Ahnung und ihr wird klar, warum das Interesse der Polizei an der Aufklärung so merkwürdig verhalten ist …

Formal ist das ein Krimi, keine Frage: es gibt Leichen, es gibt Polizisten und es gibt Ermittlungen. Aber eigentlich ist das ungeschminkter, häßlicher Sozialrealismus. Doris Gercke zeichnet eine Welt der real existierenden Hoffnungslosigkeit, einer menschlichen Existenz unterhalb jeden Minimums.

Hilfe durch die Hohe Politik ? Da werden Gerckes Worte scharf und bitter und ihre Sätze sind ein einziges resigniertes Abwinken. Die Mißstände sind so offenkundig wie zementiert – und angesichts ihrer Unverrückbarkeit sind auch die Findigkeit und Courage einer Bella Block machtlos.

Der Fall der toten Kinder versickert im Versiegeln dieser und jener Bordellwohnung und in einem halbherzig auf den Weg gebrachten amtsinternen Ermittlungsverfahren – das war’s.

Und für die Bewohner des Hoffnungsberges kommt ein neuer Tag, der genauso stumpf werden wird, wie der gestrige war.

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Milde_Sorte zu »Doris Gercke: Kinderkorn« 29.03.2005
Ein super Roman, egal ob Krimi oder "Sozialrealismus". Man taucht ein in eine unglaubliche Welt mitten in Deutschland. Aber man kann das Buch ja wieder beiseite legen, die Leute die da wohnen nicht.
Ashkan zu »Doris Gercke: Kinderkorn« 09.10.2002
was schreiben sie da über Mümmelmannsberg???Sie haben echt keinen Durchblick!!Sie tun mir aber leid1
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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