Scheiterhaufen von Derek Nikitas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Pyres, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Seeling.

  • New York: St. Martin`s Minotaur, 2007 unter dem Titel Pyres. 308 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Seeling, 2010. Übersetzt von Jens Seeling. ISBN: 978-3938973110. 365 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2012. Übersetzt von Jens Seeling. ISBN: 978-3-426-50989-0. 432 Seiten.

'Scheiterhaufen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Luc ist ein rebellisches Mädchen und wird in einer Woche sechzehn. Doch ihre Jugend endet jäh auf dem Parkplatz eines Shoppingcenters, als sie mit ansehen muss, wie ihr Vater bei einem missglückten Raubüberfall erschossen wird. Der Mörder kann fliehen, aber die Tat entfacht ein Inferno, das die Frauen zu verschlingen droht, die mit ihr in Berührung kommen: Eine Mutter, deren Leben zunehmend in Dunkelheit versinkt, eine schwangere Rockerbraut, die sich nach Schutz und Geborgenheit sehnt, eine zähe Polizistin, die von ihren eigenen Dämonen verfolgt wird, und Luc selbst, gefangen von der Gefahr und der Gewalt, die sie umgibt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Manche haben es einfach drauf!« 92°Treffer

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

»Qualität setzt sich durch,« heißt es fast sprichwörtlich. Doch aus Erfahrung wissen wir, dass dem leider nicht immer so ist. Hochwertige Produkte oder außergewöhnliche Werke erfahren manchmal erst viel später, manchmal nie, die Anerkennung, die sie verdient hätten. Heute ist es mehr denn je eine Frage des Marketings, ob sich ein Produkt gut oder schlecht verkauft, nicht eine Frage der Qualität. Wenn z.B. der größte Softdrink-Hersteller ordinäres Leitungswasser mit einem Millionen-Werbeetat bewirbt, glaubt irgendwann fast jeder, dass er »gutes Wasser« für teures Geld erworben hat. Auch die Buchbranche verfolgt diese Strategie, indem die Exkrete unterdurchschnittlicher Autoren mit hohem Werbeaufwand gepusht werden, sodass man in den Buchhandlungen allenthalben darüber stolpert oder vom Chor der Internet-Claqueure zum Kauf drangsaliert wird.

Ein junger, unbekannter Autor, der in einem kleinen Verlag debütiert, hat wenig Chancen, selbst wenn seriöse Kritiker sich seiner annehmen. Die Krimi-Couch-Redaktion hat immer ein waches Auge für das Außergewöhnliche abseits des Mainstreams bewiesen. Doch Derek Nikitas’ kleines Meisterwerk wäre uns beinahe entgangen.

Scheiterhaufen – da ist der Plural gemeint, denn es werden mehrere errichtet – thematisiert die Richtungsänderungen im Lebensablauf von vier Frauen, die – jede auf ihre Weise – in die Ermordung des Baldur involviert sind.

»Baldurs Tod«, so ist denn auch das erste Kapitel des Buches überschrieben und damit beginnt nun nicht eine nordische Sage, sondern die Geschichte der (fast) sechzehnjährigen Lucia »Luc« Moberg, die durch die vielen Sagen und Märchen aus der schwedischen Heimat ihres Vaters, die sie in ihrer Kindheit erzählt bekommen hat, inspiriert, den Vater mit dem nordischen Gott des Lichtes und der Gerechtigkeit gleichsetzt, was in ihren Augen perfekt mit ihrem Vornamen Lucia (lat.: lux – das Licht) korrespondiert. Zudem feiern die Schweden am 13. Dezember, Lucs Geburtstag, das Lucia-Lichterfest, welches in ihrer Familie traditionell nachvollzogen wird. Wie man sieht, hat der Vater seine Tochter in sein heimatliches Brauchtum und dessen Sagenwelt eingeführt, was Nikitas’ Geschichte eine besondere Dimension gegeben hat.

Ansonsten führt Luc das normale Leben eines amerikanischen Teenager, aufgewachsen in dem kleinen Städtchen Hammersport in der Nähe des Ontariosees. Vater Oscar ist Dozent in der nahegelegenen State University of New York. Mutter Blair arbeitet als stellvertretende Filialleiterin im örtlichen Supermarkt. Kurz vor ihrem eigenen Geburtstag muss Luc noch Geburtstagsgeschenke für ihre besten Freundinnen, die Zwillinge Gina und Kit, besorgen. Sie kann ihren Vater dazu überreden sie zur großen Shopping-Mall zu chauffieren. Als sie für die Rückfahrt wieder im Auto sitzen, tritt ein Mann an das beschlagene Fahrerfenster und sprich ihren Vater an. Worte, die Luc nur im Unterbewusstsein registriert, die ihren Vater aber veranlassen aufs Gas zu treten. Zwei Schüsse fallen. Vor Lucs Augen wird der Vater tödlich getroffen.

Die Monstrosität dieses Ereignisses schockiert Luc zunächst. Wachträume von Gnomen und Göttern traktieren sie. Erinnerungen an die Erzählungen ihres Vater vermischen sich mit der Realität, lassen aber auch eine ungeahnte Stärke entstehen, so dass Luc viel besser mit Oscars Tod klar kommt als ihre Mutter. Blair verliert völlig den Boden unter den Füßen und will nur aus dem Leben scheiden oder wenigstens vor der Realität fliehen. Das Mutter-Tochter-Verhältnis hat sich umgekehrt. Nur mit Lucs Hilfe kann sie sich den Unabdingbarkeiten des Alltags stellen. Luc wiederum erfährt unerwartete Unterstützung von der einfühlsamen Ermittlerin Greta Hurd. Greta versinkt wie alle Polizisten dieser Welt bis über die Ohren in ihrer Arbeit. Das hat nicht nur ihre Ehe gekostet, sondern auch das Verhältnis zu ihrer eigenen Tochter dauerhaft gestört. Der Kontakt zu Luc macht ihr deutlich, wo sie als Mutter versagt hat und sie bekommt den Kopf frei genug, um in dieser Richtung einen Neuanfang zu wagen.

Parallel zum Moberg-Fall entwickelt der Autor den 2. Handlungsstrang über das Leben der Tanya Yasbeck, einer reichlich naiven, aber gutherzigen Zwanzigjährigen, die schon als Jugendliche aus ihrem Elternhaus geflohen war und sich ihren Lebensunterhalt als Gelegenheitsprostituierte verdingte, bis sie ihren vermeintlichen Retter Mason Renault traf, von dem sie nun ein Kind erwartet. Renault ist ein herrschsüchtiger, gewalttätiger Partner, dessen ganzes Sinnen und Trachten darauf ausgerichtet ist, vollwertiges Mitglied einer Biker-Gang namens »Skeleton Crew« zu werden. Diese Rockerbande ist ein ambivalenter Haufen. Auf der einen Seite setzen sie alles daran, ihr Outlaw-Image zu pflegen, auf der anderen Seite führen sie (heimlich) ein Leben, das kleinbürgerlicher nicht sein kann. Tanya, von diesen beiden Polen gleichsam angezogen wie abgestoßen, sorgt sich verständlicherweise um die Zukunft ihres Kindes, zumal ihr langsam dämmert, dass ihr Lebensgefährte viel tiefer in die Moberg-Affäre involviert ist, als sie bisher ahnte.

Derek Nikitas hat in seinem Roman den Mut bewiesen, mit vier Frauen in den Hauptrollen an den Start zu gehen – ein Unterfangen, an dem manch einer der Kollegen kläglich gescheitert ist. Nikitas schürft nicht tiefer als das Genre verlangt. Die Portraits sind nur skizzenhaft, aber sehr einfühlsam beschrieben. Den vier Frauen – eine jede vor ihrem individuellen Scheiterhaufen – ist eins gemeinsam: der Wunsch ihr Leben noch einmal, aber anders, leben zu dürfen. So beginnt die Geschichte mit Lucs Gedanken, die stellvertretend für alle stehen:

Ein einziges Mal ist die Hölle. Luc wünschte sich oft, ihr Leben könnte mehr als nur ein einziges Mal ablaufen.. …

und die Geschichte endet mit folgenden Sätzen:

......Greta verstand es nicht, aber es fühlte sich wahr an. Als ließe die Schwerkraft sie los, wie eine Uhr, die in ihrem Innern ablief, und die sie nicht benennen konnte, bis sie sich traute, Seele dazu zu sagen.

Zwischen den Zitaten liegt die Geschichte. Wer jetzt glaubt, Derek Nikitas sei ein Weichei, der sieht sich getäuscht. Das letzte Kapitel trägt die Überschrift: Ragnarök. Das ist in der nordischen Mythologie die Götterdämmerung, in der es heftig zur Sache geht. Da kann man schon mal das Aufkreischen einer Kettensäge hören.

Keine Serienmörder, keine Forensiker, kein Liebesgesülze – nichts, was heutzutage en vogue ist, sondern einfach nur Spannung, Empathie und Atmosphäre – das zeichnet Nikitas’ Debüt aus. Was will man mehr?

Na, dass Derek Nikitas’ zweiter Roman The Long Division, der 2009 in den USA erschienen ist, auch den Weg zu uns findet.

Jürgen Priester, Oktober 2010

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Stefan83 zu »Derek Nikitas: Scheiterhaufen« 02.09.2012
Puuh, durchatmen. Was Nikitas hier in seinem Debütwerk aufs Papier gebracht hat, ist nicht nur sprachlich von allerhöchster Qualität, sondern beeindruckt und bedrückt auch noch bis über die letzte Seite hinaus. Mit einer (für einen Erstling) unerwarteten Stilsicherheit zieht der Autor seine Geschichte auf, die, fast gänzlich getragen von weiblichen Protagonisten, äußerst gemächlich beginnt, um umso fulminanter und temporeicher zu enden. Wie bei einer Lawine beginnt es hier im Kleinen, deuten düstere Risse die Gewalt an, die sich schlussendlich in einer Nachtschwärze brutal Bahn bricht und selbst gefestigte Leser wohl ins Wanken bringen dürfte. Lang hat ich nicht mehr einen so atmosphärischen, glaubhaften und vor allem grundehrlichen Kriminalroman in der Hand. Und dem noch jungen Seeling Verlag gilt für die Entdeckung Dank. Für die volle Punktzahl reichts dann letztlich aber trotzdem nicht, da Nikitas, zumindest meiner Ansicht nach, den besten Moment zum aufhören verpasst und das Ende unnötig (und nicht passend zum Grundton der Geschichte) in die Länge zieht.
wolko zu »Derek Nikitas: Scheiterhaufen« 26.12.2010
Das Buch beginnt trotz des Mordes an Lucias Vater recht behäbig. In der zweiten Hälfte nimmt die Handlung aber rasant an Fahrt auf um wahrlich fulminant zu enden. Trotz der längen im ersten Teil, die jedoch zum Verständnis des ganzen notwendig sind, fand das Buch aussergewöhnlich spannend und empfehle es gern weiter.
Heinz Nonte zu »Derek Nikitas: Scheiterhaufen« 15.12.2010
Scheiterhaufen! Wohin?
Ich habe selten so einen stumpfen und geistlosen Krimi gelesen. Die Figuren sind völlig konturlos und der Mörder schon nach der Hälfte des Buches bekannt. Nur die Ermittlerin tappt noch im Dunklen.
Was bleibt, ist die sich bis zum Ende steigernde Gewalt und Brutalität. Wer solche Krimis mag, bitte schön!
Für alle Anderen hat der Autor den Weg schon vorgezeichnet - auf den "Scheiterhaufen".
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