Tod auf Bewährung von Didier Daeninckx

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1984 unter dem Titel La Der des ders, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Liebeskind.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1910 - 1929.

  • Paris: Gallimard, 1984 unter dem Titel La Der des ders. 215 Seiten.
  • München: Liebeskind, 2011. Übersetzt von Stefan Linster. ISBN: 978-3935890830. 288 Seiten.

'Tod auf Bewährung' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Paris, 1920. Privatdetektiv René Griffon ist gut im Geschäft, dafür hat der Krieg gesorgt. Überall im Land sind die Sanatorien voll mit Frontsoldaten, die nicht einmal mehr ihren eigenen Namen wissen, während es in Paris unzählige Frauen gibt, deren Männer als vermisst gelten. Und diese Frauen geben alles dafür, den erstbesten Kriegsversehrten, dem im Schützengraben die Sicherung durchgebrannt ist, als Ehemann zu identifizieren, um sogleich die Scheidung einreichen zu können. Eigentlich eine sichere Einnahmequelle. Doch dann begibt sich Griffon auf vermintes Terrain. Oberst Fantan de Larsaudière, hochdekorierter Kriegsheld der französischen Armee, wird von Unbekannten erpresst. Leider ist Madame de Larsaudière ein gern gesehener Gast in den zwielichtigen Etablissements von Pigalle. Griffon nimmt die Ermittlungen auf und stößt schnell auf eine heiße Spur. Doch dann wird er überraschend von seinem Auftrag entbunden. Was ihn aber nicht davon abhält, auf eigene Faust weiterzuermitteln – auch wenn er dabei sein Leben aufs Spiel setzt.

Das meint Krimi-Couch.de: »La Grande Désillusion« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Gut zwei Jahre nach dem ersten Weltkrieg führt Renè Griffon eine mäßig erfolgreiche Ein-Mann-Detektei – wenn man von der tatkräftigen Unterstützung seiner Freundin und Sekretärin Iréne absieht. Die Spezialität des ehemaligen Kriegsteilnehmers René sind die »unbekannten Soldaten« und ihre Angehörigen. Menschen, deren Identität, Gedächtnis, Körper und Seele der Krieg zerstört hat. Das ist immerhin so einträglich, dass er sich einen luxuriösen Packard leisten kann. Ein Umstand, der ihn in große Bredouille bringen wird.

In einer geschäftlichen Flaute kommt ihm das Angebot des hochdekorierten Colonels Fantin De Larsaudiére ganz recht, einen Erpresser ausfindig zu machen, der die Untreue der Gemahlin des Offiziers öffentlich machen will. Doch anstatt eines einfachen Jobs mit leicht verdientem Geld, findet sich Griffon auf einem ganz anderen Schlachtfeld wieder, inmitten eines politischen und zwischenmenschlichen Scharmützels, das es mit seinen düsteren Kriegserinnerungen locker aufnehmen kann.

Tod auf Bewährung ist zunächst einmal ein klassischer hardboiled Krimi. Ein standhafter Detektiv wird in einen Fall verwickelt, der ihm über den Kopf wächst und bleibt doch daran kleben. Auf der Suche nach den tatsächlichen Hintergründen, egal, ob sein Leben dabei in Gefahr gerät. Geplagt von Kriegserinnerungen, ist seine Motivation ebenso nachvollziehbar wie sein Entsetzen über den menschenunwürdigen Umgang mit der Generation der Kriegsheimkehrer.

Verlogene Würdenträger, der Beginn einer Medienkultur, die sich auf Seiten der Kriegsgewinnler schlägt, und die es mit gründlicher Recherche und Wahrheitspflicht nicht so genau nimmt. Daeninckx überpointiert nicht, er lässt all dies sowie viele kleine Alltagsbeobachtungen dezent einfließen, erschafft so ein stimmiges Zeitbild, das sich aber nicht durch streberhafte Assimilation und akribische Faktenanhäufung anbiedert. So weist der Roman weit über sein gewähltes Zeitfenster hinaus; ist gleichzeitig spannender Krimi, garniert mit hintergründigem, beißendem Humor, und bittere Bestandsaufnahme einer politischen Realität, die das Interesse der Reichen und Mächtigen vertritt, während sich die Geschundenen und Missbrauchten in Grabenkämpfen aufreiben und zudem noch instrumentalisiert werden.

Spätestens an diesem Punkt hat Tod auf Bewährung die Bahnen des Detektiv-Romans amerikanischer Prägung verlassen. Denn während dort noch ein Hoffnungsschimmer besteht, dass das aufrechte Individuum den politischen- und historischen Geschicken kleine Siege abringen kann, wartet auf Renè Griffon und seine Iréne die große Desillusion. Sie werden den Fall klären und herausfinden, was genau geschehen ist. Doch dieses Wissen nutzt ihnen nichts, denn der Preis der dafür verlangt wird, ist viel zu hoch, um ihn bezahlen zu können.

Der 1984 entstandene Roman ist seit seiner Entstehung nicht gealtert; Daeninckx gelingt das Kunststück, simultan Geschichte unter die Lupe zu nehmen und zeitlos zu bleiben. Denn der Kampf um Integrität, Mitleid und Menschenwürde, um politisches Mitspracherecht und eine Geschichtsschreibung, die nicht von verlogenen und egoistischen Klitterern geschrieben wird, hat leider kein absehbares Ablaufdatum.

Tod auf Bewährung kommt ohne moralinsaure Zurechtweisungen aus. Zeitgeschehen, Politik und der Kampf um individuelle Redlichkeit werden zu harter Genreliteratur verquickt, um dabei so folgerichtig wie konsequent einem bitterbösen Ende entgegen zu streben.

 

La Grande Illusion

Jochen König, Juli 2011

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Ixos zu »Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung« 28.10.2014
Sehr interessantes Buch, tolle Schilderung des Lebens der "ersten" Nachkriegszeit in den Straßen von Paris.

Man sollte weniger die Story im Blick haben und die Handlungsstränge, sondern Interesse am Paris der 20er Jahre mitbringen, dann hat man Freude am Text.

Schade, dass der Rezensent sich intensiv des Klappentextes bedient. Ergänzend sei daher der Text von Andrea Reidt auf suite101.de empfohlen.
marianne zu »Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung« 28.09.2011
Der inhaltlichen Schilderung ist nichts hinzuzufügen, wohl aber der Bewertung.
Der Krimi leidet an jeder Menge handwerklicher Fehler. Man fragt sich beständig, woher René das jetzt weiss oder warum er jetzt das-und-jenes tut. Nicht wirklich schlüssig werden vermeintliche Handlungszwänge behauptet; viele Fakten, von denen René aber offensichtlich weiss, werden gar nicht erwähnt (und dies nicht in Hercule Poirot Manier). Das "Glück" ist ein bißchen arg zu oft Hilfesteller, ohne dass es sich aber als solches darstellt. Die Figuren sind platt gezeichnet.
Am besten gefällt noch die atmosphärische Schilderung des Frankreichs der frühen 20er Jahre, wobei die verliebte Schilderung der Automobilisierung Paris' vielleicht nicht jedermanns Sache ist.
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