Einschlägig bekannt von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2010
unter dem Titel Bien connu des services de police,
deutsche Ausgabe erstmals 2011
bei Argument.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1990 - 2009.
- Paris: Gallimard, 2010 unter dem Titel Bien connu des services de police. 210 Seiten.
-
Hamburg: Argument, 2011.
Übersetzt von Andrea Stephani.
ISBN:
978-3867541985. 256 Seiten.
'Einschlägig bekannt' ist erschienen als
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In Kürze:
Null Toleranz für den »Pöbel« der Vorstädte lautet die Direktive des Innenministers. Markige Worte angesichts seiner geplanten Präsidentschaftskandidatur. Jetzt müssen Beweise her, dass die Kriminalitätsrate tatsächlich sinkt. Kommissarin Le Muir, Leiterin eines Bezirkskommissariats der Pariser Banlieue, sieht ihre Chance: Was der Politik des Ministers dient, dient unmittelbar auch ihrer Karriere. Zum Glück finden ihre Truppen reichlich Anlass, die staatliche Autorität mit gebotener Härte unter Beweis zu stellen. Manipulation von Statistiken, Einschüchterung der migrantischen Bevölkerung, brutale Übergriffe – das ist Dynamit in der von Angst und Hass geschwängerten Atmosphäre. Eine »Säuberung mit Hochdruck«, wie sie der Innenminister lautstark fordert, bahnt den Weg für Gentrifizierung und Immobilienspekulation. Nur die von Illegalen besetzten Häuser bilden einen Schandfleck … Noria Ghozali, inzwischen ranghohe Ermittlerin beim Zentralen Nachrichtendienst, beobachtet mit wachsendem Misstrauen das Treiben von Starkommissarin Le Muir und ihren Truppen. Insbesondere die Kontakte, die gewisse Polizisten und gewisse Großkriminelle knüpfen, wecken ihren Argwohn. Und plötzlich stehen die besetzten Häuser in Flammen.
The girl got rhythm!
Wohl wahr, den besitzt Dominque Manotti, und noch einiges mehr. Scheinbar nüchterner, knapper journalistischer Stil, doch das ist viel mehr: Poesie, die aus dem Gespür für Sprache, Timing und einer genauen Beobachtungsgabe resultiert. Manotti schaut genau hin, sieht dem zu, was Tag für Tag geschieht, komprimiert Ereignisse und haut sie dann als Fiktion dem Leser um die Ohren. Wer behauptet, mit Fäusten könne man nicht schreiben, hat Dominique Manotti nicht gelesen. Doch Wut alleine reicht nicht für gelungene Literatur, da gehört auch eine Menge analytisches Denken hinzu, möglichst derart präsentiert, das es nicht wie der erhobene Zeigefinger eines (noch) idealistischen Sozialkundelehrers wirkt. Keine Bange, auch das hat Manotti raus, denn unabhängig von ihrem reflektierenden Scharfsinn, sind die Geschichten einer Hand voll Polizisten, die auf verschiedenen Ebenen um Macht, Geld, Integrität, Anerkennung, Erfolg und manchmal auch bloßes Überleben kämpfen, spannend und plausibel umgesetzt.
Auf lediglich 250 Seiten entspinnt Dominique Manotti ein verzweigtes und komplexes Psychogramm einer Gesellschaft, die dem Untergang entgegen taumelt. Da sind Comissaire Le Muir und ihr rechtsextremer Fahrer und Adlatus Brigadier-Major Pasquini, denen für die Räumung zweier besetzter Häuser in der Pariser Vorstadt Panteuil jedes Mittel Recht ist; ihre Gegnerin Noria Ghozali, die mit ihrer arabischen Herkunft hadert, aber bei allem Taktieren, Straßenkämpfermentalität beibehalten hat; die jungen und engagierten Polizeianwärter Sebastian Doche und Isabelle Lefévre, die durch und durch korrupte Spezialeinsatztruppe BAC, um den großsprecherischen Paturel und den begeisterten Fußballer Ivan Djindjic. Den eine Fehlreaktion in der Vergangenheit Kopf und Kragen kosten kann. Dominique Manotti umreißt jede Biographie scharf, verleiht all ihren Protagonisten eigenständigen Charakter. Simple Schwarzweißzeichnungen gibt es nicht. Fast jeder Täter ist gleichzeitig Opfer – bis zu einem gewissen Dienstrang. Bei den höheren Chargen ist alles Politik und damit machbar. Das muss Noria Ghozali nicht einmal schmerzhaft erfahren, sie weiß es längst. Nichts davon verkommt der Autorin zu polemischer Phrasendrescherei, sie ist dicht an ihren Figuren dran, jede Persönlichkeit handelt nachvollziehbar und glaubhaft, ob exponiert oder als Teil einer größeren Menge. Und selbst wenn sie die Handlung komprimiert, vor allem, was die Schnelligkeit ihrer Entwicklung angeht, Einschlägig bekannt bleibt mit jeder Zeile beklemmend realistisch. Eigentlich schlimmer noch – Manotti arbeitet eher mit Understatement, als dass sie übertreibt.
Und en passant gelingen ihr auch im Kleinen ganz große Szenen. Wie jene, als Doche im »Heulbüro« angelernt wird, jenem Bereich des Polizeireviers, in dem die alltäglichen Anzeigen eingehen. Von Fahrrad- über Autodiebstahl bis zu häuslicher Gewalt. Der fette und gemütliche Kollege Robert klärt Sebastian auf:
So sind die Vorschriften, mein Guter. Die Verbrechensrate muss runter und die Aufklärungsrate rauf, das heißt, in Fällen, die wir nicht aufklären können, sollen wir so wenig Anzeigen wie möglich aufnehmen.
Das sieht dann bei einem Fall von Familiengewalt so aus (eine interessante Parallele zu Deadwood übrigens):
[Sous Brigadier Robert] spricht von Gefängnis für ihren Mann, von Arbeitslosigkeit, Armut, Rache, versichert ihr, dass mit Geduld alles wieder in Ordnung kommen kann, wissen Sie, gewalttätig sind die Männer doch mehr oder weniger alle, und erklärt abschließend, sie täte besser daran, keine Anzeige zu erstatten.
Einschlägig bekannt ist wütend und klug genug, den Zorn in Worte zu fassen. Kein Pathos, kein übertriebenes Gejammer über den verrotteten Zustand unserer Welt. Stattdessen eine stilistisch klare und Genre gerechte Aufarbeitung so brisanter wie alltäglicher Themen. Gentrifizierung sagt sich leicht und lässt sich ebenso einfach ergooglen. Dominique Manotti verleiht dieser anonymen Vokabel Gesichter, zeigt wie mit Menschenleben gespielt und wie sie mitunter gewissenlos vernichtet werden. Gerechtigkeit heißt immer noch: »Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen.« Das passiert fast beiläufig, ein Leitartikel wird erst draus, wenn der Bericht verschiedene Instanzen durchlaufen hat. Oder unredigiert von einer »offiziellen« Pressestelle übernommen wurde.
An ihren Journalistenkollegen lässt Dominique Manotti kein gutes Haar. Zumindest nicht an jenen, die bequem herumsitzen und dpa- und sonstige Meldungen zu Artikeln verarbeiten, ohne je selbst den Arsch hochbekommen und irgendetwas verifiziert zu haben. Der Triumph der Informationen-aus-zweiter-Hand-Welt.
Einschlägig bekannt: SO können Kriminalromane aussehen. So sollten sie aussehen. Leider.
Mahatma Ghandi hat einmal gesagt:» Man kann den Fortschritt und moralischen Wert einer Gesellschaft daran messen, wie sie mit ihren Tieren umgeht.«
Welchen Wert hat wohl eine Gesellschaft, die mit den Menschen schlimmer umgeht als mit jedem Tier?
Notizen von einem sterbenden Planeten. Dominique Manotti ist die beste Protokollantin, die man sich dabei nur wünschen kann.
Jochen König, Oktober 2011
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| RiaKlug zu »Dominique Manotti: Einschlägig bekannt« | 08.01.2012 |
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