Das schwarze Korps von Dominique Manotti

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Le corps noir, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Argument.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1930 - 1949.

  • Paris: Éd. du Seuil, 2006 unter dem Titel Le corps noir. 293 Seiten.
  • Hamburg: Argument, 2012. Übersetzt von Andrea Stephani. ISBN: 978-3867542067. 256 Seiten.

'Das schwarze Korps' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

6. Juni 1944: Noch geht Paris an diesem sonnigen Frühsommertag ungerührt seinen Geschäften nach: Die französische Gestapo verhaftet einen amerikanischen Offizier. Vorm Büro ihres Chefs Deslauriers stehen Bittsteller aus Geschäfts- und Halbwelt Schlange. Am Abend hält die schöne Dora Belle, Geliebte eines SS-Hauptsturmführers und zweitklassige Schauspielerin, ihren Salon. Hier trifft sich die Führung von SS und Wehrmacht mit Vertretern von Industrie, Finanzwelt und Kultur: elegantes Dekor, ausgesuchte Delikatessen, Champagner, Sex. Inspecteur Domecq von der Sitte, Verbindungsmann des gaullistischen Widerstands, nutzt den Abend, um Witterung aufzunehmen. Denn nicht nur militärisch steht die entscheidende Schlacht bevor. In Erwartung der deutschen Niederlage müssen Besatzer und Kollaborateure ihren Besitz, ihre Reputation oder auch nur ihre nackte Haut retten. Manches lässt sich mit Geld regeln oder bei einem guten Tropfen. Aber bald fließt mehr Blut als Champagner.

Das meint Krimi-Couch.de: »Kollaboration und Widerstand« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Ein schreiendes Baby wird aus dem Fenster geworfen, eine Frau vergewaltigt, Dienstboten schlägt man die Schädel ein, weil sie gerade im Weg sind. Starker Tobak. Frankreich 1944, unter deutscher Besatzung, soeben sind die Alliierten in der Normandie gelandet und arbeiten sich – Hunderttausende werden dabei sterben – ins Hinterland vor. Noch ist es ein weiter Weg bis Paris, wo Dominique Manottis Roman spielt. Die Mörder sind SS-Leute, das berüchtigte »Schwarze Korps«. Aber es sind keine Deutschen, es sind Franzosen. Handlanger, Beutemacher, Gangster, Kollaborateure.

Auch das wäre in Frankreich jahrzehntelang starker Tobak gewesen, ein Tabu gewissermaßen, denn das Schönreden der Vergangenheit gehörte auch dort zu den Mechanismen, sich vor der Geschichte reinzuwaschen. Heute ist das Phänomen der  französischen Schergen in Diensten der deutschen Besatzer anerkannt und wird heiß diskutiert. Auch in Kriminalromanen.

Erzählt wird die Geschichte des Polizisten Domecq, der eigentlich gar kein Polizist ist, sondern ein ins Sittendezernat eingeschleuster Agent der Exilregierung von General de Gaulle. Seine Verbindung zur umschwärmten Dora Belle, in deren Salon nicht nur die Nazigrößen, sondern auch die Spitzen der gleichgeschalteten französischen Regierung und der Wirtschaft verkehren, macht ihn zu einem besonders wichtigen Mann für den Widerstand. Als wertvolle Gemälde gestohlen werden, kommt Domecq auf die Spur des Kollaborateurs Deslauriers und seiner Bande, nach und nach deckt er weitere Verbindungen auf, gerät selbst in Lebensgefahr und ist im Grunde doch nur hilfloser Zuschauer des immer turbulenteren Auflösungsprozesses, in dem sich das besetzte Frankreich befindet.

Aber Das schwarze Korps ist eben mehr als eine personalisierte Geschichte jener historischen Situation. Manotti schreibt auch eine Geschichte der Kollaboration und des Widerstands an sich, eine Geschichte der Kriegsgewinnler, wie sie zu allen Zeiten aktuell war. Einige springen über die Klinge, andere passen sich den neuen Herren an. Schwarz-weiß-Malerei findet, wie immer bei Manotti, nicht statt. Ein solches Buch kann nur schreiben, wer wirklich schreiben kann. Manottis nüchtern-distanzierter Stil, weitab von der schwülstigen Biederkeit standardisierter Genreprodukte, setzt jedes Wort an seinen rechten Platz, lässt dort Raum, wo ihn der Leser braucht, erklärt dort, wo Erklärungen wichtig sind. Nur so kann gelingen, was hier gelungen ist: Einen Roman mit einer Geschichte zu schreiben, die »Geschichte« ist, sich wiederum in Geschichten zerlegen ließe, die, zu Ende erzählt, weit über den eigentlichen historischen Kontext hinausweisen. Geschichten mit großer Fallhöhe, von unglaublicher Brutalität bis zur knospenden und tragischen endenden Liebesbeziehung zweier Heranwachsender.

Großartige Literatur für Leser, die sich nicht damit zufrieden geben wollen, am Ende einen Mord serviert zu bekommen. Pflichtlektüre für Leser, die Sprache als wertvollen Rohstoff schätzen, den man mit der nötigen Sorgfalt behandeln sollte. Alle anderen lassen bitte die Finger von Dominique Manotti. Oder nein: Alle anderen lassen sich bitte überzeugen und lesen dieses Buch erst recht.

Dieter Paul Rudolph, September 2012

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Sagota zu »Dominique Manotti: Das schwarze Korps« 19.08.2015
Dieser sehr politische Krimi (auch ein Histo-Krimi, wenn man so will) ist als ariadne-Kriminalroman in HC im Argument-Verlag, 2012 erschienen. Es gibt direkt zu Beginn eine sehr informative Anmerkung zum historischen Kontext der Autorin: Zeitlich umfasst der Krimi 4 Jahre (1940-1944) deutscher Besatzung und Nazidiktatur in Paris und macht diese "sichtbar" und literarisch "erfahrbar": V-Leute, Kollaborateure, französische Gestapo-Leute, einflussreiche Bankiers, reiche Industrielle, die sich u.a. in "Dora's Salon" die Klinke in die Hand geben und in vollem Schwelgen beladener Tische mit Köstlichkeiten, Sekt und Spezialitäten versehen, begehen ungestraft Verbrechen, morden, trinken, vergewaltigen - und führen das Leben wahrhafter "Bohemians" - und das zwischen 1940 und 1944!
Aber auch die Résistance, diverse Widerstandsgruppen gegen das Naziregime kommen zum Zuge - als sich das Blatt endlich politisch wendet und die Alliierten an Boden gewinnen, sucht jeder der einstigen Deutschen-Freunde, sein (mitunter sehr beträchtliches) Scherflein noch rechtzeitig ins "Trockene" zu bringen...

Ein sehr harter Kriminalroman, der detailgetreu beschreibt, welche menschlichen Normen und Werte der Krieg außer Kraft gesetzt hat und der den Leser mit einem bedrückenden Gefühl und entsetzt - durch die Authentizität, mit der Dominique Manotti diese Zeit durchstreift und offenlegt - entlässt ("wir haben das ja alles schon gewusst")... Sehr interessant fand ich die kurzen Zusammenfassungen vor jedem Kapitel bezüglich der Truppenbewegungen der Alliierten, der den Krimi immer wieder in die Kriegszeit einbindet...

Der Stil Manotti's ist minimalistisch und teils stakkatoartig, jedoch von daher sehr zum Inhalt passend, dennoch musste ich mich an diesen gewöhnen: In einer sehr direkten Sprache, die die Brutalität in der Zeit des Schreckensregimes der Nazis auf den Punkt bringt und aufzeigt, dass es immer wieder Menschen geben wird, die - rechtzeitig zur anderen, "richtigen" Seite gewechselt - durchaus (Kriegs)-gewinner sind, ist dies ein absolut empfehlens- und lesenswerter Krimi von Dominique Manotti!

Fazit:
Ein Krimi, der beeindruckt, so dass es einem wahrhaft die Stimme verschlägt, erschütternd, beklommen machend - aber eben auch aufklärend, sehr gut recherchiert und fesselnd geschrieben: Absolute Leseempfehlung mit 5 Sternen und 96° auf der Krimi-Couch von mir!
Darix zu »Dominique Manotti: Das schwarze Korps« 06.06.2013
Manotti Das Schwarze Korps
M. versteht es schnell und präzise Situationen und Geschehnisse einzufangen.
Die Phase der Landung der Alliierten in der Normandie und parallel dazu das Leben der Besetzer und Kollaborateure in Paris. Hart, schnörkellos und direkt, wird das Verhalten der Protagonisten dargestellt.
Die Pariser SS unter Führung des Ariers, Hauptsturmbannführers Bauer herrscht als Unterdrücker in der französischen Hauptstadt. Ein Sichern der Pfründe nach dem Verschwinden der deutschen Besatzer beginnt. Einige führen ein Leben „zwischen den Zeiten“. Moral, Zugehörigkeitsgefühl, Anstand gehen verloren. Eine "rette sich wer kann Stimmung" und Glücksritter machen sich breit.
Bauer bereichert sich ebenso wie seine französischen Mitstreiter, hier sucht man verstärkt Wege zurück zum befreiten Nachkriegsfrankreich. Die Zeit der amerikanischen Befreiung steht unmittelbar bevor. Die Akteure agieren immer unkalkulierbarer. Sehr gut, eindrucksvoll geschrieben.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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